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| | \ \\ | FIDO-Net von Innen
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|__U__| / \// | (c) 1992 Werner Niedermeier
_//|| _\ / | (Ein Artikel in DOS 11'92)
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Eines der weltweit größten privaten Mailbox-Netze ist
das Fido-Net mit derzeit über 15000 angeschlossenen
Systemen. Wie kann ein Hobby-Netzwerk dieser Größe ohne
feste Gebühren und ohne hauptamtliche Mitarbeiter
funktionieren? Wie werden die mehr als 400 verschiedenen
Konferenzen verteilt? Wie ist das Fido-Net organisiert?
Ein Blick hinter die Kulissen von Fido-Net wird Ihnen diese
und weitere Fragen beantworten.
Das Fido-Net ist eines der weltweit größten
Mailboxnetze. Über 15000 Systeme (Stand Mai 1992) sind in
einem Verbund zusammengeschlossen, einem Verbund, der keine
Mitgliedsbeiträge erhebt und der rein von der freiwilligen
Aktivität der Sysops getragen wird. Fido-Net wurde im
Jahre 1984 von Tom Jennings in San Francisco, USA,
gegründet. Er war es leid, bei der Mailbox seines Freundes
John Madill in Baltimore anzurufen, zu warten, bis dort
nicht mehr besetzt war, und dann dort eine Nachricht zu
hinterlassen - er wollte diese Arbeit dem Computer
überlassen, also schrieb er ein Programm, welches er "Fido"
nannte. Gerüchte besagen, daß Tom Jennings' Hund diesen
Namen hatte, denn auch das Markenzeichen von Fido-Net ist
ein Hund, der eine Diskette im Maul trägt.
Zu Beginn war Fido-Net ein Zusammenschluss von
Freunden, jeder kannte jeden, etwaige Probleme und Fragen
konnten mit einem einfachen Telefonanruf geklärt werden.
Fido-Net wurde nun immer größer, und es mußten neue Wege
des Mailverteilens gefunden werden - das sogenannte Routing
entstand, das auch heute noch, acht Jahre später, in
ähnlicher Form funktioniert. Routing kann mit Weg oder
Marschroute übersetzt werden und bedeutet, daß eine
Mitteilung nicht direkt vom Absender- zum Empfängersystem
geschickt wird, sondern über Zwischenstationen. Eine
Mailbox sammelt die Mitteilungen, die in Mailboxen im
näheren Umkreis geschrieben werden und schickt diese
gesammelt an eine andere Mailbox, wo dann weitersortiert
wird. Dieses Routing wurde täglich zu einer bestimmten
Zeit erledigt, der "Mail Hour". Auch heute ist es noch so,
daß in dieser "Mail Hour" im gesamten Fido-Net kein
Benutzer Zutritt in die Mailbox hat, denn jedes Fido-System
muß zu dieser Zeit frei für Mitteilungen sein. Trotz
dieses Routings ist jede Fido-Mailbox auch direkt
erreichbar. Um dies zu gewährleisten, muß jeder Fido-Sysop
die sogenannte "Nodelist" in sein System einbinden. Die
"Nodelist" können Sie am besten mit einem Telefonbuch
vergleichen, denn in dieser Liste ist jedes Fido-System
weltweit eingetragen. Da sich diese Liste ständig ändert,
wird wöchentlich die "Nodediff" verschickt, eine Liste, in
der alle Änderungen vermerkt sind. Spezielle Programme
erzeugen aus dieser "Nodediff" und der "Nodelist" eine neue
"Nodelist", so daß jeder Fido-Sysop wöchentlich auf dem
aktuellen Stand ist.
Die Struktur von Fido-Net ist streng hierarchisch
aufgebaut. Es sind zwar Bestrebungen im Gange, diese
Hierarchie durch Demokratische Strukturen abzulösen, doch
dazu später mehr. An der Spitze dieser Hierarchie ist der
"IC", der "international Coordinator".Ihm unterstellt ist
der "ZC", der "Zone Coordinator". Fido-Net ist derzeit in
sechs Zonen unterteilt: Zone 1 ist Nordamerika, Zone 2
Europa, Zone 3 Australien, Zone 4 Latein-Amerika, Zone 5
Afrika und Zone 6 Asien. Jede Zone unterteilt sich in
verschiedene Regionen, die meist die selben Grenzen haben,
wie politische Länder. Den Regionen steht der "RC", der
"Region Coordinator" vor. Innerhalb der Regionen gibt es
die Netze, denen der "NC", der "Net-Coordinator" vorsteht.
