Berlin wie ich es in meiner Jugend sah und erlebte
Wilhelm Möwes 3. Dezember 1961 Übersetzung des Original-Sütterlin-Textes Marvin C. Stahl Berlin, 2001 (Anmerkung: Der Originaltext war in zum Teil extrem schwer lesbarer alter,
deutscher Schreibschrift geschrieben. Einige Wörter bzw. Wort-
teile waren selbst mit großer Mühe nicht lesbar und wurden mit
[unklar] markiert. Das Selbe gilt für Eigennamen, die teilweise
nur zu raten waren und aus diesem Grund mit (?) gekennzeichnet
sind. Rechtschreibung und Ausdruck sind zu 100% vom Original
übernommen. Da der Originaltext fortlaufend geschrieben war,
wurde er zur besseren Lesbarkeit von mir gegliedert.
Ich bin der Meinung, dass dieser Text eines Zeitzeugen, trotz der,
durch Unlesbarkeiten entstandenen, Lücken, unbedingt der Nachwelt
erhalten bleiben sollte.
Viel Spaß beim Lesen!)
Da ich im alten Westen, der Potsdamer Vorstadt, geboren und aufgewachsen bin
will ich mit dem Tiergartenviertel, das man damals das Diplomaten- und
Gelehrtenviertel nannte meine Erzählung beginnen.
Es erstreckte sich von der Tiergartenstraße bis zum Landwehrkanal, im Zuge der
Linkstraße ? Potsdamer ? Bendler ? Herkules ? Cornelius ? und der Lichtenstein-
brücke. Fast durchweg waren es hier alte, ruhige Straßen mit zum Teil villen-
artigen Grundstücken. Hier wohnte mancher bedeutende Mann. In der Potsdamer
Straße der märkische Wanderer Theodor Fontane, in der Schillingstraße der
Chirurg Professor Dr. Virchow, in der Siegesmundstraße der berühmte Maler
Professor Adolf von Menzel ? die kleine extreme ? und in der Hohenzollernstraße
Ecke Königin Augusta Straße, der Dichter Ernst von Wildenbruch. Ein Nachkomme
des bei Saalfeld 1806 gefallenen Prinzen Louis Ferdinand von Preußen.
Verheiratet war von Wildenbruch mit der Tochter des Freischütz Komponisten Carl
Maria von Weber. Das sind nur einige Namen die ich genannt habe.
Beim Tiergartenviertel eingangs, will ich hinweisen auf die alte, schöne
evangelische St. Matthäus Kirche zu der in damaliger Zeit, eine sehr vornehme
Kirchengemeinde gehörte. Am Potsdamer Platz befand sich das Cafe Josty und in
der Potsdamer Straße das alte, ?feine" Weinrestaurant von Friedrichs. Hier war
Professor Menzel, der Junggeselle war, täglich anzutreffen. In der Viktoria-
straße stand das große Gebäude des Landratsamts des Kreises Teltow. Auf den
Tiergarten selbst, komme ich später zurück!
Die Gegend jenseits des Landwehrkanals, nannte man das Geheimratsviertel. Es
zog sich hin bis zur Grunewaldstraße, wo damals Schöneberg anfing. Hier wohnten
unter anderem höhere Beamte und solche im Ruhestand. In der Potsdamer Straße
Nähe Karlsbad stand die alte königliche Hochschule für Musik und ebenfalls in
der Potsdamer Straße Nähe Lützowstraße, die katholische St. Lutgerus Kirche. In
der Lützowstraße selbst befand sich die Viktoriabrauerei, zu der ein anschließ-
endes Gartenlokal mit einem großen Saal gehörte. Weiter das Elisabeth Kranken-
haus, das Falk Realgymnasium, das Blüthner Haus mit dem großen Blüthner- und dem
Scharwenkakonzertsaal, sowie das große Gebäude der Rüttger's Werke AG.
In der Körnerstraße stand das Postamt W35. Der Lützow Platz mit Herkules Brunnen
an der Herkulesbrücke gelegen, war damals schon eine sehr schöne gärtnerische
Anlage. In der Steglitzer Straße, der jetzigen Pohlstraße, war das [unklar]
Konservatorium für Musik, eine Mittelschule und in der Derfflinger Straße eine
Gemeindeschule. Und nun zur Kurfürstenstraße wo Ecke der Steinmetzstraße eine
Gemeindeschule stand. Außerdem befanden sich in der Kurfürstenstraße Nähe
Frobenstraße die Baugewerbeschule und der Genthiner Straße gegenüber gelegen, die
Zwölf Apostel Kirche. In der Genthiner Straße selbst befand sich das Klindworth
? Scharnweber Konservatorium für Musik, eine kleine Gemeindeschule und das
Generalkommando des 3. Armeekorps. Nochmal zurück in die Kurfürstenstraße, wo
sich außer dem [unklar] von der Einemstraße bis zur Schillstraße, das Ingenieur-
komitee ? eine militärische Dienststelle, die Pionierinspektion befand. Es war
dies ein sehr großer Gebäudekomplex.
Heute befindet sich auf dem Gelände das Hotel Berlin.
In der Bülowstraße und zwar an der Dennewitzstraße wurde damals die Luther Kirche
und später die Hochbahn gebaut. Der Nollendorfplatz war Anfangs eine Grünfläche
bestanden mit viel Buschwerk. Ab hier konnte man mit der damaligen Dampfstraßen-
bahn nach dem Grunewald, Hallensee und Steglitz fahren.
