Die Charakterlehre in Alfred Adlers Menschenkenntnis

Hausarbeit bei Prof. Dr. Correll zum Seminar
"Tiefenpsychologische Systeme und Erziehung"
im SS 1993

angefertigt von

Stephan Göbel, L3, Sozialkunde, Germanistik
7. Studiensemester


                                 Vorab

 Zwei Dinge sind es, die nach Alfred Adler den Menschen zu seinem Tun
 verleiten, ihm den Grund geben, zu handeln:

 Seine Minderwertigkeit und sein Streben nach Macht und Überlegenheit.

 Mit Beginn seines noch recht schutzbedürftigen und unselbständigen
 Lebens ist der Mensch in eine Situation hineingestoßen, die ihm seine
 eigene Hilflosigkeit drastisch vor Augen führt. Ohne Hilfe von außen ist
 dieses Wesen nicht in der Lage zu überleben und auch nur die elementar-
 sten Bedürfnisse wie etwa die Nahrungsaufnahme zu bewältigen. Das führt
 Zwangsläufig zu einem Gefühl der Minderwertigkeit anderen Personen gegen-
 über, beispielsweise den Eltern, die problemlos all das tun oder unter-
 lassen können, was das junge Geschöpf so gerne selbst erreichen möchte.

 Augenscheinlich ändert lässt sich diese Situation, solange der kleine
 Mensch noch nicht kräftemäßig selbst dazu in der Lage ist, für sich
 selbst zu sorgen, in dem er andere dorthin lenkt, wo sie seiner Meinung
 nach am dringernsten gebraucht werden, nämlich an Ort und Stelle seiner
 Bedürfnisse. Erreichen wird er dies durch Macht, denn im täglichen Um-
 gang mit den Menschen wird er erkennen, dass es solche gibt, die Macht
 haben und ausüben und damit zu ihren Zielen gelangen. Das kann ein über
 ihn oder den Ehepartner herrschender Elternteil, der das Kommando führt,
 sein. Das kann er aber auch an sich selbst entdecken, wenn er feststellt,
 dass die Mutter auf sein Schreien hin kommt und sich mit ihm beschäftigt.

 Eine wunderbare Methode, die bei so manchem Zeitgenossen auch im hohen
 Alter noch Verwendung findet.

 Besonders schlimmen Eindruck für das Seelenleben des Kindes über das
 normale Gefühl der Minderwertigkeit hinaus macht es, wenn eine Organ-
 minderheit von seitens der Umwelt vermittelt wird, etwa eine Behinderung.

 Wird das Kind gehänselt und ihm vermittelt, es sei weniger Wert (bei-
 spielsweise als der größere Bruder), führt dies in vielen Fällen zu einer
 Dramatisierung der Minderwertigkeit.

 Zur tatsächlichen Schwäche, die dem kleinen Menschen bewusst wird, kommt
 oft eine weitere, darüber hinaus gehende. Es ist das Gefühl einer einge-
 bildeten Organminderheit, etwa "Ich bin hässlich" oder "ich habe riesige
 Ohren". Sie kann sich durch Zufall, etwa aus einer in der Umgebung aufge-
 schnappten Bemerkung entwickeln oder sonst wie aus einer Phantasie heraus
 eingebildet sein. In ihrem Charakter unterscheidet sie sich nicht von
 einer Organminderheit üblichen Sinns und kann ebenso zur Steigerung der
 Minderwertigkeit führen.

 Die von Adler beschriebene Minderwertigkeit der Mädchen gegenüber Jungen,
 etwa männlichen Geschwistern, steht in heutiger Zeit natürlich nicht mehr
 in jener Brisanz, die sie aufgrund massiver Benachteiligung der Frau am
 Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts hatte und die in dieser Zeit zu den
 von Adler beschriebenen Frauenprotesten führte.

 Jedoch kann auch heutzutage eine Frau oder ein junges Mädchen durchaus von
 der Gesellschaft vermittelt bekommen, es sei weniger Wert als der Mann oder
 der Bruder.

