Story - Doch nur die 9. Stelle hinter'm Komma
Doch nur die 9. Stelle hinter'm Komma Endlich hatte ich es geschafft. Statt immer brav Jahr für Jahr mehr und mehr von meinem Bankkonto für das stetig wachsende Steueraufkommen, das sich dicke Politiker in noch dickeren Dienst-Mercedesen für mich ausdachten, abzudrücken, hatte ich es den Bonzen und Baulöwen nachgemacht. Nur noch ein Drittel meiner Einkünfte beim Finanzamt angemeldet; den Rest schwarz laufen gelassen. Sollte jemals eine Betriebsprüfung kommen, einfach zwei Tage vorher eine Selbstanzeige erstatten und die nicht bezahlten Steuern nachzahlen. Oder meinen Freund, den Finanzminister anrufen und sagen, daß er mich mit einer geringen Abschlagszahlung davonkommen lassen sollte. Aufgrund meines durch diese Methode gigantisch reduziertem Steueraufkommens hatte sich innerhalb von nur zwei Jahren ein beachtliches Vermögen auf meinem Konto angehäuft. Ich kaufte mir am Stadtrand von München in zukunftsträchtiger Lage ein neu erbautes Luxushaus im Landhausstil. Bei der Schlüsselübergabe fiel mir schon der etwas schief sitzende Balkon auf. Eigentlich war der Balkon nicht schief. Er hing um 180 Grad versetzt vom ersten Stock runter bis halb vor das Küchenfenster. Es erübrigte sich, die Baufirma darauf anzusprechen, denn als ich mit dem Hausschlüssel die Tür aufschloß, stürzte das halbe Haus in sich zusammen. Der Rest wackelte noch drei, vier Sekunden und pulverisierte sich dann in seine einzelnen Bestandteile. "Ja mei", sagte der Architekt, "die neunte Stelle hinter'm Komma. Ein eigentlich zu vernachlässigender Fehler." Der Schreck war groß. Aber gleich vergessen. Denn als ich das Büro vom Architekten verließ, brauste mir der neue Super-Jumbo-Flieger entgegen. Ein schönes Flugzeug. Leider aber flog es nur dreieinhalb Meter über dem Erdboden. Es bohrte sich krachend in das Altersheim auf der anderen Straßenseite. Angekokelt konnte ich dem Flammeninferno entkommen und las am nächsten Tag in der Zeitung, daß man bei der Berechnung des Strömungsverhaltens der Tragflächen nächstes Mal doch lieber eine Kontrolle der Rechnerergebnisse durch eigens dafür eingestellte Kopfrechenkünstler durchführen lassen wollte. Wenn ich mich recht entsinne, muß es 1994 oder 95 gewesen sein. Da gab es für zwei, drei Tage einigen Wirbel, weil ein Intel-Chip sich irgendwie vermenschlicht hatte und anfing, dumme Anfängerfehler bei Berechnung simpler Gleichungen zu machen. Fehler, für die jeder Abiturient mit Pauken und Trompeten vom Mathelehrer eins auf den Deckel bekommen hätte. Aber Intel beruhigte die Welt mit der Mitteilung, daß ein solcher Fehler eigentlich vernachlässigbar sei und ohnehin nur alle 27 Jahre auftreten würde. Außerdem lief damals das Geschäft mit der teuren "Intel inside"-Werbekampagne gerade so gut, daß man wegen einer solchen Kleinigkeit doch nicht den ganzen schönen Absatz in Gefahr bringen wollte. IBM gab kund, daß seine Techniker herausgefunden hätten, der Fehler könne schon innerhalb von 24 Stunden auftreten. Aber wer glaubt schon IBM? Während ich noch in meinem Archiv blätterte, klirrten leise die Fensterscheiben. Komisch, dachte ich, seit dem Jahre 2007 sind doch alle Tiefflüge über dem Stadtgebiet verboten. Ich ging zum Fenster und sah einen riesigen Feuerball auf mich zukommen. Oben drauf ritten drei Männer in weißen Kitteln. Sie kamen direkt aus dem modernen Atomkraftwerk Fürstenfeldbruck. "Ich hab Euch doch gleich gesagt", moserte einer von ihnen seine Kollegen an, "wir hätten die Berechnungen des Kühlsystems nicht mit Lotus auf dem Intel-Chip machen sollen. Jetzt haben wir den Salat." Aber seine zwei Kollegen hörten ihm schon gar nicht mehr richtig zu, sondern sprangen kopfüber in die Unendlichkeit der Schöpfung. Ich schlug meinen Aktenordner mit den Pressemitteilungen von Intel zu. Drückte noch meine brennende Zigarette aus, schaltete meinen Pentium-60 Computer von Vobis auf off und dachte, daß ich eigentlich noch gar nicht richtig vorbereitet sei, um nun meinem Schöpfer gegenüber zu treten. Aber dann blies mich irgendwas durch die Außenmauer meiner Drei-Zimmer-Wohnung in Richtung Jupiter auf und davon.
Text aus dem TextArchiv 7 - http://www.ta7.de/