Story - Die öffentliche Privatperson

> * Die oeffentliche Privatperson * < ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Wer kennt nicht den folgenden Scherz: > Das am gerechtesten verteilte Gut ist die Intelligenz; < > Jeder ist ueberzeugt, genug davon zu haben. < Aehnlich verhaelt es sich mit der Kommunikation. So gut wie jeder kommuniziert in der festen Ueberzeugung, kommunizieren zu koennen bzw. zu wissen, was es mit dem Phaenomen *Kommuni- kation* auf sich hat. In Wirklichkeit uebt er nur nach dem Prinzip *try and error* erlerntes und als erfolgreich einge- schaetztes Kommunikationsverhalten aus. Tatsaechlich ist es aber so, dass kaum jemand *weiss*, was er tut, wenn er telefo- niert oder sich an einem Stammtischgespraech beteiligt. Und noch weniger ist sich in der Regel der Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer bewusst, was er tut; er *liest* ja nur, *schaut* nur, nimmt *nur* Informationen auf oder laesst sich unterhalten... Weit gefehlt! Das ist wichtig, zu wissen, denn auf dem Neuen Medium Netz- werk ist der *Erfolg* erworbener Kommunikationsstrategien alles andere als garantiert. Mit dem Eintritt in die ver- netzte Telekommunikation betritt man ein gaenzlich ungewohn- tes Kommunikationsumfeld, das mit den herkoemmlichen - also den Orten oder Medien, in denen oder ueber die man ueblicher- weise kommuniziert - kaum noch etwas zu tun hat. Man hat es mit anderen Mentalitaeten und Interessenkreisen zu tun, als man es in seinem *richtigen Leben* gewohnt ist. Man lernt Leute kennen, die man nie in seinem Leben kennengelernt haette, weil sich die herkoemmlichen sozialen Umfelder nie ueberschnitten haetten. Eines der fatalen Eigenarten der vernetzten Kommunikation ist nun, dass sie sich mit so gut wie *jedem* herkoemmlichen Kommunikationsumfeld *vergleichen* laesst - aber eben mit *je- dem*. Wer fuer sich das Neue Medium Netzwerk mit einem herkoemmlichen Medium vergleicht, um adaequat zu kommunizie- ren, tendiert nur zu oft zu dem Fehler, *seine* Sichtweise des Mediums auf alle anderen uebertragen zu wollen, die ganz andere Vergleiche ziehen. Dabei wird in der Regel geflis- sentlich uebersehen, dass die anderen Vergleiche ebenso gueltig sind wie die eigenen. Nirgends kann man effektiver aneinan- der vorbeireden, als auf dem Netzwerk. Das Neue Medium Netzwerk ist ein *nach allen Seiten offe- nes*, es erlaubt *jede Art* der Kommunikation, die sich - aus technischen Gruenden jedenfalls derzeit - auf rein verba- ler Basis praktizieren laesst. Diese verbale Basis ist eine sehr rudimentaere Art der Kommunikation; sie erlaubt viele ganz wesentliche *Parallellkanaele*, mit denen der Mensch ueb- licherweise unbewusst begleitend kommuniziert, nicht. Paral- lelkanaele koennen hierbei beispielsweise sein: Gesten, Stimm- lagen, Untertoene etc. Dies sei erwaehnt, um dem Teilnehmer eines Netzwerks klarzu- legen, dass er mit einem Bruchteil seines gewohnten Kommuni- kationsinstrumentariums auskommen muss. Die Tatsache laesst sich jedoch leicht uebersehen, da dieses unbewusst angewandte, non-verbale Instrumentarium in der Regel nicht wahrgenommen wird, der verbale Kanal *ueberbewertet* wird, was im Alltags- leben durch die instinktive Anwendung meist vernachlaessigbar ist. Auf dem Netzwerk, wo der intellektuell gepraegte verbale Kanal die einzige Ausdrucksmoeglichkeit (Kommunikation ist nicht nur *Mitteilung von Inhalten*, sondern immer zugleich *Persoenlichkeitsausdruck*) darstellt, muss zur Konfliktver- meidung *bewusst* interagiert werden. Dazu gehoert die Faehigkeit, die zur Verfuegung stehenden Ka- naele des Netzwerks richtig zu nutzen. Und bereits hier setzt die erste, notwendigerweise bewusste und auf Selbstreflexion basierende Entscheidung an. Die Tatsache, dass etliche Kommu- nikations-Kanaele via Netzwerk auf dem eigenen Computer *zu- sammenlaufen*, verfuehrt zu der unreflektierten Annahme, ei- nen singulaeren Kanal vor sich zu haben. Auf dem Neuen Medium Netzwerk laesst sich zwischen zwei *Hauptkanaelen* unterscheiden: der privaten und der oeffentli- chen Ebene. Die Nutzung eines dieser beiden Hauptkanaele praegt *wesentlich* die Art der Kommunikation; genaugenommen handelt es sich bei ein und demselben Menschen um zwei voel- lig unterschiedliche Charaktere, je nachdem, ob er den oef- fentlichen oder den privaten Kanal verwendet. ___________________________________________ Briefkasten, Schalterhalle und Hauptpostamt ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Beginnen wir mit dem privaten Kanal. Der ist einfacher zu fassen und entspricht besser herkoemmlichen Kommunikations- formen, wie sie jeder aus seinem sozialen Umfeld kennt. Hier - und genaugenommen nur hier - trifft die Bezeichnung "E- Mail", also etwa: "elektronische Post", zu. Es ist die Um- setzung des Briefverkehrs auf Computerebene, und ist - mit etwas anderer Technik - ebenso organisiert. Das Netzwerk ist im Grunde nichts als ein vollautomatisch geregeltes Postverteiler-System: Die "Mailbox", der eigent- liche "Briefkasten" ist der eigene Computer. Wer sich der modernsten Form des elektronischen Postwesens bedient, hat auch einen vollautomatischen Postboten und Briefkasten in einem, "Point" genannt. Diese Programme entlasten nach ent- sprechender Instruktion den Netzwerkteilnehmer von nahezu jeder automatisierbaren Handarbeit, er kann sich auf das we- sentliche, den Text, konzentrieren. Alles weitere reduziert sich auf den Ein-Tasten-Befehl an den Computer, auf's zu- staendige elektronische Postamt zu gehen, ein Postpaket abzu- geben bzw. entgegenzunehmen und es anschliessend wohlsortiert zur Bearbeitung vorzulegen. Etwas irrefuehrend hat sich der Begriff "Mailbox", aus dem amerikanischen entlehnt, fuer Computersysteme eingebuergert, die unter einer bestimmten Nummer angewaehlt und per Termi- nal-Programm von zu Hause bedient werden koennen. Diese her- koemmlich als "Mailboxen" bezeichneten Systeme kann man als *elektronische Schalterhallen* bzw. *Postaemter* betrachten, bei denen man ein eigenes , privates Postfach anstelle eines eigenen Briefkastens vor der Haustuer unterhalten kann. An- stelle des Schalterbeamten steht dort eben nur ein Programm, ein Automat. Gelegentlich werden auch