Hausarbeit bei Prof. Dr. Correll zum Seminar
"Tiefenpsychologische Systeme und Erziehung"
im SS 1993
angefertigt von
Stephan Göbel, L3, Sozialkunde, Germanistik
7. Studiensemester
Vorab
Zwei Dinge sind es, die nach Alfred Adler den Menschen zu seinem Tun
verleiten, ihm den Grund geben, zu handeln:
Seine Minderwertigkeit und sein Streben nach Macht und Überlegenheit.
Mit Beginn seines noch recht schutzbedürftigen und unselbständigen
Lebens ist der Mensch in eine Situation hineingestoßen, die ihm seine
eigene Hilflosigkeit drastisch vor Augen führt. Ohne Hilfe von außen ist
dieses Wesen nicht in der Lage zu überleben und auch nur die elementar-
sten Bedürfnisse wie etwa die Nahrungsaufnahme zu bewältigen. Das führt
Zwangsläufig zu einem Gefühl der Minderwertigkeit anderen Personen gegen-
über, beispielsweise den Eltern, die problemlos all das tun oder unter-
lassen können, was das junge Geschöpf so gerne selbst erreichen möchte.
Augenscheinlich ändert lässt sich diese Situation, solange der kleine
Mensch noch nicht kräftemäßig selbst dazu in der Lage ist, für sich
selbst zu sorgen, in dem er andere dorthin lenkt, wo sie seiner Meinung
nach am dringernsten gebraucht werden, nämlich an Ort und Stelle seiner
Bedürfnisse. Erreichen wird er dies durch Macht, denn im täglichen Um-
gang mit den Menschen wird er erkennen, dass es solche gibt, die Macht
haben und ausüben und damit zu ihren Zielen gelangen. Das kann ein über
ihn oder den Ehepartner herrschender Elternteil, der das Kommando führt,
sein. Das kann er aber auch an sich selbst entdecken, wenn er feststellt,
dass die Mutter auf sein Schreien hin kommt und sich mit ihm beschäftigt.
Eine wunderbare Methode, die bei so manchem Zeitgenossen auch im hohen
Alter noch Verwendung findet.
Besonders schlimmen Eindruck für das Seelenleben des Kindes über das
normale Gefühl der Minderwertigkeit hinaus macht es, wenn eine Organ-
minderheit von seitens der Umwelt vermittelt wird, etwa eine Behinderung.
Wird das Kind gehänselt und ihm vermittelt, es sei weniger Wert (bei-
spielsweise als der größere Bruder), führt dies in vielen Fällen zu einer
Dramatisierung der Minderwertigkeit.
Zur tatsächlichen Schwäche, die dem kleinen Menschen bewusst wird, kommt
oft eine weitere, darüber hinaus gehende. Es ist das Gefühl einer einge-
bildeten Organminderheit, etwa "Ich bin hässlich" oder "ich habe riesige
Ohren". Sie kann sich durch Zufall, etwa aus einer in der Umgebung aufge-
schnappten Bemerkung entwickeln oder sonst wie aus einer Phantasie heraus
eingebildet sein. In ihrem Charakter unterscheidet sie sich nicht von
einer Organminderheit üblichen Sinns und kann ebenso zur Steigerung der
Minderwertigkeit führen.
Die von Adler beschriebene Minderwertigkeit der Mädchen gegenüber Jungen,
etwa männlichen Geschwistern, steht in heutiger Zeit natürlich nicht mehr
in jener Brisanz, die sie aufgrund massiver Benachteiligung der Frau am
Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts hatte und die in dieser Zeit zu den
von Adler beschriebenen Frauenprotesten führte.
Jedoch kann auch heutzutage eine Frau oder ein junges Mädchen durchaus von
der Gesellschaft vermittelt bekommen, es sei weniger Wert als der Mann oder
der Bruder.
Andererseits kann aber auch die Minderwertigkeit eines Organs gerade dessen
Überdurchschnittlichkeit fördern, versteht es nur die Person, genügend
Kraft in dessen Ausgleich zu entwickeln. Adler nimmt den gehörkranken
Beethoven als Beispiel dieser Leistungsfähigkeit.
