Grundwissen Anabolika, Steroide

 Anabolika: Grundwissen
 Das Wichtigste in Kürze
 Jose Antonio

 (Aus: Flex, Januar 1997, S. 81ff)

 Allein schon die Fülle der Bezeichnungen kann einem Probleme bereiten:
 Sprechen wir von Anabolika, anabolen Steroiden, androgenen Steroiden oder
 nur Steroiden?

 Am besten ist es, wir nehmen diese Bezeichnungen einmal Stück für Stück
 auseinander.

 STEROIDE - Diese Oberbezeichnung trifft auf Hunderte von chemischen
 Substanzen zu, die miteinander strukturelle Ähnlichkeit haben, aber zum Teil
 völlig unterschiedliche Wirkungen aufweisen. Ursprünglich werden alle
 Steroide im Körper aus Cholesterin gebildet. Genau dasselbe Cholesterin, das
 für seine negativen Wirkungen auf Blutgefäßwände bekannt und gefürchtet ist.
 Aber Cholesterin, eine Fettart, ist auch eine lebensnotwendige Substanz, die
 z.B. als Teil der Struktur der Zellwand dient. Aus dem chemischen
 Grundgerüst des Cholesterins werden ferner eine Reihe von Hormonen wie die
 Corticosteroide, die Östrogene und die Androgene im Körper synthetisiert.
 All diese Hormone sind sich in der Struktur sehr ähnlich - selbst das
 weibliche Hormon Estradiol und das männliche Testosteron unterscheiden sich
 nur an wenigen Stellen des Moleküls -, obwohl die Wirkungen sich stark
 unterscheiden. Die Antibabypille enthält Steroide in Form von Östrogenen,
 aber für den Muskelaufbau nützt die "Pille" nichts. Die Steroide, die als
 Corticosteroide bezeichnet werden und wozu u.a. auch Cortison zählt,
 bewirken sogar das Gegenteil: sie führen zu Muskelabbau.

 ANABOLE UND ANDROGENE STEROIDE - Anabolika gehören zur Gruppe der anabolen
 und androgenen Steroide, die man auch als "männliche Hormone" bezeichnen
 kann (dies heißt nicht, daß Frauen keine Androgene produzieren - auch der
 weibliche Körper braucht Androgene, allerdings wesentlich weniger).
 Ursprünglich gab es nur androgene Steroide, womit man Testosteron und einige
 seiner Vorläufer und Abbauprodukte wie Dehydrotestosteron bezeichnete. Im
 Laufe der Entwicklung von synthetischen androgenen Steroiden bemerkte man
 jedoch, daß sich eine androgene Wirkung und eine anabole Wirkung beobachten
 und differenzieren ließ. Die androgene Wirkung bezieht sich auf die
 männlichen Körpermerkmale wie Körperbehaarung, Bartwuchs, tiefe Stimme sowie
 die Entwicklung der männlichen Geschlechtsteile. Ferner wird auch die
 sexuelle Erregung und Potenz beeinflußt. Die anabole Wirkung dagegen
 bezeichnet die Fähigkeit dieser Substanzen, den Proteinaufbau in
 verschiedenen Geweben (vor allem in der Muskulatur) positiv zu beeinflussen.

 Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in bezug auf die körperliche
 Entwicklung kann jedoch nicht nur auf die Menge an Testosteron geschoben
 werden, sondern es scheint auch so, als ob Männer mehr Androgenrezeptoren
 hätten. Sind mehr Rezeptoren vorhanden, können auch größere Hormonmengen
 gebunden werden und zur Wirkung kommen. Einer Theorie zufolge enthalten
 typisch männliche Muskeln wie der Schultermuskel und der Trapezius mehr
 Androgenrezeptoren bei Männern als bei Frauen, was den Unterschied in der
 Silhouette zwischen den Geschlechtern erklären soll.

 Wie bereits erwähnt, haben die meisten der natürlich im Körper vorkommenden
 männlichen Hormone sowohl androgene als auch anabole Eigenschaften. Mit der
 zunehmenden Entwicklung synthetischer Hormone stellte man jedoch fest daß
 manche der synthetischen Hormone stärker anabol oder androgen waren. Für die
 meisten medizinischen Einsatzbereiche waren die anabolen Eigenschaften
 wichtig, die androgene Komponente war eher störend. Es wurde daher versucht,
 Steroide zu entwickeln, die hauptsächlich anabole Wirkungen haben, ohne die
 störenden androgenen Effekte. Allerdings hat es sich gezeigt, daß es
 unmöglich ist, die anabole Komponente völlig von der androgenen zu trennen.
 Alle Anabolika, die heute auf dem Markt erhältlich sind, wirken sowohl
 anabol als auch androgen. Man hat es jedoch geschafft, Substanzen zu
 entwickeln, die vorwiegend anabole Eigenschaften mit nur geringer androgener
 Komponente aufweisen (z.B. Nandrolonundecanoat, Oxandrolon,
 Methandrostenolon etc.).

