Story - Aus dem Leben eines Users

Aus dem Leben eines Users --------------------------- Erst mit einem PC ist Frau/Mann vollkommen. So lautet die Botschaft der Hersteller. Doch die moeglichen Abenteuer mit der Zeitmaschine werden verschwiegen. AIRtime erzaehlt sie. "Nie mehr tippen!" verheisst die grossformatige Anzeige. Da durchzuckt es den von seiner Schreiberei lebenden und von Sehnenscheiden Entzuendungen geplagten Arbeiter an der Computertastatur, und er liest wie elektrisiert: Ein neues Programm namens "VoiceType" verstehe Gesprochenes und schreibe wie eine Sekretaerin alles, was man via Mikrofon diktiert, in den PC. Acht Stunden spaeter - wir haben inzwischen das Programm installiert, aber das Mikrofon hat nicht gleich funktioniert, deshalb mussten wir den Computer aufschrauben, die Soundkarte ausbauen, darauf eine Steckbruecke umstellen, ausserdem die ISDN-Karte deaktivieren, die Handbuecher konsultieren, uns in den Computer mit seinem sensiblen Zusammenspiel von Interrupts, DMA-Kanaelen und IRQ-Plaetzen einfuehlen, und zuletzt 254 Uebungssaetze in abgehackter Sprechweise aufsagen, um das Programm an unseren Sprachduktus zu gewoehnen - acht Stunden spaeter also fangen wir an, unserem Computer zu diktieren. Und tatsaechlich: Auf dem Monitor erscheinen wie von Geisterhand geschriebene Zeichen, sobald wir anfangen zu sprechen. Anschliessend korrigieren wir das falsch Verstandene, haben dann dreimal so lange gebraucht, wie wenn wir gleich alles selber getippt haetten, aber waren sehr fortschrittlich und erinnern uns des ehemaligen Siemens Vorstandsmitglieds Hermann R. Franz. Der hat einmal den stuermischen Fortschritt der Computerindustrie mit dem Vergleich beschrieben: "Waeren Autos im letzten Jahrzent so schnell entwickelt worden wie Mikrochips, dann woegen diese Autos heute 50 Gramm, rasten mit 5000 Kilometer pro Stunde durch die Gegend, kaemen mit einer Tankfuellung bis zum Mond und kosteten knapp fuenf Mark." Alles wahr. Vor 25 Jahren hat man zum Speichern des Wortes "Silizium" einen ganzen Chip gebraucht. Heute speichert ein Chip vier Millionen mal mehr, und in Kuerze beschert uns Siemens Chips, die auf der Flaeche eines Daumennagels eine Millarde Bits speichern, den Inhalt einer mittleren Bibliothek. Und die Kosten fuer diese explosionsartige Zunahme an Speicherfaehigkeit auf kleinster Flaeche steigen nicht, sondern sinken. Drastisch. Gleichzeitig steigt der Arbeitstakt- ebenso drastisch. Rund 25 Millionen Instruktionen pro Sekunde verarbeitet der neuste Mikroprozessor von Intel, und kuenftig werden es 100 Millionen, eine Milliarde und noch mehr sein. Also werden wir immer schneller immer mehr Zeit sparen und unsere Produktivitaet ins Gigantische steigern, suggerieren uns Leute wie der Microsoft-Chef Bill Gates. Wir fragen Gates samt Franz trotzdem, wenn auch demuetig, warum wir im Alltag vom Wirken der rasenden Rechner so wenig bemerken? In den Fluren und Warteraeumen unserer vollcomputerisierten Behoerden, Aemter und Arztpraxen vergeudet man heute noch genauso viele Stunden wie vor 25 Jahren. Wer Geld vom Finanzamt zurueck zu bekommen hat, fragt sich, ob's nicht schneller ginge, wenn dort mit dem Abakus gerechnet wuerde. Die Schlangen vor den elektronischen Kassen der Supermaerkte sind so lang wie vor einem Vierteljahrundert. Die Warterei auf Kino-, Konzert und Theaterkarten, Tickets der Bahn und Fluglinien hat einem noch kein Computer verkuerzt. Fuer einen Telefonanschluss braucht der Hightechkonzern Telekom heute mehr Zeit als in den sechziger Jahren. Die paar im Lauf der Jahre durch Computer gewonnen Stunden auf Flughaefen gehen auf einen Schlag wieder verloren, sobald man dort nur ein einziges Mal das Opfer eines Computerausfalls geworden ist. Obwohl die