Napoleon, ein Mann von kleiner Statur, schwingt sich zu einem Herrscher von
riesiger Macht und Größe auf und zeigt damit, wie sehr er diesen Ausgleich
benötigt. Einige Jahrhunderte später entwickelt ein eher hässliches dunkel-
haariges Männchen, dem die Talentlosigkeit in der Malerei bescheinigt
wurde, die Theorie von der Überlegenheit des wohlgeratenen blonden und
blauäugigen Geschlechts und ein am Bein Verkrüppelter propagiert dies in
die Welt hinaus und gemeinsam werden sie Massenmörder von ungezählten
kranken und behinderten Menschen.
Die beiden fundamentalen Bestrebungen, die Adler beim Menschen diagnostizierte, bestimmen das Leben in drastischer Weise. Der Mensch hat einen Plan, den er verfolgt, ein Ziel, welches er erreichen möchte. Dies tut er oft nicht bewusst, sein Leben richtet sich aber trotzdem danach aus. Aufgrund dieser Vorgabe, was zu erreichen erstrebenswert angesehen wird, können einzelne Charakterzüge der Persönlichkeit ausgeprägt und vom Menschenkenner verstanden werden. Diese Charakterzüge sind nicht angeboren, sie sind Hilfsmittel auf dem Weg des Lebens in Richtung auf das gesetzte Ziel und prägen sich in dieser Weise aus. Sie bedingen auch nicht zwangs- läufig einer Richtung, oft haben gegensätzliche Ausprägungen in einzelnen oder verschiedenen Menschen gleiche Zielgründe, Menschen können aggressiv vorgehen oder ausweichen und ihr Problem umgehen und trotzdem gleiche Ziele haben. Für den Therapeuten, der einen Patienten kennen lernen möchte um diesem bei der Lösung seine Probleme hilfreich zu sein, gilt, daß er nicht augen- blickliche Regungen oder Charaktereigenschaften für sich gestellt finden und interpretieren soll. Eine Interpretation kann nämlich in diesem Falle nicht stattfinden, da der Therapeut zwar eine Neigung feststellen und diese beim Namen nennen kann, diese aber nicht in den Komplex des Patienten und dessen Lebensweg einsortieren vermag. Nötig ist also, mit Hilfe möglichst umfassender Erkenntnisse eine Entwicklungslinie des Patienten aufzuzeigen und diese zu analysieren.
Adlers Einteilung der Charakterzüge beginnt mit jenen aggressiver Natur. Da jedoch alle charakterlichen Unarten des Menschen gleiche Zielsetzungen haben, nämlich Minderwertigkeiten zu überwinden und Macht anzustreben, ist eine Unterteilung der Charakterzüge nach diesem Gesichtspunkt nicht möglich. Aggressive Wesenseinschläge sollen hier nun als Charakterzüge primär gegen Andere verstanden sein, jene nicht aggressiver Natur hingegen sind primär gegen sich selbst gerichtet und versuchen auf diese Weise, das ja immer gegen die Umwelt gerichtete Vorhaben durchzusetzen. Die Eitelkeit und der Ehrgeiz, von Alfred Adler gleichgesetzt in seiner Charakteristik, zeichnen sich dadurch aus, dass der oder die von ihr Be- fallene geneigt ist, sich selbst zu erhöhen, besser dazustehen als andere. Adler beschreibt in seinem in den Zwanziger Jahren erschienenen Buch den Ehrgeiz als etwas in jedem Falle negatives. Diese Einstellung hat sich, sicherlich durch den Einfluss der modernen Gesellschaft mit ihrer Einzelkämpfermentalität, gewandelt. Ehrgeiz ist durchweg positiv verstanden und wird mit Leistungsbereitschaft gleichge- setzt. In der Menschenkenntnis ist der gesunde Charakter einer, der gemein- schaftlich denkt und handelt. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und ohne seine mitmenschliche Umwelt würde auch jede Charaktereigenschaft ihren Sinn verlieren, weil sie ohne Zielobjekt nicht zur Geltung kommen kann. Ehrgeiz wird von Adler immer als Streben dargestellt, auf Kosten der Gemeinschaft die eigene Position zu verbessern. Dass das überwiegend der Fall ist, dürfte nicht zuletzt an einer kulturell entwickelten Unart des Absahnens liegen, aber nicht vergessen werden darf, dass sich so mancher Ehrgeiz entwickelt hat, der durchaus Gemeinschaft fördernd ist. Und dies nicht nur durch Zu- fall, sondern beabsichtigt. Es gibt Menschen, die in selbstloser Weise, bisweilen