die *privaten Postfae- cher* innerhalb einer solchen *Schalterhalle* als "Mailbo- xen" bezeichnet, was die Begriffsverwirrung vollstaendig macht. Ohne die Nutzung eines Points ist die Netzwerkteil- nahme zwar moeglich, aber umstaendlich. Man ist viel mit tech- nischen Handgriffen beschaeftigt, muss sozusagen selbst *ein- tueten, Briefmarken kleben, Adressen schreiben und auch noch selbst zur Post gehen*. Als "Server" wiederum werden Systeme bezeichnet, die im we- sentlichen den Weitertransport von Nachrichten aus anderen *Postaemtern* zu ihren jeweiligen Zieladressen besorgen, wo- bei in der Regel mehrere Server (Umschlagspostaemter) zwi- schengeschaltet sind. Und ebenso, wie jedes Postamt diese Server-Funktionen fuer die Teilnehmerschaft vor Ort ausuebt, verfuegt ein Server in der Regel um eine *Schalterhalle* mit Kundenbetrieb. Grosse Server gleichen hingegen eher den Hauptpostaemtern in Grossstaedten, riesigen Postumschlagplaetzen mit vergleichsweise geringfuegigem Schalterbetrieb im Ver- haeltnis zur Funktion als Postumschlagsplatz. In der Sache besteht also kein elementarer Unterschied zum herkoemmlichen Briefverkehr. Das Reduzieren auf die Elektro- nik unterscheidet sich von diesem nur durch zwei wesentliche Aspekte: zum Einen wird der Umschlag vereinfacht, weil keine Maschine erst ein Kuvert lesen und es in den entsprechenden Sack stecken muss, aus dem das naechste Postamt es wieder aus- packen muss, um es wieder woanders hineinzuwerfen - spart also Zeit; zum Anderen faellt - wieder einmal - eine Moeglich- keit non-verbaler Kommunikation, Schriftbild und Gestal- tungsform eines Schreibens naemlich, ersatzlos weg. Selbst die Unterschrift, in Zukunft als Verifikationsmerkmal einer Nachricht aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf den Netz- werken ueblich, hat im Alltagsbetrieb unserer heutigen Netz- Kommunikation noch keinen relevanten Stellenwert. Fuer ein- parfuemierte Liebesbriefe - als krasses Beispiel - ist das Neue Medium Netzwerk der voellig falsche Weg. Fuer den Teilnehmer des Netzwerks gibt es einen gewissen wei- teren Unterschied durch die Einfachheit bei Benutzung eines Points. Voellig entlastet von jeder laestigen Handarbeit ge- nuegt es, mal eben ein paar Zeilen zu schreiben. Kein Eintue- ten, kein Briefmarken- und passendes-Kuvert-Suchen behindert die Mitteilungsfreudigkeit. Nicht einmal die Unleserlichkeit der eigenen Handschrift stellt durch die Verwendung der Ta- statur und eines international standardisierten Zeichensat- zes ein Handicap dar. Eigentlich eine feine Sache, gaebe es da nicht gewisse Aspekte, die Erschwernisse hin und wieder durchaus als Vorteil erscheinen lassen koennen: Man *muss* erst ueberlegen, bevor man handelt. Das Netzwerk verfuehrt da- zu, genau andersherum zu verfahren. _________________________________________ Leicht dahingesagt, schwer zu korrigieren ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ In Teilen des Sueddeutschen Raumes gilt es nur bedingt als Beleidigung, als *Depp* bezeichnet zu werden; eine solche Aussage ist in ihrer Graviditaet kontextabhaengig, kann sogar liebkosend gemeint sein. Ein Nordlicht neigt eher dazu, sich wegen einer solchen Aussage als pauschal, unwiderruflich und ehrenruehrig abgekanzelt zu sehen. Dieses Problem gibt es nicht erst seit Erfindung der Netze; etliche Beleidigungs- prozesse wurden schon wegen solcher grundsaetzlicher Mistver- staendnisse gefuehrt und haben ihren Platz in der Rechtsge- schichte zum Amusement jedes Jurastudenten. Die Formen des Disputs, des Umgangs miteinander, unterscheiden sich biswei- len sehr stark - je nach Region, je nach sozialem Umfeld und auch je nach Anspruch an das Netz, in welchem - wie bereits erwaehnt - viele ihre eigenen Ansprueche ueberzubewerten und andere als irrelevant abzutun neigen. Beschraenkt man sich auf die elektronische Briefkommunika- tion, also die *Unterhaltung* zweier Teilnehmer, lassen sich solche und weniger krasse mistverstaendliche Aussagen ver- haeltnismaessig leicht korrigieren, wenn sie einem *herausge- rutscht* sind. Der Moeglichkeit, mit Netzwerkverteilern, also mehreren Adressaten auf der privaten bzw. persoenlichen Ebene zu kommunizieren, sei ein spaeterer Abschnitt des *Anhalters* gewidmet. Anders sieht es aus, wenn man den persoenlichen, privaten Ka- nal der Netz-Kommunikation verlaesst. Dann geschieht leicht Ungeheuerliches, und so mancher menschenfreundliche Dr. Je- kyll verwandelt sich in ein verbal rasendes und keinen Un- flat scheuendes, Gift und Galle spuckendes Monstrum Mr. Hyde. Netzkenner erleben diesen *Dr.Jekyll und Mr.Hyde-Ef- fekt* desoefteren, etwa zwei- bis dreimal pro Jahr, je nach Teilnehmerzahl und Themenspektrum. Was da, fuer viele voellig unverstaendlich, ablaeuft, ist ein im Prinzip sehr einfach aus seinen Grundzuegen zu erklaerendes Kommunikations-Phaenomen, das einfach menschlich ist. Kontra- henten, also Vertreter gegenlaeufiger Meinungen, geraten in ein evolutionaeres Programm, das sie nicht mehr beherrschen, werden zur Marionette ihrer eigenen Unfaehigkeit, ueber ihre Kommunikation zu reflektieren und korrekte, d.h. u.a. kon- fliktmindernde Schluesse daraus zu ziehen. Dieses "Dr. Jekyll und Mr. Hyde Syndrom" befaellt auch keineswegs nur Neulinge in der Welt der Netze. Es gibt sogenannte "moderierte" (von lat.: moderare = in et- wa: besaenftigen) Netze, wo - entweder fuer das ganze Netz oder einen bestimmten oeffentlichen Bereich - eine Person legitimiert ist, Streithaehne zu trennen bzw. *zur Ordnung zu rufen*. Das Problem an sich ist dort aber dasselbe, wenn auch Auswuechse vermieden werden. In nicht-moderierten Netzen sind die Teilnehmer sich selbst ueberlassen, und das laesst oft den Eindruck entstehen, die Kontrahenten wuerden sich lieber im offenen Messerkampf gegenseitig abstechen, als eine *konstruktive Diskussion* zu fuehren. Tatsaechlich ist das Netz hauptsaechlich kein Informations- Medium, sondern in erster Linie ein Medium des *Meinungsaus- tauschs*. Information im Sinne von Neuigkeiten, Nachrichten u.ae. sind wichtig und haben ihren Stellenwert, fallen bezueg- lich der Anzahl von Meldungen aber eher gering aus gegen die oeffentlichen, oft genug bis zum Nerventod ausgewalzten