Gehirn - Aufbau, Aufgabe und Evolution

Johann Lerch

1. Einleitung
2. Aufgabe
3. Aufbau
4. Evolution
5. Neueste Erkenntnisse
6. Zusammenfassung, Schlusswort
7. Quellenangabe
8. Fremdwortlexikon

Feldkirch. 15. November 2001



1.     Einleitung

Guten Abend liebe Mitstudentinnen und Studenten, guten Abend Herr
Nußbaumer. Das Thema meines Referates lautet ?Gehirn - Aufbau, Aufgabe
und Evolution?. Ein weites Thema, um es in 15 Minuten abzuhandeln. Ich
versuche es trotzdem.


2.     Aufgaben des Gehirns

Ich komme gleich zu den Aufgaben des Gehirns. Das menschliche Gehirn
hat von seiner Entstehung her eine einzige, sehr umfassende Aufgabe:

Es was das Werkzeug, das den Individuen eine immer bessere Möglichkeit
zum Überleben bot. Das Gehirn dient von seiner Entstehungsgeschichte
her nur diesem einen Zweck. Unser Denkapparat wurde nicht als
erkenntnistheoretisches Mittel, um uns das Nachdenken über uns selbst
und die Natur zu ermöglichen, konzipiert. Um das Überleben zu
gewährleisten, hat das Gehirn in all den Jahrtausenden die Fähigkeit
entwickelt, aus Energie (Nervenimpulsen) Information zu machen und
schließlich das Lernen entdeckt. Das ist nicht nur allgemein bekannt,
sondern kann sogar physikalisch nachgewiesen werden. Mark Rosenzweig,
ein Wissenschaftler aus den USA, konnte mit seinen inzwischen
legendären Untersuchungen mit Ratten belegen, dass das Gehirn zu
substanziellem Wachstum fähig ist:

Dazu arbeitete er mit drei Gruppen von Ratten. Die erste Gruppe wurde
in Einzelhaft gehalten, wenig Licht, allein im Käfig, zweimal pro Tag
Futter, keine Ansprache. Die zweite Gruppe lebte unter den üblichen
Laborbedingungen: zwei bis drei Tiere, Licht, aber kein Entertainment.
Die dritte Gruppe durfte in Rudeln bis zu fünfzehn Tieren in einer Art
Abenteuerspielplatz leben. Jede Woche wurde die Einrichtung bei dieser
Gruppe verändert, um diesen Tieren ein Höchstmass an Information zu
liefern.

Im für diese Ratten tragischen Teil der Untersuchung wurde nach 3
Monaten das Gewicht der Gehirne der einzelnen Gruppen verglichen.

Dabei stellte sich heraus, dass die Einzelhaftgruppe weitaus leichtere
Gehirne (= weniger dichtes Gewebe) hatte, als die dritte Gruppe aus
dem Abenteuerspielplatz. Es zeigte sich eine deutliche Abhängigkeit
zwischen Information aus der Umgebung und der Dendritendichte; im
einzelnen ergaben sich folgende Ergebnisse bei der dritten Gruppe:

* Vermehrung der dendritischen Verästellungen
* Vermehrung der Synapsen
* Vergrösserung der synaptischen Kontaktfläche
* zahlenmässige Zunahme der Gliazellen um 15%

Dazu muss man wissen, dass sich jedes Mal, wenn Sie etwas neues hören
und lernen, von einem Neuron zum nächsten eine Verbindung bildet. Wenn
mein Referat für Sie interessant ist, dann bilden sich während der
Zeit meines Vortrags Hunderte von synaptischen Verbindungen in Ihrem
Gehirn, indem sich an den Dendriten neue Äste zu anderen Ästen bilden
- Ihre Neuronen vernetzen sich fortlaufend. Dieser Prozess heißt
lernen.

