Story - Der digitale Gasfuß

Der digitale Gasfuss und andere seltsame Erscheinungen im modernen Strassenverkehr Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. ALBERT EINSTEIN Bekanntlich gibt es in Oesterreich keine schlechten Autofahrer, nur gute oder gar sehr gute. Dies war jedenfalls das Ergebnis einer Umfrage eines Autofahrerklubs, in der die Selbsteinschaetzung der Besitzer eines fahrbaren Untersatzes festgestellt wurde. Ob das auch fuer Autolenkerinnen zutrifft, darueber sagt die Studie nichts aus. Ich jedenfalls stufe meine Fahrkuenste weder als gut noch als sehr gut, sondern als gerade ausreichend aus, um unfallfrei unterwegs zu sein. Fahrtechnische Hoechstleistungen vollbringe ich nicht, auch habe ich nicht die Reaktionen eines Formel-I-Rennfahrers. Trotzdem (oder gerade deswegen?) bemuehe ich mich, ein gewisses Mass an Ruecksichtnahme den anderen Verkehrsteilnehmern gegenueber zu zeigen, etwa Fussgaengern die Ueberquerung einer Strasse zu ermoeglichen oder manchmal auf den Vorrang zu verzichten und einem anderen Lenker das Einordnen bzw. Abbiegen zu ermoeglichen. Ich fahre nicht gerne mit dem Auto, doch beruflich bedingt bin ich an jedem Arbeitstag im Auto unterwegs; es gibt keine andere Moeglichkeit, um die Kinder von ihren jeweiligen Betreuungsstaetten abzuholen. Bei mir verstaerkt sich immer mehr der Eindruck, dass man nicht einmal ein Mindestmass an Intelligenz bei den anderen Lenkraddrehern voraussetzen kann, vom Vertrauensgrundsatz ganz zu schweigen.. Hier will ich einige dieser Erscheinungen im modernen Strassenverkehr beschreiben, die mir gelegentlich, jedoch mit staendig steigender Frequenz, den Nerv ziehen. Im Kreisverkehr ist's schwer ---------------------------- Kreisverkehre (K.e) sind eine ungemein praktische Sache. Sie verkuerzen die Wartezeiten an Kreuzungen drastisch und verhindern ausserdem, dass Fahrzeuge ungebremst ueber die Kreuzung schiessen. Es duerfte jedoch nach wie vor sehr schwierig sein, sich in einem K. richtig zu verhalten. Da gibt es die Spezialisten, die anscheinend noch nie einen Kreisverkehr aus der Naehe gesehen haben. Ueber diejenigen, die beim Befahren des K.s den linken Blinker betaetigen, kann ich innerlich nur laecheln, hierbei handelt es sich um einen vergleichsweise harmlosen Irrtum. Gefaehrlicher sind schon diejenigen, die zwar rechts blinken, der K. aber trotzdem nicht verlassen. Fuer solche Faelle bedarf es eines sechsten Sinnes, um ein solches Verhalten vorherzusehen. Besonders erwaehnenswert sind die Autofahrer, die glauben, sie haben den Vorrang in ihrem Fahrzeug eingebaut (vor allem Fahrer einer deutschen Nobelmarke sind fuer dieses Verhalten bekannt) und trotz dichten Verkehrs ungebremst in den K. schiessen. Laestig ist auch die Variante, die sich genau entgegengesetzt verhaelt. Hutfahrer aelteren Semesters glauben, sie muessten erst abwarten, bis sich ueberhaupt kein Fahrzeug mehr im K. befindet, bevor sie sich endlich getrauen, dieses Wagnis auf sich zu nehmen und tapfer in den K. einfahren. Der Hutfahrer ------------- Meist befindet er sich schon im fortgeschrittenen Lebensalter. Die zulaessige Hoechstgeschwindigkeit unterschreitet er auch bei guenstigen Witterungs- und Verkehrsbedingungen prinzipiell um mindestens 20km/h, und auf breiten, schnurgeraden Landstrassen erreicht er hoechstens zufaellig und unabsichtlich eine Geschwindigkeit jeseits der 70km/h. Dafuer haelt er sich eisern an die Strassenmitte, weil bekanntlich der Mittelstreifen die Orientierung erleichtert. Sieht er eine Kurve vor sich, dann blinkt er, um die Aenderung der Fahrtrichtung anzuzeigen. Zum Ausgleich unterlaesst er das Blinken, wenn er abbiegt oder stehen bleibt. Selbst leichte Andeutungen einer Kurve veranlassen ihn zum Bremsen, und mit Vorliebe bleibt er ploetzlich und unmotiviert in der Fahrbahnmitte stehen. Ein Fahrer aus der Kategorie derer mit Hut stellt jedoch eine Ausnahme dar. Es handelt sich um einen Arbeitskollegen meines Mannes, der stets am Limit und darueber faehrt. Jemand, der einmal als Beifahrer bei ihm das Vergnuegen hatte, steigt garantiert kein zweites Mal zu ihm ins Auto, ausser er traegt sich mit Selbstmordgedanken. Mein Mann nennt ihn scherzhaft den 'schnellsten Hutfahrer Oesterreichs'. Der Gleiter ----------- 'Gleiten