 Andererseits kann aber auch die Minderwertigkeit eines Organs gerade dessen
 Überdurchschnittlichkeit fördern, versteht es nur die Person, genügend
 Kraft in dessen Ausgleich zu entwickeln. Adler nimmt den gehörkranken
 Beethoven als Beispiel dieser Leistungsfähigkeit.

 Napoleon, ein Mann von kleiner Statur, schwingt sich zu einem Herrscher von
 riesiger Macht und Größe auf und zeigt damit, wie sehr er diesen Ausgleich
 benötigt. Einige Jahrhunderte später entwickelt ein eher hässliches dunkel-
 haariges Männchen, dem die Talentlosigkeit in der Malerei bescheinigt
 wurde, die Theorie von der Überlegenheit des wohlgeratenen blonden und
 blauäugigen Geschlechts und ein am Bein Verkrüppelter propagiert dies in
 die Welt hinaus und gemeinsam werden sie Massenmörder von ungezählten
 kranken und behinderten Menschen.

               Der Charakter des Menschen

 Die beiden fundamentalen Bestrebungen, die Adler beim Menschen
 diagnostizierte, bestimmen das Leben in drastischer Weise. Der Mensch hat
 einen Plan, den er verfolgt, ein Ziel, welches er erreichen möchte. Dies
 tut er oft nicht bewusst, sein Leben richtet sich aber trotzdem danach aus.

 Aufgrund dieser Vorgabe, was zu erreichen erstrebenswert angesehen wird,
 können einzelne Charakterzüge der Persönlichkeit ausgeprägt und vom
 Menschenkenner verstanden werden. Diese Charakterzüge sind nicht angeboren,
 sie sind Hilfsmittel auf dem Weg des Lebens in Richtung auf das gesetzte
 Ziel und prägen sich in dieser Weise aus. Sie bedingen auch nicht zwangs-
 läufig einer Richtung, oft haben gegensätzliche Ausprägungen in einzelnen
 oder verschiedenen Menschen gleiche Zielgründe, Menschen können aggressiv
 vorgehen oder ausweichen und ihr Problem umgehen und trotzdem gleiche Ziele
 haben.

 Für den Therapeuten, der einen Patienten kennen lernen möchte um diesem bei
 der Lösung seine Probleme hilfreich zu sein, gilt, daß er nicht augen-
 blickliche Regungen oder Charaktereigenschaften für sich gestellt finden
 und interpretieren soll. Eine Interpretation kann nämlich in diesem Falle
 nicht stattfinden, da der Therapeut zwar eine Neigung feststellen und diese
 beim Namen nennen kann, diese aber nicht in den Komplex des Patienten und
 dessen Lebensweg einsortieren vermag. Nötig ist also, mit Hilfe möglichst
 umfassender Erkenntnisse eine Entwicklungslinie des Patienten aufzuzeigen
 und diese zu analysieren.

              Die aggressiven Charakterzüge

 Adlers Einteilung der Charakterzüge beginnt mit jenen aggressiver Natur.

 Da jedoch alle charakterlichen Unarten des Menschen gleiche Zielsetzungen
 haben, nämlich Minderwertigkeiten zu überwinden und Macht anzustreben, ist
 eine Unterteilung der Charakterzüge nach diesem Gesichtspunkt nicht
 möglich. Aggressive Wesenseinschläge sollen hier nun als Charakterzüge
 primär gegen Andere verstanden sein, jene nicht aggressiver Natur hingegen
 sind primär gegen sich selbst gerichtet und versuchen auf diese Weise, das
 ja immer gegen die Umwelt gerichtete Vorhaben durchzusetzen.

 Die Eitelkeit und der Ehrgeiz, von Alfred Adler gleichgesetzt in seiner
 Charakteristik, zeichnen sich dadurch aus, dass der oder die von ihr Be-
 fallene geneigt ist, sich selbst zu erhöhen, besser dazustehen als andere.