Noch einmal kurz zurück zu den Ratten: Der zweite Schritt der
Untersuchung bestand darin, Einzelhaftratten in den
Abenteuerspielplatz zu setzen, um deren weitere Entwicklung zu
beobachten. Das Ergebnis war verblüffend: in der superreichen
Informationsumgebung hatten auch diese Ratten nach 30 Tagen dieselbe
Gehirngewebedichte wie ihre Kollegen, die schon einige Monate im
Abenteuerkäfig gelebt hatten. Dabei war es nicht einmal wichtig, ob es
sich um alte oder junge Tiere handelte. Soviel zum Thema der
?angeblich? zwangsläufigen altersbedingten Demenz. Es gibt also an
dieser Stelle einen logischen Tipp: Lernen Sie. Wann immer und wo
immer und soviel Sie können. Es besteht für Sie dann eine gute Chance,
auch noch mit 75 oder 85 im Vollbesitz Ihrer geistigen Kräfte zu sein.

Aber zurück zu den Aufgaben des Gehirns. Um die Überlebenschancen
unserer Ur-Ahnen zu verbessern hatte das Gehirn folgende Aufgaben:

* Das Gehirn ist das zentrale Regulations- und Steuersystem des Organismus

* Abbildung der Umwelt. Dies ist keine einfache Sache. Unser Gehirn muss
  das durch verschiedenste Sensoren wahrgenommene Äußere (Geräusche, Gerüche,
  optische Wahrnehmungen, etc.) sozusagen im Kopf nachbilden.

* Diese Inhalte müssen in einen logischen Zusammenhang gebracht und richtig
  interpretiert werden.

* Das Gehirn muss diese Interpretationen des umgebenden Äußeren möglichst
  schnell und effektiv in sinnvolle Handlungen des Organismus umsetzen.

* Erlernte Abläufe müssen aus ökonomischen Gründen gespeichert werden und bei
  Bedarf abrufbar sein. (Erinnerung)

* Gelerntes und Erlebtes muss mitteilbar sein (Symbole, Sprache)


3.     Aufbau

Organischer Aufbau:

Grob lässt sich das Gehirn in folgende entwicklungsgeschichtlich
entstandene Bereiche einteilen:

* Rückenmark
* Brücke
* Kleinhirn

  Hier werden Motorik und Muskelfunktionen gesteuert.

* Mittelhirn
  Im Mittelhirn befinden sich lebenswichtige Regelzentren z.B. Atmung,
  Herz-Kreislaufregelung oder Reflexe.

* Zwischenhirn
  Das Zwischenhirn ist die Schaltstelle zwischen Großhirn und Hirnstamm.
  Hauptbestandteile des Zwischenhirns sind Hypothalamus und Thalamus.
  Alle aufsteigenden Informationen der Sinnesorgane und aus dem
  Körperinneren werden im Thalamus gesammelt, miteinander verschaltet
  und verarbeitet, bevor sie zum Großhirn weitergeleitet werden. Der
  Hypothalamus ist trotz seiner geringen Größe ein lebensnotwendiges
  Bindeglied zwischen Nervensystem und Hormonsystem. Der Hypothalamus
  kontrolliert und regelt viele Körperfunktionen mittels Hormonausschüttung.

* Balken

* Großhirn mit Großhirnrinde
  Das Großhirn stülpt sich wie ein Pilz über Mittelhirn und Zwischenhirn.
  Hier ist der Sitz des Bewusstseins, des Willens, der Kreativität und des
  Gedächtnisses. Die Großhirnrinde ist durch Furchen und Auffaltungen geprägt.
  Diese Auffaltungen sind Folge der entwicklungsgeschichtlichen Größenzunahme
  des Hirns bei begrenztem Schädelvolumen. Zur Großhirnrinde sei erwähnt, dass
  sich in dieser nur 1,5 bis 3 mm dicken Schicht, die die gesamte Gehirnoberfläche
  bedeckt, 70 % aller Neuronen enthalten sind.


Niedere (entwicklungsgeschichtlich: ältere) Tiere sind in Ihrem
Verhalten wesentlich von festen Handlungsabläufen gesteuert. Bei
diesen Tieren ist zumeist das Riechhirn stark ausgeprägt. Mit
fortschreitender Evolution gewinnen Kleinhirn und vor allem Großhirn
zunehmend an Bedeutung. Für eine bessere Orientierung in der Umwelt
setzt sich bald das Sehorgan durch, das dem Riechsinn besonders auf
größere Entfernungen deutlich überlegen war.