End- losdiskussionen ueber irgendwelche Banalitaeten. Allerdings werden sie auch weit seltener gelesen, als teilnehmende Kon- trahenten in Ueberschaetzung ihrer Relevanz anzunehmen neigen. Zugrunde liegt die psychische Disposition des Einzelnen ge- genueber dem Phaenomen *Gruppendruck*. Unter diesem Druck vollziehen sich naemlich bisweilen abrupte Persoenlichkeits- veraenderungen; das Individuum schluepft in eine *Rolle* in- nerhalb der Gruppe, die sich erheblich von seinem Individu- alcharakter unterscheiden kann - ein Narr, wer glaubt, nicht davon betroffen zu sein. Je exponierter die Stellung in ei- ner Gruppe, umso unterschiedlicher die Persoenlichkeiten ein und desselben Menschen. Bisweilen entsteht gar der Eindruck einer sprichwoertlich *gespaltenen* Persoenlichkeit. Als so- ziologisches Beispiel kennt man den Typus des *Paten*, der seine Familie abgoettisch liebt und zuhause keiner Maus etwas zuleide tun koennte, als Chef seiner Organisation aber rei- henweise Menschen umbringen laesst, ohne mit der Wimper zu zucken, weil seine Position und die Erwartungshaltung seiner Mitglieder es erfordert. Jede Gruppe organisiert sich je nach den vertretenen Charak- teren synergetisch. In der Soziologie werden die Gruppenraen- ge mit den griechischen Buchstaben (Alpha, Beta, etc.) be- zeichnet. Ohne hier naeher auf die Einzelheiten eingehen zu wollen, regelt sich jedes menschliche Gemeinwesen nach die- sen primaten-spezifischen Regulativen, wobei die menschliche Sozialordnung diesen an-archischen Wildwuchs durch Institu- tionalisierung gegenregelt und stabilisiert, ohne ihn jedoch je voellig aussetzen zu koennen. Auf dem Netz gibt es aber keine einschaetzbare und ausrei- chend homogene "Gruppe". Die Beteiligungen an Diskussionen sind eher zufaellig und bunt zusammengewuerfelt, die verschie- denen Organisationen im Umfeld der Netzebilden ihrerseits nur Teilmengen eines Netzes als Ganzes. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass mit dem Fehlen der *Gruppe* auch der *Grup- pendruck* wegfiele. Der *Gruppendruck* ist in der Regel ja kein *tatsaechlich ausgeuebter*, sondern ein vom Gruppenteil- nehmer *subjektiv empfundener*. Er projeziert Rollenansprue- che einer fiktiven Gruppe auf sich und seine Person und ver- sucht, danach zu handeln d.h. fiktive Ansprueche zu erfuellen. Nehmen wir nun als Fallbeispiel zwei Alphawesen an, d.h. Menschen, die ausserhalb des Netzes - im *richtigen* Leben - innerhalb ihres sozialen Umfelds (Verein, Stammtisch, Partei u.ae.) eine gewichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle spielen. Die Tatsache, *dass* sie in ihrem Umfeld zu einem Alphawesen geworden sind, setzt voraus, dass sie eine stark ausgepraegte Disposition zum Alphawesen haben, volkstuemlich faelschlich als *Machtbewusstsein* bezeichnet. Mit ihrer Dis- position kommen sie aufs Netz. Sie wissen sich in Begleitung eines Teils ihres Umfelds, stehen also jeweils unter ihrem regionalen bzw. spezifischen Gruppendruck. *Durch* ihre Dis- position stellen sie automatisch auch den Anspruch auf eine Alpha-Rolle in der fiktiven und nicht homogenen Gruppe in- nerhalb eines Forums, das sie als herkoemmliche Gruppe be- greifen, in welchem soeben ueber ein kontroverses Thema dis- kutiert wird. Dort treffen sie aufeinander. Preisfrage: Was wird passieren? ~~~~~~~~~~~ _____________________________________ > * Nutzungsstrategien auf Netzen * < ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Im Netz lauert eine Unzahl solcher *Kommunikationsfallen*, was als Begriff hier eingebracht sei. Sie beschreiben die Existenz potentieller *Fehler* (medienbedingt), die durch an sich *normales Kommunikationsverhalten* begangen werden. Ein wesentlicher Teil der Ursache(n) lassen sich zurueckfuehren auf *an sich erfolgreiche* Kommunikationsstrategien. Nicht jeder kommuniziert bewusst, und erst recht nicht jeder ist sich bewusst, dass er eine solche Strategie verfolgt. Die meisten der *Strategien* sind erlernte und als sozial erfolg- reich eingeordnete Verhaltensweisen. Verfolgt werden sie trotzdem, nur eben i.d.R. nicht bewusst. Jeder beherrscht unterschiedliche Kommunikationskanaele unter- schiedlich gut. Der eine vermag, eindrucksvoll die Stimme zu erheben, der andere ein Problem bis ins kleinste Detail zu zerfieseln, ohne jemand anderen zu Wort kommen zu lassen und setzt sich durch die Waffe *Ermuedung* bzw. *Zermuerbung* durch; wieder ein anderer redet in der Runde wenig und kom- muniziert durch Gesicht-Verziehen, Nase-Ruempfen oder Laecheln. Zwei wesentliche Regelkreise der normalen, interpersonalen Kommunikation sind Verstaerkung und Beschwichtigung. Die Nut- zung mehrerer und unterschiedlicher (bewusst, teil-bewusst oder un-bewusst *bedienter*) Kommunikationskanaele regelt uner- wuenschte Folgen der Reaktion aus. Sie setzt aber auch Akzen- te. Nicht jeder, der besser argumentieren kann, setzt sich unbedingt durch, sondern derjenige, der *seinen Standpunkt besser vertreten* kann. Das kann er durch imposante Erschei- nung, Augen rollen oder Zunge herausstrecken tun - oder auch durch geschliffene Rhetorik. Selbst "geschliffene Rhetorik" nutzt jedoch mehr Kommunikationskanaele als nur den verbalen (wortorientierten). Auf dem Netz ist das Wort sich selbst ueberlassen. Man kann keine weiteren Merkmale und Zustaende seiner Persoenlichkeit bei Verfassen der Rede *mitsenden*. Im Gegensatz zur Freien Rede besteht der bisweilen aeusserst laestige Sachverhalt, dass das "Dahergeredete" *geschrieben steht*, man es schlechter- dings nicht zuruecknehmen und auch nicht behaupten kann, man "haette es so nicht gesagt..." Zur *Kommunikationsfalle* wird das Netz bisweilen durch das Fehlen solcher Regelkreise im evolutionaer angeeigneten Ver- haltensrepertoire des Einzelnen. Man erhaelt nicht viel Zu- satzinformation, wenn man seinen Monitor anguckt. Der ist zu- dem immer gleich gross, ob sich nun gar keiner, zwei oder zwanzigtausend Menschen dahinter *verbergen*. Eines Tages war der Joghurt sauer, am Tag zuvor hat es Zoff mit FreundIn ge- geben oder ein gutes Geschaeft ist den Bach runtergegangen, man fuehlt sich sowieso mies und draussen regnet es auch noch... Dann schaltet man seinen Computer an und guckt