In späteren Jahren wurde am Nollendorfplatz das Nollendorf Theater ? Operette ?
mit dem schönen, großen Mozartsaal ? Konzertsaal ? gebaut. Ganz in der Nähe, in
der Motzstraße und anfangs noch im Grünen gelegen, stand das Amalien Haus. Ein
evangelisches Missions- und Schwesternhaus. Später wurde in der Motzstraße dann
der Viktoria Luise Platz angelegt und das Haus des Lette Vereins gebaut. Ein
Stückchen weiter entstand der Prager Platz. In der Lutherstraße befand sich die
Scala und gegenüber gelegen, die Auguste Viktoria Sääle. Eine Mädchenschule be-
fand sich in der Winterfeldstraße und auf dem Winterfeldplatz stand die kathol-
ische Pfarrkirche St. Matthias. Auf den am 17. November 1910 mit einer großen,
glänzenden Eisrevue eingeweihten Berliner Sportpalast in der Potsdamer Straße
und die St. Matthias Kirche komme ich noch zurück.
Jetzt will ich von der Pallasstraße erzählen und erst mal von meiner alten 22.
Gemeindeschule, die ich vom Oktober 1892 bis zu meiner Schulentlassung am 30.
September 1900 besucht habe. Rektor der 22. Gemeindeschule war Herr Otto Merten
(?), den wir Schüler, alle sehr gern hatten. Als Lehrer hatten wir mit wenigen
Ausnahmen ältere Herren. In den unteren Klassen unterrichteten Lehrerinnen. Der
Rektor und manche unserer Lehrer, erschienen zur Schule noch mit dem Zylinderhut.
Heute lacht man sicher darüber, aber in der damaligen Zeit war es nun mal noch
so. Auch Ärzte machten, wenn auch ebenfalls nur noch vereinzelt, ihre Kranken-
besuche in dieser feierlichen Aufmachung.
Nun will ich das Grundstück der in der Pallasstraße untergebrachten beiden
Schulen beschreiben. In der Häuserflucht der Pallasstraße stand das Dienst
[unklar] Haus. Die Treppe zum Eingang desselben lag an der Straße. In der 1.
und 2. Ebene befand sich je eine Wohnung für den Rektor der Mädchen- und dem der
Knabenschule.
Darunter gelegen im Hochparterre waren zwei weitere Wohungen. Die Inhaber dieser
waren der Schulhausmeister und der Heizer. Von der Paaalasstraße gesehen und
rechts vom Wohnhaus, war der Eingang ? Durchgang - zu dem Schulgebäude. Es war
ein oben geschlossener Durchgang in der Tiefe des Dienst[unklar] Hauses, ange-
lehnt an das Haus Pallasstraße 14. Wenn man heute das Schulgrundstück betritt,
dann kann man zur rechten Hand an den noch vorhandenen Mauerresten den damaligen
Durchgang erkennen. Links vom Aufgang der zum Schulgebäude führt, stand die
Turnhalle, angelehnt an das Haus Pallasstraße 16. Vom Haupteingang zur rechten
Hand gelegen befinden sich die Räume der 22. Gemeindeschule.
Die Fenster der Klassenzimmer gingen wie noch heute nach dem Hofe der Pallas-
straße und dem der Winterfeldstraße. Das Amtszimmer, befand sich im Hochparterre
und das Konferenzzimmer wo auch die Lehrmittel untergebracht waren im 1. Stock.
Von beiden Zimmern lagen die Fenster nach dem Hofe der Winterfeldstraße.
Die Räume der Mädchenschule, waren vom Hauptwege zur linken Hand gelegen. Die
Anlage der Fenster war die der Knabenschule. Die große Aula und auch die Turn-
halle, diente gemeinsam beiden Schulen. Die Fenster der Aula waren nach dem Hof
der Pallasstraße gelegen.
Die Pallasstraße selbst war zu damaliger Zeit eine schöne, Baumbestandene und
verhältnismäßig ruhige Straße. Wo heute die Häuser Nr. 8 bis 12 stehen, befand
sich bis 1899 ca. eine Handelsgärtnerei. Gegenüber, daß heißt von der Potsdamer
bis zur Elzholzstraße, war die Nordseite des Botanischen Gartens. Der Erbauer
der Häuser Nr. 8 bis 12 und Besitzer der selben, war der Baumeister Julius Krop
(?). Man nannte die drei Häuser, die Perlen des alten Westens!
Die Vorderwohnungen hatten den Ausblick in den Botanischen Garten und die
Gartenhauswohnungen. Den Blick in den an die Grundstücke Nr. 8 bis 12 anstoßen-
den, sehr gepflegten, schönen Park der Koch'schen Villa. Diese Stand in der
Winterfeldstraße 28/29. Nach dem Tode des Besitzers, dem Konsul Koch, wurde auf
dem Grundstück das heute Fernmeldeamt errichtet. Fertgiggestellt kann es 1925/26
sein, genau weiß ich es nicht. Auch die Hinterhäuser Pallasstraße Nr. 1 bis 7
hatten den Vorzug, an einem großen Garten zu stehen und so die Wohnungsinhaber
dieser, in diesen. In der Potsdamer Straße, da wo heute sich der Sportpallast
befindet, standen zwei kleine Villen, deren Gärten bis fast an das Haus Pallas-
straße Nr. 8 bis 9 gingen. Nur eine schmale Privatstraße lag zwischen den
Häusern Nr. 7 und 8/9. Noch heute kann man die selbe hinter Foto[unklar] erkennen.
Nach Abriß der beiden Villen, war hier erstmal ein Konzertgarten und erst später
dann, 1910 der Berliner Sportpallast. Damals ein großer, hoher Bau. Im Innern
Parkett, Seiten- und Mittelbalkone. Im Sportpallast fanden aber nicht nur sport-
liche Veranstaltungen statt, sondern auch solche gesellschaftlicher Art.
Nach dem Ersten Weltkriege zum Beispiel, alljährlich im Monat Januar, die vom
Kyffhäuserbund aufgezogene große Reichsgründungsfeier. Zu dieser erschien stets
der Reichpräsident von Hindenburg und andere hohe und höchste Persönlichkeiten.
Vor dem Sportpallast war zu dieser Feier stets eine Ehrenkompanie Reichswehr mit
Spielmannszug, Musik und Fahnen aller preußischen Regimenter aufmarschiert. Bei
seinem Erscheinen schritt der Reichspräsident die Front der Ehrenkompanien ab,
das war der Auftakt der Feier.