Im organischen Aufbau des Gehirns differenziert man auch nach einer
chemischen Abgrenzung. Häufig erstrecken sich diese chemischen Systeme
von entwicklungsgeschichtlich älteren Regionen in höhere, jüngere
Hirnabschnitte hinein und bilden weitverzweigte Systeme. Solche
chemischen Systeme im Gehirn werden durch den gemeinsamen Gebrauch
bestimmter gemeinsamer Neurotransmitter definiert.


3.1. Funktionaler Aufbau

Von der Funktion her unterscheidet man im Gehirn verschiedene Regionen:

* Primäres und sekundäre motorische Rindenfelder (Feinmotorik)

* Pyramidale Bahnen (Leitungssysteme für bewusste und unbewusste Motorik)

* Primäres und sekundäre sensorische Rindenfelder (Bewusste Körperempfindungen
  und Erinnerungen über Körperbewusstsein)

* Assoziationsgebiete (Hier findet die Zusammenführung und Verarbeitung von
   Sinneseindrücken und motorischen Handlungsentwürfen statt)

Kurz erwähnen möchte ich noch zwei Begriffe

* Die Basalganglien: sind tiefergelegene Kerngebiete des Groß- und Zwischenhirns.
  Diese Ganglien gehören zum motorischen System und sind unter anderem zuständig
  für unwillkürliche Muskelbewegungen und Muskeltonus.

* Im Limbischen System werden Gefühle und emotionale Reaktionen gebildet. Wut,
  Furcht, Aggression, aber auch sexuelle Wünsche haben hier ihren Ursprung. Man
  sieht das limbische System als übergeordnete Zentrale der endokrinen und
  vegetativen Regulation.

An dieser Stelle ein kleines Beispiel zur Gehirnfunktion und zwar der
einfache Ablauf bei der Entstehung von Hunger und der Lösung dieses
Problems:

Das Evolution des menschlichen Gehirns war in seiner gegenwärtigen
Struktur und Kapazität vor etwa 100.000 Jahren fertig und hat sich wie
gesagt als Überlebensinstrument herausgebildet. Es ist deshalb
grundsätzlich in der Lage, den für das Leben des Menschen wichtigen
Teil der Welt richtig zu erfassen. Mit der Mutation zum Homo sapiens
teilte sich die Funktion des Großhirns: im rechten Teil die
Raumwahrnehmung über das Sehen, im linken die Zeitwahrnehmung über das
Hören, beide vereint in der Sprache als Fähigkeit der Artikulierung.

Wenn man das Gehirn mit einem Computersystem vergleicht, besteht es
aus 3 Bereichen  mit unterschiedlichen Funktionen. Der erste Teil
enthält erblich festgelegte Programme, die bereits bei Geburt
vorliegen und die Lebensfunktionen und das Verhalten in Abhängigkeit
von äußeren Einflüssen steuern. Der zweite Teil ist für die Ausführung
offener Programme geeignet, deren spezifische Funktionen erst im
Jugendalter festgelegt werden und die Übernahme der von den vorherigen
Generationen erworbenen Eigenschaften und Erfahrungen ermöglichen.
Diese Programme ändern sich im späteren Leben kaum noch oder nur
schwer (z.B. Muttersprache). Ein dritter Teil speichert die im Laufe
des Lebens erworbenen Informationen und Erfahrungen und ermöglicht
eine weitere geistige Entwicklung des Menschen. Dieser Teil ermöglicht
auch wissenschaftliche und künstlerische Betätigung.


4. Evolution des Gehirns und der Erkenntnisfähigkeit

An die Stelle der Arterhaltung trat im Laufe der Evolution die
soziokulturelle Tradition. An Stelle der Selbsterhaltung die Familie,
in der Wissen mittels Sprache von den Eltern an die Kinder
weitergegeben wird. Durch die Unterscheidung von Raum und Zeit wurde
der Homo sapiens fähig, über seine Instinkte hinauszuwachsen und
Ackerbau, Viehzucht und Totenkult zu betreiben. So sind die ersten
Zeugen der Geschichte die megalithischen Bauten, die Menhire.