Banken gerichtlich gezwungen wurden, Auftraege so schnell wie moeglich zu erledigen, dauern Ueberweisungen so lange wie im 19. Jahrhundert. Wissenschaftliche Studien belegen, dass seit Einfuehrung des Personalcomputers die Produktivitaet in den Bueros eher gesunken als gestiegen ist, und man steht vor der Frage: Was passiert eigentlich mit der vom Mikroprozessor gewonnen Zeit? Die Antwort ist so schlicht wie ueberraschend: Die Zeit wird, kaum dass sie gewonnen, gleich wieder totgeschlagen. Von Bill Gates. Oder genauer: von dessen Betriebssystem. Wann immer der Chipgigant Intel einen neuen Prozessor auf den Markt wirft und verspricht, dieser arbeite doppelt so schnell wie der Vorgaenger, dauert es nur Monate, bis Bill Gates ein neues Betriebssystem nachschiebt, das genau diese Mehrleistung mit absoluter Sicherheit wieder auffrisst. Und dabei bleibt es nicht. An Gates* Seite polen Haendler und Hersteller den Computer vollends zur Zeitvernichtungsmaschine um. Sie bezeichnen ihre Kunden nicht als Kunden, sondern als "User" - vielleicht weil sich das auf Looser reimt - und sie behandeln sie auch so, verkaufen ihnen gewohnheitsmaessig unausgereifte, fehlerhafte Programme, fuer die sie keinerlei Verantwortung uebernehmen, und werben kuehn mit "Plug and Play" - einstecken und loslegen. Tatsaechlich duerfte es auf dieser Welt aber nur wenige geben, die auf Anhieb einen Computer zum Laufen gekriegt haben. Irgend etwas, ein Kabel, ein Handbuch, eine Diskette oder eine CD, fehlt immer. Irgend ein Stecker ist immer der falsche, die mitgelieferten Treiber sind garantiert veraltet, und wer dann den Haendler oder Hersteller anzurufen versucht, hoert stundenlang das Besetztzeichen. Wenn er endlich durchgekommen ist, wird ihm - haeufig unter Berechnung einer Hotline-Gebuehr-gesagt, Fehlerfreiheit sei bei Software ueberhaupt nicht zu erzielen. Und dann schaudert der User ein wenig bei dem Gedanken, dass vielleicht auch die Jumbos mit solcher Software fliegen. Ein von allen Computermagazinen gelobter Computerversender verspricht allmonatlich in grossformatigen Anzeigen, er leiste bei Problemen einen 48-Stunden-Vor-Ort-Service. Wenn die Firma dann einen Computer mit defekter Festplatte ausliefert, kommt 48 Stunden lang niemand; am dritten, vierten oder fuenften Tag bringt UPS eine neue Platte mit Einbau-Anleitung; und den Vorort-Service - also den Austausch der Platte - leistet der User selbst. Manchmal erhaelt dieser auch einen Computer, der nicht defekt ist. Der geht dann aber trotzdem nicht. Kein Computer geht auf Anhieb und von Natur aus. Funktioniert das normale Leben nach Murphys Gesetz: "Was schief gehen kann, geht auch schief", so gilt fuer den Computer die verschaerfte Variante. Selbst was nicht schief gehen kann, geht schief. Darum ist die Not stets gross, und der User schlaegt das dreipfuendige Handbuch auf. Danach ist die Not noch groesser, denn Handbuecher sind entweder fehlerhaft oder unverstaendlich oder beides. Von dieser Not leben die Computermagazine. Sie sagen dem User, woran es liegen koennte, dass der Computer nicht geht, erklaeren dann, was zu tun ist, damit er geht, fuegen vorbeugend hinzu, dass er eventuell trotzdem nicht geht, beschreiben, was man sonst noch tun koennte, bereiten einen darauf vor, dass auch das nicht hilft, und erteilen abschliessend den Rat, das Handbuch zu konsultieren. Nach fuenf bis sechs Monaten vergeblichen Bemuehens passiert das Wunder. Das Hin und Her zwischen den stoerrischen Siliziumdeppen, dem kryptischen Handbuch und dem hilflosen Helfern der PC-Magazine muendet in den Geschirrspuel-Effekt, den der Physiker Werner Heisenberg einmal so beschrieben hat: "Wenn man schmutziges Geschirr in schmutzigem Spuelwasser spuelt und anschliessend mit schmutzigen