Jetzt komme ich zum Botanischen Garten: Grundstück des selben war das Viereck
Potsdamer ? Pallas ? Elsholtz und Grunewaldstraße. Der Eingang zum Garten befand
sich in der Potsdamer Ecke Pallasstraße. In der Pallasstraße, ungefähr in Höhe
des Hauses Nr. 6, standen niedrige Gewächshäuser für Kleinpflanzen. An der
Elsholtzstraße Nähe der Pallasstraße und zwar in den Garten getragen, standen
die großen Palmenhäuser. In der Mitte an der Elsholtzstraße ungefähr da, wo heute
die Freitreppe zum Eingang Kammergericht ? jetzt Kontrollratsgebäude ? sich
befindet.
Waren teils im Freien, teils in einem großen kuppelförmigen Treibhaus,
Wasserpflanzen untergebracht. Grundewaldstraße Nr. 6 bis 7 an der
Elsholtzstraße, stand das Botanische Museum. Ein gelber Klinkerbau,
der zum Teil noch heute steht und in dem jetzt Senatsdienststellen
untergebracht sind. Weiter stand in der Grunewaldstraße Ecke der
Potsdamer Straße ? hier hörte früher Berlin ? Potsdam Vorstadt auf und
fing Schöneberg an ? ein altes Steuerhaus. An diesem wurden in
früheren Zeiten, als es noch die Mahl- und Schlachtsteuer gab,
Fuhrwerke die aus Richtung Schöneberg-Friedenau kamen und in das
Berliner Stadtgebiet wollten, auf ihre Ladung kontrolliert. Zu meiner
Zeit war das Steuerhaus aber nur noch ein [unklar]haus für [unklar].
Der Botanische Garten fing 1900 an nach Dahlem zu verlegen.
Nachdem war auf dem Grundstück erst mal ein Konzertpark und später
hier noch eine Radrennbahn die an der Pallasstraße lag. 1909 an einem
Sonntagnachmittag während eines Rennens hinter Motorschrittmachern
ereignete sich ein sehr großes Unglück. Mehrere Tote und viele
Verletzte waren zu beklagen. Die Verletzten, zum großen Teil mit
Brandwunden, - es war eine Rennbahn aus Holz ? wurden da die zur
Verfügung stehenden Krankenwagen nicht ausreichten mit Feuerwehrwagen
und Droschken, in die Krankenhäuser gebracht.
Nun wieder zum Stadtbild: In der Kulmer Straße befand sich eine
Gemeindeschule. An der Großgörschenstraße hinter dem Mathäi Friedhof,
war das Aufmarschgelände zum Tempelhofer Feld, welches bis zur
Kolonnenstraße sich hinzog.
Dortselbst, an der Kolonnenbrücke, war der Bahnhof der Militär
Eisenbahn. Die Bahn befuhr die Strecke Zossen, Schießplatz
Kummersdorf, Jüterbog und Jüterbog Altes Lager.
Obwohl Militär Eisenbahn, konnten auch Zivilpersonen die Bahn
benutzen. Erbaut wurde die Bahnstrecke von den Eisenbahntruppen. Das
Eisenbahn Bau-, Betriebs- und Verwaltungspersonal, auch Lokführer und
Heizer, waren Eisenbahnpioniere. Jenseits der Kolonnenbrücke fing das
eigentliche Tempelhofer Feld an, der Exerzierplatz der Garde Truppen.
Es wurde begrenzt im Norden von der heutigen Dudenstraße, der Straße
am Flughafen und der Hasenheide. Im Osten von Neukölln (damals noch
Rixdorf genannt) im Süden vom Bahnkörper der Ringbahn Neukölln,
Tempelhof und Bahnhof Papestraße und im Westen war es die General Pape
Straße die das Tempelhofer Feld einrahmten.
Ein sehr großes Gelände, das bis auf den am weitesten östlich
gelegenen Teil, den Kavalerie Exerzierplatz, mit Gras bewachsen war
und nur von der von Tempelhof kommenden und nach Berlin führenden
Verbindungsstraße, die am Steuerhaus Belle-Alliance-Straße endete,
durchschnitten wurde. Auf der [unklar], mit der hystorischen, einsamen
Pappel, fanden alljährlich die Frühjahrs- und die Herbstparaden statt.
An der Frühjahrsparade am 30. oder 31. Mai nahmen die Berliner
Truppenteile und die aus Charlottenburg, Lichterfelde, Tegel
und Spandau teil. An der Herbstparade am 2. oder 3. September nahm das
ganze Gardekorps teil, also auch die Truppen aus Potsdam und Jüterbog.
Für viele Berliner, aber auch für Fremde die immer in großer Zahl
vorhanden waren, war die Heerschau ein Erleben besonderer Art!
Die restliche Hälfte des früheren Tempelhofer Feldes ist das heutige
Neu Tempelhof und auf der östlichen Hälfte, befindet sich unter
anderem der Flughafen. Neben seiner eigentlichen Bestimmung war das
Tempelhofer Feld für die Bevölkerung ein beliebter Tummelplatz und
insbesondere in den Abendstunden und an den Sonntagen. Auch ein paar
Schäfer mit ihren Herden waren hier immer anzutreffen.
Nun wieder zurück zu unserer unmittelbaren Gegend. Die Elsholtzstraße
war eine besonders ruhige, schöne Straße. Wie noch heute, war nur die
westliche Seite mit Wohnhäusern bebaut. Die gegenüberliegende Seite,
mit der Mauer des Botanischen Gartens, war nur eine unbeleuchtete und
nicht gepflegte Gehbahn. Die Bewohner der Straße waren zum großen Teil
Offiziere, insbesondere der in Schöneberg liegenden vier Eisenbahn
Regimenter. Ältere Offiziere bekamen an für sie besonderen Tagen ?
Geburtstag, Dienstjubiläen usw. ? Morgenmusik, sofern sie nicht darauf
verzichteten.
