Schimpansen, das Verhängnis, uns Menschen verwandt zu sein

von Jane Goodall

Als Hätschelkinder für die Wohnstube sind sie bei gewissen Tierliebhabern
begehrt. Im wissenschaftlichen Kampf gegen Aids gelten sie als ideale Versuchstiere. Schimpansen haben darunter zu leiden, dass sie dem Menschen so ähnlich sind.

Wir waren fast am höchsten Punkt des Gombe-Nationalparks angekommen und dem
bleichen Morgenhimmel nahe. Für Stunden hatte ich eine größere Gruppe von
Schimpansen verfolgt, hoch hinauf in das Grasland nahe der Abbruchkante des
westlichen Zentralafrikanischen Grabens. Ich war außer Atem und froh, als die
Schimpansen an einem kleinen Wäldchen mit Muhandehande-Bäumen halt machten.

Mit Schreien des Entzückens fielen sie über die süßen gelben Früchte her.

Ich setzte mich im Schatten eines der niedrigen, verkrüppelten Bäume auf
einen Felsen, der die Kühle der Nachtluft noch bewahrte. Unter uns fiel das
Gelände teils steil, teils sanfter zur blaugrauen Weite des Tanganyikasees ab.

Auf die goldbraunen Buckel und Bodenwellen der trockenen oberen Hänge folgten
Flecken und Bänder von Grün, wurden allmählich dunkler, kamen sich näher
und näher, flossen in einem Gewirr von Schluchten zusammen, die in die dicht
bewaldeten Talsenken hinunterführten.

Der tansanische Gombe-Nationalpark, ein schmaler, an seiner weitesten Stelle
nicht einmal vier Kilometer breiter Streifen, zieht sich 16 Kilometer an der
Ostküste des Sees entlang. Drei Schimpansengesellschaften leben hier, rund
160 Tiere. Und obwohl sie immer noch frei streifen können, sind sie letzten
Endes doch eingeschlossen - das Refugium ist auf drei Seiten von Dörfern und
bebautem Land umgeben, und an der vierten Seite, dem Ufer des Sees, wohnen
zeitweise mehr als tausend Fischer. Dennoch ist das Leben der Schimpansen von
Gombe sicherer als das anderer wildlebender Schimpansen in Afrika - mit
Ausnahme der Tiere, die in den letzten unzugänglichen Revieren im Zentrum des Verbreitungsgebietes dieser Spezies, etwa in Zaire, leben.

Während eine Brise mich kühlte, saß ich und schaute über das geschrumpfte Terrain der Schimpansen. Als ich 1960 in Gombe ankam, konnte man von hier aus bis zum östlichen Horizont nur Schimpansen-Habitat sehen. Waldgebiete reichten fast ohne Unterbrechung von der Nordspitze des Tanganyikasees bis zur südwestlichen Grenze von Tansania. Und darüber hinaus. Damals müssen noch
10 000 Schimpansen im Gebiet von Tansania gelebt haben, während es heute nicht mehr als 2500 sein dürften.

Von diesen letzten Schimpansen leben viele geschützt in zwei Nationalparks, dem von Gombe und dem viel größeren in den Mahale Mountains weiter im Süden. außerdem gibt es ein paar Waldreservate, in denen die Tiere noch einigermaßen sicher umherstreifen können. Die Menschen in Tansania essen kein Schimpansenfleisch. Auch hat es von hier aus nie einen nennenswerten Export lebender Schimpansen gegeben.

Im Baum neben mir hörte ich leises Lachen. Fifis Töchter Fanni und Flossi hatten, nachdem der aergste Hunger gestillt war, zu spielen begonnen. Ich schaute hinauf. Fifis Jüngstes, der kleine Faustino, streckte eben die Hand aus, berührte eine der Früchte, die seine Mutter aß, und leckte sich dann die Finger ab. Einige Tiere hatten genug. Sie stiegen herab und legten sich auf den Boden. Während ich noch zuschaute, schlief Galahead in den Armen seiner Mutter Gremlin ein, die ihm sanft das Fell pflegte. Das alles spielte sich nur anderthalb Meter entfernt von mir ab.

Wieder einmal war ich überwältigt von dem Vertrauen, das mir die Schimpansen entgegenbrachten, und ich spürte deutlich die Verantwortung ihnen gegenüber. Das Vertrauen der Tiere durfte nie enttäuscht werden.

Galahead,  der  vielleicht träumte, krallte sich plötzlich ins Fell seiner
Mutter. Gremlin drückte ihn an sich und tröstete ihn im Schlaf. Ich musste,
wie so oft in der letzten Zeit, an das schreckliche Schicksal von Hunderten afrikanischer Schimpansen  denken.  An Mütter, die getötet werden, an Kleinkinder, die ihnen aus den Armen gerissen und unter Schock in ein neues Leben gestoßen werden. Ein Leben ohne die Ernaehrung und Beruhigung durch die mütterliche Brust.

Die Jagd auf Schimpansen-Kleinkinder, für welche Zwecke auch immer, ist nicht nur abscheulich,  sondern  auch schrecklich verschwenderisch. Die Waffen der Jäger sind überwiegend alt und unzuverlässig. Viele Mütter werden nur verwundet, fliehen und sterben später doch an ihren Verletzungen.  Kinder,  die zwar entkommen konnten, aber ihre Mutter verloren haben, gehen mit grosser Wahrscheinlichkeit ebenfalls zugrunde. Oft werden die Kinder mit ihren Müttern zusammen angeschossen, vor allem, wenn mit alten Steinschlossgewehren gejagt wird, die mit Nägeln oder sonstigen Metallteilen geladen sind. Und wenn andere Schimpansen zur Verteidigung von Mutter und Kind herbeieilen, müssen sie womöglich ebenfalls sterben.

