Fabeln aus Afrika


 Das Chamäleon und der Elefant

 (Äquator)

 Eines Tages lud das Chamäleon den Elefanten zum Laufen ein. Der
 Elefant nahm die Herausforderung an, deren Entscheidung auf den folgenden
 Morgen verlegt wurde. Während der Nacht verteilte das Chamäleon
 viele seiner Brüder in kurzer Entfernung den Weg entlang, der zu
 durchlaufen war. Als der folgende Tag graute, kam der Elefant und fing ohne
 weiteres zu laufen an. Das Chamäleon stieg hurtig dem Elefanten auf
 den Schwanz. Bei jeder Begegnung mit einem Chamäleon fragte der
 Elefant: "Bist du nicht müde?" - "Nein!" antwortete das gefragte Tier,
 das sich jetzt erst anschickte, den kleinen ihm angewiesenen Teil zu
 durchlaufen. Zuletzt blieb der Elefant atemlos und müde stehen, indem
 er sich für besiegt bekannte.

 Der Elefant und der Hahn

 (Äquator)

 Eines Tages forderten der Elefant und der Hahn einander zum Wettstreit auf,
 wer von ihnen ein beharrlicherer Fresser wäre. Als sie an dem vereinbarten
 Orte sich getroffen hatten, machten sie sich sofort ans Werk. Gegen Mittag
 legte sich der Elefant gesättigt nieder und versank im Schlaf. Nach einigen
 Stunden wachte er auf und bemerkte zu seinem großen Verwundern den Hahn, wie
 er immer noch unter dem Grase scharrte und pickte. Auch er begann zu
 fressen, und, neuerdings gesättigt, zog er sich zurück, indem er mit stets
 wachsendem Staunen den Hahn Nahrung zu sich nehmen sah. Als sich die Sonne
 zum Untergang wendete, beeilte sich der Hahn, sich auf den Rücken des
 Elefanten zu setzen, der sich mittlerweile gelegt hatte. Kurze Zeit
 verstrich, da fühlte der Elefant Stiche auf seinem Rücken. "Was machst du
 da?" rief er halb erschreckt. "Nichts; ich nähre mich von den Insekten, die
 ich in den Borsten deiner Haut finde." Entsetzt über eine derartige
 ausdauernde Gefräßigkeit, erhob sich der Elefant und suchte wie ein Narr das
 Weite. Und seit diesem Tage flieht der Elefant stets, wenn er das Krähen des
 Hahnes hört.

 Die Erde und der Hase

 (Äquator)

 Eines Tages sagte der Hase zur Erde: "Du rührst dich nicht, du stehst
 beständig fest; warum das?" - "Du täuschest dich", erwiderte die Erde, "ich
 laufe mehr als du." - "Es soll auf den Beweis ankommen!" rief der Hase und
 fing zu laufen an. Nachdem er eine lange Strecke durcheilt hatte, hielt er,
 des Sieges versichert, inne. Aber zu seiner großen Überraschung sah er die
 Erde noch immer unter seinen Füßen. Öfter noch wiederholte er die Probe, bis
 er, durch die langen Anstrengungen ermüdet, zu Boden sank und starb.

 Das Haselhuhn und die Schildkröte

 (Äquator)

 "Ich bin besser daran, als du", sagte das Haselhuhn zur Schildkröte. "Ich
 kann rasch gehen und noch mehr - ich kann fliegen." - "Du Glückliche",
 antwortete die Schildkröte, "ich schleppe mich fort, und, so gut es geht,
 mache ich meine Geschäfte ab." Nun traf es sich, dass die Menschen, um zu
 jagen, das Gras der Wiese anbrannten; das wachsende Feuer engte den Kreis
 immer mehr ein, die Gefahr für beide Tiere war offenkundig und sicher. Die
 Schildkröte schleppte sich in eine kleine Grube, die durch den Fußtritt
 eines Elefanten ausgehöhlt war, und rettete sich so. Das Haselhuhn dagegen
 versuchte den Flug; aber Rauch und Feuer ließen es herabfallen, und es
 starb. - Wer sich all zu sehr rühmt, bleibt bei der Probe zurück.