Handtuechern trocknet, wird das Geschirr trotzdem irgendwann sauber. So ist es auch mit dem Computer. Wer nur lange genug probiert und studiert erlebt irgendwann den Augenblick, in dem der Computer ploetzlich tut, was er soll, Die Festplatte schnurrt, die Soundkarte gurrt, das Modem duedelt und pfeift, das Internet oeffnet sein Tor, und die Myriaden von Elektronen huschen durch die Chips wie nach Programm. Der User nimmt Kontakt zum Computer seiner Bank auf, und auf dem Bildschirm formieren sich Buchstaben und Zahlen wie Soldaten zu einem Kontoauszug. Praesentiert sich der Saldo auch tiefrot, die Brust des Users fuellt sich mit Stolz, und er ertappt sich dabei, dass er Rechnungen , die er bequem per Einzugsermaechtigung bezahlen koennte, lieber selber per Computer ueberweist, aus lauter Begeisterung darueber, dass es funktioniert. Welch ein Gluecksgefuehl! Alles Leiden vergessen und vorbei. Jetzt koennte man mit dem Arbeiten anfangen und versuchen, das verschwendete Geld und die verplemperte Zeit wieder hereinzuholen. Aber in der Computerzeitschrift steht, wie man sich seine eigene Homepage im Internet einrichtet. Warum Hinz aus Sydney auf die Homepage von Kunz aus Wetzlar scharf sein, steht zwar nicht dabei, aber man richtet sich trotzdem eine ein und schreibt drauf "Hi world, hier bin ich, und wo seid Ihr?", weil man schliesslich irgend etwas machen muss mit seinem Computer. Schon immer haben PC-Magazine ihren Lesern gesagt, was sie machen sollen. Im Prae-Internet-Zeitalter wurde man von ihnen gezwungen, einem Fisch mit Hilfe des Malprogramms Schweinsohren zu verpassen. Von Leuten, die Rosmarin nicht von Thymian unterscheiden koenne, verlangten sie ploetzlich, Kochrezepte digital zu archivieren. Regelmaessig fordern sie die Leser auf, ihr Disketten-, Kassetten-und CD-Chaos endlich mit einer Datenbank zu ordnen. Auch mit der elektronischen Verwaltung von Buechern, Zeitschriften, Fotos, Dias, Adressen, Terminen und Geburtstagen halten sie einen auf Trab, und wer auch noch Fahrten- und Kassenbuecher zu fuehren beginnt, in dessen Leben kehrt eine nie gekannte Ordnung und ungeahnte Effizienz ein. Zwar ist man nur noch mit der Verwaltung von sich selbst beschaeftigt, dafuer kann man sich aber jederzeit auf Knopfdruck ueber sein Inventar informieren und am Bildschirm staunend lesen, dass man ein Auto, eine Tiefkuehltruhe, zwei TV-Geraete, drei Computer, ein Bett und zuviel Geschirr besitzt. Und man kann es alphabetisch auflisten, nach seinem Wert sortieren oder nach dem Anschaffungsdatum, man kann den Durschnittswert jedes Gegenstands oder die Differenz zwischen den teuersten und billigsten Posten berechnen, dies alles geht blitzschnell und klappt wirklich reibungslos. Doch jetzt, da der Computer einfach nur so vor sich hinfunktioniert, wird*s dem User ein wenig fad. Der Philosoph Gerd Achenbach nennt diesen Augenblick die "Melancholie der Erfuellung". Irgendwie fehlt jetzt eine neue Herausforderung. Und da baut sich der User dann eine schnellere Festplatte, eine 3D-Grafikkarte, einen TV-Empfaenger, einen CD-Brenner oder ein magneto-Optisches Laufwerk ein oder bastelt an einem kleinen Netzwerk oder steigt versuchsweise auf OS/2 oder Windows NT um. Wofuer immer er sich entscheidet: Anschliessend wird er feststellen, dass nichts mehr funktioniert. Dann ist es Zeit, sich die naechste Zeitsparmaschine zu kaufen. Die neuen Pentium-II-PC sollen affenartig schnell sein, schreiben die Magazine. --- Der Autor schreibt fuer die Sueddeutsche Zeitung, macht ein Internet-Projekt fuer den Stern und hilft den Nordlichtern bei der Entwicklung eines Computer-Magazins. Quelle: AIRtime (Das Kommunikations-Magazin von Debitel) September 1997

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