mal durch, was so los ist auf dem Netz. Und da schreibt doch glatt einer, der spinnt wohl!, na der kommt mir geraderecht, dirwerdichszeigen! Irgendwann ist frischer Joghurt im Kuehlschrank, FreundIn zu- rueckgekommen, alles in Butter und ueberhaupt aber jetzt reg- net's beim anderen und der hat Rache im Sinn... _________________________________ Die Folgen einer Zeitverschiebung ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Beschwichtigungsversuche gibt es natuerlich auch auf dem Netz. Vor allem, wenn alles im privaten Umfeld wieder in Butter ist. Das Problem ist nur, dass diese auf dem Netz oft genug in ein *Zeitloch* fallen. Die Geschwindigkeit des Austauschs und die Einfachheit, mit der sich reagieren laesst, fuehrt dazu, dass eine Diskussion zunehmend zeitversetzt ablaeuft. Die Teilneh- mer befinden sich ja nicht nur in unterschiedlichen sozialen Umfeldern und regionalen Realitaeten, sondern auch auf ver- schiedenen Zeitebenen. Was das heissen soll? Nun: die Netze basieren auf dem einfa- chen technischen Prinzip, Daten zu buendeln und mit optimalem Wirkungsgrad weiterzuleiten. Staendige Verbindungen wuerden zu- viel kostspieligen Leerlauf erzeugen. Also tauschen sich die Server (Umschlagspostaemter) so oft am Tag aus, wie es die Te- lefonverbindungen optimal ausgenutzt erlauben. Das macht die- se Art der Kommunikation preiswert und effektiv. Nun haben aber die unterschiedlichen Postaemter chronologisch unterschiedliche Datenbestaende, weil sie ja aus unterschied- lichen Regionen ihre Datenbestaende einsammeln. d.h. nicht ueberall gilt dieselbe Reihenfolge, und es ist nicht nur moeglich, sondern sogar haeufig, dass zwei Teilnehmer gleichzei- tig zum selben Thema schreiben, sich Ankunftstage und -zei- ten ueberschneiden, was fuer das Entstehen eines Ping-Pong- Spiels von Aktion(en) und Reaktion(en) sorgt: Beschwichtigungsversuch von Teilnehmer A faellt im Erstel- lungsdatum zusammen mit einer geharnischten Mail von Teilneh- mer B. Teilnehmer A, der meint, etwas Wind aus der Auseinan- dersetzung genommen zu haben, wird am naechsten Morgen von seinem Computer aufs schaerfste beleidigt, waehrend Teilnehmer B zur selben Zeit nach Lektuere der Beschwichtigungsmail von Teilnehmer A zur Ueberzeugung gelangt, A waere doch im Grunde ein netter Kerl. Am naechsten Tag liest er eine ehrenruehrige und eindeutig unter die Guertellinie gehende Beleidigung aus der Feder dieses *netten Kerls*, der offenbar doch nur eines im Sinn hat: Teilnehmer B vor allen anderen *herunterzu- putzen* Kein Wunder, dass sich die Dinge so sehr schnell aufschaukeln koennen. Die moegliche Teilnahme Dritter an einem entstandenen Streit macht die Sache natuerlich auch nicht gerade einfacher. Diskussionsfaeden entwickeln sich in unterschiedliche Richtun- gen, man *verliert den Faden*. Es gibt Netz-Programme (Maus, Fido etc.), die versuchen, die sich entfaltenden Diskussions- straenge technisch in den Griff zu bekommen, also etwa einen anklickbaren Sortierbaum der richtigen Reihenfolge *eines* Strangs anzubieten, aber das ist nur ein technisches Hilfs- mittel, um das entstehende Chaos *bedienen* zu koennen; es reicht keineswegs aus, um es auch *bewaeltigen* zu koennen. Spaetestens nach der Siebten Runde koennte man als Antwort auf so gut wie jeden Folgebeitrag mit der Frage kommentieren: "Was hat das eigentlich noch mit dem Thema zu tun?" In der Regel ist das urspruengliche Thema laengst in Vergessenheit ge- raten, und keiner macht sich die Muehe, irgendwelche Suchbaeume hin- und herzufahren, um nach reichlich Textlektuere darauf zu kommen, worum es eigentlich ging und um festzustellen, dass einen das ueberhaupt nicht interessiert. Und wie ueberall gibt es natuerlich auf dem Netz denjenigen Menschenschlag, der sich halt gerne reden sieht; worueber, ist doch eh wurscht, man hat fuer alles ein Loeffelchen Senf ... Diese Zeitgenossen zeichnen sich auf Netzen oft dadurch aus, dass sie ueberfallartig ein Brett mit 25 Nachrichten (eine Bildschirmseite im Archiv) fuellen, wobei die Nachrichten ge- messen an ihrer Groesse erstens aus sogenannten *Quotes* beste- hen (zusammeneditierten und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten anderer Teilnehmer), zweitens aus der sogenannten Signature (ein automatisch ans Ende der Nachricht gesetzter Text, der etwas ueber den Absender aussagen soll), drittens dem Nachrichten-Header (demjenigen Teil der Nachricht, der fuer korrekte Zustellung sorgt), und viertens einer mehr oder weniger belanglosen Textzeile, deren Sinn sich einem erst er- schliesst, wenn man den jeweiligen Diskussionsstrang vier Wo- chen lang zurueckverfolgt. Fuer solche Zeitgenossen bieten moderne Points einen *Userfil- ter*. Der ist soetwas wie ein *Datenmuellschutz* fuer den ein- zelnen Teilnehmer. Die Beitraege eines unerwuenschten, weil mehrfach als langweilig und ueberfluessig erkannten anderen Netzteilnehmers, werden vom heimischen elektronischen Postbo- ten ignoriert und in den Datenorkus verdammt. Das haelt den eigenen Briefkasten sauber und belaesst dem anderen dennoch das Recht, oeffentlich weiterzuquatschen bis zum Umfallen. Ande- rerseits kann man mit dem anderen auch oeffentlich weiterquat- schen bis zum Umfallen, was jedoch die Gefahr einschliesst, selbst auf Userfilter gesetzt zu werden. Und was man doch eigentlich will und beabsichtigt, naemlich sich *oeffentlich* auseinanderzusetzen und gegen den anderen und seine weltfrem- den Ansichten *durchzusetzen*, d.h. als Opinion Leader of the Gang, Genie, selbsternannter Netzwerkpolitiker oder auch nur ewiger Quertreiber beruehmt zu sein, erreicht man so nicht. ___________________________ Strategieziele und Logistik ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Kommunikationsziel bestimmt die Strategie der Kommunika- tion, die logistische Auskundschaftung des Kommunikations- ziels ist Voraussetzung fuer eine funktionable Strategie. Ne- ben der grundsaetzlichen Frage, die man sich stellen sollte (fuer welches Kommunitionsziel will ich das Netz generell nutzen?), gibt es immer auch Teilziele. Ein Teilziel kann Be- schwichtigung oder Verstaerkung sein. In Betrachtung der Zeit- fallen koennte man eine als erfolgreich anzusehende Strategie in etwa so bestimmen: 1) Man will moderieren, herunterkochen, die Sprache zurueck aufs Thema bringen (Beschwichtigung): Lieber ein bis zwei Tage warten, Antworten zusammenfassen und moderat reagieren, wenn man *weiss*, dass der Kommunika- tionspartner alle bisherigen Reaktionsmoeglichkeiten ausge- schoepft hat und auf die naechste Aktion bzw. Re-Aktion *wartet*. 