Gott ist auch im Internet

Zwischen Satanisten und Hexenkult haben nun auch die Kirchen den Sündenpfuhl
Cyberspace als Ort der Seelsorge entdeckt. Im Internet entsteht ein religiöser
Supermarkt.

Ob Pfarrer, Bischof oder Mönch - die Kirche hat die Datenautobahn entdeckt:
Selbst Seine Heiligkeit der Papst springt mutig in den Sündenpfuhl
Cyberspace und verkündet zwischen Pornobildchen und Pizza-Hut die Frohe
Botschaft (http://www.vatican.va). Von der Evangelischen Kirche
(http://www.ekd.de/) bis zur kleinsten Pfarrgemeinde ziehen derzeit die
Kirchenmissionare an die elektronische Diasporafront, um Gottes Odem per
Modem ins Wohnzimmer zu übertragen. Ein wichtiger Grund: Die Kirchen wollen
das Feld nicht Sekten und abstrusen Heilsbringern überlassen, die schon
längst im Internet vertreten sind. Neben den Weltreligionen Islam,
Christentum und Buddhismus findet der Sinnsuchende auf Suchmaschinen wie
Yahoo Tausende von Web-Links zu NewAge-Jüngern, Scientologen, Satans- und
Hexenkulten. Es scheint, als ob die Suche nach Wahrheit und Erleuchtung
ganz besonders im Online-Medium boomt.

Dabei ist die christliche Internet-Gemeinschaft im wahrsten Sinne des
Wortes eine Kirche von unten: "Irgendein Pfarrer oder Kirchenfreak fängt
halt an, und dann entwickelt sich das von unten weiter", konstatiert der
Internet-Fachmann Michael Belzer von der Katholischen Glaubensinformation
(KGI) (http.//kirche.kath.de/kgi/). Ein typischer Fall ist die Gemeinde
Sankt Ibbenbüren (http://merbers.aol.com/roterpunkt/index.htm). Wer die
bunten Seiten des computerbegeisterten Pfarrers Martin Weber anwählt,
erfährt nicht nur allerhand über das Gemeindeleben, sondern kann auch noch
193 Kilobyte "Feierliches Glockengeläut" downloaden, oder sich von Pfarrer
Weber im Real-Audio-Format begrüßen lassen. Die christliche Urgemeinschaft
reicht von der Meßdienerschaft St. Dionysius aus Essen-Borbeck
(http//www.uni-duisburg.de/FS/FB10/Tl/messd/messd.html) über die "Jesus
Freaks" aus Hamburg (http://www.jesusfreaks.com/) bis zur "Bibelschule
Klosrermühle" der "Missionsgemeinschaft der Fackelträger"
(http://pprz02.HRZ.Uni-Marburg.DE/~Braunm/km/).

Den katholischen Kirchenoberen ist die Meinungsfreiheit des Internet
durchaus unheimlich. Schließlich findet jeder Gehör, und die Papst-Seiten
(langweilig!) sind nur einen Mausklick weit von denen des Teufels
(professionell!) entfernt
(http://webpages.marshall.edu/~allen12/index.html). Auch die
Kirchenopposition ist nicht weit: Sie verbreitet beispielsweise Dokumente
über das Kirchenvolksbegehren (http.//www.neckaralb.de/kvb/) und diskutiert
in einer eigenen Mail-Liste. "Noch hat man in der Kirche gar nicht erkannt,
daß das Internet konträr zur eigenen Organisations-Hierarchie liegt",
vermutet Belzer.

Deutschlands Bischöfe schwanken zwischen Mißtrauen und Begeisterung. Selbst
Chefkatholik Bischof Karl Lehmann weiß, daß man via Internet Menschen
erreichen kann, die man seit Jahren an keiner Kirchtür mehr antrifft. Das
war auch der Grund, warum er auf der CeBIT Home demonstrativ im Internet
chattete. Die evangelischen Landeskirchen stürzen sich geradezu aufs
Internet. Hypermodern hat sich die Landeskirche Hannover herausgeputzt.
Trotz Online-Kirchen im Datentakt: Die Hannoveraner laden zum besinnlichen
Meditieren ein (http://www.evlka.de/).