sogar fanatisch ehrgeizig um ihre Mitmenschen bemüht waren, etwa die Märtyrer. Sie haben zwar möglicherweise aus eitlen Beweggründen ge- handelt, aber durchaus im Sinne der Gemeinschaft. Eitelkeit ist der Ausdruck der Selbsterhöhung aufgrund eines Minderwertig- keitsgefühls, das nicht ertragen wird. Der Eitle sucht den Fehler nicht bei sich sondern findet ihn beim Gegenüber. Dieser kann dümmer sein oder ärmer, er kann einer niedrigeren gesellschaftlichen Klasse angehören oder anderen Geschlechts sein als er, wird in jedem Falle die Kritik des Eitlen ertragen müssen. Ausdruck von bedrohter Überlegenheit ist zum einen die Eifersucht. Der ältere Geschwister spürt oder glaubt zu spüren, dass ein Teil der an ihn gerichteten Zuneigung und Beschäftigung nun auf die jüngere Schwester oder den jüngeren Bruder übergegangen ist. Das ist normal, war das Kind bisher alleine, so muss nun die Aufmerksamkeit der Eltern geteilt sein und das kleinere Kind erfordert zumeist mehr Aufwand und erfährt oft auch wirklich mehr Hingabe als das Erstgeborene. Schwierigkeiten und Unwissen, das die Eltern noch beim ersten Kind hatten, treten zurück und können einem fehlerloseren Erziehungsversuch platz machen. Es entwickelt sich eine Eifersucht, die sich gegen Eltern und das insbesondere das Brüderchen oder Schwesterchen richtet. Bosheiten, tätliche Angriffe bis hin zum Mord können die Folge sein. Versucht wird, den alten Zustand wieder herzustellen. In den Liebesbeziehungen entwickelt sich die Eifersucht zu einem Mittel, den Partner an sich zu binden mit Drohungen, Leidklagen, und Vorwürfen um ein vermutetes Abwenden zu verhindern. Die Eifersucht ist eine moralische Schlinge um die Seele des Anderen und kann Angst und Furcht beim Befallenen auslösen. Sogar krank vor Eifersucht kann man werden und daran sterben, alles aus taktischen Gründen. Gar nicht so unähnlich ist der Charakterzug des Neides. Hierbei wird das als ungerecht empfundene Schicksal im Vergleich zu einer anderen Person oder Personengruppe beklagt. Neid ist Eitelkeit, die zu keiner Befriedigung gelangt ist. Neidisch sein können, wie Adler richtig bemerkt, auch Menschen- und Volksgruppen, die in irgendeiner Weise unterdrückt oder von Dingen ausgeschlossen werden. Diese Art des Neides findet bei ihm durchaus Berechtigung. Der Neidische wird abwägen, vergleichen um festzustellen, ob er in irgendeiner Weise zu kurz gekommen ist. Er wird daraufhin den Anderen zu schmälern versuchen, wenn es ihm nicht gelingt, ebenso ausgestattet zu werden. Ein Mensch, der ein Haus abbrennt, weil er selbst keines hat oder mit seinem nicht zufrieden ist, wird vom Neid geplagt. Geholfen ist jedoch damit niemandem, weder ihm noch den anderen Menschen, höchstens vielleicht seinem gekränkten Charakter, der eine gewisse Befriedigung erfahren durfte. An dieses Verhalten anknüpfbar ist der Geiz. Dieser bewegt einen Menschen, unter Angst um seine Machtposition all seine Güter fest beieinander zu halten und zu schützen. Diese Güter müssen nicht immer monetärer Natur sein, es gibt Leute, die mit Freundlichkeit geizen, ja sogar mit Worten. Auf ihnen ruht die Furcht, durch Freigiebigkeit könnte ein Stück der eigenen Überlegenheit und Macht dem Anderen gegenüber abgebaut, die eigene Position geschwächt werden. Insbesondere das Geld bietet, sowohl laut Aussage jener, die es besitzen als auch derer, die es nicht haben, die Möglichkeit, all das zu erreichen, was dem Normalbürger nicht ermöglicht ist. Über das vernünftige Maß an Lebensqualität, der Versorgung mit Nahrung, Unterkunft und gesellschaftlicher Umwelt hinaus, das hierzulande jedem Menschen gegeben sein sollte, bietet das Geld angeblich die Macht, jeden eigenen Willen durchsetzen zu können, falls man nur genügend davon hat. Gestärkt wird diese Macht durch die vielen Menschen, die bereit sind, für ebenjenes Tauschmittel alles zu tun und alles geschehen zu lassen und durch jene Mitbürger, die den Reichen wirklich