In einem Fall zogen allerdings zwei Jäger den kürzeren. Sie hatten schon auf vier Schimpansenweibchen geschossen, von denen drei verletzt geflüchtet und die vierte und ein Kind gestorben waren. Kurze Zeit später entdeckten und erschossen die Jäger eine fünfte Schimpansenmutter - und diesmal blieb das Kind am Leben. Einer der beiden Männer legte sein Gewehr hin und ging, um das Junge zu holen, das sich mit der Kraft der Verzweiflung an die sterbende  Mutter klammerte. Plötzlich krachte es im Unterholz, und ein ausgewachsener
Schimpansenmann stürzte mit gesträubtem  Fell  auf die menschlichen Angreifer zu. Mit einem weit ausholenden Schlag skalpierte er gewissermaßen den einen der beiden Jäger. Den anderen packte er und schleuderte ihn so gegen die Felsen, dass er sich mehrere Rippen brach. Dann nahm der männliche Schimpanse das Kind auf und verschwand mit ihm im Wald.

Fälle wie dieser dürften selten sein. Für die meisten Kleinkinder endet mit dem Tod ihrer Mutter die Zeit im Wald. Und es beginnt ein Alptraum von Reise zu einem Dorf in der Umgebung oder dem Lager eines Händlers. Oft werden dem Jungen Hände und Füße mit Bindfaden oder Draht zusammengebunden, dann wird es in eine Kiste oder einen Korb gestopft oder in einen stickigen Sack. Das Rütteln unterwegs scheuert ihm die gefesselten Gelenke wund - ein schmerzhafter Abschied von Freiheit, Trost und Freude.  Schimpansenkinder leiden, das sollten wir nicht vergessen, seelisch und geistig auf ziemlich die gleiche Art wie menschliche Kinder.

Viele Jungtiere überleben diese Tortur nicht. Denn sie erhalten unterwegs  wenig oder gar keine Zuwendung und Pflege. Die wenigen, die bis zur ersten Station durchhalten, sind in elendem Zustand. Viele sind verletzt, alle haben großen Durst, sind halb verhungert und stehen unter Schock. Trotzdem werden sie kaum Linderung oder Trost erfahren, denn die Bedingungen, die an diesen Sammelplätzen herrschen, sind im allgemeinen  scheußlich.  Die Händler kennen kein Mitgefühl. Mit dem Leiden zahlloser Unschuldiger werden sie reich. Wie diejenigen, die früher mit menschlichen Sklaven handelten.

Es ist ein Wunder, dass schließlich in Übersee überhaupt noch lebende Tiere ankommen. Aber das ist noch nicht unbedingt das Ende der Reise - manche werden auf verschlungenen Wegen weitergeschickt, damit das Herkunftsland im dunkeln bleibt.

Sie sollen als in Gefangenschaft geborene Schimpansen in Länder eingeführt werden können, die keine in Freiheit geborenen Tiere einführen dürfen. Und so steigt die Zahl der verschwendeten Leben noch weiter. Die Jungen, die das Endziel schließlich lebend erreichen, sind oft physisch und  psychisch  derart  geschwächt, dass sie sich nicht wieder erholen. Leute, die mit diesem Handel vertraut sind, schätzen, dass auf jedes Schimpansenkind, das das erste Jahr an seinem Zielort überlebt, zwischen zehn und zwanzig Tote kommen.

All das ging mir noch durch den Kopf, als die Schimpansen im Grasland von Gombe satt und ausgeruht mit dem Abstieg begannen. Ihnen folgend, konnte ich immer wieder beobachten, wie viel Zuwendung Faustino von seiner Mutter und seinen beiden älteren Schwestern erfuhr - und wurde die trüben Gedanken an jene Jungen nicht los, die von Jägern aus ähnlichen Familiengruppen herausgerissen werden.
 

Artgerechte Gehege sind immer noch große Ausnahme

Was geschieht mit den Waisen, die die Gefangennahme und den Transport über-
leben? Was bieten wir ihnen zum Lohn für ihre Ausdauer?

Ach, nur zu oft wird ihr Leben so trostlos und elend, dass es für sie besser
gewesen wäre, wenn sie in den ersten Wochen der Gefangennahme gestorben wären. Am besten ist es noch, sie landen in einem guten Zoo. Aber  Tierparks, die den Schimpansen wirklich anständige Bedingungen  bieten, sind, das muss leider gesagt werden, noch immer höchst selten. Da ausgewachsene Schimpansen stark und geschickte Ausreißer sind, kostet es erheblichen finanziellen Aufwand, sichere und artgerechte Gehege zu bauen. Deshalb schmachten zahllose
Zooschimpansen  in  aller Welt in engen Zellen mit Betonfußböden. Manche dieser Unglücklichen haben noch ein oder zwei Gefährten, mit denen sie den Kerker teilen; andere leiden allein - bis zu 50 Jahre äußerster Langeweile.

Sie werden frustriert, apathisch,  schließlich  psychotisch. In den Zoos
afrikanischer Länder und anderer Länder der Dritten Welt sind die
Haltungsbedingungen besonders schlimm. In Anbetracht der Tatsache, dass auch zigtausende von Menschen dort Entbehrungen und Elend ertragen müssen, mag dieses Los kaum erschüttern. Aber für die haarsträubenden Zustände, die in vielen Zoos in Europa und den Vereinigten Staaten herrschen, gibt es keine Entschuldigung.

