Der Jäger, der seine Frauen ungleich behandelte
Ein Märchen aus Guinea
Das folgende Märchen hat Herr Dr. Morlaye Camara
aus Guinea (West-Afrika) erzählt, als er in Bonn
studierte. Herr Dr. Camara ist als Sprachwissen-
schaftler und Soziologe ein besonderer Experte
der Erzählkunst seiner Heimat, da er selbst un-
zählige Märchen kennt und spannend zu erzählen
versteht. Natürlich kann er auch trommeln und
damit Nachrichten übermitteln.
Der Text "Der Jäger, der seine Frauen ungleich
behandelte" bietet sich für den interkulturell
angelegten Literaturunterricht an.
Es war einmal ein Jäger, der war zu seiner Zeit
und in seinem Land der berühmteste aller Jäger
denn er hatte nie auf Kosten der kleinen und
schwachen Tiere gejagt, und er verstand es, im
Wald immer auf große und starke Opfer zu stoßen.
Deshalb kannten ihn auch alle Tiere des Waldes.
In seinem Haus lebte er mit zwei Hunden, die er
Kitimiri und Duramani nannte; und er hatte zwei
Frauen, aber die erste Frau war seine Lieblings-
frau. Die zweite fühlte sich zu wenig geliebt
und unrecht behandelt. Deshalb war sie selten zu
Hause.
Eines Tages wollte die zweite Frau ihm eine Lektion
erteilen. Sie hatte Böses im Sinn, denn sie ging
in den Wald und verbündete sich mit den größten
Tieren: mit den Panthern, Löwen, Tigern, Wölfen
und Elefanten. Danach täuschte sie ihren Mann,
indem sie vorgab, seine beiden Hunde seien krank.
In Wirklichkeit hatte sie die Tiere zwei Tage lang
ohne Futter eingesperrt.
Der Jäger glaubte, dass seine Hunde krank seien. Und
er ließ sein Gewehr zu Hause, als er sich zu einem
Ausflug in den Wald begab. Entgegen seiner Gewohnheit
blieb er immer auf dem Waldweg, denn er wollte
möglichst keinem wilden Tier begegnen.
Nach zwei Stunden kletterte er auf einen Baum, machte
es sich auf einem großen Ast gemütlich und fing an zu
singen. Das hörte ein Tiger, der sich ganz unbemerkt
heranschlich. Als er gesehen hatte, dass es der Jäger
war, mit dessen zweiter Frau sich die wilden Tiere
verbündet hatten, eilte er zu seinen Tigerkollegen, um
sie zu informieren. Unterwegs traf er zuerst den Panther
und dann den Wolf.
Sobald der Wolf von dem Jäger gehört hatte, rief er mit
seiner scharfen Stimme in den Wald hinein nach den
Tieren. Zehn Minuten später waren alle Tiere, mit denen
sich die Frau verbündet hatte, versammelt. Unter dem
Kommando des Tigers rückten sie gegen den Jäger vor,
der immer noch auf dem Baum saß.
Als der Jäger das erste Tier erblickte, war es für ihn
zu spät, um zu fliehen. Da er keine Waffe und auch seine
Jagdhunde nicht dabei hatte, blieb ihm nur seine Stimme,
um Hilfe zu rufen. Er rief seine beiden Hunde mit einem
Gesang, der so klang: "Kitimiri, yo! Duramani, yo!
"Kitimiri, yo! Duramani yo! Die wilden Tiere töten mich,
Durumani, yo! Die Tiger töten mich, Durumani, yo! Die
Löwen töten mich, Duramani y! Kitimiri! Durumani!
Yo, yo! Durumani!"
Sein Rufen wurde von den Affen gehört, die sogleich los-
eilten, um die wilden Tieren zu unterstützen, denn die
Affen können besonders gut klettern.
Der Ort des Geschehens war sieben Kilometer vom Dorf
entfernt. Als die Hunde die rufende Stimme ihres Herrn
hörten, waren sie in ihrer Hütte eingesperrt, und es war
niemand da, der sie hätte befreien können.
Inzwischen hatten sich die wilden Tiere unter dem Baum
versammelt. Die einen kletterten am Baum in die Höhe,
die anderen machten sich über die Wurzeln des Baumes her,
um ihn zu fällen. Mit ihren scharfen Zähnen war es ihnen
schon bald gelungen, die äußeren Wurzeln zu durchtrennen.
Dann kam die Hauptwurzel an die Reihe.
Immer noch waren die Hunde des Jägers in der Hütte
gefangen. Doch die Lieblingsfrau des Jägers kam gerade
nach Hause und hörte das Bellen der Hunde. Als sie sah,
dass ihr Mann nicht zu Hause war, verstand sie sofort,
dass die Hunde ihrem Mann zu Hilfe eilen wollten. Sie
öffnete ihnen das Tor und ließ sie hinaus. Obwohl sie
vom Hunger geschwächt waren, rasten sie so schnell sie
konnten den bekannten Waldweg entlang, um ihrem Herrn zu
helfen.
Sie kamen gerade rechtzeitig bei ihrem Herrn an, denn
es fehlte nur noch wenig, und der Baum wäre gefällt
worden. Wütend stürzten sie sich auf die bösen Tiere und
bissen, was sie zu fassen kriegten. Unter lautem Bellen
verjagten sie die großen Tiere, den Tiger, den Elefanten
und den Panther, bis sie endlich ihren Herrn befreit hatten.
Der Jäger kam vom Baum herunter, dankte seinen treuen
Hunden für die Errettung vor dem Tode und ging mit ihnen
zum Dorf zurück. Dort erklärte er seiner Familie, was ihm
im Walde widerfahren war.
Die zweite Frau sagte daraufhin: "Es hat noch gar nicht an-
gefangen mit den Angriffen gegen dich! Solange Du mich in
Deinem Hause nicht genügend anerkennst und gleichberechtigt
behandelst, wirst du von allen Tieren bedroht bleiben!"
Da verstand der Jäger, dass jeder Mensch frei ist, sein
Recht zu verteidigen. Von diesem Tage an behandelte er
seine beiden Frauen gleich.
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