Entstehungszyklus eines neuen I*M-Produkts

(Wie wuerde I*M einen Regenschirm produzieren) Codename: UMBRELLA Produktspezifikation: multifunktionale, integrierte, benutzerfreundliche, kostenguenstige, mit System- und Architekturkonzepten versehene "Solution" zur Abwendung von Feuchtigkeitseinwirkungen und sonstigen Umwelteinfluessen auf menschliche Koepfe und andere Koerperteile. Marketingspezifikation: Get hold of it! Now! < = > Pre-Version: Typ: Haselnussstock (Aufgrund der strikten Geheimhaltung kann man die Form des Produktes nur ungefaehr erahnen) Beta-Version: ca. 1x1m grosse Plastikplane mit ca. 320 Seiten technischer Anleitung Golden Version: Hochglanzprospekt, sonniger Wetterbericht und ca. 4-15 Monate Postponement of GA (General Availability) Release 1.0: Gestell ohne Bespannung, Mechanismus funktioniert leidlich - entfaltet sich muehelos, macht jedoch Probleme beim Zusammenfalten; Handgriff wird als extra Feature (eigene Bestellnummer) angeboten. Release 1.1: Gestell ohne Bespannung, vollintegrierter Handgriff. Mechanismus funktioniert problemlos, Entwicklung lobt das durchdachte Design, Marketing betont die universelle Verwendbarkeit. An der Reduzierung des Gewichtes von 18,9 kg soll in einer der naechsten Releases gedacht werden, die Oeffnungszeit des Mechanismus betraegt derzeit ca. 12,5 Minuten, bedingt durch die hypermoderne mikroskalar Hydraulik, die zum ersten Mal weltweit in einem Produkt dieser Art verwendet wird. Man wird an der Performance arbeiten. Release 2.0: Meilenstein in der Entwicklung: Das Produkt wird mit vollstaendiger (!) Bespannung ausgeliefert. Einziger Kritikpunkt der Kunden: Man moege doch wasserdichten Stoff zur Bespannung verwenden. Release 2.1: Bespannung ist nun wasserdicht, allerdings kann man jetzt den Mechanismus nicht mehr oeffnen. Marketing ueberlegt, das Produkt als Sonnenschirm zu positionieren; Development ueberlegt, als funktionale Erweiterung einen dazupassenden Lederbeutel zu entwickeln. Als zweite Variante wird ueberlegt, einen Business Partner unter Vertrag zu nehmen. Dieser kann zwar momentan auch kein passendes Produkt liefern, verspricht aber, einen Wettertanz zur Abwendung von staerkeren Regenfaellen zu betreiben. Release 2.2: Dazupassender Lederbeutel wird entwickelt. Marketing preist das architektonische Konzept eines nicht oeffnenden Schirms mit dem dazupassenden Lederbeutel. (Ein offener Schirm wuerde ja schliesslich nicht in diesen hineinpassen, oder?) Release 3.0: Upgrade auf ein voll funktionsfaehiges Modell mit wasserundurchlaessiger Bespannung. Lederbeutel passt von der Dimension nicht und muss neu erworben werden. Release X.X: Development verteidigt sich nach wiederholten Angriffen mit der Bemerkung, dass das Produkt mehrere Testzyklen durchlaufen habe und alle involvierten Tester keinerlei funktionale Maengel feststellen konnten. Finale: Die Produktentwicklung wird vom Labor in Saudi Arabien zu einem Labor in der Naehe von London verlegt. Auch Microsoft baut auch einen Regenschirm Phase 1: Ankuendigung der veraussichtlichen Verfuegbarkeit etwa gegen Ende des Sommers, gerade recht fuer die Nutzungszeit. Einfuehrung eines Beta-Programms gegen Anfang Fruehjahr, um in der vorsommerlichen Uebergangszeit Testberichte von den verschwiegenen Erstbenutzern (NDA) zu erhalten. Beta-Unkostenbeitrag fuer Fixes und Updates 'deutlich unter 1000 USD', laut Marketing Sprecher Steve Ballmer. Entwicklungslizenzen fuer Zusatzprodukte werden an ausgewaehlte Haeuser vergeben. Phase 2: Broadcasting 'Microsoft - a dry Future', ein