Es gibt auch keine Entschuldigung für den Missbrauch junger Schimpansen in den Touristenzentren an der südspanischen Küste und auf den Kanarischen Inseln. Diese illegal aus Afrika ins Land geschmuggelten Jungtiere müssen jahrelanges Elend erdulden. Ihre Halter sind Fotografen, die während der Urlaubssaison Geld damit verdienen, dass sie Touristen dazu überreden, sich mit einem kleinen Schimpansen in Kinderkleidern fotografieren zu lassen.

Der Feriengast hat meist keine Ahnung von dem Leiden der Tierkinder. Tagsüber werden sie durch die pralle Sonne getragen oder geführt.

Nachts werden viele von ihnen in Klubs und Diskotheken mitgenommen, wo sich ihre Augen durch die verräucherte Luft entzünden und der Lärm für ihre sensiblen Trommelfelle eine Qual sein muss. Die Füße mit den abstehenden Schimpansenzehen  sind  in Schuhe gezwängt. Die Tiere tragen Windeln (die selten gewechselt werden) unter Plastikunterhose,so dass sie wund werden. Und meist stehen sie auch noch unter Drogen.

Man drillt sie mit Schlägen und gelegentlich mit brennenden Zigaretten.

Wenn sie älter werden, lässt man ihnen die Eckzähne und manchmal auch weitere Zähne ziehen, damit kein Kunde gebissen werden kann. Mit fünf oder sechs Jahren sind sie im allgemeinen zu groß und zu kräftig: Sie werden entweder getötet oder an Händler verkauft.

Dank der beharrlichen Bemühungen eines britischen Ehepaares, Simon und Peggy Templar, ist in Spanien ein Gesetz verabschiedet worden, das die Behörden ermächtigt, Schimpansen zu beschlagnahmen, wenn keine Zulassung für ihre Haltung vorliegt. Ich war dabei, als zwei von diesen Jungtieren von ihrem Zwischenaufenthalt bei den Templars in Spanien abgeholt wurden zur Reise in ein Freigehege in England.

Der eine, Charlie, war wenige Wochen vor unserer Ankunft befreit worden. Er mochte wohl sechs oder sieben Jahre alt sein. All seine Zähne bis auf drei Eckzähne und die hinteren Backenzähne, die gerade herauskamen, hatte man ihm ausgeschlagen. Er war ausgemergelt.

Seine Bewegungen waren langsam und bedächtig wie die eines alten Mannes; er wirkte weit über seine Jahre wissend und bedrückt. [... hier fehlen leider einige Zeilen ...] Natürlich ohne Erfolg, er hatte ja die Nadel herausgenommen. Er kam zu mir, gab mir die Nadel in die Hand und führte sie sanft zu seinem Arm.

Die Templars hatten mir schon beschrieben, wie manche der beschlagnahmten Jungtiere, die sie aufnehmen, manchmal über Wochen all die entsetzlichen Symptome des Drogenentzugs durchmachen. Als ich die Szene mit Charlie erlebte, war mir elend zumute. Er war einer dieser Abhängigen, der sich selbst einen Schuss zu setzen versuchte.
 

Viele Kinoaffen wurden zum Gehorsam geprügelt

Kaum anders als den unfreiwilligen Fotomodellen an der spanischen
Kueste ergeht es Schimpansen, die in der Unterhaltungsindustrie  benutzt
werden, beim Zirkus und im Film. Natuerlich ist es moeglich, Schimpansen
mit Freundlichkeit zu erziehen. Aber die geschliffenen Darstellungen der
Tierstars, wie in den verschiedenen Tarzan-Filmen oder dem Spielfilm
"Schlafenszeit für Bonzo" und so weiter, sind fast ausnahmslos durch
gezielte Grausamkeit erreicht worden. In den Filmszenen selbst sieht
man die Brutalitaeten nicht, weil niemand so etwas hinnehmen wuerde.

Anfangs sind diese Jungen leicht im Hause zu halten. Sie bekommen Windeln
angezogen und wirken wie lebendige Puppen, fuegsam, anhaenglich und suess.
Man kann sie haetscheln, und wenn sich die Besitzer die Muehe machen, ihnen
anstaendige Ernaehrung, Sicherheit und Liebe zukommen zu lassen, haben die
Schimpansenkinder Freude am Leben, so unnatuerlich es auch sein mag.

Aber je aelter sie werden, um so schwieriger wird der Umgang mit
ihnen. Im Alter von vier oder fuenf Jahren sind sie ein Aergernis und eine
Last geworden. Sie sind kraeftig und wollen ihre Umgebung erkunden. Sie
klettern Vorhaenge hinauf, zerbrechen Gegenstaende, die herumliegen,
raeumen den Kuehlschrank leer, schliessen Schraenke auf. Jetzt fangen die
Halter damit an, die jugendlichen Tiere zu disziplinieren. Aber das reizt
sie zu Wutanfaellen und sie fangen an zu beissen. Also werden sie aus
dem Haus verbannt und in kleine Kaefige, etwa auf der Veranda, gesperrt.

Ein Schimpanse, den ich sah, Sokrates, hatte seit Monaten in solch ei-
nem Gefaengnis gehockt. Die Geschichte des Leidens, das er mit seinen
nur drei Jahren durchgemacht hatte,  stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Ein anderer Schimpanse, Whiskey,  war  angekettet. Zwar hatte ich
schon vorher Fotos von ihm gesehen. Trotzdem war ich nicht auf die Wo-
ge von Zorn gefasst, die über mich hereinbrach, als ich ihn sah. Seine
Zelle hatte einen Betonboden und Ziegelwaende und war etwa 1,50 mal
1,80 Meter klein. In dem verrotteten Dach klaffte ein Loch. Der nach vorn
offene Raum lag neben einem asiatischen Klosett - wenig mehr als ein Loch
im Boden -, dessen Tuer halb offenstand.