Ihre berühmteste Vertreterin haben die Evangelen allerdings in der
Ottobrunner "Online-Pfarrerin" Melanie Graffam-Minkus
(http://www.epv.de/leben.htm). Seit Oktober letztes Jahr betreibt sie
Seelsorge via Internet. Weit über tausend E-Mails - 95 Prozent von Männern
- hat sie seitdem beantwortet. Ihre Arbeit versteht sie als
"Erstkontakt-Seelsorge", um Beruhrungsängste vor der Kirche abzubauen. "Es
scheint in der Gesellschaft ein zunehmendes Interesse an Religion zu geben,
wenn auch nicht unbedingt im institutionellen Rahmen der Kirche", faßt
Graffan-Minkus ihre bisherigen Erfahrungen zusammen.

Die Online-Pfarrerin ist Bestandteil eines medienwirksamen Konzeptes. Mit
teilweise überraschender Professionalitat verstehen sich die
Glaubensvertreter als "Kommunikationsunternehmen": "Unsere Botschaft lautet
Verkündigung und Seelsorge", so Eva Maria Lettenmeier, Projektleiterin
"Kirche Online" beim Evangelischen Presseverband Bayern. Ihr Vorbild ist
Martin Luther: "Der hat seinerzeit auch die allerneueste Technologie, den
Buchdruck, für die Verbreitung des Glaubens genutzt."

Doch hei den Online-Aktivitäten der Kirchen geht es nicht nur um
Glaubensfragen: "Wie wollen wir neue Berufsgruppen, etwa Teleworker,
ansprechen, wenn wir deren Berufsumfeld nicht einmal kennen?" Allein in
Bayern gibt es rund 1800 evangelische Pfarrer, die dezentral in den
Gemeinden wirken und Informationsbedarf haben. "Wir sind lokal und global
zugleich", meint Lettenmeier und entwirft die Vision einer vernetzten
Kirche, in der jedes Gemeindemitglied seinen Pfarrer online erreicht und
landeskirchliche Mitteilungen ohne Zeitverzögerung eintreffen.

Auch in den theologischen Denkfabriken beginnt das Nachdenken über den
Cyberspace: Theoretiker wie der Fundamentaltheologe an der Universität
Graz, Christian Wessely, sehen durch die virtuellen Welten gar den Kern
christlichen Glaubens bedroht: Wer in perfekten VR-Simulationen auf
Knopfdruck von den Toten aufersteht, in komplexen Rollenspielen unsterblich
ist, auf den müsse der christliche Auferstehungsmythos doch wie ein alter
Hut wirken. Ganz anders der Münchner Protestanten-Professor Michael
Schibilsky auf einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing: "Gott
ist auch im Internet", versichert er. Der Passauer Theologe Franz Böhmisch
(http://www.uni-passau.de/ktf/mitarbeiter/boehmisch/) wiederum fragt:
"Müssen wir nicht auch in den entstehenden virtuellen Städten Kirchen
erbauen?"

Sein Traum ist eine "Heilige Stadt" im Internet. Teufelswerk sind die für
die deutschen Theologen sogenannte Cyberchurches
(http://www.angelfire.com/pg7/cyberchurc/church.htm). Damit sind virtuelle
Kirchen gemeint, deren Mitglieder nur noch über das Netz zusammenkommen.
Eine Horrorvorstellung für Christen, denn Kirche lebe doch vom persönlichen
Kontakt. Die zwischenmenschliche Begegnung ist auch wesentlich für Heirat
und Taufe. Sakramente per E-Mail - das läuft bei den Amtskirchen nicht.

Medienbischof Josef Spital aus Trier warnt davor, die neuen
Kommunikationsmittel zu überschätzen. Und er hat recht: Dem Mißbrauch der
Seelsorge wären damit Tür und Tor geöffnet; niemand könnte beispielsweise
den Datenschutz einer Internet-Beichte garantieren. Schlimmer noch: Reuige
Sünder könnten im Datennetz unbemerkt an einen Beichtroboter geraten und
ihres Seelenheils verlustig gehen.

 ***

Eine interaktive Einführung ins Thema "Finding God in Internet":
http://www.uni-passau.de/ktf/mitarbeiter/boehmisch/tutzing.html

Einige Hauptseiten mit weiterführenden Links:

International Bible and Theology Gateways:
http://www.uni-passau.de/ktf/gateways.html

Theology and Religion:
http://www.iac.net/~dlature/theological.html

DINO: Wissenschaft - Theologie:
http://www.dino-online.de/seiten/go14t.htm

Christian Sites to Be Seen:
http://daffy.cadvision.com/Home_Pages/accounts/haynese/QQQWWW.HTM


[Peter Diesler/CHIP Dezember 12/96]

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