Informationsvideo, in dem Chairman Bill Gates auf einer Terrasse in Hawaii die Vorteile eines regenlosen Lebens anpreist. Aufgreifen der Idee durch den Marketing Direktor, der das neue Produkt unter dem Decknamen 'Sahara' neu positioniert: 'Sahara' wird keinesfalls nur Regen abweisen, nein, es wird Regen prinzipiell verhindern. Sonnenschein instant, sozusagen. Mehr als 50.000 Kopien des VHS Video werden zum Stueckpreis von 30 USD in nur zwei Tagen weltweit abgesetzt. Phase 3: Die Beta wird, mangels eigener Ideen und Ressourcen, von einem unbedeutenden Dritthersteller zugekauft und besitzt einen dem IBM Design nicht unaehnlichen geraden Stil mit gebogenem Handgriff und einem mechanisch verriegelten, aufspannbaren Stoffdach aus wasserabweisendem Synthetik-Material. Die erste Beta wird an einen ausgewaehlten Personenkreis, vornehmlich arabische Oelscheichs oder indische Gurus, gegen einen Kostenersatz von 1.100 USD ausgeliefert. Steve Ballmer nennt die Gruende fuer die Erhoehung des Unkostenbeitrages mit gestiegenen Kosten der Logistik und die teuren, aber vollstaendigen Handbuecher. Schon mit der ersten Beta werden alle 43 Baende des kompletten Handbuchs mitgeliefert - alles in allem imposante 32 kg Literatur zu diesem Thema. Darin wird auch der MSS, der Microsoft Sunshine Standard, umfassend spezifiziert. Als Sonnenschein gilt demnach jede Wetterlage mit weniger als 98% Luftfeuchtigkeit ueber dem 30ten Breitengrad. Tests mit der Presse (RS Magazine, Blop, Umbrellas allen voran) in der Wueste Gobi verlaufen eindrucksvoll und koennen unter dem Beisein von Regierungsvertretern und zahlreichen Managern der 'Fortune 500' Companies in der Salzwueste von Utah erfolgreich wiederholt werden. Sogar der ORF berichtet von dieser sensationellen Entwicklung und zeigt einen oesterreichischen Entwickler, der in Los Angeles, CA, USA, an einem Zusatzprodukt feilt: Ein Flaschenhalter, mit dem der Besitzer des Modells 'Sahara' eine 2l Umweltflasche Coke, Fanta oder Sprite am Stil befestigen und durch ein Roehrchen mit Saugsensor trinken kann. Phase 4: Die Auslieferung des zweiten Beta Drop beginnt. Das Wort Drop wird durch 'ray' ersetzt, in dem Produkt soll jede Assoziation an Naesse eliminiert werden. Die Verbesserungen sind einmalig: Das Synthetik- Material wird durch umweltfreundliche Hanfwebsorten ersetzt, das dadurch geringfuegig hoehere Gewicht durch eine mechanische Uebersetzung (Schraubspindel) kompensiert. Da das Tragen am veralteten Griff auf die Dauer muehsam ist und die ergonomische Belastberkeit des Traegers einschraenkt, wird der Stil bis zum Boden verlaengert und ein Rad montiert. Die Beta-Tester in Sued-Marokko und Mamwak Zimbel, einem israelischen Kibuz, sind durch die Verbesserungen aus dem Haeuschen. Der MSS wird durch den AMSS, den Advanced MSS, ergaenzt. Darin wird Sonnenschein nunmehr abstrakter behandelt, es gilt auch Nacht als Sonnenschein, wenn die Luftfeuchtigkeit unter 98% liegt. Eine Erweiterung wurde von der Presse besonders begruesst: Die Regelung nach Breitengraden entfaellt vollstaendig, damit kann auch am Aequator bei weniger als 98% Luftfeuchtigkeit von 'Sonnenschein' gesprochen werden. Microsoft spricht nicht ausdruecklich von Sonnenschein, sondern verwendet den Terminus 'unnasse Witterungsbedinungen' oder, englisch, 'unwet circumstances', kurz UWC. UWC werden nach Microsoft in milliwonk per square inch (MWPI) gemessen, ein geeignetes Messgeraet wird ab sofort ausgeliefert. Naesse kann damit eindeutig bis zu einer Genauigkeit von +3, -1 milliwonk festgestellt