für einen besseren Menschen halten und ihm die Macht zusprechen, die sie vielleicht viel lieber selbst gerne hätten und sich trösten, sie müssen noch so lange auf dessen Befriedigung warten, bis auch sie zu Reichtum gekommen sind. Der aggressivste der aggressiven Charakterzüge ist zweifelsohne der Haß. Er zielt auf eine kurzfristig erlangte Macht und direkte Schädigung des Gegenübers. Der Hassende kann sich in wilder Weise auf seinen Kontrahenten stürzen und ihn zu verletzen oder zu töten trachten. Er kann aber ebenso still vor sich hin hassen oder hinterrücks Fallen aufstellen und Pläne schmieden. Der Zornausbruch erreicht einen Zusammenbruch der gesellschaftlichen Normen des Miteinander und spitzt auf diese Weise eine Situation zu, in der der Angegriffene, sollte er weiterhin gesellschaftlichen Moralvor- stellungen entsprechend handeln, zum offensichtlichen Verlierer wird. Sollte er versuchen, dem Zorn des Anderen mit logischen Argumenten ent- gegenzutreten, so bestätigt er damit, dass dieser Ausbruch durchaus eine Rechtfertigung zu haben scheint. Wird er hingegen jede Reaktion vermeiden und die Attacke ignorieren, so bringt er selbst sich in die Position des Feiglings, der eingezogenem Schwanz den Rückzug antritt. Dies wird sich, auch wenn es der Attackierte selbst nicht so empfinden mag, dem Zornigen mit Genugtuung so darstellen und da sich diese Art der Problemlösung zu lohnen scheint, wird er sie in Zukunft sicher auch weiterhin als eine solche einsetzen. Besonders bei Kindern, bei denen zum einen die moralischen Schranken des gesellschaftlichen Umgangs noch nicht so tief verankert sind und die zum anderen auch noch sehr großen Spannungen durch ihre offensichtliche Minderwertigkeit ausgesetzt sind, kommt es häufig zu Zornesausbrüchen, oft begleitet mit tätlichen Angriffen. Eine indirektere Form des Hasses stellt Adler in der Fahrlässigkeit dar. Die böse Absicht verschleiert sich beim Täter in einer Unaufmerksamkeit, einer Unachtsamkeit, die zu einem Unglück führt. Adler nennt den vom Fensterbrett fallenden Blumentopf als ein Beispiel von Fahrlässigkeit und beschreibt die Schwierigkeiten, die in der Rechtsprechung mit solchen Fällen auftreten. Die Fahrlässigkeit ist eine Tat aus dem Unbewussten. Sie wird gewollt, ist aber nicht erlaubt und wenn sie durchgeführt wird, ist der Charakter befriedigt und trotzdem von der Schuld nicht belastet. In der heutigen Rechtsprechung steht zwischen Fahrlässigkeit und Schuld noch die grobe Fahrlässigkeit. Ein Autofahrer, der an einem gefährlichen Straßenabschnitt oder bei Nebel zu schnell fährt, handelt mindestens grob Fahrlässig oder sogar vorsätzlich, er provoziert ein Unglück, aus welchen Gründen auch immer. Die nicht primär aggressiven Charakterzüge Ein Mensch, der sich nicht am gesellschaftlichen Umfeld beteiligt, sich also ausschließt, handelt aus einem Charakterzug heraus, der nicht als primär aggressiv verstanden werden kann, wird doch keine andere Person direkt attackiert, der aber dennoch auf eine Durchsetzung eigener Interessen gerichtet ist. Der Zurückgezogene beispielsweise gleicht einem Hungerstreikenden. Durch sein unnatürliches Verhalten möchte er die Gesellschaft zwingen, den persönlichen Wünsche zu folgen. Der Zurückgezogene distanziert sich von seiner Umwelt und baut damit über jene, die sich ihm trotzdem nähern, eine Machtposition auf. Er ist in der Lage, eine ausgestreckte Hand zurückzuweisen, da er selbst keine Anstalten macht, als erster die Initiative zu ergreifen, er kann entscheiden, ob ein Kontakt, ein Handschlag zustande kommt. In unserer Gesellschaft ist diese gegenseitige Wesensferne etabliert, so sondern sich einzelne gesellschaftliche Gruppen von ihrer Umwelt ab, seien es Reiche oder bestimmten geistigen Zielen Nachstrebende. Immer halten diese sich für den besseren Teil der Menschen und deuten ihre Überhöhung durch ihre Abgesondertheit an. Die Angst vor Ansehensverlust anderen gegenüber, beispielsweise