Die vergleichende Verhaltensforschung stellte immer mehr Parallelen an
bedingten und angeborenen Reflexen fest, so dass die Frage dringlich
wurde, was nun der Mensch eigentlich im Unterschied zum Tier sei. Dies
wurde in den letzten Jahrzehnten durch die Gehirn- und
Bewusstseinsforschung verdeutlicht. Man erkannte, dass das Gehirn
dreifältig übereinander geschaltet ist und dass jede dieser Schichten
evolutionär einer Entwicklungsstufe entstammt. Man bezeichnet das
Stammhirn als Reptilhirn, das limbische System als Säugetierhirn, und
den Neocortex als Menschenhirn.

Sprache, Gehirn und Kultur begannen sich vor ca. 300 000 Jahren
plötzlich sehr rasch zu entwickeln, in dieser Zeit herrschte das Jagen
in kleinen Gruppen vor. In diesen Gruppen waren Individuen mit großen
Gehirnen stark im Vorteil, die Sterblichkeitsrate war hoch und eine
nur kleine Population förderte eine schnelle Evolution. Vor 100 000
Jahren kam die schnelle Entwicklung des Gehirns allmählich zum
Stillstand. Man vermutet, dass hierfür die Vergrößerung der Gruppen
die Ursache war. In diesen größeren Gruppen hatten Individuen mit
größeren Gehirnen nicht mehr so starke Fortpflanzungsvorteile und die
Individuen mit weniger Intelligenz genossen stärkeren Schutz, so dass
deren Sterblichkeitsrate sank. Die kulturelle Entwicklung verlagerte
die Konkurrenz und Selektion von innerhalb der Gruppe zu den Gruppen
untereinander, von nun an beschleunigte weniger die individuelle
Intelligenz als vielmehr die Kultur der Gruppe die Humanevolution.

Dieser Trend verstärkte sich besonders mit dem Übergang zu Ackerbau
und Viehzucht vor 10 000 Jahren. Die kulturelle Evolution hatte
begonnen. Die in der Massengesellschaft des modernen Menschen riesige
Größe des Genpools verhindert die weitere genetische Entwicklung des
Menschen, die weltweite Kommunikation die Speziation der Rassen.
Gleichzeitig ermöglicht die Individualität und Vielfalt des Menschen
die vielseitige Zusammenarbeit und Arbeitsteilung in einer sozialen
Struktur und ist damit die Grundlage der modernen Gesellschaft.

Die Evolution des Gehirns fand und findet natürlich auch im Tierreich
statt, aber beim menschlichen Gehirn führte diese Evolution zur
Schaffung des Selbst, des Ich ? zur Bewusst-Werdung des Individuums.

Biologie und Psychologie haben sich in den letzten Jahren vom
Behaviorismus befreit und billigen auch den höheren Tieren ein
Bewusstsein zu. Bewusstsein ist zunächst nichts weiter als die
Integration verschiedener sensorischer Nervenimpulse zu einer
Ganzheit, von der aus das Verhalten zur Bewältigung von
Umweltproblemen effektiver gesteuert werden kann. Das tritt zweifellos
auch bei Vögeln und Säugetieren auf. Die Emergenz von Bewusstsein ist
ein Produkt der natürlichen Selektion in der Evolution. Die gegenüber
den Primaten besonders herausragenden Leistungen des menschlichen
Gehirns bezüglich des räumlichen Sehens und Vorstellungsvermögens, des
Lernens und des Gedächtnisses sowie des sprachlichen
Ausdrucksvermögens und der Begriffsbildung haben sich im Verlaufe der
letzten 4 Millionen Jahre entwickelt und sind an archäologischen
Funden nachweisbar. Insbesondere das Gedächtnis als Grundlage aller
höheren geistigen Aktivitäten beruht auf einer chemischen Verfestigung
(Sie erinnern sich an unsere armen Ratten) bestimmter evolutionär
angelegter Hirnstrukturen und Nervenverschaltungen, die durch häufigen
Gebrauch bis zu einem Grade stabilisiert werden können, dass die
Gedächtnisinhalte für das ganze Leben erhalten bleiben und nicht mehr
permanent im aktiven Bewusstsein gespeichert werden müssen. Was bei
der Vermenschlichung des Gehirns durch die Sensibilisierung der Hände
so zugenommen hat, ist die Fähigkeit, Bedeutungen zu generieren und
mit ihnen ein immer reicheres Geistesleben zu entwickeln.