 Adler beschreibt in seinem in den Zwanziger Jahren erschienenen Buch den
 Ehrgeiz als etwas in jedem Falle negatives.

 Diese Einstellung hat sich, sicherlich durch den Einfluss der modernen
 Gesellschaft mit ihrer Einzelkämpfermentalität, gewandelt. Ehrgeiz ist
 durchweg positiv verstanden und wird mit Leistungsbereitschaft gleichge-
 setzt. In der Menschenkenntnis ist der gesunde Charakter einer, der gemein-
 schaftlich denkt und handelt. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und ohne
 seine mitmenschliche Umwelt würde auch jede Charaktereigenschaft ihren Sinn
 verlieren, weil sie ohne Zielobjekt nicht zur Geltung kommen kann. Ehrgeiz
 wird von Adler immer als Streben dargestellt, auf Kosten der Gemeinschaft
 die eigene Position zu verbessern. Dass das überwiegend der Fall ist, dürfte
 nicht zuletzt an einer kulturell entwickelten Unart des Absahnens liegen,
 aber nicht vergessen werden darf, dass sich so mancher Ehrgeiz entwickelt
 hat, der durchaus Gemeinschaft fördernd ist. Und dies nicht nur durch Zu-
 fall, sondern beabsichtigt. Es gibt Menschen, die in selbstloser Weise,
 bisweilen sogar fanatisch ehrgeizig um ihre Mitmenschen bemüht waren, etwa
 die Märtyrer. Sie haben zwar möglicherweise aus eitlen Beweggründen ge-
 handelt, aber durchaus im Sinne der Gemeinschaft.

 Eitelkeit ist der Ausdruck der Selbsterhöhung aufgrund eines Minderwertig-
 keitsgefühls, das nicht ertragen wird. Der Eitle sucht den Fehler nicht bei
 sich sondern findet ihn beim Gegenüber. Dieser kann dümmer sein oder ärmer,
 er kann einer niedrigeren gesellschaftlichen Klasse angehören oder anderen
 Geschlechts sein als er, wird in jedem Falle die Kritik des Eitlen ertragen
 müssen.

 Ausdruck von bedrohter Überlegenheit ist zum einen die Eifersucht.

 Der ältere Geschwister spürt oder glaubt zu spüren, dass ein Teil der
 an ihn gerichteten Zuneigung und Beschäftigung nun auf die jüngere
 Schwester oder den jüngeren Bruder übergegangen ist. Das ist normal,
 war das Kind bisher alleine, so muss nun die Aufmerksamkeit der Eltern
 geteilt sein und das kleinere Kind erfordert zumeist mehr Aufwand und
 erfährt oft auch wirklich mehr Hingabe als das Erstgeborene.

 Schwierigkeiten und Unwissen, das die Eltern noch beim ersten Kind
 hatten, treten zurück und können einem fehlerloseren
 Erziehungsversuch platz machen. Es entwickelt sich eine Eifersucht,
 die sich gegen Eltern und das insbesondere das Brüderchen oder
 Schwesterchen richtet. Bosheiten, tätliche Angriffe bis hin zum Mord
 können die Folge sein. Versucht wird, den alten Zustand wieder
 herzustellen. In den Liebesbeziehungen entwickelt sich die Eifersucht
 zu einem Mittel, den Partner an sich zu binden mit Drohungen,
 Leidklagen, und Vorwürfen um ein vermutetes Abwenden zu
 verhindern. Die Eifersucht ist eine moralische Schlinge um die Seele
 des Anderen und kann Angst und Furcht beim Befallenen auslösen.

 Sogar krank vor Eifersucht kann man werden und daran sterben, alles
 aus taktischen Gründen.

 Gar nicht so unähnlich ist der Charakterzug des Neides. Hierbei wird
 das als ungerecht empfundene Schicksal im Vergleich zu einer
 anderen Person oder Personengruppe beklagt. Neid ist Eitelkeit, die zu
 keiner Befriedigung gelangt ist. Neidisch sein können, wie Adler richtig
 bemerkt, auch Menschen- und Volksgruppen, die in irgendeiner Weise
 unterdrückt oder von Dingen ausgeschlossen werden. Diese Art des
 Neides findet bei ihm durchaus Berechtigung.

