RIAS Berlin und die Amerikaner

                            von
Prof. Herbert Kundler, ehem. Programmdirektor RIAS Berlin


Als das amerikanische Militär 1994 nach fast 50 Jahren Berlin verlässt,
bleibt das Andenken an den Rundfunksender, den es gründete, bestehen.

RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) ist ein erfolgreiches
Beispiel für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Sein Erfolg
bestand in seinem hohen Ansehen in der Öffentlichkeit, einer
unvergleichlichen journalistischen Effektivität in der Krisenzeit
während des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs des Kommunismus,
sowie einer Zuhörerschaft von Millionen Berlinern und Bürgern der
Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

RIAS vertrat stets die Wiedervereinigung Deutschlands, selbst zu
Zeiten, in denen viele prominente Politiker und Journalisten das nicht
taten. Der amerikanische Aufsichtsrat erklärte mit Bestimmtheit, dass
der letzte Paragraph in der Präambel der deutschen Verfassung die
Richtlinie für ihr Programm sei. "Das gesamte deutsche Volk bleibt
aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit
Deutschlands zu vollenden."

RIAS bot ein breites Programmspektrum; Nachrichtensendungen,
Unterhaltungssendungen, Programme, die sich mit den Problemen und
Interessen der Hörer in Berlin und in der "Zone" (die spätere DDR)
auseinander setzten, ein umfassendes Kulturprogramm, angefangen bei
Klassik und der "Universität des Äthers", bis hin zu Hörspielen und
Friedrich Lufts "Stimme der Kritik", erfolgreiche
Unterhaltungssendungen mit Gruppen wie "Die Insulaner", Quizsendungen
und Rockmusik. Doch keines dieser Programme wäre ohne die zweite
Richtlinie möglich gewesen, die in der amerikanischen Verfassung
verankert war, und die die programmpolitische Freiheit der Presse
garantierte.

Aber RIAS war mehr als bloß ein journalistisches oder künstlerisches
Medium. Er war ein Forum für selbstbewusste deutsche Demokraten wie
Ernst Reuter, Jakob Kaiser und viele andere. Er war ein Medium für
unterdrückte Autoren; er war Sponsor der Berliner Musikszene, die nach
dem Krieg wieder aufgebaut werden musste, und er war ein vermittelndes
Medium für die junge Generation, die nicht von den Diktaturen der
Vergangenheit gezeichnet war.

Es war allen amerikanischen Mitarbeitern - ob sie nun in den
Vereinigten Staaten geboren oder aus Europa emigriert waren, ob
professionelle Diplomaten oder ehemalige Journalisten - zur zweiten
Natur geworden, dass sie keinerlei Einmischung in ihre journalistische
Arbeit duldeten. Jede Einmischung von außen hätte die Integrität des
Senders beeinträchtigt. Wie sonst hätte sich der Sender selbst "Die
freie Stimme der freien Welt" nennen können? Es war klar, dass eine
kritische Berichterstattung und offene Diskussionen notwendig waren,
um sich in der eigenen politischen und sozialen Umgebung Freiheit zu
verschaffen.

Die weltoffenen und liberalen Ansichten der "RIAS-Amerikaner"
übertrugen sich auf andere Medien. Als Ludwig von Hammerstein, der
vorher zwölf Jahre lang Direktor des Norddeutschen Rundfunks gewesen
war, sich für das Amt des Direktors des RIAS bewarb (eine Stellung,
die er von 1974 bis 1984 innehatte), sprach er mit dem Vorsitzenden
Gerard M. Cort. Cort zeigte ihm ein Statut von 1973, das erklärte, dass
der Aufsichtsrat die Einführung obligatorischer Richtlinien für die
Sendepolitik plante. Hammerstein über die Unterredung: "Meine
bisherigen Erfahrungen mit Aufsichtsräten waren nicht immer
erfreulich, so dass ich mich sofort nach diesen Richtlinien erkundigte.

Ich brauchte mehr Informationen über diesen Punkt, um meine
Entscheidung zu treffen. Cort lachte und erklärte, dass solche
Richtlinien de facto gar nicht existierten, mehr noch, dass er nicht
daran denke, welche auszuarbeiten. Er sagte, dass beim RIAS jeder
Mitarbeiter fairen und allgemein erprobten journalistischen Regeln
folge. Dies ist der einzige Weg, guten Rundfunk zu machen."

Im Juni 1953 wurde das wechselseitige Vertrauen zwischen Deutschen und
Amerikanern noch gestärkt: Langjährige deutsche Mitarbeiter des RIAS
protestierten öffentlich und drohten mit Streik, als der Direktor des
RIAS, Gordon Ewing, vor den Ausschuss für antiamerikanische Umtriebe
des US-Senators Joseph McCarthy geladen wurde. Angesichts der
Tatsache, dass kurz zuvor am 17. Juni 1953 der Volksaufstand in
Ostdeutschland stattgefunden hatte, bei dem Rundfunksendungen des RIAS
eine entscheidende Rolle gespielt hatten, erschien die Anschuldigung
Ewings wegen vorgeblicher prokommunistischer Aktivitäten geradezu
grotesk. Viele ausländische Medien, wie die New York Times oder BBC,
berichteten über die Proteste der deutschen Beschäftigten. Das
US-Außenministerium zog schließlich Ewings Vorladung zurück (mit der
Begründung, es seien keine Mittel für den Flug nach Washington
vorhanden). Angesichts der möglicherweise bevorstehenden Abreise aus
Berlin erhielt Ewing eine silberne Miniaturreplik der Freiheitsglocke,
persönlich überreicht vom Regierenden Bürgermeister Otto Suhr.