Whiskeys Heim hatte wahrscheinlich einst dem selben Zweck wie die
Nachbarzelle gedient.

"Er ist für mich wie ein Sohn", sagte lächelnd sein Besitzer, ein Araber.

Ich starrte ihn an, wie vom Donner gerührt. War es Dummheit oder Frechheit, die den Mann veranlassten, mir einen Sohn vorzustellen, der mit einer 60 Zentimeter langen Kette an der Rückwand eines ehemaligen Klosetts angebunden war? Ich schaute Whiskey an, er blickte aus fragenden Augen zu mir auf. "Die Kette wird nachts verlängert", sagte der Araber. "Dann kann er hinaus und in die Garage." Ja, dachte ich, nachts - wenn Schimpansen schlafen. Ich ging zu Whiskey. Er legte seine Arme um mich, und ich erwiderte die Umarmung.


Ein Reservat für überflüssig gewordene Schimpansen

Als ich aufbrechen wollte, begann er zu toben. Er riss an der Kette, schlug mit Händen und Füßen an die Wände. Er streckte die Arme nach mir aus, warf mir eine Bananenschale nach - das einzige, was er in seiner Zelle fand. Normalerweise warf er mit Kot, hatte man mir erzählt, aber für meinen Besuch war hier saubergemacht worden.

Was wird aus solchen Tieren, wenn sie herangewachsen sind? Oder wenn ihre Besitzer das Land verlassen? Manche landen in einem lokalen Zoo, wo selbst bei gutem Willen die Mittel beschränkt sind. In einigen Ländern Afrikas gibt es auch von Privatleuten gegründete und mit großem Engagement und viel eigenem Geld unterhaltene Schimpansenreservate - Schutzzonen oder größere Gehege für
überflüssig gewordene oder vom Zoll konfiszierte Tiere. Ziel solcher Projekte ist es oft, die Schimpansen dahin zu bringen, ihr natürliches Verhalten wieder anzunehmen oder - im Falle von Babys - überhaupt erst zu lernen.

So haben Sheila und David Siddle, ein bemerkenswertes britisches Paar in Sambia, ihre Farm in ein Heim für beschlagnahmte Jungtiere umgewandelt. Schimpansen sind in Sambia nicht heimisch, die meisten Waisen wurden aus Zaire ins Land geschmuggelt. Die Siddles haben ein gut drei Hektar großes Gehege gebaut und verfolgen einen ehrgeizigen Plan: Ein riesiges Buschland-Areal  soll  eingezäunt werden, um der ganzen Gruppe schließlich ein Leben in relativer Freiheit zu ermöglichen. (Das Projekt unterstützt der  Chimfunshi-Verein  in Hamburg, Hamburger Sparkasse, Konto: 1213/121245, in Zusammenarbeit  mit  dem Jane-Goodall-Institut.)

Auch in den Vereinigten Staaten werden Schimpansen als Haustiere gehalten. Ihre Besitzer tun das möglichste, um den Tag der Trennung hinauszuschieben. Manchen Tieren werden die Zähne gezogen. Einem jungen Weibchen wurden beide Daumen amputiert, damit sie (wie ihre Halterin glaubte) nicht mehr an den Vorhängen hinaufklettern könnte.

Aber schließlich müssen die äffischen Familienmitglieder doch fort. Und sie haben erhebliche Schwierigkeiten, sich an ein artgemäßes Dasein zu gewöhnen.

Darum ist es auch nicht einfach, solche Schimpansen in amerikanischen Zoos unterzubringen, denn sie sind vielfach sozial unentwickelt, wollen sich nicht mit Artgenossen paaren und Nachkommen in die Welt setzen. Oft werden solche  Tiere an Händler verkauft  und  landen  in Kleinstzoos. Dort werden sie in winzigen Käfigen ausgestellt und sollen das Publikum belustigen. Oder sie kommen in medizinische Forschungsinstitute.

Weil sie den Menschen physiologisch so ähnlich sind, werden Schimpansen von Wissenschaftlern für Versuche benutzt, mit denen sie Erkenntnisse über die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten menschlicher Krankheiten, über Drogenabhängigkeit und Geistesverwirrung gewinnen wollen. Doch trotz ihrer stellvertretenden Dienste für unsere Art behandelt man die Tiere nicht als geachtete Gäste der Laboratorien. Nein, die meisten von ihnen werden unter Bedingungen gehalten, die an die Behandlung von Sträflingen in vergangenen Zeiten erinnert.

Selbst in den besten Laboratorien, wo die für die Zucht gehaltenen Schimpansen relativ große Freigehege haben, werden Tiere, die an Experimenten teilnehmen, in kleine Käfige mit winzigem Auslauf gesperrt. Und in manchen der Labors, die ich aufgesucht habe, leben Schimpansen unter Bedingungen, denen man bestenfalls nachsagen kann, sie ließen kein Verständnis für die Bedürfnisse der Bewohner erkennen, schlimmstenfalls, sie seien erschreckend grausam.


Käfige, die Mikrowellenherden glichen

Das erste Forschungsinstitut dieser Art, das ich besuchte, lag eben außerhalb von Washington in Rockville, Maryland. Ich hatte bereits einen Videofilm gesehen, der bei einem heimlichen Besuch aufgenommen worden war, trotzdem hatte ich jene Szenerie nicht erwartet, durch die ich von lächelnden Männern in weißen Kitteln geführt wurde. Hinter uns schloss sich die Tür zur Außenwelt, kein natürliches Licht drang mehr in die schwach erleuchteten unterirdischen Gänge. Man zeigte mir einen Raum nach dem anderen mit Reihen von kleinen, kahlen Käfigen in mehreren Etagen übereinander, in denen sich Affen ununterbrochen um sich selbst drehten.