wegen einer passierten Lächerlichkeit, führt zu Gefühlskälte, besonders in den Teilen der Welt, in denen das Anhäufen von Macht als persönliches primäres Ziel in der Kultur Einklang gefunden hat. Diese Angst, die Angst vor Einsamkeit, vor Fremden, vor seiner Umwelt entspringt einer feindseligen Haltung, die der Mensch entwickelt und zum Modell seiner Lebensplanung gemacht hat. Er vermutet hinter jeder Geste einen Angriff, hinter jeder Ecke einen Räuber. Die Welt scheint aus Bösewichtern zu bestehen, die alle gegeneinander kämpfen, um zu bestehen. Es ist leicht ersichtlich, dass sich solch ein Charakter lieber in Deckung begibt und zurückzieht, um von dort aus den vielfältigen Angriffen des Lebens besser parieren zu können. Dieses Angstgefühl kann sich bis in die motorischen Verhaltensweisen und die Körperhaltung bemerkbar machen. So wie viele Charaktereigenschaften äußerlich ablesbar sind, ist auch die Angst zu erkennen. Sie zeigt sich in der defensiven zusammengezogenen Haltung, in angstvollem Umherschauen und leichtem Erschrecken. Der Hass hingegen, ein herausstrebendes Gefühl, stellt sich in der Offensive dar, in den lauten donnernden Tönen, dem ausgestreckten, nach vorne geworfenem Körper. Offene Haltung, unverkniffenes Gesicht und nicht verschränkte Arme hingegen kennzeichnen einen aufnahmebereiten Charakter, mit dem es sich leicht anfreunden und auskommen lässt, scheint er doch keine Bestrebungen nach Macht zu hegen. Die tiefere Bedeutung von auftretenden Ängsten beim Menschen, die scheinbar unbegründet und nicht erklärbar sind, hat Adler nicht erfasst. Die Phobien gegen Spinnen, Dunkelheit oder die Fliegerei finden ihren Ursprung ja nicht nur in der direkten Angst und dem Hilferuf an Andere zum Zwecke der Machtausübung. Ausdruck eigenen Misstrauens gegen sich selbst ist die Zaghaftigkeit. Der bereits vor einer Prüfung versagende Schüler unterscheidet sich von dem im Verlaufe seiner Prüfung scheiternden. Letzterer hat sein Versagen aufgrund seiner mangelnden Leistung selbst zu verantworten, er muss sich sagen (und sagen lassen), er habe sich nicht ausreichend vorbereitet oder er sei nicht in der Lage, eine solche Prüfung zu bewältigen. Anders und viel eleganter ergeht es dem bereits vor der Prüfung versagendem Schüler. Dieser hat eventuell kurz vorher eine schlimme Krankheit bekommen und ärgert sich nun darüber, da er ja nur noch diese eine Prüfung zu bewältigen hatte, die für ihn auch kein Problem mehr war. Nun allerdings kann er leider nicht teilnehmen und sein Können unter Beweis stellen. In Wirklichkeit ist er aber unbewusst glücklich, nicht vor einer Situation gestanden zu haben, in der er sich hätte eingestehen müssen, dass er versagt hat. Hätte er die Prüfung gemacht und nicht bestanden, dann stände es fest, er selbst ist nicht in der Lage gewesen, zu bestehen. So nun allerdings waren die Umstände gegen ihn, persönlich braucht er sich nicht haftbar zu machen. Die Zaghaftigkeit erlaubt dem Menschen, seine Fähigkeiten gegen eine objektive Verifizierung durch die Umwelt abzuschotten und weiter zu pflegen. Er ist verhinderter Künstler, Genius, Sportler oder Casanova, lediglich die Umstände waren gegen ihn und seine Fähigkeiten. Gegen Ende seiner Ausführungen über die Charakterzüge nichtaggressiver Natur beschreibt Adler die ungezähmten Triebe als Ausdruck verminderter Anpassung. Nägelkauen, Nasebohren und das Tragen ungepflegter Kleidung als Ausdruck der Ablehnung von Menschen ihrer Umwelt gegenüber. Diese Art des Protests hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einer Standartvariante entwickelt, Jede Generation von Jugendlichen bricht aufs neue mit den kulturellen Konventionen, trägt ihre Formen des Protests in Kleidung und Verhalten nach außen. Sie will aber nicht unbedingt, wie noch bei Adler auf Einzelpersonen beschrieben, sich ausgrenzen, sondern vielmehr innerhalb der Gesellschaft eine Position einnehmen und zu Gehör kommen.