werden. Phase 5: Inzwischen ist es November, alle Welt giert nach dem Sonnenspender und es werden Bestellformulare mit beigeschlossenem Erlagschein in allen Postaemtern Mitteleuropas aufgelegt. In Osteuropa wird das Produkt in landesspezifischen Versionen spaeter erhaeltlich sein. Durch die weitgehenden Beta-Tests im 'third ray' ist es klar geworden, dass man besser drei Raeder verwendet und der Aufklappmechanismus besser mit einem Elektromotor versehen wird. Das aehnelt zwar dem IBM Konzept, die drei Raeder sind jedoch ein Meilenstein und daher wird die Konstruktion patentiert. Bill Gates selbst entdeckt, dass durch Anbringen eines Dynamo an den Raedern die Reichweite deutlich erhoeht werden kann - in ersten Prospekten ist von 'bis zu 10.000 Oeffnungszyklen' die Rede, spaeter wird auf 15.000 Zyklen korrigiert. Phase 6: Die Auslieferung verzoegert sich ein wenig, da es schwieriger als erwartet ist, die Oeffnungszeit unter den Wert des inzwischen gereiften IBM Produkts zu druecken. Ausserdem hat inzwischen Novell ebenfalls ein aehnliches Produkt angekuendigt, was von Steve Ballmer mit den Worten 'Wir sind unzweifelhaft Marktfuehrer' bei einer Pressekonferenz beantwortet wird. Phase 7: Da sich die Auslieferung doch noch wegen der verlaengerten Beta 4 Phase verzoegert, wird allen bisherigen Bestellern ein Hochglanzprospekt von ausgewaehlten Reisezielen zugesandt, an denen sich die Kunden das bereits erworbene Produkt aus der Naehe ansehen und auf die Leistungsfaehigkeit testen koennen. Mehr als 70% der Kunden nutzen das Angebot und buchen den Trip, entweder nach Fort Worth, Texas, Death Valley, CA oder Gnakonoko im noerdlichen Australien. Microsoft kauft weitere Aktien der beteiligten Fluglinie, der Sheraton und Hilton Kette und des Reisebueros 'Uniglobe'. Boerseninsider kaufen vermehrt Microsoft Aktien, der Kurs steigt um zehn Punkte, die Washington Post widmet Microsofts neuem bahnbrechenden Produkt einen Leitartikel. Phase 8: Im Juni wird 'Sahara', inzwischen 'Planes 2.1' genannt, in Stueckzahlen ausgeliefert. Begeisterungsstuerme folgen den ersten Tests des Release, tausende Urlauber berichten ab Mitte Juli von der tollen Funktionalitaet. Praktisch keine Faelle von schweren oder gar langdauernden Regenfaellen haben die Verwender von Planes 2.1 ereilt. Ab Mitte August wird Planes 2.11 gegen einen kleinen Unkostenbeitrag ausgeliefert, die Verbesserungen sind in den Details offensichtlich. Ab Version 2.11 werden die Kabel zum Elektromotor nicht mehr aussen am Stil, sondern innen im nunmehr hohlen Bambusstock gefuehrt. Die Batterien werden auf leichte 4 kg reduziert, die Laufbreite der Raeder um 0,5 cm erhoeht, um ein Einsinken im Sand an den Urlauberkuesten zu vermeiden. Ein grossartiges Presseecho dankt die unerwartete Verbesserung, der Leitartikel von 'RS Magazin' spricht von sensationeller Kundenfreundlichkeit, das auf 'Planes' umbenannte Magazin sieht in Version 2.11 die ultimative Loesung aller Probleme so trister Landstriche wie London, Irland oder Seattle. Bill Gates wird mit seiner Frau von Paparazzi am Strand von Honolulu in grellem Sonnenschein erwischt. Phase 9: Ab September werden doch einige Probleme mit der Zuverlaessigkeit gemeldet. Deutsche Touristen berichten von grauenhaften Wolkenbruechen an der portugiesischen Atlantikkueste, US Buerger wollen in Florida wolkenbruchartig eingeregnet worden sein, kanadische Leserbriefe sprechen von vollkommener Wirkungslosigkeit des Produkts. Steve Ballmer beruft sich vor der Presse auf die unbestrittene Marktfuehrerschaft und