Dann sah ich einen Raum, in dem junge Schimpansen von zwei oder drei Jahren, immer zu zweit, in winzige Käfige gepfercht waren, deren Grundflächen, wie man mir sagte, 55 mal 55 Zentimeter maßen, und die 60 Zentimeter hoch waren. Die Tiere konnten sich kaum bewegen. Die Versuche hatten noch gar nicht begonnen - aber bereits seit mehr als drei Monaten lebten sie so eingepfercht. Die Käfige waren in Metallboxen eingeschlossen, die wie Mikrowellenherde aussahen. Die Gefangenen konnten  nur durch ein kleines Glasfenster hinausschauen. Und was sahen sie dann? Die Wand gegenüber. Und was gab es im Käfig, das ihnen
Anregung verschaffte? Nichts. Nichts als ihren eigenen Kot, und von Zeit zu Zeit etwas Futter.

Sicher, es gab zwei Schimpansen in jedem Käfig, sie konnten sich wenigstens gegenseitig trösten. Aber nicht lange. Sobald sie infiziert waren - mit Hepatitis oder Aids oder sonst einer ansteckenden Krankheit -, wurden sie voneinander getrennt und wie andere Tiere, die ich an jenem Tag sah, in Einzelkäfige gesteckt. Ich beobachtete eine junge Schimpansin, wie sie hin und her schaukelte, hin und her, in ihrer metallenen Isolierkammer. Sie saß im Halbdunkel. Alles, was sie hören konnte, war das ununterbrochene Rauschen der durch Schlitze in ihre Zelle strömenden Luft. Als einer der Laboranten sie heraushob, blieb sie auf seinem Arm wie eine Stoffpuppe sitzen, gleichgültig, apathisch. Ihre Augen und die aller übrigen Schimpansen, die ich an jenem Tag sah, werden mich immer verfolgen. Sie waren stumpf, leer, ohne jede Hoffnung. Haben Sie jemals einem Menschen in die Augen gesehen, der über alle Massen Qual erduldet und dann aufgegeben hat, der hilflos der Verzweiflung anheim gefallen ist? Ich habe einmal einen kleinen afrikanischen Jungen gesehen, dessen Familie bei den Kämpfen in Burundi getötet worden war. Er blickte auch aus stumpfen, leeren Augen auf die Welt, ohne etwas zu sehen.

Die Käfige in jenem Labor entsprachen den Tierschutzbestimmungen nicht. Aber auch wenn sie es getan hätten, es hätte kaum einen Unterschied gemacht. Es betrübt mich, dass viele Wissenschaftler und Laborangestellte die vom Gesetz zugelassenen Mindestabmessungen der Käfige in den Vereinigten Staaten ganz in Ordnung finden. Hunderte von Schimpansen sind, jeder für sich allein, in Gefängnisse eingesperrt, die 1,50 mal 1,50 Meter groß und 2,10 Meter hoch sind. Diese geselligen, intelligenten Wesen, deren Gefühle unseren eigenen so ähnlich sind, werden unter Umständen ihr ganzes Leben lang in Gitterkäfigen
eingeschlossen.


Laboranten kennen nur Laborschimpansen

Wie können Menschen, die in solchen Schimpansen-Gefängnissen arbeiten, die Bedingungen dort ertragen?

Neu eingestellte Mitarbeiter sind gewöhnlich empört über das, was sie sehen. Manche kündigen, weil sie das Leiden um sich her nicht ertragen und keine Möglichkeit haben zu helfen. Von denen, die bleiben, akzeptieren viele allmählich die Grausamkeit und glauben (oder reden sich ein), dass sie ein unvermeidlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Kampfes zur Verringerung menschlichen Leidens sei. Manche werden sogar hart und ihr Mitleid erstickt in Gewöhnung.

Doch nicht nur für die Schimpansen müssen die Bedingungen im Labor verbessert werden, sondern auch für die Menschen dort, die sich noch nicht an alles gewöhnt haben. Die Laboranten, die bedrückt scheinen, wenn ich sie frage, wie sie es ertragen zu sehen, dass man Müttern ihre Kleinkinder wegnimmt und ins Gefängnis steckt. Ich weiß, dass meine Besuche diesen Laborangestellten Hoffnung geben, neuen Mut, weiter um Verbesserungen zu kämpfen. Und so kehre ich ihretwegen und der Schimpansen wegen immer wieder zurück, immer wieder. In das, was in meinen Augen die Hölle ist.

Meistens haben diejenigen, die von innen um bessere Bedingungen für die Schimpansen kämpfen, eine schwere und  undankbare  Aufgabe. Die Mehrheit ihrer Kollegen zeigt kein Verständnis für echtes  Schimpansen-Verhalten. Sie kennen nur Laborschimpansen. Und Laborschimpansen, denen so gut wie alles vorenthalten wird, was sie für ihr physisches Wohlbefinden und zur geistigen Anregung brauchen, sind oft übellaunig und sogar bösartig. Sie spucken oder werfen mit Kot, sie kratzen und beißen. Zum Teil aus Frustration und Aggression, zum Teil, weil sie irgendeine Art von Kontakt mit den Leuten etablieren möchten, zum Teil, weil sie sonst fast nichts zu tun haben. Diese Schimpansen sind schlechte Botschafter ihrer Art, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn Laboranten und Veterinäre sie nicht mögen oder sogar fürchten.

Es ist richtig, dass die Schimpansen in vielen Instituten einigermaßen gesund zu sein scheinen, trotz ihrer sterilen Umgebung. Daraus darf man aber nicht schließen, dass Tiere, die gesund aussehen, ordentlich fressen und Nachkommen produzieren, auch zufrieden sind - und ihre Umgebung ihnen demnach angemessen ist. Man stelle sich Menschen unter vergleichbaren Umständen vor. Selbst in Konzentrationslagern sind Babys geboren worden.

