Applaudieren kann man auch im Netz


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    Der Autor freut sich über kleine Aufmerksamkeiten zum Geburtstag (s.u)
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                               (c) 1993 by TV1

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                        > * Öfter mal was Nettes * <
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                         von Kommunikationsproblemen
                         durch das Fehlen nonverbaler
                            Verständigungsebenen
                              und Lösungswegen

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                      Applaudieren kann man auch im Netz
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    In Ermangelung einer Applaus-Taste habe ich mir erlaubt, meinen
    XPoint mit zwei Makros auszustatten, die einen Netzwerk-Applaus
    fuer besonders gelungene Beitraege ohne viel Handarbeit er-
    moeglichen.  aktiviert auf meinem Point sowohl im Lister
    als auch in der Nachrichtenuebersicht diesen Applaus, bestehend
    aus einem Smiley an den Absender der betreffenden Nachricht. Er
    erhaelt dann eine Mail mit dem Betreff "APPLAUS! (re: ....)"

    Voraussetzung ist eine aus einem einzigen Smiley ":)" bestehende
    Datei namens APPLAUS! sowie zwei Makros, der eine fuer die
    Nachrichtenuebersicht, der andere fuer den Lister:

           Nachrichtenfenster : ^Fc:\xpoint\applaus!^M^M

           Lister             : 

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                         Warum Applaudieren?
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    Das Netz als Kommunikationsmedium hat einen gewissen Nachteil.
    Erfahrene User wissen das. Es mangelt an der Komponente
    *Konfliktminderung*, sonst unbedingter Bestandteil jeder inter-
    personalen Kommunikation. Im direkten Gespraech gibt's Tonfall,
    Brauenrunzeln, zustimmend Nicken und andere nonverbale Methoden
    des *Feedbacks*. Diese Mittel dienen u.a. dazu, dass man auch
    mal etwas *nicht allzu woertlich nimmt*, oder auch *Worte nicht
    auf die Goldwaage legt*. Der Sprechende wiederum hat ebenfalls
    ein Repertoire nonverbaler Ergaenzung des Gesprochenen, mit
    dessen Hilfe er Aussagen relativieren kann.

    Als Distributionsmedium weist das multidirektionale Massenmedium
    *Netz* eine auf den ersten Blick merkwuerdige Eigenart auf, die
    bei naeherem Hinsehen identisch ist mit dem in der Presse be-
    kannten Problem des 'notorischen Leserbriefschreibers'. Es ist
    naemlich so, dass Leserbriefe in der Regel zu einem unverhaeltnis-
    maessig hohen Anteil von Noerglern verfasst werden, der arme
    Schreiber aber so gut wie nie positives Feedback bekommt. Etliche
    Journalisten, einst humorvolle und engagierte Optimisten, ver-
    wandeln sich so im Lauf der Jahre zu griesgraemigen Zynikern.

    Auf dem Netz ergeben sich daraus folgende Effekte, die sich nur
    allzuoft zu sozialen Konflikten aufstauen, wenn man nicht im
    sprichwoertlichen Sinne *druebersteht*:

         - je besser ein Text ist, umso weniger Echo gibt es!

    Wer das weiss, nimmt schmunzelnd zur Kenntnis, dass sein Text die
    Netzkollegen erst mal *sprachlos* gemacht hat. Wer es nicht weiss,
    kann daran verzweifeln, dass doch offenbar niemand seine Arbeit zur
    Kenntnis nimmt. Er interpretiert das tatsaechliche *Erfolgsereignis*
    als *Misserfolg*, denn das moeglicherweise zustimmende Kopfnicken
    seiner sprachlosen Kollegen nimmt er ja nicht wahr.

        - je besser ein Text ist, desto spaeter kommt - wenn ueber-
          haupt - ein Echo.

    Eine Erfahrung, die sich mehrfach als richtig erwiesen hat und von
    einem gewissen Kommunikationstheoretiker am Staffelsee in beiden
    Richtungen ausprobiert wurde. Sein *Rekord* ist eine Dauer von
    einer Woche bis zum Eintreffen der ersten zaghaften PM bzw. von
    nicht einmal 24 Stunden bis zum Eintreffen heftigsten Widerspruchs.

        - Je bloeder und Widerspruch herausfordernder ein Beitrag
          ist, desto schneller und zahlreicher wird reagiert.