Obwohl RIAS als Unterabteilung der UNITED STATES INFORMATION AGENCY
(USIA) tätig war, arbeitete er ohne offizielle amerikanische
"Überwachung". Das war zum Teil dem amerikanischen Journalisten und
Pulitzer-Preisträger Edward R. Murrow zu verdanken, der von 1961 bis
1963 Leiter der USIA war und der sein Regierungsamt mit dem festen
Glauben an die große Bedeutung einer freien Presse in einer Demokratie
verband. 1961, am fünfzehnten Geburtstag von RIAS, betonte Murrow, wie
es in den folgenden Jahren noch mehrere Präsidenten, Staatssekretäre
und amerikanische Botschafter tun sollten, dass der RIAS ein Symbol für
die Präsenz und Beharrlichkeit Amerikas in Berlin sei. Gleichzeitig
bekräftigte er sein Vertrauen in die RIAS-Belegschaft und die
Bewältigung ihrer Aufgabe, die isolierte Bevölkerung Berlins
unbefangen und vorurteilsfrei zu informieren.

Ganz besonderen Dank schuldet der RIAS auch General Lucius Clay.
Bekannt geworden als der "Vater der Berliner Luftbrücke", initiierte
Clay eine Spendenaktion in den Vereinigten Staaten, bei der viele
Amerikaner Geld für den Kauf einer Replik der Freiheitsglocke für die
Einwohner Berlins gaben. Am 24. Oktober 1950, dem Tag der Vereinten
Nationen, ertönte die Glocke zum ersten Mal. Nach diesem Tag konnte
man beim RIAS jeden Sonntagnachmittag ihr Läuten hören.

Als Deutschland wiedervereinigt und der Vier-Mächte-Status Berlins
aufgehoben wurde, änderte sich auch der Status des RIAS als
Unterabteilung der USIA. Teile des RIAS wurden zum Deutschland Radio
umgewandelt und RIAS TV wurde als ein Kanal der Deutschen Welle
umorganisiert, die Sendungen über Deutschland nach Übersee ausstrahlt.

RIAS.2 wurde als r.s.2 privatisiert. Von dem "alten"
deutsch-amerikanischen RIAS, den Willy Brandt und andere führende
Politiker, prominente Künstler und Senatsmitglieder als wesentlichen
Teil des Berlins der Nachkriegszeit bezeichnet hatten, bleibt nur ein
Teil übrig. Der Name RIAS lebt in der RIAS BERLIN KOMMISSION weiter,
die gemeinsam von der amerikanischen und der deutschen Regierung
gegründet wurde und die hauptsächlich Austauschprogramme für junge
Journalisten fördert.

Über drei Jahrzehnte hinweg arbeiteten 89 Amerikaner beim RIAS. Ihre
Tätigkeiten waren unterschiedlichster Art; einige waren in der
Verwaltung tätig, andere waren kreativ tätig und wirkten maßgeblich
bei der Programmgestaltung mit. Während dieser Jahre hatte der RIAS
insgesamt 15 amerikanische Vorsitzende. Die "RIAS-Amerikaner" und ihre
Kollegen in Bonn und Washington wollten aber nicht nur einen
glaubwürdigen Rundfunksender betreiben; sie halfen vor allem
West-Berlin zu überleben und für die unterdrückten Deutschen den Weg
in die Freiheit zu ebnen.

Vor gut dreißig Jahren beschrieb der damalige Regierende Bürgermeister
Willy Brandt den RIAS und die deutsch-amerikanischen Beziehungen mit
Worten, die auch heute noch zutreffen:

"Mit der Hilfe einer Besatzungsarmee wird in einer besetzten Stadt ein
Rundfunksender eingerichtet. Zufall oder Schicksal haben Menschen
zusammengebracht, die weder in offiziellem Auftrag, noch mit rechtlich
klar definierter Verantwortung, eine freie und unabhängige
Radiostation betreiben. Sie arbeiten vor allem entsprechend ihrer
Überzeugung und den ungeschriebenen Gesetzen ihres Gewissens. Ich
finde es wundervoll, dass unter diesen Umständen, in denen viele
Menschen in Westdeutschland an nichts anderes als ihre lokalen
Probleme denken konnten, der Sender sich schon in den ersten paar
Jahren zu einer politischen Institution entwickeln konnte. Trotz der
Schwierigkeiten und durch harte Arbeit wurde RIAS eine richtige
Rundfunkanstalt und ein Verbindungsglied zwischen den Menschen dieses
geteilten Landes.

Die Amerikaner und die Deutschen, die den Sender aufbauten, kamen von
unterschiedlichen psychologischen Ausgangspunkten her. Dies ist ein
hervorragendes Beispiel für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, ein
sichtbares Zeichen für die Ähnlichkeit der deutschen und der
amerikanischen Interessen. In unserer Beziehung zu Amerika müssen wir
immer offen sein und unsere Solidarität beweisen. Unter Freunden ist
es nicht notwendig, immer wieder seine Dankbarkeit zu zeigen. Was wir
Amerika schulden, lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Wenn wir
weiterhin zusammenarbeiten und einander vertrauen, werden wir die
Prüfungen bestehen, die die Zukunft für uns bereithalten mag."

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