Im weiteren Verlauf seiner Charakterlehre beschreibt Adler noch
weitere Charakterzüge, die er scheinbar nicht in die aggressiven und
nichtaggressiven einzuordnen wusste.
Er beginnt mit der Heiterkeit, die prinzipiell als die schönste und
angenehmste Eigenschaft anzusehen ist, die ein Mensch seiner
Umwelt gegenüber haben kann. Einem solchen Zeitgenossen mit
seinem offenherzigen Wesen wird nicht der Verdacht begegnen, er sei
daran interessiert, andere Menschen zu unterdrücken und ihm wird aus
diesem Grunde auch viel Sympathie entgegen wachsen.
Der schülerhafte Typus, Adlers nächstes Charakter, wird sich in der
Gesellschaft der anderen ständig beweisen müssen. Er prahlt
ungefragt mit Wissen und Leistungsdaten und zeigt somit sehr deutlich
das Gefühl der Minderwertigkeit, das ihn quält. Ebenso von der
Verwertung fremder Aussagen lebt der Mensch, der sich überwiegend
auf das Herunterzitieren von Phrasen und Sprichwörtern beschränkt
und mit diesen für jede Situation des Lebens die vermeintlich
passende Antwort parat hält. Eine Eingeschränktheit ihres aktiven
Denkens und Kritiklosigkeit sei diesen Gestalten bescheinigt.
Die Welt in Regelmäßigkeiten und mathematische Gesetze einzuteilen
versucht die Wissenschaft Zeit ihres Bestehens. Dies auf eine
krankhafte Weise zu tun, sein Leben in Schablonen einzufügen, die mit
einer Regel besetzt sind und programmgemäß ablaufen, ist Art der
Prinzipienmenschen. Der Weg zur Arbeit, die täglich immer wieder
anfallenden Abläufe werden in Muster gepresst, die sich formelhaft
wiederholen lassen. Außerhalb dieses formatierten Lebens findet
große Unsicherheit statt, da von diesen Menschen die scheinbar nötige
Regelmäßigkeit vermisst wird. Spleenig und pedantisch mag es anmuten,
wenn die Ordnungsliebe überhand nimmt und alles seinen Platz hat,
den es unter keinen Umständen zu verlassen hat. Gefährlich wird es,
wenn aus Prinzipienreiterei Menschen geopfert werden, wenn auf
unsinnige Gesetze und in Ausnahmesituationen auf die Einhaltung der
Regel gepocht wird. Die unsoziale Gewissenhaftigkeit ist ein
Phänomen, dass uns etwa in Amtsstuben in den unteren
Besamtenkategorien allzu häufig begegnet.
Des Eitlen liebstes Kind sind die Unterwürfigen. Sie lassen nicht nur
protestlose einigen Machtanspruch über sich ergehen, sie finden sich
sogar zurecht in dieser Rolle. Oft findet sich diese Art der
Dienerhaltigkeit bei ganzen Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Was
zu Adlers Zeiten galt und heute nicht viel anders ist, ist die Bereitschaft
der Frauen, auf Dinge und auf Selbständigkeit zu verzichten zugunsten
ihrer Ehemänner. Dies ist schon strukturell in dieser Kultur verankert,
Frauenarbeit ist zumeist weniger wert als die des Mannes, Hausarbeit
und Kindererziehung, die überwiegend von Frauen übernommen
werden, werden als Selbstverständlich dargestellt und kaum honoriert.