 Der Neidische wird abwägen, vergleichen um festzustellen, ob er in
 irgendeiner Weise zu kurz gekommen ist. Er wird daraufhin den
 Anderen zu schmälern versuchen, wenn es ihm nicht gelingt, ebenso
 ausgestattet zu werden. Ein Mensch, der ein Haus abbrennt, weil er
 selbst keines hat oder mit seinem nicht zufrieden ist, wird vom Neid
 geplagt. Geholfen ist jedoch damit niemandem, weder ihm noch den
 anderen Menschen, höchstens vielleicht seinem gekränkten Charakter,
 der eine gewisse Befriedigung erfahren durfte.

 An dieses Verhalten anknüpfbar ist der Geiz. Dieser bewegt einen
 Menschen, unter Angst um seine Machtposition all seine Güter fest
 beieinander zu halten und zu schützen. Diese Güter müssen nicht
 immer monetärer Natur sein, es gibt Leute, die mit Freundlichkeit
 geizen, ja sogar mit Worten. Auf ihnen ruht die Furcht, durch
 Freigiebigkeit könnte ein Stück der eigenen Überlegenheit und Macht
 dem Anderen gegenüber abgebaut, die eigene Position geschwächt
 werden. Insbesondere das Geld bietet, sowohl laut Aussage jener, die
 es besitzen als auch derer, die es nicht haben, die Möglichkeit, all das
 zu erreichen, was dem Normalbürger nicht ermöglicht ist. Über das
 vernünftige Maß an Lebensqualität, der Versorgung mit Nahrung,
 Unterkunft und gesellschaftlicher Umwelt hinaus, das hierzulande
 jedem Menschen gegeben sein sollte, bietet das Geld angeblich die
 Macht, jeden eigenen Willen durchsetzen zu können, falls man nur
 genügend davon hat. Gestärkt wird diese Macht durch die vielen
 Menschen, die bereit sind, für ebenjenes Tauschmittel alles zu tun und
 alles geschehen zu lassen und durch jene Mitbürger, die den Reichen
 wirklich für einen besseren Menschen halten und ihm die Macht
 zusprechen, die sie vielleicht viel lieber selbst gerne hätten und sich
 trösten, sie müssen noch so lange auf dessen Befriedigung warten, bis
 auch sie zu Reichtum gekommen sind.

 Der aggressivste der aggressiven Charakterzüge ist zweifelsohne der
 Haß. Er zielt auf eine kurzfristig erlangte Macht und direkte Schädigung
 des Gegenübers. Der Hassende kann sich in wilder Weise auf seinen
 Kontrahenten stürzen und ihn zu verletzen oder zu töten trachten. Er
 kann aber ebenso still vor sich hin hassen oder hinterrücks Fallen
 aufstellen und Pläne schmieden.

 Der Zornausbruch erreicht einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen
 Normen des Miteinander und spitzt auf diese Weise eine Situation zu, in
 der der Angegriffene, sollte er weiterhin gesellschaftlichen Moralvor-
 stellungen entsprechend handeln, zum offensichtlichen Verlierer wird.

 Sollte er versuchen, dem Zorn des Anderen mit logischen Argumenten ent-
 gegenzutreten, so bestätigt er damit, dass dieser Ausbruch durchaus eine
 Rechtfertigung zu haben scheint. Wird er hingegen jede Reaktion vermeiden
 und die Attacke ignorieren, so bringt er selbst sich in die Position des
 Feiglings, der eingezogenem Schwanz den Rückzug antritt.