Dennoch bestehen die Wissenschaftler darauf, dass nur eine sterile und einschränkende Umgebung zuverlässige Ergebnisse bringe. Sie sei notwendig für Versuchstiere. Die Käfige müssten leer sein, ohne Decken oder Spielzeug, damit die Insassen nicht von Krankheiten und Parasiten befallen würden. Käfige seien leichter zu säubern, wenn nichts herumliege. Und sie müssten klein sein, weil es sonst zu schwierig sei, die Versuchstiere zu behandeln, ihnen Spritzen zu geben oder Blut abzunehmen. Die Schimpansen müssten einzeln eingesperrt sein, damit sie sich nicht gegenseitig anstecken.

In Wirklichkeit muss das alles keineswegs so sein. Es gibt Institute mit
verbesserten Bedingungen. Die Käfige können grosser sein, wenn man den Schimpansen beigebracht hat, zu kommen und ihr Hinterteil für Injektionen oder die Arme zur Blutabnahme zu präsentieren. Man kann ihnen beibringen, für bestimmte Behandlungen in einen kleineren Käfig zu gehen. Man kann sie dazu veranlassen, dass sie Spielzeug, Decken und so weiter gegen eine Belohnung mit Nahrungsmitteln hergeben, so dass der Käfig leichter zu reinigen ist. Und es gibt sogar ein paar Laboratorien, in denen die Einzelunterbringung der Schimpansen die Ausnahme ist, nicht die Regel.

Kürzlich haben eine Anzahl Immunologen und Virologen aus den USA und Europa in einem Artikel festgestellt, dass die  übliche  Versuchsvorschrift, die Einzelunterbringung verlangt, durchaus umgestellt werden kann: Auch die Versuche mit paarweise untergebrachten Schimpansen führten zu befriedigenden Ergebnissen.

Die Veröffentlichung müsste für alle Schimpansen, die zur Zeit in der Hepatitis- und Aids-Forschung benutzt werden (das ist die Mehrheit der Versuchstiere), das baldige Ende der Einzelhaft bedeuten. Wer jetzt noch
Schimpansen in Einzelkäfigen halten will, müsste, meine ich, die
Notwendigkeit solcher Haltung einem Ausschuss von qualifizierten Wissenschaftlern überzeugend nachweisen - vor allem angesichts der wachsenden Menge von Hinweisen dafür, dass die Arbeit mit laborgestressten Tieren die Ergebnisse der Versuche auch beeinträchtigt.

Zum Glück ändert sich die Haltung gegenüber Tieren. Manche Institute
haben große Freigehege für die Zucht eingerichtet, ihre Versuchstiere
sind zumindest paarweise untergebracht und haben Zugang zu einem
Auslauf. Immer häufiger werden in Laboratorien Programme eingeführt,
die das Leben der Bewohner  bereichern  sollen. Diese Programme sind
nicht notwendig mit großen Kosten verbunden - ein Schimpanse verlebt
einen sehr viel erfreulicheren Tag, wenn man ihm zum Beispiel eine
Zeitschrift zu blättern gibt, oder einen Kamm oder eine Zahnbürste und
einen Spiegel, oder ein kräftiges Stück Plastikrohr, das voll gestopft
ist mit Rosinen und Marshmallows, dazu ein paar Zweige, damit er die
Süßigkeiten herausstochern kann.

Wenn diese Reformen sich allgemein durchsetzen, bleibt eine wichtige
Frage: Wie sieht die Zukunft der wilden Schimpansen aus?

Das beste, was wir erhoffen können, ist eine Reihe von Nationalparks
oder Reservaten, die durch Pufferzonen geschützt sind, damit Schimpansen und andere Waldbewohner dort in Frieden leben können. Das werden wir, daran zweifle ich nicht, irgendwie erreichen. Natürlich müssen zunächst die Regierungen der betreffenden Länder davon zeugt werden, dass es sich für sie lohnt. Dass die Erhaltung ihrer natürlichen Ressourcen der sofortigen Ausbeutung für den unmittelbaren Gewinn vorzuziehen ist. Forschungsprojekte bringen Devisen. Naturtourismus bringt noch viel mehr.


Der Naturtourismus half den Schimpansen von Gombe

Beides - Forschungsgebäude und touristische Einrichtungen - muss sorgfältig geplant werden, damit der Zustrom von Besuchern weder die Wissenschaft stört, noch, was wichtiger ist, die Tiere. Das alles muss unter Beteiligung der örtlichen Bevölkerung ablaufen. Mitarbeiter aus den umliegenden Dörfern anzustellen, wie wir es in Gombe gemacht haben, ist nicht nur der Wirtschaft in der Region zuträglich, sondern schafft - ebenso wichtig - Begeisterung unter den Beteiligten, die auf Familien und Freunde übergreift. Das ist einer der Gründe dafür, dass in Gombe die Schimpansen von Wilderern verschont bleiben.

Wenn  Menschen  aufgebracht darauf reagieren, dass Regionen in ihrer Nachbarschaft neuerdings den Wildtieren  vorbehalten  bleiben sollen, so haben sie prinzipiell Recht. Wieso nimmt man ihnen Land weg, das ihre Vorfahren über viele Generationen genutzt haben? Naturschutz, Information und Touristengeld sind keine ausreichende Entschädigung. Aber land- und forstwirtschaftliche Projekte in den Zonen, die Reservate und Parks umgeben - zum Beispiel das Anpflanzen von Bäumen für Feuerholz, Holzkohle oder Baumaterial - könnten nicht nur die einheimischen Spezies schützen helfen, sondern es auch den Menschen ermöglichen, das Land in der gewohnten Art zu nutzen.  Manche
extreme Tierschützer scheinen zu vergessen, dass Menschen auch Tiere sind.