Die reale und die verstandesmäßige Aneignung der Außenwelt gingen
wortwörtlich Hand in Hand: mit den Möglichkeiten des Greifens wuchs
das Begreifen. Begriffe wurden erarbeitet: Aus dem Fassen wurde das
Erfassen, aus dem Hindeuten wurde die Bedeutung. Ebenso wurde aus der
aufklärenden Gebärde des Weisens das Ver- und Beweisen. Auf diesem Weg
wurde aus Körpersprache Begriffssprache.

Hieraus ergibt sich als Definition des Geistigen: Das Geistige ist die
nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt. Sprachlicher
Ausdruck unterstützt und ersetzt schließlich die Gestik, weil er
ökonomischer ist. Dabei wirkt die artikulierte Sprache positiv auf das
Vermögen zum expliziten Denken zurück. Bei dem Diskurs zwischen dem
Ich und dem Gehirn wird um Welt- und Selbstverständnis gerungen.

Denken, Sinnen heißt, nach Sinn suchen, nach einem inneren Licht, das
Dinge miteinander in Beziehung setzt, das die Dinge im Innersten
zusammenhält.


5. Ausblick, neueste Erkenntnisse

Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir denken? Welche Bereiche des
Gehirns sind beim Lernen, Sprechen oder Träumen aktiv? Wie formt sich
aus Sinneseindrücken das Bewusstsein? Das, was sich schon ganze
Forschergenerationen wünschten, den Blick ins lebende Gehirn, wird
heute durch moderne bildgebende Verfahren möglich gemacht.

Hirnforscher aus aller Welt nutzen heute die unterschiedlichen
Tomographie-Methoden. Neue Tracer und immer verfeinertere Methoden
sollen nicht nur dazu beitragen, eine "Landkarte des menschlichen
Geistes" zu erstellen, sondern auch wichtige Ansatzstellen für die
Therapie von Krankheiten wie Epilepsie, Parkinson, Kreutzfeld Jakob
oder Alzheimer finden.

Hirnfunktionsstörungen greifen oft tief in die Persönlichkeit, die
Lebensqualität und das soziale Umfeld eines Menschen ein. Insbesondere
die aufgrund der altersstrukturellen Entwicklung in den westlichen
Industrienationen zu erwartende Zunahme dementieller und
neurodegenerativer Erkrankungen stellt eine der größten
gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte dar.

Die entscheidende Aufgabe der nächsten Jahre ist darin zu sehen, die
größtenteils tierexperimentell gewonnenen neuen Erkenntnisse für das
Verständnis menschlicher Gehirnfunktionen sowie für therapeutische
Anwendungen nutzbar zu machen. Die Erforschung des menschlichen
Gehirns stellt sogar zusätzliche Anforderungen aufgrund der höheren
Komplexität seiner Leistungen einerseits sowie der aus ethischen
Gründen begrenzten experimentellen Manipulierbarkeit des menschlichen
Gehirns andererseits.

Von der zukünftigen Weiterentwicklung bestimmter Verfahren, wie z.B.
der Kernspintomographie, wird allgemein erwartet, dass eine
Früherkennung pathologisch veränderter Hirnfunktionen zu einem
Zeitpunkt möglich sein wird, an dem eine therapeutische Intervention
noch eine deutliche Verbesserung des Zustandsbildes oder sogar eine
Unterbrechung des krankhaften Prozesses bewirken kann. Ganz allgemein
ist ein wesentlich vertieftes Verständnis menschlicher Hirnfunktionen
und psychischer Vorgänge zu erwarten.


6. Schlusswort

Zusammenfassend kann man sagen:

Unser Gehirn ist ein Ergebnis der biologischen Evolution. Unsere
Erkenntnisstrukturen passen auf diese unsere Welt, weil sie sich im
Laufe der Evolution in Anpassung an die reale Welt herausgebildet
haben. Sie stimmen mit den tatsächlichen äußeren Strukturen
(größtenteils) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das
Überleben ermöglichte.