 Dies wird  sich, auch wenn es der Attackierte selbst nicht so empfinden
 mag, dem Zornigen mit Genugtuung so darstellen und da sich diese Art
 der Problemlösung zu lohnen scheint, wird er sie in Zukunft sicher auch
 weiterhin als eine solche einsetzen. Besonders bei Kindern, bei denen
 zum einen die moralischen Schranken des gesellschaftlichen Umgangs
 noch nicht so tief verankert sind und die zum anderen auch noch sehr
 großen Spannungen durch ihre offensichtliche Minderwertigkeit
 ausgesetzt sind, kommt es häufig zu Zornesausbrüchen, oft begleitet
 mit tätlichen Angriffen.

 Eine indirektere Form des Hasses stellt Adler in der Fahrlässigkeit dar.
 Die böse Absicht verschleiert sich beim Täter in einer
 Unaufmerksamkeit, einer Unachtsamkeit, die zu einem Unglück führt.
 Adler nennt den vom Fensterbrett fallenden Blumentopf als ein Beispiel
 von Fahrlässigkeit und beschreibt die Schwierigkeiten, die in der
 Rechtsprechung mit solchen Fällen auftreten.

 Die Fahrlässigkeit ist eine Tat aus dem Unbewussten. Sie wird gewollt,
 ist aber nicht erlaubt und wenn sie durchgeführt wird, ist der Charakter
 befriedigt und trotzdem von der Schuld nicht belastet. In der heutigen
 Rechtsprechung steht zwischen Fahrlässigkeit und Schuld noch die
 grobe Fahrlässigkeit. Ein Autofahrer, der an einem gefährlichen
 Straßenabschnitt oder bei Nebel zu schnell fährt, handelt mindestens
 grob Fahrlässig oder sogar vorsätzlich, er provoziert ein Unglück, aus
 welchen Gründen auch immer.

 Die nicht primär aggressiven Charakterzüge

 Ein Mensch, der sich nicht am gesellschaftlichen Umfeld beteiligt, sich
 also ausschließt, handelt aus einem Charakterzug heraus, der nicht als
 primär aggressiv  verstanden werden kann, wird doch keine andere
 Person direkt attackiert, der aber dennoch auf eine Durchsetzung
 eigener Interessen gerichtet ist.

 Der Zurückgezogene beispielsweise gleicht einem Hungerstreikenden.

 Durch sein unnatürliches Verhalten möchte er die Gesellschaft
 zwingen, den persönlichen Wünsche zu folgen. Der Zurückgezogene
 distanziert sich von seiner Umwelt und baut damit über jene, die sich
 ihm trotzdem nähern, eine Machtposition auf. Er ist in der Lage, eine
 ausgestreckte Hand zurückzuweisen, da er selbst keine Anstalten
 macht, als erster die Initiative zu ergreifen, er kann entscheiden, ob ein
 Kontakt, ein Handschlag zustande kommt. In unserer Gesellschaft ist
 diese gegenseitige Wesensferne  etabliert, so sondern sich einzelne
 gesellschaftliche Gruppen von ihrer Umwelt ab, seien es Reiche oder
 bestimmten geistigen Zielen Nachstrebende. Immer halten diese sich
 für den besseren Teil der Menschen und deuten ihre Überhöhung
 durch ihre Abgesondertheit an. Die Angst vor Ansehensverlust anderen
 gegenüber, beispielsweise wegen einer passierten Lächerlichkeit, führt
 zu Gefühlskälte, besonders in den Teilen der Welt, in denen das
 Anhäufen von Macht als persönliches primäres Ziel in der Kultur
 Einklang gefunden hat.

 Diese Angst, die Angst vor Einsamkeit, vor Fremden, vor seiner Umwelt
 entspringt einer feindseligen Haltung, die der Mensch entwickelt und
 zum Modell seiner Lebensplanung gemacht hat. Er vermutet hinter
 jeder Geste einen Angriff, hinter jeder Ecke einen Räuber. Die Welt
 scheint aus Bösewichtern zu bestehen, die alle gegeneinander
 kämpfen, um zu bestehen. Es ist leicht ersichtlich, dass sich solch ein
 Charakter lieber in Deckung begibt und zurückzieht, um von dort aus
 den vielfältigen Angriffen des Lebens besser parieren zu können.