 Der kranke Löwe

 (Hottentotten)

 Der Löwe, sagt man, war krank; da gingen sie alle, ihn in seinen Leiden zu
 besuchen; der Schakal aber ging nicht hin, weil die Spuren der Leute, die
 hingingen, um ihn zu besuchen, nicht wieder zurückkehrten. Da wurde er von
 der Hyäne bei dem Löwen verklagt. "Obschon ich gekommen bin, dich zu
 besuchen, will doch der Schakal nicht kommen, dich in deinen Leiden zu
 besuchen." Da schickte der Löwe die Hyäne, um den Schakal zu fangen. Das tat
 sie und brachte ihn vor den Löwen. Der Löwe fragte den Schakal: "Warum kamst
 du denn nicht, nach mir zu sehen?"

 Der Schakal gab zur Antwort: "Bitte, lieber Onkel; als ich hörte, dass du so
 schwer krank seiest, ging ich zum Zauberdoktor, um Rat zu holen und ihn zu
 fragen, was für eine Arznei meinem Onkel von seinen Schmerzen helfen würde.
 Der Doktor aber sagte so zu mir: 'Geh und sage deinem Onkel, er möge die
 Hyäne ergreifen, ihr das Fell abziehen, und, wenn es noch warm wäre, es
 anlegen; dann werde es besser werden.' Die Hyäne ist so nichtsnutzig, dass
 sie sich gar nicht um die Leiden meines Onkels kümmert." Der Löwe folgte
 diesem Rat, ergriff die Hyäne, zog ihr, während sie aus Leibeskräften
 heulte, das Fell über die Ohren und legte es an.

 Warum hat der Schakal einen langen schwarzen Streifen auf dem Rücken?

 (Hottentotten)

 Die Sonne, so erzählt man, befand sich einst auf der Erde. Die Menschen
 waren damals gerade im Umzug begriffen und sahen sie wohl am Wege sitzen,
 gingen aber, ohne sie zu beachten, vorüber.

 Der Schakal aber, der hinter ihnen herkam und die Sonne auch dasitzen sah,
 ging zu ihr heran und sprach: "Solch ein hübsches Kindlein lassen die
 Menschen zurück?"

 Er hob die Sonne dann auf und steckte sie in das Awafell, das er auf dem
 Rücken trug. Da es ihn aber brannte, so sprach er: "Komm herab!" und
 schüttelte sich; die Sonne klebte aber auf seinem Rücken fest und brannte
 von dem Tag an des Schakals Rücken schwarz.

 Der Schakal und der Leopard

 (Äquator)

 Der Leopard hatte eine Gazelle gefangen und verzehrt. Das sah der Schakal.
 "Du bist allerdings gefräßig unter den Tieren", sagte er zu ihm, "allein es
 wird dir nicht gelingen, mich an Gefräßigkeit zu übertreffen." Der Leopard
 lachte. "Nun zur Probe!" antwortete er.

 Der Schakal begab sich in ein weites Feld von weißlichen Kürbissen, und,
 nachdem er sie von den Blättern gereinigt hatte, ließ er sich in der Mitte
 nieder, nachdem er sich den Kopf rot gefärbt hatte. Der Leopard kam hinzu
 und versuchte, sich ihm zu nähern; da er aber die Kürbisse wahrnahm und
 glaubte, es seien Schädel verzehrter Tiere, schritt er, von Schrecken
 ergriffen, zurück. "Warum kommst du nicht näher?" rief ihm der Schakal zu.
 "Ach, ich fürchte mich", versetzte der Leopard, seinen Weg weiter nehmend,
 "ich erkenne, dass du wilder und blutdürstiger bist als ich."

 Die Schlange

 (Hottentotten)

 Es war einmal ein Weißer, so erzählt man, der traf eine Schlange, auf die
 ein großer Stein gefallen war, so daß sie sich nicht aufrichten konnte. Da
 hob der Weiße den Stein von der Schlange auf. Als er ihn aber aufgehoben
 hatte, wollte die Schlange ihn beißen. Der Weiße sagte jedoch: "Halt! Lass
 uns beide erst zu klugen Leuten gehen!" So gingen sie denn und kamen zur
 Hyäne. Die fragte der Weiße. "Ist es auch wohl recht, dass die Schlange mich
 nun beißen will, obwohl ich ihr half, da sie hilflos unter dem Steine lag?"
 Die Hyäne erwiderte: "Nun, was wäre das denn Großes, wenn du gebissen
 würdest?" Da wollte ihn die Schlange beißen, aber der Weiße sprach wieder:
 "Warte erst und laß uns zu andern klugen Leuten gehen, damit ich höre, ob es
 auch recht ist!"