Diese wurde ausgeführt von dem Musikkorps ihres Truppenteils. Die
Musik stellte sich immer auf dem Hof des betreffenden Hauses auf,
sodas alle Hausbewohner sich an den Darbietungen erfreuen konnten und
das in einer Zeit, wo es noch kein Radio gab, war dies stets eine
freudige Überraschung in der Morgenstunde.
Schön waren die Vorderwohnungen auch in der Elsholtzstraße mit dem
Blick in den Botanischen Garten. Meine Eltern wohnten in den 90er
Jahren (1890) auch einige Jahre hier und sie hatten immer besondere
Freude, wenn abends das Froschkonzert im Botanischen Garten einsetzte.
Unmittelbar an der Elsholtzstraße nämlich da, wo sich heute die
Freitreppe zum Eingang Kammergerichtsgebäude befindet, war ein
Wasserfluß (?) im Teich und dieser war das Paradies der Frösche. In
der Elsholtzstraße war es damals so ruhig, stand der Wind gut, wir den
Zapfenstreich der in der Nähe liegenden Truppenteile gut hören
konnten. An der Kyffhäuserstraße, wo auch nur wenige Häuser standen,
hörte das Stadtgebiet auf. Was dahinter lag, daß waren die großen
Schöneberger Felder. Soweit das Auge reichte, Ackerland und
Wiesengräben. Große Kartoffelschläge, Getreide, Kohl und Rüben immer
abwechselnd.
In der Grunewaldstraße an der Akazienstraße stand die neu erbaute
Apostel-Paulus-Kirche, dahinter das Prinz-Heinrich-Gymnasium. Vor dem
Bau der Kirche und des Gymnasium, war hier der Akazienwald. Hinter
Kyffhäuserstraße und ganz im Grünen, stand das Pestalozzi-Fröbel-Haus.
Ungefähr da, wo heute der Prager Platz und etwas dahinter, standen
einige Villen. Erwähnen will ich hier nur die schöne Villa
Schulemann. In der Berliner Straße, das war allerdings schon die
Gemarkung Deutsch-Willmersdorf ? so hieß es damals, - standen einige
zum Teil auch ältere Villen. In der Landhausstraße und der Kaiserallee
Villen neueren Datums. Sonst Wiesen und Ackerland. Auf dem
Winterfeldplatz stand die katholische St. Mathäi Kirche im Bau. Hier
dürfte vielleicht von Interesse sein: beim Bau der Kirche, sie wurde
Oktober 1895 eingeweiht, ereignete sich Folgendes. An einem Nachmittag
6 Uhr setzte ganz plötzlich ein schweres Unwetter ein. Ich befand
mich mit meinem jüngeren Bruder vorm Akazienwald, auf dem
Nachhausewege.
In der Gleditschstraße gingen wir, weil an den Balkonen Blumenkästen,
Blumentöpfe u.a. herunterkamen, sicherheitshalber auf dem Fahrdamm.
Plötzlich sahen wir wie der große Turmhelm der Kirche von einer
Sturmbö erfaßt, aus der Verankerung herausgerissen und hochgehoben
sich nach der Goltzstraße legte, im selben Moment zurückgeworfen wurde
und mit furchtbaren Krachen in die Gleditschstraße fiel. Das Dach der
Kirche und auch der Turmhelm waren in der Erstaufmachung mit
Schiefer gedeckt. Um Schiefer befestigen zu können, wurde das gebälk
des Turmhelms mit Brettern benagelt. Da dies von der Spitze des
Turmhelms erfolgte, so konnte sich der Sturm, da der Turmhelm unten
noch offen war, er war noch in Arbeit, hier gut festsetzen, diesen aus
der Verankerung herausreißen und gleich einem Blatt
umherwerfen. Die Zimmerleute, die kurz vor Einsetzen des Unwetters mit
dem Eindecken des Turmhelms beschäftigt gewesen, waren im Abstieg und
befanden sich schon im Turm. Es war 6 Uhr und Feierabend. In dem Hause
Gleditschstraße, auf das der Turmhelm fiel, befand sich damals das
heute in der Geißbergstraße befindliche Postamt W30. In den
Abendstunden war hier immer viel Betrieb. Auch hier Glück im Unglück
niemand wurde verletzt. Es entstand lediglich Sachschaden.
Der Turm sollte übrigens nach Jahren nochmal von sich reden machen.
Diesmal wurde vom Sturm an der Turmspitze die eiserne Wetterfahne
(Hahn) abgerissen und nach unten befördert.
Die Hohenstaufenstraße hörte ein Stückchen hinter der Kyffhäuserstraße
auf. Hinter dem evangelischen freizeitlichen Gemeindehaus war ein
Sportplatz, im Winter Eisbahn. Ebenfalls ein Sportplatz, war in der
Martin Luther Straße. Im Sommer Tennisplätze und im Winter Eisbahn. In
der Hauptstraße stand neben dem Saalbau der Schloßbrauerei, das sehr
alte, schöne Jagdschloß Schöneberg. Dies mußte leider vor einigen
Jahren auch Bekanntschaft mit der Spitzhacke machen. Für den heutigen
Prälaten wurde auf dem Grundstück ein Parkplatz geschaffen.
Zum Saalbau der Schloßbrauerei gehörte auch ein Konzertgarten, durch-
gehend bis zur Feurigstraße mit schönem, altem Baumbestand. Auch
dieser schöne Garten mußte zum größten Teil dem Parkplatz weichen.
Hinter dem Saalbau und Garten, war die noch dort stehende Schloß-
brauerei Schöneberg. Bis vor Jahren noch Besitz der Familien Finke und
Cretien (?). Weiter befanden sich in der Feurigstraße wie heute noch,
die Schöneberger Feuerwehr und eine Volksschule. In der Hauptstraße
stand außerdem die alte Dorfkirche von 1764 und das Pfarrhaus.