 Dieses Angstgefühl kann sich bis in die motorischen Verhaltensweisen
 und die Körperhaltung bemerkbar machen. So wie viele
 Charaktereigenschaften äußerlich ablesbar sind, ist auch die Angst zu
 erkennen. Sie zeigt sich in der defensiven zusammengezogenen
 Haltung, in angstvollem Umherschauen und leichtem Erschrecken. Der
 Hass hingegen, ein herausstrebendes Gefühl, stellt sich in der
 Offensive dar, in den lauten donnernden Tönen, dem ausgestreckten,
 nach vorne geworfenem Körper.

 Offene Haltung, unverkniffenes Gesicht und nicht verschränkte Arme
 hingegen kennzeichnen einen aufnahmebereiten Charakter, mit dem
 es sich leicht anfreunden und auskommen lässt, scheint er doch keine
 Bestrebungen nach Macht zu hegen.

 Die tiefere Bedeutung von auftretenden Ängsten beim Menschen, die
 scheinbar unbegründet und nicht erklärbar sind, hat Adler nicht erfasst.
 Die Phobien gegen Spinnen, Dunkelheit oder die Fliegerei finden ihren
 Ursprung ja nicht nur in der direkten Angst und dem Hilferuf an Andere
 zum Zwecke der Machtausübung.

 Ausdruck eigenen Misstrauens gegen sich selbst ist die Zaghaftigkeit.
 Der bereits vor einer Prüfung versagende Schüler unterscheidet sich
 von dem im Verlaufe seiner Prüfung scheiternden. Letzterer hat sein
 Versagen aufgrund seiner mangelnden Leistung selbst zu
 verantworten, er muss sich sagen (und sagen lassen), er habe sich
 nicht ausreichend vorbereitet oder er sei nicht in der Lage, eine solche
 Prüfung zu bewältigen. Anders und viel eleganter ergeht es dem
 bereits vor der Prüfung versagendem Schüler. Dieser hat eventuell
 kurz vorher eine schlimme Krankheit bekommen und ärgert sich nun
 darüber, da er ja nur noch diese eine Prüfung zu bewältigen hatte, die
 für ihn auch kein Problem mehr war. Nun allerdings kann er leider nicht
 teilnehmen und sein Können unter Beweis stellen. In Wirklichkeit ist er
 aber unbewusst glücklich, nicht vor einer Situation gestanden zu haben,
 in der er sich hätte eingestehen müssen, dass er versagt hat. Hätte er
 die Prüfung gemacht und nicht bestanden, dann stände es fest, er
 selbst ist nicht in der Lage gewesen, zu bestehen. So nun allerdings
 waren die Umstände gegen ihn, persönlich braucht er sich nicht haftbar
 zu machen.

 Die Zaghaftigkeit erlaubt dem Menschen, seine Fähigkeiten gegen eine
 objektive Verifizierung durch die Umwelt abzuschotten und weiter zu
 pflegen. Er ist verhinderter Künstler, Genius, Sportler oder Casanova,
 lediglich die Umstände waren gegen ihn und seine Fähigkeiten.

 Gegen Ende seiner Ausführungen über die Charakterzüge
 nichtaggressiver Natur beschreibt Adler die ungezähmten Triebe als
 Ausdruck verminderter Anpassung. Nägelkauen, Nasebohren und das
 Tragen ungepflegter Kleidung als Ausdruck der Ablehnung von
 Menschen ihrer Umwelt gegenüber. Diese Art des Protests hat sich in
 den letzten drei Jahrzehnten zu einer Standartvariante entwickelt, Jede
 Generation von Jugendlichen bricht aufs neue mit den kulturellen
 Konventionen, trägt ihre Formen des Protests in Kleidung und
 Verhalten nach außen. Sie will aber nicht unbedingt, wie noch bei Adler
 auf Einzelpersonen beschrieben, sich ausgrenzen, sondern vielmehr
 innerhalb der Gesellschaft eine Position einnehmen und zu Gehör
 kommen.