"Old Man" leistete Hilfe von Art zu Art

Ich kann über das gestörte Verhältnis von Schimpanse und Mensch nicht schreiben, ohne noch eine Geschichte zu berichten, die für mich symbolischen Charakter hat. Sie handelt von einem in Gefangenschaft lebenden Schimpansen, Old Man, der im Alter von acht Jahren aus traurigen Umständen gerettet, und mit drei Weibchen zusammen auf einer künstlichen Insel in einem Zoo in Florida untergebracht worden war.

Dort hatte er seit mehreren Jahren gelebt, als ein junger Mann, Marc Cusano, neu zur Versorgung der Schimpansen angestellt wurde. "Gehen Sie nicht auf die Insel", warnte man ihn. "Die Viecher sind bösartig. Die bringen Sie um."

Eine Weile befolgte Marc die Anweisung und warf den Schimpansen ihre Nahrung von einem kleinen Boot aus zu. Aber bald wurde ihm klar, dass er nicht anständig für sie sorgen konnte, wenn er nicht irgendeine Art von Beziehung zu ihnen aufnahm. Er begann, sich ihnen immer mehr zu nähern, wenn er sie fütterte. Eines Tages streckte Old Man die Hand aus und nahm Marc eine Banane aus der Hand. Wie gut erinnere ich mich daran, als mir in Gombe der Schimpanse David Greybeard zum ersten Mal eine Banane aus der Hand nahm! Und wie bei mir und David war es für Marc und Old Man der Beginn einer Beziehung gegenseitigen
Vertrauens. Ein paar Wochen später konnte Marc die Insel betreten. Schließlich ließ sich Old Man von ihm lausen und spielte sogar mit ihm.

Die Weibchen, von denen eine ein Baby hatte, hielten allerdings Abstand.

Eines Tages, als Marc auf der  Insel saubermachte, rutschte er aus und fiel hin. Darüber erschrak das Kleinkind, und es begann zu kreischen. Das weckte die Schutzinstinkte der Mutter: Sie stürzte sich auf Marc und biss ihn ins Genick, als er mit dem Gesicht nach unten dalag. Er fühlte das Blut über seine Brust rinnen. Die beiden anderen Weibchen eilten zur Unterstützung ihrer Artgenossin herbei. Eine biss Marc ins Handgelenk, die andere ins Bein. Er war auch früher schon  angegriffen worden, aber nie mit solcher Wildheit. Er glaubte, dass es um ihn geschehen sei.

In dem Augenblick stürmte Old Man zur Rettung dieses seines ersten menschlichen Freundes herbei. Er zerrte die erregten Weibchen einzeln von Marc weg und schleuderte sie fort. Dann blieb er bei ihm und hielt sie in Schach, während Marc sich langsam fortschleppte, zum Boot und in Sicherheit. "Old Man hat mir das Leben gerettet", sagte Marc später, als er aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

Wenn ein Schimpanse - und zwar einer, der von den Menschen misshandelt worden ist - die Hand über die Artengrenze hinweg ausstrecken kann, um einem  menschlichen Freund in Not zu helfen, dann sollten doch auch wir, mit unserer größeren Fähigkeit zu Mitgefühl und Verstehen, die Hand ausstrecken können, um den Schimpansen zu helfen, die uns heute so dringend brauchen. Oder?

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Seit mehr als drei Jahrzehnten erforscht Jane Goodall, 57, das Leben der
Schimpansen im Gombe-Park. Doch erst nachdem sie vor wenigen Jahren die Bedrohung der Art und das Schicksal einzelner Tiere deutlicher kennen gelernt hatte, erhob die Forscherin auch öffentlich Protest. Ihr GEO-Bericht erscheint demnächst auch in dem Buch "Durch ein Fenster" im Rowohlt Verlag. Ilse Strassmanns Übersetzung liegt auch der GEO-Fassung zugrunde.

 Michael K. Nichols, 38, fotografierte nicht zum ersten Mal Menschenaffen: Frühere Arbeiten galten den Berggorillas in Ruanda und
den Orang-Utans auf Borneo.
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Affe und Mensch - ein gestörtes Verhältnis

Sie verbringen ihr Leben in engen Käfigen, werden im Dienste der Menschheit infiziert, zu wissenschaftlichen Experimenten benutzt - weil sie dem Menschen so ähnlich sind wie kein anderes Tier: die Schimpansen. Über deren Verhängnis, uns Menschen verwandt zu sein, berichtete die angesehene Primatenforscherin Jane Goodall in GEO Nr.7/1991

Für mich als Klinikarzt stellt das Leiden vieler Schimpansen zum Zwecke der medizinischen Forschung ein besonders   deprimierendes Faktum dar. Jedoch stelle ich mich prinzipiell weiterhin hinter die Notwendigkeit medizinischer Tierversuche, aber nicht zu deren Missbrauch und nur unter der Bedingung einer artgerechten Tierhaltung nach ethischen Prinzipien.

Leider wurde im GEO-Bericht mein lang gehegter Verdacht bestätigt, dass in dieser Hinsicht vieles im argen liegt - vermutlich nicht nur bei Schimpansen, sondern auch bei anderen Versuchstierarten. Da auch die auf Impfstoffe und Plasmapräparate spezialisierte österreichische Firma Immuno AG, deren Produkte ich bei meiner ärztlichen Tätigkeit verwende, in Ihrem Artikel kritisiert wird, habe ich um deren Stellungnahme und generelle Überprüfung der dortigen Richtlinien für Schimpansenhaltung ersucht. Denn oft werden Missstände nicht durch Einsicht, sondern nur über die Macht der Medien geändert.