Hier wohnte der Superintendent Vorberg, ein weit über die Grenzen
Schönebergs bekannter Theologe. Außerdem standen auch noch einige
Geschäfte der Schöneberger Bauern, der bekannte Schwarze Adler und der
Lindenpark. Beides alte Gartenlokale mit Saal. Vergessen will ich
nicht, die auf der Dorfaue stehende Kaiser Eiche. Heute allerdings
nutr noch ein ganz trauriger Rest der Selben.
Gepflanzt wurde die Eiche vom Schönerberger Krieger- und Veteranen-
verein anläßlich der goldenen Hochzeit von Kaiser Wilhelm I. am 11.
Juni 1879. Man findet die Eiche noch, sie ist eingegittert und am
Stamm steht ein Stein mit Inschrift. Ein sehr schöner Neubau von
Wilhelm I. befand sich auf dem Kaiser Wilhelm Platz, wo auch das alte
Rathaus stand. In der Mühlenstraße, der heutigen Dominicusstraße
und am Mühlenberg, standen einige Bockmühlen.
Wo heute der Stadtpark Schöneberg und das neue Rathaus ist, war
Ackerland. Dazwischen zog sich der breite Seegraben hin, der in den
Wilmerdorfer See mündete. Hier ist nach 1900 mal ein lenkbares
Luftschiff, das auf dem Tempelhofer Feld aufgestiegen war, abgestürzt.
Kein Zeppelin!
In der Kaiser Allee, der heutigen Bundesallee, war das
Gartenrestaurant ?Zum Seeschlößchen". Hinter dem Schlößchen, war der
Wilmersdorfer See, der bis zur heutigen Blissestraße ging. In der
Hildegardstraße ? Nebenstraße von der Kaiser Allee ? waren zwei
Gartenlokale, die ?Klause" und das große Terrassenrestaurant von
Schramm. Sehr bekannt, beste Aufmachung und anerkannt gute Bewirtung.
Hier verkehrte ein sehr gutes Publikum. Die Besucher kamen zum großen
Teil mit eigenem Gespann. Für die Kutscher war große Ausspannung
vorhanden und ebenfalls Ausschank und Küche im Restaurant selbst.
Großes Militärkonzert, an allen Tagen!
Unten am Wilmerdorfer See war eine Badeanstalt. Auf der gegenüber-
liegenden Seite des Sees, an der Wilhelms Aue, stand die schöne neue
Auen Kirche, daß Gartenrestaurant ?Herzsprung" und das große
Restaurant ?Viktoriagarten". Letzteres ebenfalls großer Konzertgarten
und Sääle für Ballfestlichkeiten. Den damals sehr schönen
Wilmersdorfer See hat man trockengelegt und darauf ist der
Wilmersdorfer Stadtpark entstanden. Geblieben ist lediglich, das
Wasser zwischen der [2 Wörter unklar] und dem Ringbahnkörper.
Jenseits der Ringbahn, zwischen der Station Hohenzollerndamm und der
Stadion Schmargendorf, stand eine Gasanstalt, und hier befand sich ein
Abflugplatz für Freiballone. In der Kaiser Allee war das Joachimstaler
Gymnasium mit Internat und Wohnhäusern für einen Teil der Lehrer. Ein
großer Häuserblock den später die Meineckestraße [Rest des Satzes
leider unklar ]. Früher stand das Gymnasium ganz im Grünen. In der
Kaiser Allee gegenüber dem Gymnasium befand sich das Gebäude der
Artellerie Prüfungskommission, in der heutigen Nachodstraße. Auch
noch mitten im Grünen, stand ein evengelisches Schwesternhaus. Nähe
Bahnhof Halensee war der Kurfürsten Park, Gartenrestaurant mit Saal,
ein Stückchen dahinter das Restaurant ?Terrassen am Halensee". In
beiden Gärten immer große Militärkonzerte.
Ab 1904 war auf dem Grundstück des Terrassenrestaurants, dann der
bekannte ?Luna" Park. Ein Stückchen weiter, am verträumten Hundekehlen
See gelegen, das schöne Restaurant ?Hundekehle". Kein Konzertgarten!
Am Kurfürstendamm, hinter Halensee Brücke zur linken Hand, war eine
große Radrennbahn. Ein Stück weiter, ebenfalls zur linken Hand, befand
sich die neue Kurfürstendammm Radrennbahn. Ungefähr gegenüber gelegen
hatte mal ein sehr großer amerikanischer Wanderzirkus seine Zelte
aufgeschlagen. Später waren hier ein paar Ausstellungen. Bebaut war
der Kurfürsten Damm noch wenig. Nur ganz vereinzelt stand mal ein
Haus. In der Mitte war ein Reitweg, hier kam das [unklar] Feld mit
Seiner Majestät an der Spitz von den königlichen Jagden, die damals
noch im Grunewald, ab Jagdschloß Grunewald stattfanden. Polizei sah
man nicht und Absperrungen kannte man damals auch noch nicht. Die
Saujagden wurden später dann auf dem sehr großen Truppenübungsplatz
Döberitz abgehalten. Noch später fanden die Hetzjagden dann in der
Letzlinger Heide (Altmark) statt.
Der Grunewald war durch die vielen Besucher für Jagden kaum noch
geeignet und den Spaziergängern durch Absperrungen die Freude zu
nehmen, das wollte man wohl nicht.
Inzwischen setzte am Kurfürsten Damm dann auch, wenn auch nur
allmählig, die Bautätigkeit ein. Vorher schon hatten die Schöneberger
Bauern angefangen, ihre Ländereien zu verkaufen und sollen bei dem
Abschluß der Geschäfte, auf ihre Art, sich als sehr tüchtige
Geschäftsleute erwiesen haben. Die Vertreter der Herren-
gesellschaften sollen es jedenfalls sehr schwer gehabt haben.
Nachher setzte dann auf ihrem früheren Ackerland eine äußerst rege
Bautätigkeit ein. Das Bayrische Viertel entstand, Neubauten überall,
ganze Straßenzüge entstanden.