          Sonstige Ausdrucksformen des Charakters

 Im weiteren Verlauf seiner Charakterlehre beschreibt Adler noch
 weitere Charakterzüge, die er scheinbar nicht in die aggressiven und
 nichtaggressiven einzuordnen wusste.

 Er beginnt mit der Heiterkeit, die prinzipiell als die schönste und
 angenehmste Eigenschaft anzusehen ist, die ein Mensch seiner
 Umwelt gegenüber haben kann. Einem solchen Zeitgenossen mit
 seinem offenherzigen Wesen wird nicht der Verdacht begegnen, er sei
 daran interessiert, andere Menschen zu unterdrücken und ihm wird aus
 diesem Grunde auch viel Sympathie entgegen wachsen.

 Der schülerhafte Typus, Adlers nächstes Charakter, wird sich in der
 Gesellschaft der anderen ständig beweisen müssen. Er prahlt
 ungefragt mit Wissen und Leistungsdaten und zeigt somit sehr deutlich
 das Gefühl der Minderwertigkeit, das ihn quält. Ebenso von der
 Verwertung fremder Aussagen lebt der Mensch, der sich überwiegend
 auf das Herunterzitieren von Phrasen und Sprichwörtern beschränkt
 und mit diesen für jede Situation des Lebens die vermeintlich
 passende Antwort parat hält. Eine Eingeschränktheit ihres aktiven
 Denkens und Kritiklosigkeit sei diesen Gestalten bescheinigt.

 Die Welt in Regelmäßigkeiten und mathematische Gesetze einzuteilen
 versucht die Wissenschaft Zeit ihres Bestehens. Dies auf eine
 krankhafte Weise zu tun, sein Leben in Schablonen einzufügen, die mit
 einer Regel besetzt sind und programmgemäß ablaufen, ist Art der
 Prinzipienmenschen. Der Weg zur Arbeit, die täglich immer wieder
 anfallenden Abläufe werden in Muster gepresst, die sich formelhaft
 wiederholen lassen. Außerhalb dieses formatierten Lebens findet
 große Unsicherheit statt, da von diesen Menschen die scheinbar nötige
 Regelmäßigkeit vermisst wird. Spleenig und pedantisch mag es anmuten,
 wenn die Ordnungsliebe überhand nimmt und alles seinen Platz hat,
 den es unter keinen Umständen zu verlassen hat. Gefährlich wird es,
 wenn aus Prinzipienreiterei Menschen geopfert werden, wenn auf
 unsinnige Gesetze und in Ausnahmesituationen auf die Einhaltung der
 Regel gepocht wird. Die unsoziale Gewissenhaftigkeit ist ein
 Phänomen, dass uns etwa in Amtsstuben in den unteren
 Besamtenkategorien allzu häufig begegnet.

 Des Eitlen liebstes Kind sind die Unterwürfigen. Sie lassen nicht nur
 protestlose einigen Machtanspruch über sich ergehen, sie finden sich
 sogar zurecht in dieser Rolle. Oft findet sich diese Art der
 Dienerhaltigkeit bei ganzen Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Was
 zu Adlers Zeiten galt und heute nicht viel anders ist, ist die Bereitschaft
 der Frauen, auf Dinge und auf Selbständigkeit zu verzichten zugunsten
 ihrer Ehemänner. Dies ist schon strukturell in dieser Kultur verankert,
 Frauenarbeit ist zumeist weniger wert als die des Mannes, Hausarbeit
 und Kindererziehung, die überwiegend von Frauen übernommen
 werden, werden als Selbstverständlich dargestellt und kaum honoriert.

 Der Unterwürfige ist immer bereit, aufgestellten Regeln folge zu leisten,
 entbindet es ihn doch von Verantwortung und eigener Initiative.
 Wenig Unterschied zu den Eitlen zeigen die Überheblichen, Adler führt
 sie noch einmal an. Sie sind die Menschen, die das Ruder in der Hand
 halten wollen, eine passende Ergänzung zu den Unterwürfigen.