Dr. med. WALTER KIESL
A-4600 Wels

Wir haben uns sehr über die deutliche Sprache in GEO gefreut. Wie Sie schreiben, sind die Schimpansen uns Menschen zu 99 Prozent genetisch gleich.
Zieht man das von Professor Meyer Abich vorgeschlagene Gleichheitsprinzip zur Revidierung der Mensch-Tier-Beziehung  heran, ergibt sich, dass Gleiches gleich zu behandeln ist. Das bedeutet, dass sich die Versuche mit Schimpansen - egal für welchen Zweck - von selbst verbieten.

LINDA RUPP
UWE 5CHROeER
6500 Mainz

Die Aussicht auf einen erfolgreichen Aids-Impfstoff am Affenmodell
betrachtet man am besten durch die jahrzehntelange Misserfolgsgeschichte des Malariaimpfstoffes. Wie das Aids-Virus zeigt der Malaria-Parasit eine verblüffende immunologische Variabilität, die es ihm ermöglicht, dem Immunsystem  zu  entwischen. Erfolgreiche Impftests an Versuchsaffen sind an Menschen bisher nicht reproduzierbar.

Die Besessenheit der medizinischen Forschung, menschliche Krankheiten immer zuerst am Tiermodell zu reproduzieren und zu untersuchen ist einer der größten Irrtümer der Medizin. Es muss ein Umdenken stattfinden, sonst wird der wissenschaftliche Unsinn der Tierversuche andauern.

Dr. med. er phil.
CHRISTOPHER ANDEREGG
CH-8038 Zürich

Bürokraten hinter Schreibtischen legen gemeinsam mit den Tiernutzern fest, wie viel  Kubikmeter  Lebensraum einem Tier gesetzlich zugestanden wird oder ob zum Beispiel der Draize-Test (Irritationstest,dabei werden den Versuchstieren Substanzen wie Wimperntusche oder Waschmittel etc. in die Augen geträufelt - Red.) weiterhin für Kosmetik- oder andere Produkte durchgeführt werden darf. Sie verschanzen sich hinter Paragraphen  und Marktregelungen, die sie selber eingeführt haben. Es wird ein langer Weg sein, Tiere von der Willkür der Menschen zu befreien

INGEBORG LIVADITIS
Tierversuchsgegner
Baden-Wuerttemberg e.V.
7000 Stuttgart

1991 kam "Little Ingrid" in Sambia auf der Chimfunshi-Farm des britischen Ehepaars Sheila und David Siddle zur Welt. Sie ist der erste Nachwuchs, der unter den dort lebenden Schimpansen-Waisen gezeugt wurde. Doch dieses Baby und sieben weitere  Kleinschimpansen sind in Gefahr. Ihr Wert: rund 40.000 US-Dollar. Sambia als eines der ärmsten Länder der Welt kann dabei nicht helfen, die Arbeit der Siddles finanziell zu unterstützen. Schlimmer noch, es gibt Stimmen, die sagen: Verkauft doch eines der Schimpansen-Babies, dann seid ihr eure Sorgen los.

STEPHAN LOUIS
Chimfunshi
Verein zum Schutz bedrohter Umwelt e.V.
2000 Hamburg

Aufgrund zahlreicher Bitten um Informationsmaterial über das Projekt in Sambia gibt GEO die vollständige Adresse des Vereins bekannt: Chimfunshi e.V., Postfach 261652, 2000 Hamburg 26 (Konto 1213/121245 bei der Hamburger  Sparkasse, Hamburg, BLZ 200 505 50) - Red.

Nach wie vor landen Affen aus Wildfängen (Simbabwe, Äthiopien, usw.) auf dem Rhein-Main-Flughafen und werden dort per Auto abgeholt. Einer der intensivsten Verbraucher ist das Bundesamt für Sera und Impfstoffe in Langen bei Frankfurt, das vor kurzem erst einen 300 Millionen Mark teuren Prachtbau mit 134 Tierlabors bezogen hat. Da das Paul-Ehrlich-Institut ein Bundesamt ist, hätte die Bundesregierung die Möglichkeit, den sinnlosen Verbrauch dieser Tiere zu unterbinden. Die Aids-Hysterie rechtfertigt nicht die Quälerei an den unschuldigen Affen.

DipI.-Phys. ILSE HAHN
Bundesverband Buergerinitiativen
Umweltschutz e.V. (BBU)
5300 Bonn

Als ich vor kurzem erfuhr, dass die Deutsche Lufthansa seit einiger Zeit
"kistenweise" Affen aus dem Ausland zu Versuchszwecken einführen soll, habe ich mich schriftlich an die Fluggesellschaft gewandt mit der Bitte um Klärung, ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht. Die Deutsche Lufthansa antwortete mir daraufhin folgendes:

"Es ist richtig, dass wir in sehr geringem Umfang Affen befördern. Bestimmungsland dieser Transporte ist nur in Ausnahmefällen die Bundesrepublik Deutschland, da bei uns durch die Affen-Einfuhrverordnung vom 20. Juni 1980 der Import von Affen verboten ist. Ausnahmegenehmigungen können nur durch die zuständigen Ministerien erteilt werden ...

Bei allem Engagement für die Umwelt überfordern Sie die Lufthansa als Verkehrsunternehmen, wenn Sie von uns ein Transportembargo erwarten. Seien Sie versichert, dass dabei kommerzielle Überlegungen wegen des unbedeutenden Umfangs solcher Sendungen keine Rolle spielen."

URSULA HEMPEL
Bundesverband Tierschutz
6600 Saarbrücken
 

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