LEBENSLÄNGLICH ? Delfine in Gefangenschaft
Petra Deimer
Wir wissen heute, dass manche Tiere besser, andere schlechter mit der Gefangenschafts-
haltung fertig werden. In aller Welt, ob in den USA, Japan oder in Europa, geraten
Walarien, Ozeanarien, Delfinarien oder wie solche Betongefängnisse für die großen und
sensiblen Meeressäugetiere auch heißen mögen, ins Kreuzfeuer der Kritik. Die Cetacea,
wie alle Wale, Tümmler und Delfine wissenschaftlich heißen, gehören zu den besonders
empfindlichen Gefangenen. Sie eignen sich nicht für Haft und Showgeschäft. Das müssen
auch die Betreiber von Zoos und Freizeitparks allmählich einsehen. Immerhin geht der
Trend in guten Zoos längst weg von der Menagerie, in der Tiere wie Schaufensterpuppen
ausgestellt werden. Indianer und Eskimos, wie das früher der Fall war, kann der Besucher
heute ja auch nicht mehr im Zoologischen Garten begaffen. "In" ist heute vielmehr eine
möglichst art- und verhaltensgerechte Haltung, die den Bewohnern je nach Temperament und
Lebensgewohnheiten genügend Platz für Tag und Nacht, Versteckmöglichkeiten, Bewegungs-
freiheit, Gesellschaft und Unterhaltung garantiert.
Die heutigen Delfinarien oder Walarien sind davon allerdings noch weit entfernt. Sie sind
fast ausnahmslos viel zu klein und monoton. Von keinem großen Orchester wird erwartet,
dass es in einem kleinen Saal mit miserabler Akustik spielt, von den geräuschempfindlichen
Meeressäugetieren aber, sich zwischen kahlen Betonwänden wohl zu fühlen. Ihr wichtigstes
Sinnesorgan sind die Ohren und nicht, wie bei uns, die Augen. Das macht Sinn, wie jeder
weiß, der einmal in der Badewanne versucht hat, mit offenen Augen zu schauen. Wasser ist
ein zu  dichter und meist zu trüber Stoff, um weit sehen zu können. Zudem fehlt unter 
Wasser schnell das Licht. So haben sich die Wale und Delfine im Laufe der Entwicklungs-
geschichte, ähnlich wie Fledermäuse, auf die Akustik umgestellt. Sie verkümmert aber
buchstäblich, weil Delfine sie in den Pools nicht wie in der Natur einsetzen.
Wozu auch? Ihr Sonar oder Echolot, mit dem sie in den Weiten der Meere ihre Umgebung aus-
kundschaften und Beutetiere erkennen, stößt sofort an Mauern. Sie müssen sich vorkommen,
wie ein optisch orientierter Mensch in einem Spiegelkabinett. Sie stellen den Gebrauch 
weitgehend ein, verstummen buchstäblich, ja entwickeln sich zu Behinderten. Es kommt hinzu,
dass sie keine Fische oder Tintenfische mehr zu jagen brauchen. In der Gefangenschaft gibt
es nur tote und sterile Tiefkühlkost. Sonst nichts. Und das natürlich nur, wenn sie artig
nach des Trainers Pfeife tanzen. Frei nach dem Motto: ein satter Delfin ist ein fauler
Delfin, hat der Trainer somit die Möglichkeit, seine Untertanen gefügig zu machen bzw. sogar
zu bestrafen. "The show must go on" sagt die Delfinarien-Industrie. Muss sie wirklich weiter-
gehen?
Die Engländer haben es uns vorgemacht. Von mindestens 30 Delfinarien in den 70er Jahren
existiert heute keins mehr. Der Grund: die Besucher blieben einfach aus. Dank der 
Öffentlichkeitsarbeit von Tierschützern weiß dort inzwischen jedes Kind, dass die "Wasser-
zirkusse" nicht halten, was geschäftstüchtige Unternehmer versprechen. Sie haben mit Erziehung 
genau so wenig zu tun, wie mit Wissenschaft und Forschung. Wie eine Untersuchung in den USA
ergab, gehen die Menschen nicht in den Zoo, um etwas zu lernen, sondern um sich zu amüsieren.
Und für Biologen gibt es mit solchen Häftlingen nicht viel zu forschen. Die Tiere leiden unter
extremem Stress und verhalten sich nicht normal.