2) Man will hochkochen, Aufmerksamkeit erregen, den Kommuni- kationspartner *herausfordern* und zu Reaktionen, letzt- lich zu unbedachten Aeusserungen *reizen*: Unbedingt *sofort* reagieren, dem anderen keine Luft zum Atemholen lassen, moeglichst viele Diskussionsschnippsel auf jeden Mist hinterlassen und moeglichst jedes Einmischen Dritter ebenfalls sofort beantworten. Besonders erfolg- reich ist die Heraufsetzung der Frequenz des Netzupdates: die optimale Ausnutzung der Server-Austausch-Frequenz durch mehrmals taeglich durchgefuehrte Netzanrufe. Auf diese Weise kann es bei geschickter Anwendung gelingen, bis zu vier voellig unterschiedliche Diskussionsstraenge (Kommu- nikationsschlachtfelder) taeglich zu eroeffnen. Wenn der an- dere auf Strategie 1 setzt und abwarten will: sofort nach- treten, beleidigen oder einen schon hundertmal erhobenen Vorwurf wiederholen bzw. den Gegner der *Feigheit* bezich- tigen, da er sich um eine konstruktive Auseinandersetzung druecken will. Letztere Strategie laesst sich auch effektiv anwenden, um eine Diskussion in nicht mehr nachvollziehbare Einzelstuecke auf- splittern zu lassen, also rein destruktiv und den moeglichen sinnvollen Verlauf einer Diskussion destabilisierend. Dies nur, um aufzuzeigen, dass hier ganz wertfrei auch dargestellt sein soll, welchen Unsinn man bewusst oder unbewusst damit treiben kann. So kann man etwa *Scheingefechte* fuehren oder fuehren lassen, Kraefte binden und anderweitig eigene Interssen verfolgen. Ungeuebte Netzwerkteilnehmer gehen solchen, teils bewusst angewandten Strategien auf den Leim. Der Status des *Ungeuebt-Seins* entspricht nicht zwangslaeufig demjenigen der *Netzerfahrung* in Jahren, sondern dem vorwiegend *unbewussten Umgang mit dem Medium*, und so mancher lernt es nie... ___________________________ Das Turnier der Philosophen ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Um ein Schwert zu fuehren, genuegt es nicht, eines zu besitzen. Das Medium Netzwerk bietet zwar jedem Teilnehmer die Moeglich- keit, das Schwert des Wortes - seine Artikulationsfaehigkeit - zu nutzen, aber ob er es elegant und zielsicher einzusetzen weiss oder eher damit herumfuchtelt bzw. es wie eine Fliegen- klatsche oder Keule verwendet, bleibt ihm selbst ueberlassen. Da das Medium derzeit noch textorientiert ist (mit Erweite- rung der technischen Moeglichkeiten, Erhoehung der Rechnerlei- stungen und Uebertragungsgeschwindigkeiten wird es weitere, virtuelle Artikulationsmoeglichkeiten geben wie Animation, Musik etc.), ist evolutionaer bedingt derzeit derjenige Teil- nehmer im Vorteil, der zum Einen geschliffen zu formulieren, zum Anderen zielsichere Spitzen unterzubringen und Schwach- stellen anderer treffsicher aufzuspiessen weiss. Ich nenne die- sen Typus des Netzwerkteilnehmers mal *den Philosophen*. Leg' dich nie mit einem Philosophen an, es sei denn, du haeltst dich fuer ebenbuertig und willst es zu einem Duell kom- men lassen! Marodierende Philosophenbanden durchziehen ruhe- los die oeffentlichen Netz-Landschaften in der Hoffnung auf ruhmreichen Streit. Nach kurzer Lektuere des bisherigen Ver- laufs einer Diskussion ergreifen sie Partei fuer die eine oder andere Seite und praesentieren alles andere in den Schatten stellende Beitraege von ungeahnter Laenge. Haeufig obsiegt ein solcher stromernder Philosoph sehr schnell durch vorzeitige Aufgabe des eher ungeuebten *Gegners*, oft aber findet sich auch auf der anderen Seite rechtzeitig ein Ivanhoe ein, bevor der urspruengliche Fechter sich schmollend zurueckzieht oder entnervt aufgibt. Hin und wieder bleiben die beiden dazugestossenen Kontrahenten unter dem ruhmreichen Banner *des Guten* die einzigen sicht- baren Streitparteien, waehrend sich die urspruenglichen Teil- nehmer in Beobachterposition begeben oder laengst ausgeklinkt haben. Eine solche Philosophen-Tjoste (Tjoste war der ritter- liche Zweikampf, meist beritten ausgetragen mit gepolsterten Lanzen auf mittelalterlichen Turnieren) erdrueckt i.d.R. vor- uebergehend jede andere Aktivitaet in einem oeffentlichen Be- reich (Brett). Da die Philosophen auf dem Netz alle unsterb- lich sind (Highlander-Syndrom) bzw. sich nicht wirklich ge- genseitig ans Leder koennen und kaum mal jemand kampfunfaehig in den Seilen haengt, koennen sich diese Tjosten sehr lange hinziehen. Vor allem unerfahrene Philosophen neigen dazu, sich bis zur psychischen Erschoepfung abzukaempfen. Natuerlich gibt es *gute* und *boese* Philosophen auf dem Netz. Zu welcher Richtung einer gehoert, haengt u.a. davon ab, wo man selbst steht. Die Taktiken und Schwert-Techniken der Philoso- phen sind sehr unterschiedlich, was Philosophen-Turniere zu einem der beliebtesten Netzwerk-Dauerbrenner macht. Wie ueber- all, so erhalten auch hier Pruegeleien und Voelkerschlachten hoehere Einschaltquoten als ernsthaft (problemloesungsorien- tiert) gefuehrte Diskussionen. Das will zwar keiner zugeben, aber kaum einer ist davon ausgenommen. Art und Schwere der Verletzungen haelt sich dabei jedoch zum Glueck i.d.R. in Gren- zen. Eine gewisse psychische Belastbarkeit ist jedoch eine empfohlene Eigenschaft fuer aktive Netztnutzung. Philosophen bevorzugen unterschiedliche Waffen. Am beliebte- sten ist immer noch das Schwert, sauberen Schnitt und Eleganz repraesentierend. Einfacher zu bedienen ist der Flammenwerfer, der Flame-Generator, der nur moeglichst gemein, ungerecht und provozierend in Aussage und Stil sein muss. Beliebt bei Akteu- ren wie Zuschauern sind auch die Bud-Spencer-Auftritte diver- ser Philosophen, wenn einer mit flotten Spruechen und gewalti- gen ASCII-Faeusten in einem Saftladen von lauter unbedarften und mickrigen Kleingeistern aufraeumt. Das entspricht mehr dem *Buhurt*, wie man im Mittelalter die im Gegensatz zur aristo- kratisch-noblen *Tjoste* im Rudel und mit stumpf gemachten Waffen ausgetragene