 Als sie weitergingen, trafen sie den Schakal. Da redete der Weiße den
 Schakal an: "Ist's auch wohl recht, dass die Schlange mich beißen will,
 obschon ich den Stein aufhob, der auf ihr lastete?" Der Schakal erwiderte:
 "Ich kann es mir gar nicht vorstellen, dass die Schlange so vom Stein bedeckt
 sein konnte, dass sie nicht imstande war aufzustehen. Nur wenn ich's mit
 meinen eignen Augen sähe, würde ich's glauben. Kommt, wir wollen uns auf den
 Weg machen und zusehen, ob's möglich ist."

 So machten sie sich denn alle auf und gingen nach der Stelle, wo es
 geschehen war. Dort angekommen sprach der Schakal: "Schlange, lege dich
 nieder und lass dich mit dein Stein bedecken." Da legte der Weiße den Stein
 auf sie, und, obschon sie sich sehr anstrengte, konnte sie doch nicht
 aufstehen. Der weiße Mann wollte den Stein wieder aufheben, aber der Schakal
 sprach: "Lass sie nur liegen, sie wollte dich ja beißen; sie mag allein
 aufstehen!"

 Der stolze Schmetterling

 (Sudan)

 Ein wunderschöner Schmetterling umflatterte eine duftende Blume; da bemerkte
 er eine hässliche Raupe, die im Staube dahin kroch. Verächtlich rief der
 Schmetterling ihr zu: "Wie darfst du es wagen, dich in meiner Nähe sehen zu
 lassen? Fort mit dir! Sieh, ich bin schön und strahlend wie die Sonne, und
 meine Schwingen tragen mich hoch in die Lüfte, während du auf der Erde
 umher kriechst. Fort, wir haben nichts miteinander zu schaffen!"

 "Dein Stolz, du bunter Schmetterling, steht dir schlecht an", erwiderte die
 Raupe ruhig. "All deine Farbenpracht gibt dir nicht das Recht, mich zu
 verachten. Wir sind und bleiben Verwandte, so schmähst du dich also selbst.
 Bist du nicht früher eine Raupe gewesen? Und werden deine Kinder nicht
 Raupen sein wie du und ich?!"

 Der tote Mann und der Mond

 (Äquator)

 Ein alter Mann sah einen Toten, auf welchen der Schein des Mondes fiel. Er
 rief eine große Anzahl Tiere zusammen und redete sie also an: "Wer von euch
 als tapferen Leuten will es auf sich nehmen, diese Leiche auf das
 entgegen gesetzte Flussufer zu tragen, und wer den toten Mond?" Zwei Arten von
 Kröten meldeten sich; die eine mit den langen Beinen übernahm den Mond, die
 andere mit den kurzen Beinen den toten Menschen. Der Trägerin des Mondes
 gelang ihr Unternehmen; diejenige des Menschen aber ertrank infolge der
 Kürze ihrer Beine. Und das ist der Grund, weshalb der tote oder
 untergegangne Mond immer wieder erscheint, der Mensch dagegen, wenn er
 einmal tot ist, nicht mehr zurückkehrt.

 Der Ursprung des Todes

 (Hottentotten)

 Einst sandte der Mond den Hasen auf die Erde nieder, um den Menschen zu
 verkünden, dass wie er (nämlich der Mond) hinstürbe und wieder lebendig
 würde, so sollte auch ein jedes Menschenkind sterben und wieder lebendig
 werden.

 Anstatt aber nun die Botschaft genau auszurichten, sagte der Hase, sei es
 nun aus Vergesslichkeit oder aus Böswilligkeit, den Menschen, dass, wie der
 Mond erschiene und hinstürbe, so sollten auch die Menschen sterben und nicht
 wieder lebendig werden.

 Als der Hase dann zum Monde zurückgekehrt war, wurde er von demselben
 befragt, ob er seine Botschaft ausgerichtet habe. Wie nun der Mond erfuhr,
 was jener getan, ward er so zornig, dass er ein Beil ergriff, um dem Hasen
 den Kopf zu spalten. Da der Schlag aber zu kurz geführt wurde, so fiel das
 Beil auf die Oberlippe des Hasen nieder und verletzte dieselbe nicht
 unbedeutend. Daher stammt nun die so genannte Hasenscharte, welche noch jetzt
 zu sehen ist.

 Da der Hase nun über eine solche Behandlung höchst empört war, so nahm er
 seine Nägel zu Hilfe und zerkratzte damit des Mondes Antlitz. Die dunkeln
 Partien nun, die wir noch jetzt an der Oberfläche des Mondes wahrnehmen,
 sind die Schrammen, die er bei dieser Gelegenheit erhielt.

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