    Dieser Umstand ist haeufig Grund fuer diverse Fehlinterpretationen,
    die zu *Fehlverhalten* fuehren. So meint mancher, Widerspruch heraus-
    fordern zu *muessen*, um ueberhaupt *wahrgenommen* zu werden. In ge-
    wissem Sinne stimmt das sogar, und zwar wegen des *Gaffer-Effekts*.
    Gewalt und Sex erhoehen die Einschaltquoten - nicht nur im Fernsehen.
    Netzwerkpruegeleien - leider ist es nur allzu menschlich - haben
    dieselbe Wirkung. In einer *Netz-Hitparade* wuerden sie unangefochten
    die ersten Plaetze besetzen. Da hilft kein noch so moralischer
    Anspruch: es ist einfach *menschlich*. Aber man muss ja nicht unbe-
    dingt darauf *hereinfallen* :)

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                        Das Publikum auf den Raengen
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    Man spricht von einem Verhaeltnis 1:10 (aktive User zu Nur-Lesern).
    In Ungefaehr gilt das ueberall: fuer eine einzelne Mailbox, fuer ein
    Netz, aber auch fuer ein einzelnes Brett (Forum). Der Grossteil der
    User ist *unsichtbar*. Diese *Unsichtbaren* bilden aber ein grosses
    Widerspruchspotential, was - jeder kann es beobachten, wenn's auf dem
    Netz hoch hergeht und die verbalen Boxhandschuhe ausgepackt werden -
    bisweilen aeusserst merkwuerdige Blueten spriessen laesst.

    So entsteht beim Schreiber (Kommunikator) nur allzu leicht der Ein-
    druck der *Undankbarkeit* auf Leserseite (Rezipienten). Man gibt sich
    Muehe, Gutes wird scheinbar nicht *wahrgenommen*, weniger Gelungenes
    erzeugt schnell bombastischen Widerspruch, weil ja jeder Rezipient
    schlagartig die Rolle hin zum Kommunikator wechseln kann. Es beginnt
    ein Kreislauf von Mit-Streitern, wobei auf eine *Aktion* (also eine
    originaere Meldung bzw. Meinungsdarstellung) immer erstmal eine
    *Reaktion* folgt, der Originalautor sich rechtfertigen will und
    *re-reagiert* und so weiter und so fort. Es entstehen Parteiungen, und
    je unueberbrueckbarer die Gegensaetze, umso persoenlicher wird letzt-
    lich die Debatte und umso haeufiger und heftiger werden die *Schlaege
    unter die Guertellinie*.

    Andererseits erzeugt ein Star-Streiter, der mit dem Schwerte des Wortes
    trefflich umzugehen weiss, auf der Seite, fuer die er Partei ergreift,
    erstmal Ruhe. Denn was einer besser kann, das ueberlassen ihm die
    anderen auch. Das Publikum *auf den Raengen*,  die *Unsichtbaren* er-
    wecken bei Nicht-Eingeweihten so leicht den Eindruck, hier stritte
    einer gegen alle anderen. Ein Fehler ist es aber, anzunehmen, er waere
    tatsaechlich *all-ein*.

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                          Beifallhunger und Saettigung
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    Der Mensch als soziales Wesen ist beifallhungrig - der eine mehr, der
    andere weniger. Das ist ganz normal und gehoert zum sozialen und
    kommunikativen Repertoire der Spezies Mensch. Man strebt nach
    *Belohnung* und will sich auch *belohnt* sehen fuer etwas, das es
    einem wert erscheint, will den Anteil (Beifall), den man *verdient*
    zu haben glaubt. Jeder Hunger verlangt nach *Stillung*. Die
    permanente Nicht-Stillung dieses Kommunikations-Hungers hat teils
    schwerwiegende psychische Konsequenzen. Man stelle sich einen
    Schauspieler vor, der jahrelang seine Texte gelernt und seine Gesten
    einstudiert hat, endlich auftritt - und das Publikum gaehnt. In der
    Regel geht ein solcher Schauspieler anschliessend in die Bar und
    kippt sich kraeftig was hinter die Binde, um nicht an Gott und der
    Welt zu verzweifeln.

    Unsichtbares Publikum verhaelt sich immer anders. Der Hungrige *stellt
    es sich vor*. Und in der Regel ist das Publikum in dieser Vorstellung
    gemein, weil es gaehnt. Nun, das tut es aber gar nicht. Oft genug wird
    als Folge eines Beitrags vor einem anderen Monitor gelacht, applaudiert
    und geworben: "He, schaut mal her! Den muesst ihr lesen, der ist gut!"
    Bloss, man hoert's nicht, weswegen auch dieser hoechst kommunikative
    und applaudierende Zuschauer *gaehnt*.