Turnierform nannte. Nun ist das Netz nicht in erster Linie als der Turnierplatz der Philosophen zu verstehen, dient also nicht ausschliesslich dieser Art der Unterhaltung der Zuschauer bzw. der Rangord- nung im Karussell philosophierender Gladiatoren. Das *Turnier der Philosophen* ist aber Bestandteil des Mediums, sei's zur Unterhaltung oder zur Meinungsbildung verwendbar; die Prota- gonisten sind sich ihrer Rolle in der Regel nicht bewusst, wissen gar nicht, dass sie einen Helm mit blaurotgruenen Federn und das Schildwappen derer vom Wilden Berg o.ae. tragen, han- deln im sprichwoertlich *besten Wissen und Gewissen*. Da letztlich doch *Inhalte* behandelt oder zumindest *Positio- nen* deutlich gemacht werden, vertritt jeder Philosoph eine ethische Grundhaltung und nimmt so stellvertretend fuer viele Passive aktiv am *ethischen Bildungsprozess Netzwerk* teil. Die Tjoste zweier oder mehrerer Philosophen waegen so stell- vertretend die auf dem Netz vorhandenen Meinungen und Argu- mentationslinien ab, der Ausgang der Tjoste traegt dazu bei, dass Meinungen revidiert oder relativiert, ethische Grundhal- tungen ueberdacht und einer Ueberpruefung unterzogen oder auch nur einfach bestaetigt werden. Der netzimmanente Imperativ "Lernt, miteinander auszukommen!" bildet die ethische Leitli- nie, die - auch noch so wortreich - nicht ausser Kraft gesetzt werden kann. _______________________________ > * Ueberleben im Datendschungel * < ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die Datennetze sind wahrhaft ein Dschungel! Undurchdringli- ches Bretter- und Betreffzeilengestruepp, notduerftig be- schriftet, rankende Buesche und vielgliedrige Baeume, saemtlich der Gattung "Replica PingPonguensis" zugehoerig, vom EDVolks- mund faelschlich als "Diskussion" bezeichnet. Der Neuankoemm- ling in diesem Dschungel sieht sich zunaechst vor eine unloesbare Aufgabe gestellt: Das alles zu lesen! Alte Hasen schmunzeln hier. Es *geht* einfach nicht, sich jeden Tag um die 300 Beitraege *durchzulesen*. Und wie auch der Neuling bald feststellen wird, wissen sie, dass das mei- ste der Muehe gar nicht lohnt. Vieles gehoert zur Kategorie "Small-Talk", anderes befasst sich mit Themen, die einen ueberhaupt nicht interessieren. Dass dies die Mehrheit auch der Netzbeitraege stellt, ist nur natuerlich. Wer wuerde schon erwarten, dass sich die auf einem oeffentlichen Platz mehr oder weniger zufaellig versammelten mehreren tausend Menschen oder zumindest der Grossteil davon sich ueber dieselben Dinge unterhalten oder weitgehend deckungsgleiche Interessen ha- ben? Natuerlich niemand. Auf dem Netz tritt jedoch eine gewisse Merkwuerdigkeit ein, der man sich nicht so leicht entziehen kann. Gemeint ist die Eigenart, dass nahezu jeder es irgendwie als *sein* Medium betrachtet. *Sein* Computer ist ja im Grunde alles, was er sieht, also unmittelbar *wahrnimmt*. Texte und Netzbeitraege sind etwas, was diese seine Maschine *ausspuckt*. Menschen, mit denen er im *richtigen* Leben mal eben streiten und sie kuenftig links liegenlassen wuerde, tauchen auf *seiner* Ma- schine als Stoerfaktoren seiner *heilen Netzwelt* auf. Symptomatisch hier das Zitat eines Teilnehmers auf Z-Netz, der beklagt, "das Netz entwickelt sich mehr und mehr zu ei- nem Abbild der Realitaet draussen vor der Tuer - weg von meiner perfekten kleinen Welt, die es einmal war." Die - bedingte - Vergleichbarkeit des Netzes mit nahezu jedem anderen Kommu- nikationsumfeld verfuehrt zudem zu eingeschraenkter Sichtwei- se. Die wiederum verfuehrt dazu, allzuschnell den moralischen Zeigefinger zu heben in der irrigen Meinung, recht zu haben. Wer darauf hereinfaellt, endet letztlich in Frustration und Zerwuerfnis, da sein selbst-gerechtes Auftreten meist einer unfreiwilligen Komik nicht entbehrt. Humor, und vor allem die Faehigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, hel- fen in solch ausweglosen Situationen oft weiter. Wer sich auf dem Netz bewegt, sollte zwei Fehler nie machen: Erstens darf das Netz nie *Ersatz* fuer herkoemmliche Formen seiner Kommunikation oder seines Soziallebens sein. Es ist eine *Ergaenzung*, mit der man zu Anfang nicht viel anzufan- gen weiss (auch wenn man felsenfest vom Gegenteil ueberzeugt- ist). Zweitens sollte man sich der Netzkommunikation im Be wusstsein seiner Subjektivitaet naehern, immer im Hinterkopf behalten, dass man nicht das Mass aller Dinge ist. Demzufolge sollte man auch nicht versuchen, das Netz dazu zu verwenden, sich groesser zu machen als man ist, Alltagsfrustrationen und -aggressionen in seiner Netzpersoenlichkeit auszuleben oder sich eine Netz-Persoenlichkeit aufzubauen, der man im *rich tigen* Leben nicht gewachsen waere ("Achtung! Tarzan ist wieder da!", Zitat: PIUS XIII im Februar auf Z-Netz). Denn auch in diesem Dschungel gilt: Nur der Kleine kommt durch! _______________________ Lesen will gelernt sein ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die absolute Mehrheit auf allen Netzen weltweit stellen die Nur-Leser. Und Lesen-Koennen will ebenso gelernt sein, so wie Zuhoeren-Koennen. Letzteres vor allem ist eine hochgelobte, aber nur von wenigen beherrschte Fertigkeit. Auf den Netzen ist *Lesen koennen* noch weit schwieriger als bei herkoemmli- chen Massenmedien. Der Grund ist die fehlende Selektion von Informationen und Beitraege, wie sie beispielsweise Voraus- setzung fuer die redaktionelle Arbeit in einer Zeitschrift darstellt. Genaugenommen *bezahlt* man am Kiosk nicht das Stueck Papier, das man bedruckt in der Hand haelt, wenn man eine Zeitschrift gekauft hat, auch nicht die Information, die darin zu lesen steht. Man *bezahlt* in gewissem Sinne die Redaktion fuer ih- re Selektionsarbeit (nebst Herstellungs- und Vertriebslei- stungen des Verlags natuerlich). Diese Arbeit wird vom Zeit- schriftenkaeufer indirekt bezahlt. Mit seinem Kauf eines be- stimmten Magazins *deligiert* er seine Selektion (Auswahl und Aufarbeitung der Informationen) an ein professionelles Team (Redaktion), das dafuer sorgt, dass er die gewuenschte In- formation in der gewuenschten Art in kompakter Form in Haenden haelt. Auf den meisten Netzen gibt es diese Art der Delegation nicht. Die kommunikationstechnisch aeusserst