C9H8O4 - eine eigentlich ziemlich simple - chemische Formel. Dahinter verbirgt sich der Wirkstoff Acetylsalicylsäure, kurz ASS, - be- kannter unter dem Markennahmen Aspirin. Seit Jahren wird dieser Wirkstoff erforscht. Mit überraschenden Ergebnissen. So weiß man schon seit geraumer Zeit, dass ASS erfolgreich als Medikament gegen Herzinfarkt eingesetzt werden kann. Relativ neu und noch weitgehend unbekannt ist, dass der Wirkstoff ganz offensichtlich auch der Entstehung bestimmter Krebsarten vorbeugen kann. Und zwar mit dem gleichen biochemischen Mechanismus, der auch die Kopfschmerzen vertreibt. Darauf zumindest deuten Forschungen des Krebszentrums Heidelberg und der Universität Münster hin. Acetylsalicylsäure ist ein Tausendsassa aus dem Reagenzglas - offenbar ein wahrer Alleskönner: Er verlängert Rosen, Tulpen oder Nelken das Leben in der Blumenvase, hilft Drachenfliegern in immer neue, rekordverdächtige Höhen hinauf und gehörte sogar zum Bordgepäck der ersten Menschen auf dem Mond als Mittel gegen Muskelkater. Und der Stadtrat von New York war so sehr von der segensreichen Wirkung dieses Stoffes überzeugt, dass ernsthaft erwogen wurde, Trinkwasser-Spendern vorsorglich C9H8O4 beizumischen. Doch da war C9H8O4 ohnehin schon längst in aller Munde: unter seinem Markennamen ASPIRIN als Inbegriff der Schmerztablette schlechthin und allgegenwärtiges Hausmittel bei jedwedem Unwohlsein. Gegen Schmerzen nahmen Menschen schon seit der Antike Salicylsäure ein, die aus dem Saft der Weidenrinde gewonnen wurde. Eine äußerst wirksame, aber leider auch äußerst unbekömmliche Arznei - sie roch und schmeckte widerlich und griff die Schleimhäute an: Magenkrämpfe folgten auf die Einnahme, man trieb den Teufel also mit dem Beelzebub aus. Das wollte der junge Chemiker Dr. Felix Hoffmann ändern nicht zuletzt, weil sein eigener Vater unter schwerem Rheuma litt und auf den bewährten Schmerzstiller angewiesen war, ihn aber überhaupt nicht vertrug. Und tatsächlich gelang es dem Sohn, eine verträglichere Form der Salicylsäure künstlich herzustellen. Er nannte die neu gewonnene Substanz "Acetyl-Salicylsäure und schuf damit, ohne es zu ahnen, ein Jahrhundert-Medikament, das noch für viele Überraschungen sorgen sollte. Doch zunächst kam das Pulver als Schmerzmittel auf den Markt und das gleich tonnenweise: Ein Kassenschlager, von dem noch niemand wusste, wie er eigentlich wirkt. Da Acetyl-Salicylsäure die Ausschüttung der Prostaglandine hemmt das sind Gewebshormone, die unter anderem an der Schmerzentstehung beteiligt sind -, entdeckten schwedische Wissenschaftler erst Jahrzehnte später. Da war die Acetyl-Salicylsäure unter dem Markennamen ASPIRIN längst zum Hausmittel geworden und zum meistverkauften Medikament weltweit, das ganz selbstverständlich zum täglichen Leben zu gehören scheint: erwähnt in Romanen der Weltliteratur, Bestandteil berühmter Kinofilm-Dialoge, in südamerikanischen Ländern sogar in jedem Kiosk zu haben, auf Bestellung auch in jedem Restaurant. Über den Ladentisch der Apotheken geht die berühmteste Pille der Welt vorwiegend als Schmerz- oder Grippemittel inzwischen auch vielfach nachgeahmt oder mit allerlei anderen Wirkstoffen kombiniert. Die genaue Wirkweise der Acetylsalicylsäure (ASS) ist allerdings erst in den letzten drei Jahrzehnten Stück für Stück und sicher auch noch nicht endgültig ent- schlüsselt worden: ASS greift in die Synthese der Prostaglandine ein. Das sind körpereigene Substanzen von vielfältiger Wirkung. Unter anderem sensibilisieren Prostaglandine die Schmerzrezeptoren, bewirken Fieber, sind an der Durchblutung des Gewebes bei Entzündungen beteiligt und schützen die Magenschleimhaut. ASS hemmt die Prostaglandin-Produktion im Körper, und das erklärt seine fiebersenkende, entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung aber auch seine Nebenwirkung: die Tatsache nämlich, dass die Einnahme von ASS in höheren Dosen bei etlichen Patienten zu Schädigungen der Magenschleimhaut oder sogar zu Geschwüren führt. Das Aspirin aber auch zum Lebensretter werden kann, stellte sich erst in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts heraus und war nicht nur eine Überraschung, sondern eine medizinische Sensation: Denn die Acetyl-Salycilsäure hemmt nicht nur die Ausschüttung der Prostaglandine, sondern auch der verwandten Thromboxane. Das sind körpereigene Stoffe, die bei der Blutgerinnung ent- stehen und dem Körper helfen, Wunden zu verschließen. Zu einer Überpro- duktion von Thromboxan kommt es aber beispielspielsweise nach einem Herz- infarkt eine verhängnisvolle Entwicklung, denn die Zusammenballung von Blutplättchen kann die Gefäße von neuem verschließen und führt oft zum Tod. Aspirin kann diese Entwicklung stoppen und wird deshalb im akuten Stadium nach einem Infarkt vorsorglich als Stoßtherapie in hoher Dosis verabreicht: eine Maßnahme, die die Sterberate um immerhin 25% senken konnte. Vorbeugend verabreicht, verringert ASS auch bei Bypass-Operationen oder mechanischer Dehnung verschlossener Gefäße (Ballon-Dilatation) die Rate der Komplikationen und senkt bei besonders gefährdeten Patienten als niedrig dosiertes Langzeit-Medikament die Herzinfarkt-Gefahr. Was sich in der Klinik bereits bewährt hat und aus der Herzmedizin schon nicht mehr wegzudenken ist, wird im Labor aber noch weiter erforscht: Denn die Acetyl-Salicylsäure scheint noch für viele Überraschungen gut zu sein das ursprüngliche Kopfschmerzmittel schützt am Ende sogar vor Krebs. Im Heidelberger Krebsforschungszentrum haben Wissenschaftler im Tierversuch nachgewiesen, daß ASS-verwandte Substanzen die sogenannten nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAID) - eine bestimmte Art von Hautkrebs verhindern können. Bei dieser Erkrankung bilden sich ungewöhnlich rasch viele gutartige Ge- schwülste Papillome der Haut, die später bösartig entarten. Äußerlich auf- getragen, verhindern Substanzen der NSAID-Klasse, also Aspirin-Verwandte, diesen Prozess. Eines Tages, da sind sich die Heidelberger Forscher sicher, wird es eine entsprechende Lotion für Patienten mit Hautkrebs-Risiko geben. Das die Aspirin-Familie aber schon heute nicht nur im Tierversuch, sondern auch beim Menschen Krebs verhindern hilft, konnten Ärzte der Universitäts- klinik Münster inzwischen beweisen: mit der bislang größten deutschen Studie an Patienten, die durch eine besonders heimtückische, erbliche Darm- erkrankung extrem gefährdet sind. Auch bei ihnen entwickelt sich aus zu- nächst noch gutartigen Darmpolypen unaufhaltsam Krebs, der ohne Behandlung unweigerlich zum Tod des Patienten führt. Behandlung heißt hier: den größten Teil des befallenen Darmes entfernen. Doch im verbliebenen Teil des Darms bilden sich auch weiterhin immer neue Polypen, die entarten können ständige Kontrolluntersuchungen mit immer neuen Eingriffen sind deshalb erforderlich. Nehmen die Patienten aber vorbeugend Aspirin-verwandte Medikamente ein, kommt die Erkrankung zum Stillstand. Die Münsteraner Studie hat diesen Behandlungserfolg bereits über einen mehrjährigen Zeitraum dokumentiert. Acetylsalicylsäure - der Tausendsassa aus dem Reagenzglas: eine pharmakologische Entdeckung des vergangen Jahrhunderts, deren Wirkweise erst in unseren Tagen Stück für Stück entschlüsselt wurde und deren wahre Potenz vielleicht erst Wissenschaftler von morgen endgültig aufdecken: Vielleicht stecken noch ganz andere, noch ungeahnte Möglichkeiten in diesem Stoff der eigentlich dem Labor von Mutter Natur entstammt. (C)1997, Jutta Hartmann, Hamburg, Germany
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