    So koennen verschiedene *irrige Annahmen* entstehen, und fatalerweise
    sind es gerade die Engagiertesten, denen die groesste Gefahr fuer die
    Psyche erwaechst. Das permanente, teils ueber Jahre sich erstreckende
    *sich alleingelassen* fuehlen erzeugt Frust. Frust erzeugt Ver-
    stockung. Je verstockter einer wird, desto hemmungsloser wird er in
    der Wahl der Mittel. Seine Hemmungslosigkeit wiederum stellt dann die
    Rechtfertigung fuer seinen *Gegenspieler* dar, ebenfalls hemmungs-
    loser zu werden. Zwangslaeufige Folge:  Zuspitzung bis an die Grenzen
    des psychisch Ertraeglichen.

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                          Vom Wert der Kurzbotschaft
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    Beifall ist Kommunikation. Es ist eine Kurzbotschaft mit viel Inhalt
    - ebenso uebrigens wie das *Buh-Rufen* als Gegenstueck, das aller-
    dings als unzivilisiert gilt; Ignorieren hat allemal mehr Stil.
    Beifall und Applaus kommen uebrigens urspruenglich nicht aus der Ecke
    der Kunst, sondern aus der Politik. Redebeitraege wurden im
    roemischen Senat - und nicht nur dort, vermutlich ebenso auf
    germanischen Stammesversammlungen - beklatscht. Dieses *Beklatschen*
    des Redners war sozusagen die Kurzform einer vorgezogenen Abstimmung,
    die das etwas umstaendliche Verfahren einer organisierten Abstimmung
    fallweise ueberfluessig machte.

    Applaus ist auch eine Kurzform der Gratulation, der *Ehrerbietung*. Und
    ebenso, wie diese *Kurzbotschaft* in der Politik umstaendliche und
    ueberfluessige Abstimmungen wegen vorab feststellbarer Eindeutigkeit
    des zu erwartenden Ergebnisses vermeidet, waere es auch etwas um-
    staendlich - um auf das Bild des Schauspielers zurueckzukommen - wenn
    das Publikum sich in Reihe anstellt und ihm zu seiner Leistung
    gratuliert. Der Aermste kaeme ja aus dem Haendeschuetteln nicht mehr
    heraus.

    Der Applaus wird ihn anspornen, seinem Publikum beim naechsten Mal eine
    ebensogute, wenn nicht noch bessere Vorstellung zu bieten. Vielleicht
    geht er anschliessend trotzdem in die Bar und kippt sich kraeftig
    einen hinter die Binde, diesmal aber, um seinen ueberwaeltigenden
    *Erfolg* zu begiessen.

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                      Die Notwendigkeit des Kurz-Signals
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    Das Publikum wird durch die Moeglichkeit des Applauses, der nichts
    anderes darstellt als einen gemeinsamen und von allen verstandenen
    und von jedem beherrschbaren Code, ebenfalls von Umstaendlichkeit
    befreit. Es muessen naemlich keine *Worte gefunden* werden, um
    seinen Beifall oder seine Zustimmung zu artikulieren. Das kann nun
    mal der eine besser und der andere weniger gut. Haendeklatschen hat
    viele Nuancen, von *hoeflich* bis *begeistert*, und als Superlativ
    gibt es da noch die *standing ovations* - der *Himmel auf Erden*
    fuer jeden Protagonisten.

    Auf den Netzen, dieser *virtuellen Welt*, wird es nie einen derartigen
    Nuancenreichtum geben. *Kurzbotschaften* dieser Art, mit der der ein-
    zelne - ohne muehevoll in die Tasten greifen zu muessen - seine Zu-
    stimmung artikulieren kann, sollte es aber geben. Nun, meinen Point
    habe ich darauf dressiert. Besser waere es, die Programmierer von
    Point- oder Mailboxsoftware wuerden dies gleich in der Software be-
    ruecksichtigen. Diejenigen Netze, die dieserart technisch gestuetzt
    die beschriebene Grundanforderung jeder interpersonalen Kommunikation
    ermoeglichen, werden sozialvertraeglicher sein als die anderen, eine
    *bessere Vorstellung* bieten und einen besseren Eindruck machen.

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    Autor : Thomas Vogler                                 BLZ :   70010080
    GebTag: 30. Mai (Pfingstsonntag)                      Kto.: 0536930806

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