wichtige Selek- tionsleistung muss der Leser selbst vornehmen - und befindet sich damit auf dem Netz in einer aehnlichen Situation wie der bedauernswerte Redaktionsmitarbeiter im Telexraum, der von dpa und anderen Presseagenturen mit kilometerlangen Papier- wuermern traktiert wird. Da zwischen Sender (Kommunikator) und Empfaenger (Rezipient) nur noch ein wertfrei technisches Medium liegt, aber keine bearbeitende Stelle mehr, steht er letztlich vor derselben Aufgabe wie ein Redakteur, der mor- gens seinen Schreibtisch sichtet und bis zum Abend eine be- stimmte Menge an Informationen umgesetzt, d.h. fuer seine Le- serschaft Uninteressantes herausgefiltert und Interessantes in *Lesestoff* umgearbeitet (verdichtet) haben soll. Man ist also sein Selektor und Leser zugleich - eine Kommunikations- rolle, die der einzelne so nicht kennt. Ebensowenig kennt der Zeitschriftenleser die alltaegliche Qual des Redakteurs, der sich mit ebenso wortreichen wie nichtssagenden Texten herumschlagen oder den tieferen Sinn anderer, nicht gerade von Sprachgewandtheit des Autors zeu- gender Buchstaben- oder Zeichenfolgen entschluesseln muss, um sie - *falls* inhaltlich ueberhaupt eine Publikation des Bei- trags sinnvoll erscheint - in kompakter Form und verstaendli- chem Deutsch entsprechend zu gestalten, damit der Inhalt fuer Leser ohne Redakteursausbildung kein Buch mit sieben Siegeln ist. Den Redakteur, der sich diese Muehe macht, gibt es auf dem Netz nicht, und niemand kann ihn programmieren... Wer das nicht weiss, kann lange darauf warten, dass die Netze sich als echte Alternative zum Printmedienmarkt etablieren, also endlich eine Art *elektronischer Zeitschrift* bilden. In Puncto Selektion und Verdichtung leistet das Netz selbst gar nichts. Nur einzelne Personen oder Gruppen, die eben- falls ans Netz angeschlossen sind und es konkret dafuer nut- zen, leisten das - allerdings nur bezogen auf ihre eigenen Beitraege. Wer also das Netz als Alternative fuer seine Mor- genzeitung versteht, muss diese Leute und Gruppen erst einmal suchen - in einem Wust aus Meinungsaustausch, Fluegelkaempfen, lautstarkem Getoese um nichts und - subjektiv empfunden - mit wenigen Ausnahmen belanglose Information. Fuer die dem eigenen Kommunikationsziel (hier passiv, also als Leser zu verstehen) foerderlichen Selektionsleistungen gilt es, drei wesentliche Punkte zu beachten: den Verzeich- nisnamen, der in der Regel den darin erwuenschten Inhalt schon grob umreisst, die Betreffzeile der einzelnen Nachricht sowie deren Absender. Der Frischling ist dabei in der Regel erstmal ueberfordert. Zum Ersten wird er beim Eintritt in das Netz von ueber hundert Sparten (Verzeichnissen) konfrontiert, die je nach Netz mehr oder weniger gut sortiert (orientie- rungstauglich) ausfallen; zum Zweiten bezieht sich ein Gross- teil der Netz-Beitraege auf aeltere Beitraege, man kann ihren Ursprung also nicht mehr oder nur sehr umstaendlich rekon- struieren; woher zum Dritten soll ein Frischling wissen, wessen Beitraege fuer ihn Lesenswertes enthalten und welche nichtssagenden Autoren sich gerne schreiben sehen? Die Antwort ist ebenso einfach wie erstmal frustrierend: ohne Uebung geht es nicht! Das ist an sich selbstverstaend- lich, wird aber oft genug uebersehen. Die Lage ist vergleich- bar jener eines Menschen, der nach 40 Jahren in die Zivili- sation zurueckkehrt und dort mit dem Phaenomen eines TV-Geraets mit angeschlossener Satellitenantenne konfrontiert wird. Wenn er den Fernseher nicht gleich abschaltet, wird er nicht umhin koennen, erst einmal herauszufinden, welche Sender und welche Art von Sendungen ihn interessieren. Er wird eine zeitlang mit der Fernbedienung spielen, um sein Kommunika- tionsverhalten allmaehlich mit seinen (hier: passiven) Kom- munikationsbeduerfnissen zu synchronisieren. Wer neu auf das Netz einsteigt, ist gut beraten, sich zu- naechst einmal *ein Bild zu machen* von dem, was da ablaeuft, wo wie worueber gesprochen wird, wo sich Interessantes zu seinem individuellen Interessenspektrum bekommen laesst und wer wie welche Meinungen vertritt. Es gilt, herauszufinden, welcher begabte Schreiber sich da in Philosophen-Tjosten er- schoepft, ohne wesentliches in Form originaerer Nachrichten beizutragen, welche Kanaele tatsaechlich mit ausreichender Regelmaessigkeit originaere und verwertbare Informationen ent- halten oder wo nur gequatscht wird ueber Gott und die Welt (was ja durchaus auch ein legitimes Kommunikationsziel sein kann). Diese Einstiegs-, Lern- und Beobachtungsphase sollte man lieber zu lange anlegen als zu kurz. Zu sehr verschieben sich eigene An-Sichten innerhalb kurzer Zeit. Kommt es dem Neuling zu Beginn vor, als habe er es mit einer Unzahl hoch intelligenter Menschen zu tun, die voellig neue Aspekte in seine begrenzte Weltsicht einbringen, kann dieses Bild sich schon bald ins Gegenteil verkehren - wenn der Ex-Neuling feststellen muss, dass diese "neuen Aspekte" jahraus jahrein eine Neuauflage durch dieselben Personen erhalten. Die einst hochgeschaetzten Beitraege verwandeln sich in Sprechblasen, das Gesagte allzuoft zu Wiederkaeu aus einem nicht lernfaehi- gen geistigen Labmagen. Auch das Gegenteil ist natuerlich moeglich, es ist aber erstaunlich, wie wenige in einer Men- schenmenge von zigtausenden wirklich etwas zu sagen haben, wenn man alle ausreden laesst. Studieren sollte man auch die immer wieder auftretenden *Fehler* bei Diskussionen und aehnlichem Meinungsaustausch - ohne sich zunaechst selbst zu beteiligen. Die neutrale Beob- achterrolle hat hier enorme Vorteile, die geuebte Nur-Leser zu schaetzen wissen. Man entzieht sich der *Gefahr*, selbst hineingezogen zu werden und womoeglich nicht ohne Gesichts- verlust (und das auf dem Netz! Anm.d.Red.) aus einer Sack- gasse herauszukommen, in die man sich verrannt hat. Sie er- moeglicht es, zu den "Little Computer People" auf dem eigenen Rechner, in Wirklichkeit Abbilder real existierender Perso- nen, die noetige Distanz zu wahren. Denn noetig ist sie: von den meisten Mit-Teilnehmern auf dem Netz weiss man *nichts* - nicht, wie sie aussehen - nicht, wie alt sie sind - nicht - nicht - nicht. Eigentlich weiss man in der Regel *gar nichts* vom Anderen ausser