Innerhalb der Netze befindet sich dann der Node (das ist
der Sysop der Mailbox, die Sie anrufen, wenn Sie eine
Fido-Mailbox anrufen). In großen Netzen ist das Netz noch
in "Hubs" unterteilt. Seit einigen Jahren gibt es auch
noch "Points", die unter den Nodes angesiedelt sind. Ein
Point unterscheidet sich von einem Node dadurch, daß er
nicht angerufen werden kann. Auch im Regelwerk des
Fido-Nets, der "Policy" wird ein Point von den Rechten und
Pflichten einem "normalen" Onlineuser gleichgestellt. Aus
dieser Struktur ergibt sich auch die "Nodenummer", die
jeder Sysop hat. Wenn Sie beispielsweise die Nummer
"2:246/2" ansehen, so läßt sich an der ersten Ziffer die
Zone ablesen, in diesem Fall die "2" für Europa. Die
zweite Nummer ist die Netznummer, wobei die ersten Ziffern
die Nummer der Region beinhalten. In obigen Beispiel ist
die Netznummer "246", in Region "24", diese Nummer steht
für Deutschland. Die letzte Ziffer ist die Nummer im Netz,
hier also die "2". Points werden durch das Anfügen eines
Punktes (daher der Name Point) und der Pointnummer
gekennzeichnet. Ein Point in obigem Beispiel hätte dann
beispielsweise die Nummer "2:246/2.11".
Das oben beschriebene Routing gilt für private Netmail.
Eine "Netmail" ist ein Brief, den Sie an einen bestimmten
Sysop oder User einer Fido-Net-Mailbox schreiben. Das Wort
"privat" darf hierbei nicht zu wörtlich genommen werden,
denn alle am Routing beteiligten Systeme können Ihren Brief
lesen.
Fido-Net besteht aber nicht nur aus privaten
Mitteilungen, einen viel größeren Umfang hat die sogenannte
"Echomail" erreicht. Mit "Echomail" werden im Fido-Net
Konferenzen zu den verschiedensten Themen bezeichnet. Die
Echomail unterscheidet sich grundsätzlich von der Netmail
dadurch, daß die Inhalte der Mitteilungen nicht privater
Natur sind, sondern von öffentlichem Interesse. Jede
Fido-Mailbox kann so viele Echomail-Konferenzen beziehen,
wie sie will. Keine Mailbox muß bestimmte Konferenzen
führen, und so kann es durchaus sein, daß sie in
verschiedenen Fido-Boxen verschiedene Konferenzen
vorfinden. Um diese Vielzahl an Konferenzen zu verteilen,
gibt es in Deutschland ein ausgeklügeltes System: Während
in Amerika eine Mailbox (der sogenannte
"Echomail-Backbone") alle Fido-Net-Konferenzen bei sich
sammelt und verteilt, gibt es in Deutschland aus
Sicherheitsgründen mehrere Systeme, die, über die gesamte
Region verteilt, nach einem bis ins Kleinste ausgeklügelten
Plan die Echomail verteilen. Der Vorteil dieses Systems
besteht darin, daß, falls ein System ausfallen sollte, die
Echomail über die anderen Systeme weiterverteilt werden
kann. Bei einem Stern-System müssen in so einem Fall alle
auf die Echomail verzichten. Um unnötige Verzögerungen zu
vermeiden, rufen sich die beteiligten Systeme (BBR-Systeme
genannt, von "Backbone Ring") nach einem minutengenau
ausgetüftelten Plan an und verschickten so die Echomail
quer durch Deutschland. Dieses System ermöglicht es, daß
Sie eine Nachricht, die Sie beispielsweise in Kiel
schreiben, meist innerhalb von zwei Tagen in einer
Fido-Mailbox in Mittenwald wieder vorfinden. Schreiben Sie
in einem internationalen Echo eine Nachricht, so ist diese
meist in zwei oder drei Tagen beispielsweise in einem
Vorort von Sao Paulo, Tokio oder Miami. Pro Tag sind das
immerhin zwischen 2 und 4 Megabyte an gepackten Dateien,
die durch diese Hauptsysteme hindurch fließen.