Sonnabends fuhren viele Droschken an das Baugebäude, die Bauhandwerker
machten Wochenend! Die Schöneberger Bauern aber, sie rieben sich die
Hände, sie waren reiche Leute geworden. Man sprach in Berlin, und das
mit Recht, nur von den ?Schöneberger Millionenbauern". Ihre Geschäfte
ließen sie abreißen und sofern diese in der Hauptstraße an der Dorfaue
gelegen waren, entstanden hier für damalige Zeit große Villen. Noch
heute findet man einige dort. Die Bauern selbst ruhen auf dem alten
Schöneberger Friedhof hinter der alten Dorfkirche. Hier findet
man Mausoleen und Grabstätten der Bergmanns, Hewald, Mette, Richers
(?), Wittmann und andere. Zur Erinnerung an die alten Schöneberger
Bauerngeschlechter hat man einige Straßen nach sie (sic!) benannt.
Nun will ich auch auf den Tiergarten zu sprechen kommen.
Der Tiergarten, in seinem Aussehen vor 1939, dürfte vielen ja noch
bekannt sein. Änderungen durch Hitler: Die Siegessäule wurde an dem
bisherigen Standort vor dem Reichtagsgebäude abgetragen und auf den
großen Stern gestellt. Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor wurde
umgedreht. Veranlassung der Besuch Mussolinis.
Siegesgöttin und Siegeswagen (Quadriga) mußten Mussolini, der vom
Bahnhof Heerstraße kam, entgegenfahren! Die alte Charlottenburger
Chaussee wurde in Ost-Westachse umgetauft und mit Kandelabern in ganz
geringen Abständen bestellt.
Weniger bekannt sein wird das Leben im Tiergarten in früheren Zeiten.
Da war erst mal der ?Kroll'sche Garten" (früher konnte man auch noch
die ?Kroll Oper" besuchen), dann die 5 Zelte und das an der Spree
gelegene Restaurant von Rit[Wortrest unklar]. Im Kroll'schen Garten,
bei [unklar] und in 2 Zelten, war in den Sommerwochen, Bierkonzert. Am
Brandenburger Tor standen Kremser mit denen man für wenig Geld, zum
?Spandauer Bock" fahren konnte. Ein sehr schönes altes Lokal, ähnlich
dem Terrassenrestaurant ?Schramm" in Wilmersdorf.
Allerdings war hier gleich noch die Spandauer Bockbrauerei. Auch hier
Familienbesitz, Familie Pochstein. Im Garten mit altem Baumbestand,
fanden auch fast täglich Militärkonzerte Statt. Auch hier Ausspannung
usw. wie bei ?Schramm" in Wilmersdorf. Fauen liefen mehrere im Garten
umher.
Kurz will ich auch auf das unmittelbar an dem ?Spandauer Bock"
gelegene Schloß ?Ruhwald" hinweisen. Das Schloß das [unklar]besitz
war, liegt inmitten eines alten Waldgrundstückes das, wie der
Spandauer Bock, am Spreetal lag. Der Name soll wie foolgt entstanden
sein. Ein Sohn des Schloßherrn ? hoher Offizier ? war im Kriege
1866 geblieben. Der Vater ließ die Leiche nach hier kommen und in
seinem Schloßpark beisetzen. Hierbei sprach er die Worte: ?Ruhe im
Walde!", daher Schloß Ruhwald!
Das Krankenhaus an der alten Trabrennbahnn stand schon und ebenfalls
auf Westendhöhen die neue, schöne Kaserne des Königin Elisabeth
Garde-Grenadier-Regiments, einer Zwingburg gleich, mit einem mächtigen
Ausblick, einerseits auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und
andererseits, auf das Charlottenburger Schloß mit dem Majusoleum. Vor
dem Charlottenburger Schloß stehen noch heute, die beiden alten
Kavalierhäuser. Hier und in dem an dem westlichen Kavalierhause, in
der Schloßstraße, angebauten Kasernengebäude, war das
Füsilierbattalion des Regiments Elisabeth untergebracht. Ich selbst
hatte die Ehre diesem stolzen, schönene Regiments anzugehören und
somit den Vorzug, einige Jahre in dem östlichen Kavalierhause zu
verbringen. Zwischen den Kavaliershäusern und der Schloßpromenade
steht noch heute, ein Standbild des Regiments ?Prinz Albrecht
von Preußen" Bruder von Wilhelm I. vor dem Fürstengarten. Unserem
östlichen Kavalierhause gegenüber gelegen stand ein großes, in weißem
Marmor gehaltenes Denkmal des Kaiser Friedrich. Heute ist es nicht
mehr am Platze.
Hinter der Westend Kaserne und der Festungs[unklar]schule in der
Soorstraße, fing damals die schöne Villenkolonie Neu Westend an. Der
Lietzensee war damals noch ganz im Walde gelegen. Den Kaiserdamm als
solchen, gab es noch nicht. Wo heute sich das Messegelände befindet,
war der große Exerzierplatz des Regiments Elisabeth. Auch den
Reichskanzler Platz gab es damals noch nicht.
Hier stand lediglich die Villa Kerhin (?), ein Jungmädcheninternat und
dieser gegenübergelegen, ein kleines, niedriges Gebäude in dem eine
fotografische Gesellschaft sich befand. Weiter das Garnison Lazarett
Charlottenburg, das heute St. Hildegard Krankenhaus, mit seinen
schönen neuen Gebäuden und zu damaliger Zeit noch ganz im Walde
gelegen. Charlottenburg, insbesondere wegen seiner schönen Lage,
damals noch der so nahe gelegene Grunewald, war eine schöne
Garnisonsstadt, um die das Regiment Elisabeth von den Berliner Garde
Regimentern sehr beneidet wurde.