Manche werden sogar gemein und bösartig und quälen oder töten andere Beckeninsassen. So wurde
in einem Becken in Florida beobachtet, wie Delfine ihrem kränkelnden Artgenossen Futter
stahlen und ihn sogar dann am Fressen hinderten, wenn sie selbst längst satt waren. Experten
sprechen hier von einer grundlegenden Desozialisierung der Tiere mit krankhaftem Egoismus und
Sadismus, wie dies nur durch eine künstliche Sozialordnung kommen kann. Schließlich können
sich die Tiere ihre Gesellschaft nicht aussuchen. In der Natur würden sie sich aus dem Weg
schwimmen, wenn sie sich nicht bzw. nicht mehr mögen oder verstehen. In der künstlichen Welt
der Delfinarien versucht man, ihnen Freunde und Partner aufzuzwängen. Selbst wenn eine kleine 
Gruppe Tiere miteinander klar kommt, kann sich das gute Verhältnis im Laufe der Zeit ändern.
Es kann z. B. zu Kämpfen um die Rangordnung bei Weibchen oder Männchen kommen. So hat ein 
Schwertwalweibchen bei Seaworld in San Diego, USA, mit gebrochenem Kiefer und inneren 
Blutungen sterben müssen, nachdem es mit voller Wucht gegen die Beckenwand geschwommen war. 
Die führende Mutter des knapp ein Jahr alten Walbabys hatte eigentlich ihre Rivalin im selben
Becken rammen und vermutlich töten wollen. Grund genug für tödliche Kämpfe in einem Becken
ohne Ausweichmöglichkeiten kann es schon geben, wenn ein Weibchen trächtig und noch mehr,
wenn ein Baby geboren wird. Schon wegen dieser gefährlichen Hackordnung müssten Delfinarien
mindestens aus zwei oder noch mehreren Beckensystemen bestehen. Es kommt hinzu, dass eine 
Mutter mit Kind viel Ausschwimmplatz benötigt. Der Sprössling ist gleich nach seiner Geburt
noch lange nicht so fit wie man glauben mag. Er muss sich erst über die sehr reichhaltige
Muttermilch eine gehörige Portion Fett antrinken und zunächst im Sog der Mutter das richtige
Schwimmen lernen. Solche Aufzuchtbecken fehlen in fast allen Delfinarien. Und so darf es
niemanden wundern, wenn die Sterberate von Wal- und Delfinbabys extrem hoch ist. Oft bleiben
Schwangerschaften und Geburten gänzlich aus.
So haben die beiden Weißwale "Ferdinand" und "Mobby" im Duisburger Zoo noch nicht einmal
versucht, Nachwuchs zu zeugen, obwohl sie Männlein und Weiblein sind und schon fast ein
ganzes Weißwal-Leben zusammen eingesperrt sind. Aber vielleicht ist schon das ein Grund? Wer
weiß denn, ob sich die beiden wohl fühlen, wenn sie sich immer auf der Pelle hocken? Viele
Walarten leben meistens in gleichgeschlechtlichen Gruppen und akzeptieren das andere Geschlecht
nur, solange es die eigenen noch nicht erwachsenen Kinder sind - und natürlich zur Paarungszeit.
Etwa 300 Delfine sind in Britannien auf der Strecke geblieben, ehe den Betreibern das Wasser
bis zum Halse stand. Es hatte sich herumgesprochen, dass schon bei Fang und Transport viele
Tiere sterben. Von 17 Jacobitas oder Commerson Delfinen, die der Duisburger Zoo einst aus
Südamerika importierte, starben fast alle. Bis heute überlebt hat nur Yogi, der sich mit zwei
Weißwalen das Becken teilen muss, obwohl eine nordpolare und eine südpolare Art nun wirklich
nicht zusammenpassen.
Die ihrer Freiheit plötzlich beraubten Tiere sterben meistens an Schock und Stress oder ver-
weigern während der Eingewöhnungsphase die Nahrung, wenn es darum geht, sie auf die Enge einer
künstlichen Welt und auf die Ernährung mit toter Kost umzustellen. Später kommen noch andere
Faktoren hinzu, wie Infektionen der Haut oder innerer Organe. Um gegenzusteuern, werden die
Tiere, die aus einer vergleichsweise keimfreien Umwelt stammen, von Anfang an mit Vitaminen,
Breitband-Antibiotika, Pilzhemmern und Hormonen gespritzt. Ohne solche Gaben würden sie ver-
mutlich schneller eingehen, weil der Gefangenschaftsstress die Abwehrkräfte des Körpers zu-
sätzlich lähmt. Die Sterberaten sprechen Klartext.

Während die Tiere in der Natur 40 Jahre alt werden können, erreichen sie in der Gefangenschaft
durchschnittlich nur fünf bis sechs Jahre. Bei Schwertwalen sieht die Bilanz nicht weniger
traurig aus. Heute leben etwa 1.500 Kleinwale in Gefangenschaft, die meisten in Europa, den
USA oder Japan, also den so genannten Wohlstands-Ländern. Und obwohl in der Europäischen Union
sechs Jahre lang um Richtlinien für wenigstens halbwegs akzeptable Anlagen gestritten wurde,
ist nichts dabei herausgekommen.

Mindestens 800 qm hatten Deutschland und Frankreich gefordert, jedoch keine notwendige Mehrheit
bei den 12 Mitgliedsstaaten gewinnen können. Das Ergebnis: es gibt weiterhin keine Vorschriften
und damit nach wie vor schlechte Zeiten für Show-Delfine. Allein in Deutschland erreicht keines
der vier Delfinarien, ob in Duisburg, Nürnberg, Münster oder Soltau, die angestrebten Maße.
Muss die Show wirklich weitergehen? Im "Dolphin Reef" von Eilat, Israel, wurde unter
wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Dietmar Todt, Universität Berlin, erarbeitet, wie
Delfine ausgewildert werden können. Zugegeben, diese Projekte sind eine aufwendige Aktion.
Die Tiere mussten mühsam wieder auf ihre Freiheit vorbereitet werden. Sie mussten wieder 
lernen, selbständig Beute zu jagen und sozialen Anschluss zu finden. Nur die Delfinarien-
Industrie zweifelt am Erfolg solcher Projekte. Dabei sollte gerade sie daran interessiert 
sein. Schließlich gehört zu einem guten Zuchtprodukt auch ein Erfolg versprechendes 
Auswilderungsprogramm. Oder geht es doch allein ums liebe Geld?

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