Neben Net- und Echomail hat sich im Fido-Net eine
dritte "Schiene" etabliert: Dateien. Über spezielle
Filenetze werden Shareware- und Public-Domain-Programme an
angeschlossene Mailboxen verschickt. Auch bei diesen
Dateien wird ein ähnliches System wie bei Echomail genutzt,
dadurch ist es möglich, beispielsweise den neuesten
Virenscanner bereits zwei oder drei Tage nach der Freigabe
in Amerika in einer deutschen Fido-Net-Mailbox zu finden.
Ein so großes Netz wie das Fido-Net funktioniert nicht
ohne Regeln. Diese Regeln sind in der sogenannten "Policy"
zusammengefaßt. Die derzeit gültige Policy trägt die
Versionsnummer 4.07 und ist seit 9. Juni 1989 in Kraft.
Sie wurde nicht demokratisch legitimiert, sondern vom
damaligen IC eingesetzt und ist in vielen Punkten nicht
mehr zeitgemäß. Seit knapp zwei Jahren wird an einer
Verbesserung dieser Policy gearbeitet, jedesmal scheiterten
diese Verbesserungsvorschläge aber, da immer irgendwelche
Gruppierungen Punkte fanden, die sie auf keinen Fall
akzeptieren konnten. So haben sich viele Fido-Net-Sysops
mit der Policy dahingehend arrangiert, daß die Punkte, die
ihnen nicht passten, einfach ignoriert wurden. Einer
dieser Punkte ist die strikte Vorgabe der Regionalität.
Dieser Punkt besagt, daß es kein Netz geben darf, was auf
dem selben Gebiet, auf dem ein anderes Netz ansässig ist,
Nodes aufnimmt. Diese Regelung wurde in Amerika aus
Kostengründen eingeführt. Da dort sogenannte "Local Calls"
kostenlos oder sehr billig sind, macht diese Regelung, wenn
man die Kosten betrachtet, dort auch Sinn. In Deutschland
ist die Telefonstruktur aber anders: Ob Sie ein Telefonat
von München nach Nürnberg tätigen, oder von München nach
Hamburg, es kostet das selbe. Da es aber auch im Fido-Net
(wie überall auf der Welt) Menschen gibt, denen nichts
wichtiger ist, als Regeln durchzusetzen, gibt es auch im
Fido-Net immer wieder heiße Diskussionen um dieses Thema.
Bei diesen Diskussionen macht sich ein Schwachpunkt der DFÜ
stark bemerkbar: Die Diskussionen laufen ja nicht so, daß
Sie auf Ihre Meinung sofort eine Gegenmeinung bekommen,
sondern es dauert seine Zeit, bis Ihre Mitteilung bei dem
"Diskussionsgegner" angelangt ist. Bis Sie dann seine
Meinung erhalten, haben Sie vielleicht schon die
Stellungnahmen anderer an der Diskussion Beteiligter
erhalten, so daß der logische Fluß in Diskussionen oft
verloren geht. Ein weiterer Nachteil ist die Tatsache, daß
Sie per Mitteilung keine Gefühlsregungen übermitteln
können. So kann der Empfänger einer Mitteilung diese ganz
anders auffassen, als Sie sie vielleicht gemeint hatten.
Dadurch entstehen schnell "Flames" (mit diesem Wort werden
persönliche Angriffe bezeichnet), ein Wort ergibt das
andere und schnell ergeben sich Streitereien, die, wenn Sie
sich gegenüber sitzen würden, oft nicht passiert wären.