 Die Bezeichnung Anabolika ist jedoch aus zwei Gründen etwas mißverständlich:
 Zum einen gibt es noch andere Hormone und Substanzen, die anabol (aufbauend)
 wirken und zum anderen - wie gerade erklärt - sind Anabolika nicht nur
 anabol wirksam. Im Zusammenhang mit Sport wird jedoch meist der Ausdruck
 Anabolika bevorzugt. Hier ist jedoch der Wunsch der Vater des Gedankens, da
 die reine anabole Wirkung leider eine Utopie ist. Wenn man in einem
 Bodybuilding-Heftchen liest, daß Deca-Durabolin (Nandrolonundecanoat) anabol
 und nicht androgen wäre, ist das eine grobe Verallgemeinerung. Natürlich ist
 Deca ebenso wie Stromba (Stanozolol) oder Oxandrolon sowohl anabol als auch
 androgen, obwohl die vorwiegenden Eigenschaften durchaus anabol sein können.

 Das Verhältnis von anabolem zu androgenem Effekt wird im Tierversuch
 gemessen und als Index angegeben. In der Regel mißt man die androgene
 Komponente anhand des Wachstums der Prostata, wogegen die anabole Komponente
 am Wachstum des Muskels levator ani bestimmt wird. Vergleicht man auf diese
 Weise Testosteron mit Nandrolon, (z.B. Deca-Durabolin) so ergibt sich für
 Nandrolon eine um 80% geringere Wirkung auf die Prostata und eine um 240%
 größere anabole Wirkung. In der Praxis sind diese Zahlen jedoch nicht immer
 bedeutsam, da bekanntermaßen Deca-Durabolin trotz des hohen anabolen Wertes
 in der Sportpraxis aufgrund seiner geringen Wirkung auf Kraft- und
 Massezunahmen relativ wenig Anwendung findet.

 REZEPTORENSÄTTIGUNG - Die Rezeptoren funktionieren nach dem
 Schlüssel-Schloß-Prinzip: Trifft ein Testosteronmolekül (Schlüssel) auf
 einen Testosteronrezeptor (Schloß), wird eine Reihe chemischer Reaktionen
 ausgelöst. Zu den so ausgelösten Reaktionen gehört auch die verstärkte
 Proteinsynthese (=Muskelwachstum). In der Regel geht man davon aus, daß die
 Zellrezeptoren von normalen Mengen an Testosteron bereits optimal gesättigt
 werden. Gleichzeitig können verschiedene Wirkstoffe unterschiedliche
 Reaktionen des Rezeptors auslösen (daher wirkt jedes Anabolikum anders). Die
 Frage ist, wieso dann von außen zugeführte, größere Mengen an Anabolika zu
 weiterem Muskelwachstum führen können? Ist eine größere Anzahl von
 Hormonmolekülen im Gewebe vorhanden, können theoretisch auch mehr Rezeptoren
 aktiviert werden. Andererseits nimmt jedoch mit zunehmender
 Rezeptorensättigung die Anzahl freier und zur Reaktion bereiter
 Bindungsstellen ab. Jede weitere Rezeptorenbindung erfordert daher eine
 erheblich größere Wirkstoffmenge (Testosteron) als bei niedriger
 Wirkstoffkonzentration. Zudem wird auch vermutet, daß die Anzahl der
 Rezeptoren bei einem Überangebot an Wirkstoff herunterreguliert (vermindert)
 wird. Aber hier ist möglicherweise ein Einspruch gerechtfertigt: Es gibt
 Hinweise aus der Forschung, daß das Gegenteil zutrifft.

 Mal sehen, ob ich das verständlich erklären kann: Liegt ein
 Wirkstoffüberschuß (z.B. viel Testosteron) vor, wird die
 Reaktionsbereitschaft und Anzahl der Rezeptoren vermindert. Vermindert man
 die Wirkstoffmenge, sollte die Reaktionsbereitschaft und Anzahl der
 Rezeptoren wieder ansteigen. Aber es hat sich im Tierexperiment gezeigt, daß
 es etwas komplizierter ist. Vermindert man die Wirkstoffmenge durch
 Kastration, wird die Rezeptorenanzahl in einigen Muskeln vermindert, wogegen
 sie in anderen konstant bleibt. Gibt man den Tieren anschließend wieder
 Testosteron, steigt die Rezeptorenzahl wieder an.

 Möglicherweise heißt das, daß größere Mengen an Anabolika zu einer
 Vermehrung der Rezeptorenzahl führt. Dies könnte eine Teilerklärung für die
 zunehmende Anzahl extrem massiver Athleten in den letzten Jahren sein, da
 keine Rezeptorsättigung zu erwarten ist. Stattdessen werden mit zu nehmender
 Wirkstoffzufuhr auch mehr Rezeptoren geschaffen. Damit würde das Sprichwort
 "Mehr hilft mehr" tatsächlich zutreffen. Anderseits ist jedoch fraglich, ob
 diese Regulation über das physiologische Maß hinaus noch stattfindet.
 Unabhängig davon, wie sich die weiteren Ergebnisse dieser Forschung
 entwickeln werden, steht fest, daß Anabolika auf verschiedene Weise sich auf
 Kraft- und Muskelzunahmen auswirkt, indem sie die Proteinsynthese
 beeinflussen und die katabole Reaktion durch Glucocorticoide mindern.
 Beweise in ausreichender Menge liefert das Lineup bei jeder besseren
 Bodybuilding-Meisterschaft.

 Dr. Jose Antonio lehrt an der Universität von Texas in Arlington und Dallas.
 Sie können ihn unter Fax 001-214-503 0150 oder Email jantonio@flash.net
 erreichen.

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