Der Unterwürfige ist immer bereit, aufgestellten Regeln folge zu leisten,
entbindet es ihn doch von Verantwortung und eigener Initiative.
Wenig Unterschied zu den Eitlen zeigen die Überheblichen, Adler führt
sie noch einmal an. Sie sind die Menschen, die das Ruder in der Hand
halten wollen, eine passende Ergänzung zu den Unterwürfigen.
Empfindlich und ganz nach persönlicher Stimmung schwankend in
ihren Einstellungen, die Stimmungsmenschen sind mal fröhlich und mal
schwermütig, sie lassen sich begeistern und schrecken vor
Hindernissen leicht zurück. Der Ausdruck des stimmungsabhängigen
Charakters hilft oftmals, für Aufgaben erst gar nicht vorgesehen zu
werden, die unangenehm sein könnten. Die Mitmenschen entscheiden
dann aus Mitgefühl oder Vorsicht, er könne daran versagen, gegen den
Stimmungsmenschen, der sich damit glänzend gerettet sieht.
Eine ähnliche Rettung erfährt auch derjenige, der nur allzu oft schon
gescheitert ist. Das sind die Pechvögel, die alles, was sie angehen,
vermasseln. Jedoch nicht aus bösem Willen, wie es scheint, sondern
weil das Schicksal oder eine schlechtgelaunte Gottheit es so wollte.
Nicht der Mensch hat versagt, sondern es konnte einfach nicht
klappen, weil er vom Pech verfolgt oder vom Schicksal geschlagen ist.
Eine leicht lokalisierbare Form des Weiterreichens eigener
Schwächen, des Sündenbocks an externe Quellen.
Besonders den Gottheiten verpflichtet sind die religiösen Menschen.
Sie überlassen eigene Entscheidungen ihrem Glauben und können
somit die getroffenen Lebenswege gänzlich auf ihren Gott und dessen
unergründliche Wege abwälzen, sollte etwas schief gehen. Interessant
sind zudem diejenigen Menschen, die sich von Gott besonders
ausersehen fühlen, zu leiden. Sie zeigen nur allzu deutlich ihre
Überheblichkeit, da sogar ein Gott sich mit ihnen persönlich
beschäftigt.
Fazit
All diese Eigenarten und Charakterzüge kann der Mensch natürlich
nicht öffentlich zur Schau tragen. Sie sind in unserer Gesellschaft
verpönt und ein eitler Mensch wird nur allzu freundlich sein, um seinen
Charakter von ihm nicht gehorchenden Personen zu verdecken. Wer
offenkundig mit den gesellschaftlich nicht konformen Verhaltensweisen
hantiert, wird mit der Zeit von dieser ausgeschlossen, und das wäre für
niemanden erstrebenswert. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier und an
diese gebunden. So lässt sich auch die Verborgenheit erklären, mit der
der Mensch seinen persönlichen Zielen nachgeht, und die ihm oft
genug nicht einmal ermöglichen, seinen Lebensplan zu definieren.
Dieser wird im Unbewussten versteckt gehalten, weil er mit der
moralischen Vorstellung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens
nicht konform ist. Es werden kunstvolle Erklärungsmuster entwickelt,
die vordergründig eigenes Verhalten oder Versagen erklären, in
Wirklichkeit bieten diese jedoch nur den Regenschirm gegen das
gesellschaftliche und persönlichkritische Unwetter, das auf solch ein
Verhalten folgen muss.
Der Therapeut muss nun, anhand der verschiedenen Quellen und
Darstellungen versuchen, ein Band zu knüpfen, das den wahren
Charakter und dessen Zielstreben beschreibt. Er nimmt hierzu das
Wesen des Patienten und interpretiert es im gesamten Zusammenhang
seiner Wünsche und seiner Taten. Oft ist dem Menschen schon durch
die Erkenntnis seiner Ziele geholfen, er kann sich ihrer bewusst werden
und sich mit ihnen beschäftigen. Daran anknüpfend hat er die
Möglichkeit, sein Verhalten zu ändern und in ein angenehmeres
Gleichgewicht mit seiner Umwelt zu kommen.
Quellenangabe:
Alfred Adler, Menschenkenntnis, Frankfurt am Main, in der Ausgabe
vom Januar 1993
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