ein paar schriftlich fixierten Persoenlich- keitskruemeln. Zur Anmerkung: "Little Computer People" war ein Computer- spiel, in dem das Programm eine Anzahl von Leuten mit ihren Alltagshandlungen simulierte, mit denen man in eingeschraenk- tem Masse *sprechen* konnte und aehnliches. Abgesehen davon, dass die anderen Netzwerkteilnehmer irgendwo anders ganz rea- le Persoenlichkeiten sind, ergeben sich tatsaechlich nur weni- ge Unterschiede. Und den ersten aktiven Schritt aufs Netz sollte man erst tun, wenn man in der Lage ist, auch sich selbst und seine Person als "Little Computer Person" distan- ziert sehen zu koennen. ________________________________________________ Im Paradiesgarten, im Keller, im brennenden Haus ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Fatale an der maschinengestuetzten Netzkommunikation: der Mensch pflegt fehlende Information zu ersetzen und durch gespeicherte Erfahrungen zu ergaenzen. Das ist sein evolutio- naeres Gehirnprogramm. Er *tendiert* auf dem Netz automatisch dazu, Netz-Personen mit realen Personen aus seinem engeren oder weiteren, gerade noch sichtbaren Umfeld zu vergleichen und das Fehlende durch vermutete Aehnlichkeiten zu ergaenzen. Ebenso *tendiert* er dazu, seine individuelle regionale und soziale Position zu *verallgemeinern*, d.h. vermutet *auto- matisch* auch deren Gueltigkeit im Netz und stellt still- schweigend die Forderung an die anderen, diese *wahrzuneh- men* und zu *respektieren*. Fuer die allerdings ist man nur ein ASCII-Text von vielen vielen anderen... Nachgedacht - ausgelacht. Derart aufgeschluesselt wuerde na- tuerlich *niemand* im Ernst... Weit gefehlt! Das beschriebene evolutionaere Programm ist ein biologischer Imperativ, auf den man *immer wieder* hereinfaellt, wenn man nicht *bewusst* gegensteuert. Bewusst Gegensteuern heisst auf dem Netz: sich die Relativitaet der eigenen Existenz und des eigenen Umfelds bewusst Sein und aus diesem bewusst-Sein heraus sein Kommuni- kationsverhalten *ueberlegt* zu steuern. Es heisst auch: sich der eigenen Gesichts-Losigkeit bewusst sein und kalkulieren, dass man sehr leicht mistverstanden werden kann, wenn man sein Gesicht nicht dabei hat. Erst recht heisst es, die Gesichts-Losigkeit des anderen zu respektieren, zu versuchen, ihn *aus seinen Beitraegen her- aus* zu verstehen, Unschluessiges *nachzufragen* anstatt - wie es leider haeufig geschieht - sich einen Rest *zusammen- zureimen*, der dann umso heftiger attackiert wird. Dem At- tackierten bleiben nach einer verbalen Attacke meist wenig Chancen, irgendetwas richtigzustellen, weil er die heftige Reaktion gar nicht versteht und sich seinerseits gegen die *Angriffe* verteidigt. Die Gesichts-Losigkeit des anderen zu respektieren, beinhal- tet aber auch, ihn nicht wegen eines oder mehrerer Beitraege fuer sich zum Idealbild hochzustilisieren. Der Rolle eines Stars ist kaum jemand persoenlich wirklich gewachsen - in ei- ner Fernsehserie ebensowenig wie auf dem Netz. Ein ausserordentlich kniffliges Phaenomen ist neben der rein menschlich zu verstehenden Gesichts-Losigkeit die Umwelt-Lo- sigkeit, die im selben Sinne zu respektieren man ebenfalls gut beraten ist. Auch das persoenliche Umfeld des anderen will das Gehirn naemlich *ergaenzen*, wenn keine anderen diesbezueglichen Informationen zur Verfuegung stehen. Der eine sitzt beschaulich in einem Paradiesgarten am idyllischen sonnendurchfluteten Seeufer, der andere im finstersten Kel- lerloch der smogverhangenen Grossstadt, wieder ein anderer langweilt sich im Archiv eines Grossbuchhandels und ein vier- ter sitzt in einem besetzten Haus, das seit drei Tagen von einem Mob Rechzradikaler belagert wird... Wieviele Meinungen zu welchen Themen? Wieviele unterschied- liche Lebenssituationen, Erfahrungen, Zwangslagen, Leid, Freude, Saturiertheit und Tatendrang auf einem Netz mit meh- reren tausend Menschen? Alle haben zwei Fenster: eines, durch das sie einen Paradiesgarten sehen oder die Wand ge- genueber oder das Buecherregal oder einen rechzradikalen Mob, der in der Daemmerung ein Flammenritual abhaelt - und einen kleinen Computer am Telefon... So gesehen ist das multi- oder besser: polydirektionale Mas- senmedium Netzwerk doch "One Way". Man kann *hineingucken*, aber nicht auf der/den anderen Seite/n *herausgucken*. Die unterschiedlichen und i.d.R. nicht zur Kenntnis genomme- nen Umfelder anderer Mit-Netzteilnehmer fuehren zu kommunika- tiven Problemen, die ebenfalls leicht zu *Fallen* werden. Je weiter die regionalen und kulturellen Distanzen zwischen zwei Netzteilnehmern, umso weiter klaffen Symbol- und Code- Ebene der Sprache auseinander. Ausflug in die Kommunikationswissenschaften: die Code-Ebene bezeichnet den gemeinsamen Zeichensatz kommunizierender Sy- stemeinheiten. Code-Ebenen koennen verschachtelt sein (Buchstabe > Wort > Satz .>. ) und bilden gemeinsam die Sig- nalebene (Begriff, ggf. Zusammenhang etc.), auf der der be- reits codierte Inhalt (die Information) uebertragen wird. Die Symbol-Ebene besteht aus dem *Erfahrungsschatz* jedes ein- zelnen. Mit Hilfe der Symbolebene wird codiert und deco- diert, Begriffe und Tendenzen zugeordnet. Am einfachen Bei- spiel: Der Archetyp "Berg" eines Kuestenbewohners ist ein an- derer als der eines Alpenbewohners. Jedem Begriff (Wort), den wir fuer die Kommunikation verwenden, entspricht ein Ge- genstueck im persoenlichen Symbolschatz, und der *gemeinsame* Symbolschatz ist Voraussetzung fuer weitgehend fehlerfreie Verstaendigung. Da kann es beim Einsortieren Probleme geben, dann naemlich, wenn zwei gegenlaeufig besetzte Symbolfelder aufeinandertref- fen. Bekannt ist der *Eltern-Archetyp* jedes einzelnen Indi- viduums der Gattung Homo Sapiens Sapientis (: Die Begriffe "Vater" und "Mutter" tendieren beide zu Extremen, je nach Herkunft und Umstaenden. Die Begriffe werden leicht von ihrer symbolhaften Bedeutung her uebertrieben ideal oder - ebenso uebertrieben - anti-ideal empfunden, was auf artverwandte Be- griffe abfaerbt. Das fuehrt zu einer unterschiedlichen emotio- nalen Besetzung nahezu des gesamten Begriffsfelds, das di- rekt oder indirekt mit dem "Eltern-Archetyp" in Beziehung gesetzt wird.

Text aus dem TextArchiv 7 - http://www.ta7.de/