Weil biologische Anpassungen niemals ideal sind, ermöglichen unsere
Sinne, weil über Jahrmillionen getestet, zwar keine absolut wahre,
aber doch eine angemessene Rekonstruktion realer Objekte. Wahrnehmung,
Erfahrung und theoretische (wissenschaftliche) Erkenntnis sind
aufeinander aufbauende Stufen. Bei der Wahrnehmung erfolgt die innere
Rekonstruktion realer Objekte unbewusst und unkritisch, in der
Erfahrung aber bewusst, wenn auch noch unkritisch, in der
theoretischen Erkenntnis schließlich bewusst und kritisch. Wahrnehmung
ist interpretierte Empfindung und somit die unterste Stufe der
Erkenntnis.

Das Gehirn ist als Überlebensorgan entstanden, als nützliches
Instrument zur Wahrnehmung und Sammlung von Information (Erfahrung).
Seine Nutzung zur theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnis ist ein
Nebenprodukt und nicht biologisch oder genetisch determiniert.
Objektive Erkenntnis ist deshalb möglich und wahrscheinlich, aber
nicht beweisbar, perfektes Wissen aus logischen Gründen unmöglich.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht Ergebnisse der biologischen,
sondern der kulturellen Evolution. Eine Erweiterung der menschlichen
Erkenntnisfähigkeit im Sinne einer biologisch-genetischen Evolution
würde Jahrmillionen dauern und ist deshalb für die kulturelle
Entwicklung des Menschen irrelevant.

Die Welt, an die sich unser Erkenntnisapparat im Laufe der Evolution
angepasst hat, ist der sogenannte Mesokosmos - nur ein Ausschnitt der
wirklichen Welt. Dieser Mesokosmos ist die Welt der mittleren
Dimensionen, die in der Zeit von Sekunden bis zu Jahrzehnten, in den
Abständen von Millimetern bis zu Kilometern, in den Geschwindigkeiten
von Ruhe bis zu 10 m/s ,in den Massen von Gramm bis zu Tonnen und in
den Temperaturen von -30 Grad bis zu 100 Grad reicht und bei der
Komplexität von 100 Wechselwirkungen endet. Der unmittelbaren
Wahrnehmung und Erfahrung ist nur dieser Mesokosmos zugänglich.

Über den Mesokosmos hinaus kann unser Gehirn nur theoretisch -
wissenschaftlich Erkenntnis gewinnen. Die Theorien der modernen Physik
(Z. B. der Quantenphysik oder die Relativitätstheorie) können nicht in
unseren Mesokosmos transformiert werden und können deshalb auch nicht
anschaulich sein. Anschaulichkeit ist kein Wahrheitskriterium.

Damit beende ich meine Referat und bedanke mich bei Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit. Wer das Referat im Volltext nachlesen möchte kann es
aus dem Internet herunterladen. Die Internetadresse steht auf dem
Ihnen vorliegenden Handout.


7. Quellenangabe

Arne Schäfer, Sabine Schmidt:
Mensch, Körper, Krankheit, Gustav Fischer Verlag, 2. Auflage, 1998

Evolution: http://home.t-online.de/home/Bertram.Koehler/main.htm

Evolution:
http://www.schuledesrades.org/index.asp?suche=docs/arnold/evolu_04.htm

Evolution:
http://www.senckenberg.uni-frankfurt.de/lecture/EvoMe/evome.htm

Aufbau des Gehirns:
http://www.hbi-stuttgart.de/nohr/wo/wo1/Konstr2/index.htm

Funktionen:
http://www.schule.suedtirol.it/blikk/angebote/neurotechnologie/ne270.htm

Neurophilosophie: http://www.helmut-hille.de/page24.html

Jahr des Gehirns: http://www.helmut-hille.de/lt13.html


8. Fremdwortlexikon

Emergenz        (lat.) auftreten, hervortreten, emporkommen. Emergenz
                liegt dann vor, wenn ein Gegenstand oder ein System
                unvorhersehbare Eigenschaften zeigt, die seine Einzelteile
                nicht besitzen, bzw. die aus ihnen nicht herleitbar sind.