In der Berliner Straße unweit dem Knie war ein altes Berliner
Gartenlokal, die ?Flora", außerdem auch in der Berliner Straße das
?Türkische Zelt". Zwischen dem Knie und dem Bahnhof Zoo in der
Hardenberg Straße gelegen, die Technische Hochschule, daß Institut für
Kirchenmusik, die Königliche Hochschule für Musik und bildende
Künste und die Artellerie- und Ingenieurschule in der Fasanenstraße.
Am Bahnhof Tiergarten war das schöne Lokal ?Der Tiergartenhof" mit
seinen großen Säälen und dabeigelegen, die Königliche Porzellan
Manufaktur. An der Händel-/Bergstraße, stand die schöne Kaiser
Friedrich Gedächtniskirche. Nicht ungenannt lassen will ich den im
Tiergarten zwischen dem Stadtbahnbogen, der damaligen Kürfürsten
Allee, der Fasanenstraße und dem Kanal gelegenen Hippodrom.
Im Tiergarten, mit seinen vielen schönen Reitbahnen, war damals die
Reiterei an erster Stelle gestanden. Am Hippodrom spielte in den
Vormittagsstunden des öfteren, eine Kavallerie Kapelle. Die Kosten
trug wohl der Tiergartenreiterverein. Am ?Neuen See" konnte man sich
ein Ruderboot mieten und im Winter, wenn der See Eis hatte, war hier
großes Schlittschuhlaufen. Hierzu gab es aber auch noch Gelegenheit
auf der großen Westeisbahn, nähe dem Zoo. Nähe der [2 Wörter unklar],
am Lortzing Denkmal war der sehr gepflegte, schöne Rosengarten mit
sehr vielen Stamm- und Buschrosen. In der Mitte des Rosengartens, war
ein großes Rondell mit vielen Rosen, flankiert von zwei Wasserbecken
mit Seerosen und Goldfischen. Ein gleicher Garten, daß ?Rosarium"
befand sich in Potsdam Sansouci.
Zu erwähnen ist auch noch das Schloß Bellevue mit Parkland was ich
nicht vergessen will, das Blumenschaufahren ? Korso ? das alljährlich
im Tiergarten Stattfand und von Berlinern, die eigenes Kutschgespann
hatten, arrangiert und gefahren wurde. Dieses war ein sehr schönes
Schauspiel. Die schönene Pferde, der offene Wagen und an diesem
insbesondere die Räder, hatte man herrlich mit Blumen geschmückt. Man
wetteiferte, jeder wollte am schönsten sein. Jedes Gespann war anders
aufgemacht. Im Wagen selbst natürlich, saßen schön angezogene, schöne
Damen. Manchmal auch im Rosenkavallier.
Eine andere Begebenheit im alten Berlin war das Aufziehen der
Schloßwache. Täglich wurde die Wachtruppe auf dem Kasernenhofe des
Regiments, daß die Wachen zu stellen hatte, vergattert. Dann ging es
unter Vorantritt eines Spielmannzuges und der Regimentsmusik zu den
einzelnen Garnison Wachen. Brandenburger Tor Wache, Neue Wache ? das
spätere Ehrenmal ? und die Wache des Berliner Schlosses. Insgesamt
Stärke dieser drei Wachen 150 Mann.
Viele Leute erwarteten die Wachtruppe schon vor dem Kasernentor, um
seitlich gehend, den Marsch zum Schloß mitzumachen. Sehr viele hingen
sich unterwegs ein. Großes Interesse zeigten auch immer die vielen,
in Berlin sich besuchsweise aufhaltenden Fremden. Sie mußten dabei
gewesen sein.
Die Reisebüros mit ihren Stadtrundfahrten Fahrzeugen waren immer alle
vertreten. Nachdem die Ablösung der alten Wache im Schloßhof durch die neue
erfolgt war, machte das Musikkorps vor dem alten Museeum im Lustgarten, am
Denkmal Friedrich Wilhelm III., noch eine Stunde Platzkonzert. Ein
ähnliches Schauspiel wie das Aufziehen der Schloß- wache, gab es am
Neujahrsmorgen, daß große Wecken!
Eine Kompanie eines Berliner Garde Infantrie Regiments unter [unklar]
der 3 Spielmannszüge des Regiments sowie der Regimentsmusik, setzte sich
Punkt 8 Uhr vom Schloßplatz, Richtung Brandenburger Tor, in Marsch. Dort
angekommen, ging es den selben Weg ? Mittelpromenade Straße Unter den
Linden ? zurück.
Viele, sehr sehr viele Berliner fanden sich hier immer ein. Besonders stark
vertreten, waren die Sylvesternachtbummler. (Zum großen Wecken mußte man
gewesen sein, das war für den Alt-Berliner Tradition, ebenso wie in der
Bockbierzeit, der Besuch der ?Urbock Brauerei" an der Bellealliance
Straße!)
Weiter am Neujahrsmorgen: um 10 Uhr fuhr eine Gardebatterie auf zum
Salutschießen ? 101 Schuß ? am Kupfergraben. Um 12 Uhr kam seine
Majestät mit seinenn 6 Söhnen zu Fuß vom Schloß zur Paroleausgabe, die
Lichthofe des Zeughauses erfolgte. Vor dem Zeughause aufmarschiert stand
eine Ehrenkompanie eines Berliner Garderegiments, mit Fahne, Spielmannszug
und der Regimentsmusik.
Beim Kommen schritt seine Majestät die Front der präsentierenden
Ehrenkompanie ab, nach der Paroleausgabe fand dann an seiner Majestät der
Vorbeimarsch der Kompanien statt. Nach 12 Uhr näherte sich dem Schloß mit
klingendem Spiel, die aufziehende neue Schloßwache und um 1 Uhr fuhren die
akreditierten Gesandten und Botschafter zur Gratulationscour auf, die im
Schloß stattfand.