Da das Fido-Net derzeit noch stark hierarchisch
strukturiert ist, besteht bei vielen Sysops der Drang,
selbst einen Posten zu bekleiden. Das ist im Fido-Net
recht einfach: Sie eröffnen beispielsweise eine neue
Konferenz, bestimmen sich als Moderator dieser Konferenz,
und schon besitzen Sie Macht, die Sie je nach Charakter
auch ausüben können. So hat ein Moderator beispielsweise
das Recht, Teilnehmer an "seiner" Konferenz von dieser
auszuschließen, wenn ihm der Teilnehmer nicht paßt. Es
gibt im Fido-Net viele Beispiele dieser Art von
Moderatoren, die ihren Frust auf dem Rücken der Teilnehmer
auslassen. Ebenso kann ein "*C", wie Coordinatoren im
Fido-Net genannt werden, die unter ihm liegenden Strukturen
nach seinem Gutdünken tyrannisieren. Nur einmal gelang es,
einen RC durch die Mehrheit der Sysops dazu zu zwingen,
sein Amt niederzulegen, nachdem seine diktatorischen
Maßnahmen zu extrem wurden. Die Tatsache, daß dies gelang,
gibt denjenigen Mut, die diese streng hierarchischen
Strukturen aufbrechen und im Fido-Net Demokratie einzufügen
wollen - trotz des Widerstandes einiger Coordinatoren, die
ihre Macht nur ungern aufgeben möchten.
Trotz dieser negativen Begleiterscheinungen ist
Fido-Net eine günstige, schnelle und sichere Methode, um an
die neuesten Informationen aus aller Welt zu kommen, um die
neuesten Shareware-Programme zu erhalten oder um dem Onkel
in Amerika eine Mitteilung zu schicken.
Ein weiterer wichtiger Punkt im Fido-Net ist der
strikte Hobby-Charakter des Netzes. Fido-Net wird getragen
von dem Enthusiasmus und der Mitarbeit vieler Sysops, die
viel Geld und Arbeit in ihr Hobby stecken und Fido-Net so
am Leben erhalten. Es wurde zwar schon einige Male von
Computerhändlern und Verlagen der Versuch unternommen,
Fido-Net für ihre Zwecke auszunützen, jedoch konnten diese
Versuche jedesmal abgeblockt werden. So ist Fido-Net auch
heute noch ein reines Amateur-Netzwerk, was von engagierten
Sysops getragen wird.
Wenn Sie nun selbst Lust bekommen haben, Fido-Net-Sysop
zu werden, so benötigen Sie folgendes: Einen Rechner, ein
Modem und die dazugehörige Software. Im Gegensatz zu
vielen anderen Netzen müssen Sie im Fido-Net nicht eine
spezielle Software benutzen. Die einzige Vorgabe ist, daß
die verwendete Software den Fido-Net-Standards entspricht.
Es gibt mittlerweile einige Programmpakete, die diesen
Vorgaben entsprechen, stellvertretend für viele sei hier
das Programm "D'Bridge" des amerikanischen Autors Chris
Irwin genannt, welches sowohl für Einsteiger als auch
Fortgeschrittene alles bietet, was ein Fido-Net-Sysop
benötigt und einige nützliche Zusatztools mehr. Haben Sie
dieses Programm ("Mailer" genannt) bei sich installiert, so
schicken Sie dem NC des Netzes, in das Sie eintreten
wollen, eine Mitteilung. Der NC entscheidet dann über Ihre
Aufnahme in das Fido-Net.
Sehen Sie sich doch einfach einmal in einer
Fido-Mailbox in Ihrer Gegend um (alleine in Deutschland
gibt es mittlerweile knapp 1000 Fido-Boxen), informieren
Sie sich in den vielen Echos oder kopieren Sie sich eines
der unzähligen Sharewareprogramme auf Ihren Rechner,
vielleicht ergeht es Ihnen dann so wie dem Autor dieses
Berichtes, der seit knapp sechs Jahren Sysop im Fido-Net
ist, und dessen Begeisterung trotz aller kleineren und
größeren Schwierigkeiten immer noch ungebrochen anhält.
(Werner Niedermeier, FidoNet 2:246/2)
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