endokrin        (med.) mit innerer Sekretion, nach innen, ins Blut absondernd,
                Ggs. Exokrin

vegetativ       (med.) dem Willen entzogen, unwillkürlich (Nervensystem)

Tonus           der; -, Toni (med.) 1. nervlich bedingter ständiger Spannungs-
                zustand von Geweben, bsd. Muskeln 2. Dauerspannung in Zellen

generieren      1. et. erzeugen 2. (ling.) in einem grammatikalischen Regelsystem
                erzeugen, ableiten, bilden (sprachliche Äußerung)

Diskurs         der; -es,-e 1. theoretische Erörterung, systematische, methodische
                Abhandlung 2. Gedankenaustausch, intensive Unterhaltung 3. ugs.
                Abweichung, Randbemerkung

Determinante    die; -,-n 1. (math.) in der Algebra zur Lösung linearer Gleichungen
                verwendeter Ausdruck 2. (biol.) die Keimentwicklung bestimmender
                Faktor 3. etwas., das eine Entwicklung bestimmt

irrelevant      unwichtig, bedeutungslos, unerheblich, für eine Entscheidung ohne
                Belang, Ggs. Relevant

Dendriten       Dendrit, (griechisch: Baum), kurzer Fortsatz einer Nervenzelle, ein
                Neuron hat etwa 1-12 Dendriten

Synapse         die; -,-n (biol., med.) Nervenknotenpunkt, Übergangspunkt von einer
                Nervenzelle zu einer anderen oder zu Gewebe oder einem Organ

Neuroglia       Glia, (griechisch: Leim), Hüll- und Stützgewebe des Nervensystems

Neuron          das; -s,-en (biol.) Nervenzelle mit allen Fortsätzen, Ganglienzelle

Megalith        der; -s/-en,-e/-en großer, zu vorgeschichtlichen Grabbauten gehörender
                Stein

Menhir          der; -s,-e in vorgeschichtlicher Zeit in kultischer Funktion aufgestellter,
                aufrecht stehender Steinblock

Behaviorismus   der; -, kMz. (med.) in den USA entwickelte sozialpsychologische Forschungs-
                richtung, die sich mit den beobachtbaren Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens
                befasst und eine möglichst objektive Erfassung der Eigenschaften und Merkmale
                des Menschen und der höheren Tiere unter Ablehnung nicht objektiv messbarer
                Kategorien wie Denken, Fühlen oder Wollen anstrebt

explizit        1. ausdrücklich, nachdrücklich, deutlich, Ggs. implizit (1) 2. (math.) heraus-
                gestellt, freigemacht, ausdrücklich, Ggs. implizit (2)

KST             Kernspintomographie, Magnetresonanztomographie, Abkürzung MRT, Medizin:
                bildgebendes Untersuchungsverfahren zur Gewinnung von Schichtbildern des Körpers;
                dabei wird die magnetische Resonanz der Atomkerne des Gewebes auf ein
                Hochfrequenzfeld gemessen und mithilfe eines Computers schichtweise abgebildet.
                Die Kernspintomographie dient u. a. zur Diagnose von Tumoren und kommt im
                Unterschied zur Computertomographie ohne Röntgenstrahlung aus.

Pathologie      die; -,-n (med.) 1. kMz. Lehre von den Krankheiten und der durch sie bewirkten
                körperlichen Veränderungen 2. pathologische Abteilung eines Krankenhauses

Tracer          der; -s,- 1. (med., biol.) radioaktiver Markierungsstoff, mit dessen Hilfe
                Stoffwechselvorgänge und -wege in einem Organismus durch die Registrierung der
                Strahlung verfolgt werden können 2. (chem., phys.) radioaktiver Markierungsstoff,
                mit dessen Hilfe Mischungs-, Verteilungs- und Transportvorgänge durch die
                Registrierung der Strahlung beobachtet werden können

Demenz          die; -,-en (med.) erworbene, durch organische Schädigung des Gehirns hervorgerufene
                Geistesschwäche

Cortex          der; -/-es,-e/-tizes 1. (med.) Großhirnrinde 2. (med.) äußere Schicht eines Organs

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