 Empfindlich und ganz nach persönlicher Stimmung schwankend in
 ihren Einstellungen, die Stimmungsmenschen sind mal fröhlich und mal
 schwermütig, sie lassen sich begeistern und schrecken vor
 Hindernissen leicht zurück. Der Ausdruck des stimmungsabhängigen
 Charakters hilft oftmals, für Aufgaben erst gar nicht vorgesehen zu
 werden, die unangenehm sein könnten. Die Mitmenschen entscheiden
 dann aus Mitgefühl oder Vorsicht, er könne daran versagen, gegen den
 Stimmungsmenschen, der sich damit glänzend gerettet sieht.

 Eine ähnliche Rettung erfährt auch derjenige, der nur allzu oft schon
 gescheitert ist. Das sind die Pechvögel, die alles, was sie angehen,
 vermasseln. Jedoch nicht aus bösem Willen, wie es scheint, sondern
 weil das Schicksal oder eine schlechtgelaunte Gottheit es so wollte.

 Nicht der Mensch hat versagt, sondern es konnte einfach nicht
 klappen, weil er vom Pech verfolgt oder vom Schicksal geschlagen ist.

 Eine leicht lokalisierbare Form des Weiterreichens eigener
 Schwächen, des Sündenbocks an externe Quellen.

 Besonders den Gottheiten verpflichtet sind die religiösen Menschen.
 Sie überlassen eigene Entscheidungen ihrem Glauben und können
 somit die getroffenen Lebenswege gänzlich auf ihren Gott und dessen
 unergründliche Wege abwälzen, sollte etwas schief gehen. Interessant
 sind zudem diejenigen Menschen, die sich von Gott besonders
 ausersehen fühlen, zu leiden. Sie zeigen nur allzu deutlich ihre
 Überheblichkeit, da sogar ein Gott sich mit ihnen persönlich
 beschäftigt.

                            Fazit

 All diese Eigenarten und Charakterzüge kann der Mensch natürlich
 nicht öffentlich zur Schau tragen. Sie sind in unserer Gesellschaft
 verpönt und ein eitler Mensch wird nur allzu freundlich sein, um seinen
 Charakter von ihm nicht gehorchenden Personen zu verdecken. Wer
 offenkundig mit den gesellschaftlich nicht konformen Verhaltensweisen
 hantiert, wird mit der Zeit von dieser ausgeschlossen, und das wäre für
 niemanden erstrebenswert. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und an
 diese gebunden. So lässt sich auch die Verborgenheit erklären, mit der
 der Mensch seinen persönlichen Zielen nachgeht, und die ihm oft
 genug nicht einmal ermöglichen, seinen Lebensplan zu definieren.

 Dieser wird im Unbewussten versteckt gehalten, weil er mit der
 moralischen Vorstellung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens
 nicht konform ist. Es werden kunstvolle Erklärungsmuster entwickelt,
 die vordergründig eigenes Verhalten oder Versagen erklären, in
 Wirklichkeit bieten diese jedoch nur den Regenschirm gegen das
 gesellschaftliche und persönlichkritische Unwetter, das auf solch ein
 Verhalten folgen muss.

 Der Therapeut muss nun, anhand der verschiedenen Quellen und
 Darstellungen versuchen, ein Band zu knüpfen, das den wahren
 Charakter und dessen Zielstreben beschreibt. Er nimmt hierzu das
 Wesen des Patienten und interpretiert es im gesamten Zusammenhang
 seiner Wünsche und seiner Taten. Oft ist dem Menschen schon durch
 die Erkenntnis seiner Ziele geholfen, er kann sich ihrer bewusst werden
 und sich mit ihnen beschäftigen. Daran anknüpfend hat er die
 Möglichkeit, sein Verhalten zu ändern und in ein angenehmeres
 Gleichgewicht mit seiner Umwelt zu kommen.

 Quellenangabe:

 Alfred Adler, Menschenkenntnis, Frankfurt am Main, in der Ausgabe
 vom Januar 1993

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