praesentiert die neuesten Verkaufszahlen, die Anfang September alles bisher dagewesene ueberholt haben. Im Lichte dieses ungestuemen Drangs ist sich die Presse einig, dass die noergelnden Deutschen, die immer misslaunigen New Yorker und die futterneidischen Kanadier wohl nicht begriffen haetten, wie 'Planes 2.11' korrekt zu verwenden ist und weisen in langen, detaillierten Serien auf den Einsatz in Gegenden wie Sued Burrundi oder auch Tikuakua nach. Die Verkaufsziffern klettern unbarmherzig, es wird November. Phase 10: Mitte November flachen die Ziffern ein wenig ab, doch Steve Balmer hat schon einen neuen sensationellen Coup zu verkuenden: Ab sofort liefern alle fuehrenden Sonnenoel-Fabrikanten 'Planes 2.11' im Bundle aus, um so den potentiellen Kunden vor UV-Schaeden zu schuetzen. Die Londoner Zeitung 'The Daily Mirror' schreibt einen etwas sarkastischen Artikel, die Boersenkurse steigen. Bill Gates wird vom Praesidenten der USA beauftragt, ein Konzept weltweiten Sonnenscheins auszuarbeiten. Das 'Planes 2.11 Bundle mit UV 20' wird der Weihnachtshit des Jahres, kurz nach Nikolaus sind die Laeden praktisch ausverkauft. Wer etwas zu schenken hat, schenkt 'Planes 2.11 mit Sonnencreme'. Phase 11: Die bereits deutlich gewordenen Probleme in tiefem Morast und in Regionen mit mehr als 30 mm Niederschlag pro Jahr und Quadratfuss geben Anlass zur Ankuendigung einer neuen Weiterentwicklung: Planes DF, wobei DF fuer 'dry feet' steht. Damit wuerde, so teilt Steve Ballmer mit, der endgueltige Sieg im Kampf gegen die sinnlose Benetzung von oben durch mehrere Abweis-Methoden von vorneherein ausgeschlossen werden. Man habe, so Ballmer, die wichtigsten Kritikpunkte analysiert und im neuen Design beruecksichtigt: Neben einer Vergroesserung der Schutzflaeche und einer Verstaerkung des Materials wird der Griff statt aus Bambus in Zukunft aus Gusseisen gefertigt. Das damit hoehere Gewicht wird durch eine Heliumfuellung einerseits und verbreiterter Raeder andererseits kompensiert, so dass die neuen Modelle deutlich leichter bedienbar sein wuerden. Fuer den Fall, dass die absolute Regenlosigkeit doch nicht erreicht werden kann, weil jeder Benutzer eben Fehler macht, wird ein Fehler-tolerantes System eingefuehrt, durch das bei Eintreten von Naesse von der Seite oder von oben automatisch an den Aussenraendern Zeltplanen herabgerollt werden, die je nach Traeger exakt bis zum Boden abgerollt wuerden. Ballmer weiter: "Damit ist in Zukunft nicht nur die absolute Regenlosigkeit, sondern auch der Schutz vor Feuchtigkeit aus jeder Ebene garantiert. Das 'Plane dry feet' Produkt eignet sich aufgrund der Groesse des Schutzschirmes bestens fuer Menschengruppen bis zu Kompaniestaerke und wird durch eine Verbesserung des weiterhin vertriebenen Basisprodukts 'Planes 2.11 for crowds' koppelbar, so dass mehrere tausend Personen vollkommen ungenaesst miteinander denselben Weg lustwandeln koennen werden". Die technischen Spezifikationen werden vorgestellt und sind mehr als imposant: Weit ueber 70 m Spannweite, ein Nettogewicht (ohne Batterien) von rund 400 kg, drei Elektromotoren von je 30 kW und fuenf statt der bisher zwei Raeder der Dimension 345 VR 15. Auf die Hochgeschwindigkeitsspezifikation der Reifen angesprochen meinte Ballmer, dass es bei manchen Kunden erwuenscht gewesen waere, auch Laufgeschwindigkeiten jenseits von 215 km/h zu erreichen und deshalb ein komplettes Redesign der Tragekonstruktion gemacht werden muesse. Das Betaprogramm startet diesen Maerz...

Text aus dem TextArchiv 7 - http://www.ta7.de/