statt hetzen' - diese Devise gab das KfV vor etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, heraus. Aufkleber mit diesem Motte schmueckten die Hinterteile hunderttausender Autos in Oesterreich. Bald tauchten Antithesen auf, 'Hetzt die Gleiter' und als Steigerung 'Hetzt die Hetzer'. Schliesslich hatte man 'Ausg'hetzt'. Den Gleiter gibt es tatsaechlich. Er gleitet mit stets unveraenderter Geschwindkeit durch die Lande, sein bevorzugtes Tempo liegt bei 70km/h, wobei es egal ist, ob er sich im Ortsgebiet befindet oder nicht. LKW --- 'Mit dem LKW' oder wollen Sie's selber tragen? In manchen Faellen wuerde ich tatsaechlich fuer diese Alternative plaedieren, oder zumindest dafuer, den Fahrer von der Strasse zu tragen. Abgesehen davon, dass LKW-Fahrer im allgemeinen glauben, ihnen gehoert die Strasse (in Kurven auch die Gegenfahrbahn), so scheinen hauptsaechlich LKWs unterwegs zu sein, gegen die Methusalem jung ausschauen wuerde. Die Spur mancher Fahrzeuge laesst sich muehelos kilometerweit anhand der ausgestossenen Russ- und Abgaswolke verfolgen. In solchen Faellen habe ich noch nie einen Polizisten gesichtet, der ein derart umweltverpestendes Fahrzeug angehalten und sofort aus dem Verkehr gezogen haette. Das Sichern der Ladung duerfte in den meisten Faellen aus Zeitgruenden unterbleiben, es scheint der reinste Luxus sein, eine Ladung Sand mit einer Plane abzudecken. Die Zeitersparnis macht vermutlich den Verlust an Sand waehrend der Fahrt mehr als wett. Wenn von der Ladeflaeche staendig kleinere oder groessere Steine fliegen, wird es richtig gefaehrlich. Gegenstaende, die jeden Moment ueber die Bordwand zu gehen drohen, tragen auch nicht zu Beruhigung des nachfolgenden Fahrzeuglenkers bei. Sogar ein Rechen flog einmal durch die Luft, zum Glueck auf der anderen Strassenseite. Ein beliebter Sport der LKW-Lenker auf den Autobahnen ist das gegenseitige Ueberholen, vorzugsweise auf Steigungen. In Deutschland fiel mir auf dreispurigen Autobahnen auf, dass sich auf den beiden rechten Fahrspuren die LKWs gegenseitig ueberholten, waehrend auf der linken Spur die Fahrzeuge mit einem Tempo jenseits der 170km/h unterwegs waren. Das ist allerdings mehr als zehn Jahre her, wie die Verhaeltnisse heute sind, kann ich daher nicht sagen. Vielleicht sind die Autos auf der linken Fahrspur inzwischen mit ueber 200km/h unterwegs. Der Hoefliche ------------- Manche Autofahrer sind sehr entgegenkommend, vor allem, wenn sich auf ihrer Strassenseite ein Hindernis befindet. Ohne das Tempo im geringsten zu vermindern, weichen sie auf die Gegenfahrbahn aus und verlassen sich darauf, dass die entgegenkommende Lenkerin ohnehin bremst oder stehen bleibt. Schliesslich riskiert kaum jemand einen Frontalzusammenstoss, wenn es sich irgendwie vermeiden laesst. Eventuell ist sogar ein kurzer Ausflug in den Strassengraben vorzuziehen. Den Anprall an einen Baum oder an ein sonstiges festes Hindernis wuerde ich jedoch eher vermeiden, da ist es besser, den Zusammenstoss mit dem anderen Fahrzeug in Kauf zu nehmen. Diese Variante hat ausserdem den Vorteil, dass der schuldige Lenker nicht ungestraft Fahrerflucht begehen kann. Der Teufel-komm-Rausfahrer -------------------------- Wer von hinten auf ein anderes Fahrzeug auffaehrt, dem wird fast immer die gesamte Schuld zugesprochen. Daher ist es auch zulaessig, knapp vor einem herannahendem Fahrzeug in eine Hauptstrasse einzubiegen, Vorrang hin oder her. Dieses Verhalten laesst sich entschuldigen, wenn es gilt, sich in dichten Verkehr einzufaedeln. In diesem Fall muss man schnell reagieren und auch kleine Luecken nuetzen. Ist jedoch weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht, haelt sich mein Verstaendnis in Grenzen. Der Gipfel der Ruecksichtslosigkeit ist dann erreicht, wenn der forsche Rausfahrer ungefaehr 100m weiter umstaendlich abbiegt. Der digitale Gasfuss -------------------- Der Computer kennt bekanntlich nur zwei Zustaende, Null oder Eins, gleichbedeutend mit Alles oder Nichts. Entsprechend kennt der digitale Fahrer nur zwei Zustaende seines Gaspedals - voll durchgetreten oder gar nicht. Egal, ob die naechste Ampel rot zeigt oder eine stehende Kolonne in Sicht ist, er bleibt bis zum letzten Moment voll auf dem Gaspedal stehen. Dann wendet er die