In Charlottenburg war am Neujahrsmorgen, wie in Berlin, ebenfalls
Großes Wecken! Hier Regiment Königin Elisabeth, der Weg ab Kasernenhof
Westend bis Rathaus, dann Bahnhof Zoo und zurück. In Charlottenburg,
außerdem noch am 26.1., dem Vortage des Geburtstages des Kaisers, abends 8
Uhr großer Zapfenstreich. Abmarsch und Weg der gleiche wie beim Großen
Wecken. Hierbei jedoch links und rechts der Marschkolonne je 25
Fackelträger. Die Beteiligung seitens der Bevölkerung, wie in Berlin auch
hier sehr groß! Es waren dies eben schon, wie die großen Paraden auf dem
Tempelhofer Felde, sehr gern gesehene Begebenheiten,
an der die Bevölkerung teilhaben wollte. Das war noch die alte Zeit,
das alte Berlin!
Aber nicht nur militärische Schauspiele, sondern Berlin hatte auch
vieles andere zu bieten. Lassen sie mich einiges anführen: als Musik- und
Theaterstadt war Berlin gannz groß und auch von Fremden viel und gern
besucht. Ich denke oftmals an die vielen guten Bühnen und will hier neben
den königlichen Häusern, nur einige Theater nennen. Zuerst mal das Deutsche
Opernhaus in Charlottenburg, dann das Theater des Westens, die Komische
Oper, die Kurfürsten Oper, ferner das Deutsche Theater und das Schiller
Theater. Für Operette: das Metrolpol Theater, das Apollo Theater, das Neue
Operetten Theater, das Theater am Nollendorfplatz, das Thalia Theater, das
Berliner Theater und das Wallner Theater. Auch des Wintergartens, der Sääle
und des Palast Theaters im Zoo sei gedacht. Ferner waren in Berlin,
bodenständig in eigenen, massiven Häusern, die Zirkusse Renz ? später
Schumannn ? am Schiffbauer Damm und Busch am Bahnhof Börse.
Neben unseren Bühnen u.s.w. gedenke ich auch der großen Konzertsääle
und hier, die Philamonie, mit dem Oberlicht und dem Beethoven Saal, weiter
dem großen, schönen Blüthner Saal, der eine herrliche Orgel hatte, den
Scharwenka Saal, dem Mozart Saal, den Schubert Saal, den Konzert Saal in
der Königlichen Hochschule für Musik, in der Fasanenstraße und die
Singakademie im Kastanienwäldchen.
Ich denke auch an die Königliche Opernkapelle und an unsere großen
Sinfonie Orchester, die an die Berliner Philamoniker und an das große,
schöne Blüthner Orchester. Beide veranstalteten neben ihren eigentlichen
Sinfonien und Konzerten, in den Wintermonaten die sehr beliebten und immer
sehr besuchten populären Sonntagskonzerten. Die letzte Nummer im Programm
war immer ein Strauß'scher Walzer! Außerdem fanden im Zoologischen Garten,
im Etablissement Kroll, in dem Hofjäger, Festsaal Tiergartenhof u.s.w.,
ebenso bei der Brauerei, die alle einen Konzertgarten und See hatten,
Bierkonzerte statt die von den Musikkorps der Gardetruppen ausgeführt
wurden.
Von unseren sehr guten Männerchören, sei nur mal die ?Berliner
Liedertafel", ?Cäcilia Melodie" und der ?Berliner Lehrergesangsverein".
Außer unseren Berliner Chören, hatten wir hier noch Gelegenheit von Zeit zu
Zeit, den auch sehr guten, schwedischen Studentenchor aus Upsala zu hören.
Wen ich nicht auslassen will und an den ich mich immer gern erinnere, daß
ist der K.u.K. Hofballmusikdirektor Johann Strauß. Neffe, - Sohn von Eduard
Strauß, dem Bruder vom Walzerkönig ? er kam alle Jahre von Wien mit seinem
Orchester nach hier und spielte dann im Mozart Saal am Nollendorfplatz, war
an allen Tagen usverkauftes Haus. Auch im Saalbau Friedrichshain spielte er
bei seinem Hiersein, dann einige Abende.
Von den guten Musikschulen, will ich nur die größeren nennen, und
zwar, die Königliche Hochschule, das Konservatorium Scharwenka und das
Stern'sche Konservatorium. An diesen Instituten studierten auch sehr viele
Ausländer. Auch der damals noch sehr ausgeübten Hausmusik sei gedacht und
hier besonders, an die alte schöne Kammermusik. Auch die vielen Bälle, mit
der zum Teil sehr guten Ballmusik, die in den Wintermonaten zur
Verschönerung des Lebens beitrugen, will ich nicht auslassen. Aber nicht
nur als Theater- und Musikstadt hatte das alte Berlin viel zu bieten, es
waren auch Museen, Kunstausstellungen und mehrere sehr gutre Gallerien am
Ort und maches andere von Rang und Wert.
Das Vorstehende ist nur ein Teil von dem, was ich anführen könnte, es
gibt viel mehr zu schreiben. Wo liegt aber das heutige Interesse? Die
Menschen, im Vergleich zu Früher, sind anders geworden und die Welt in der
wir leben ist auch eine andere.
Wenn ich heute Rückschau halte in mein langes Leben, dann muß ich
immer wieder feststellen, wer Augen und Ohren hatte, der muß zugeben, daß
Leben auch im alten Berlin war lebenswert und hieran auch schon mit
bescheidenen Mitteln teilhaben.
Vielleicht habe in meiner Erzählung ich manches erwähnt, an dem man
heute nicht mehr interessiert ist. Aber es gehörte dies nun mal zum alten
Berlin und ich glaube, es nicht weglassen zu dürfen. Schon in der
Hitlerzeit mußte das Stadtbild Berlin manche Beseitigung und auch
Veränderung hinnehmen. Hinzu kommt jetzt noch der nunmehrige Abriß oft
ganzer Straßenzüge, bedingt durch die Neugestaltung der Stadt und so
schwindet es hin, mein altes Berlin. Was bleibt, ist die Erinnerung...
|
Weitere interessante Texte Kommentar zum Text im Forum abgeben