digitale Methode auf das Bremspedal an. Stets haelt er die Spannung aufrecht, ob er es schaffen wird, noch rechtzeitig stehen zu bleiben. Hat er Nachrang, so naehert er sich der Kreuzung mit einem solchen Schwung, dass Autofahrer mit schwachen Nerven lieber auf ihren Vorrang verzichten. Krankenschwestern ----------------- Schoen langsam gelange ich zu der Ueberzeugung, dass in diesem Berufsstand die mit Abstand schlechtesten Autofahrerinnen zu finden sind (Anwesende natuerlich ausgenommen). Eine Krankenschwester war es, die meinen Bruder frontal abgeschossen hat, als sie wegen ueberhoehter Geschwindigkeit die Kontrolle ueber ihr Fahrzeug verlor (tragischerweise hinterlaesst sie eine kleine Tochter). Der Medizinstudent, bei dem ich vor beinahe zwanzig Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs absoviert hatte, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ich las kurze Zeit nach Beendigung des Kurses von dem Unfall in einer Zeitung û der ehemals zukuenftige Arzt hatte bei einer Schwesternschuelerin im Wagen gesessen. An die Dias im Kurs, auf denen er weggestanzte Haende (Arbeitsunfall) und zu Brei zermatschte Unterschenkel (Motorrad) vorfuehrte, erinnere ich mich noch gut. Vielleicht haette er auch gerne Bilder von sich nach dem Unfall vorgefuehrt, wenn das noch moeglich gewesen waere. Ein starkes Erlebnis hatte ich, als ich mit einer Krankenschwester im Auto mitfuhr. Jedesmal, wenn sie rechts abbog, hatte ich das Gefuehl, dass die Reifen gleich den Randstein streifen wuerden. Sie schaffte es kaum, die Kurve zu kriegen, und einmal schrammten die Felgen tatsaechlich am Rinnstein entlang. Selbst simples Geradeausfahren stellte ein Problem fuer sie dar, sie konnte keine konstante Geschwindigkeit einhalten. Staendig ging sie vom Gas und beschleunigte wieder. Ich hatte mir nie vorstellen koennen, wie es moeglich ist, dass einem beim Autofahren schlecht wird. Seit damals weiss ich es. Ihr entsetzlicher Fahrstil hatte seine Ursache bestimmt nicht in mangelnder Fahrpraxis, sie fuhr seit Jahrzehnten beinahe taeglich quer durch Wien zu ihrem Arbeitsplatz. Der Harakiriueberholer ---------------------- Er haelt es nicht aus, hinter einem anderen Fahrzeug nachfahren zu muessen. Selbst wenn die/der Vorderfrau/mann zuegig unterwegs ist, ertraegt er es nicht, den Rhythmus der/des anderen uebernehmen zu muessen. In der Hoffnung, dass schon nichts passieren wird, ueberholt er um jeden Preis, mit jedem Risiko. Wenn er vorbeirauscht, zieht man unwillkuerlich den Kopf ein. Mehrmals schon habe ich mir in solchen Situationen ueberlegt, was ich taete, wenn jetzt ein Auto entgegenkommen wuerde ù ob eine Vollbremsung ausreichen wuerde. Unwillkuerlich geht der Blick zur Seite, um zu ueberpruefen, ob Baeume in der Naehe sind und wie tief der Strassengraben ist. Der Abfallvermeider ------------------- Er vermeidet es, dass der Aschenbecher im Auto jemals voll wird, und er schleppt auch keinen ueberfluessigen Ballast in Form von gebrauchten Papiertaschentuechern, leeren Zigarettenschachteln und Getraenkedosen in seinem Fahrzeug mit. Es ist ausgesprochen erfrischend zu beobachten, wie gluehende Zigarettenstummel aus geoeffneten Autofenstern fliegen, und der Anblick von kleinen Haeufchen aus Zigarettenasche und -stummel auf Parkplaetzen erfreut mich jedesmal von neuem. Der Oberschlaue --------------- Eine typische Situation auf der Autobahn: ein Verkehrszeichen zeigt eine Verengung von zwei Fahrspuren auf eine an. Alle ordnen sich rechtzeitig ein. Alle? Fast alle. Ein paar Oberschlaue gibt es immer, die auf der freien Fahrspur so weit vorfahren, wie es geht. Tapfer ignorieren sie den Unmut der disziplinierten Fahrer und draengen sich in die nebenan langsam fahrende oder stehende Kolonne. Leider gibt es viel zu selten Polizisten an diesen neuralgischen Stellen, um die Strafe auf dem Fuss folgen zu lassen. Nicht nur, dass sich alle diejenigen, die sich rechtzeitig eingeordnet haben, verhoehnt vorkommen, es erhoeht sich durch solche Ruecksichtslosigkeiten auch die Staugefahr betraechtlich. Diese Liste laesst sich beliebig fortsetzen, z.B. um den Gehsteigparker, den Schlangenlinienfahrer, den Slalomfahrer... Von Manuela Goessnitzer Erstellt am 11.1.1998

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