Fabeln aus Asien



 Der Affe als Richter

 (Indien)

 Früher, als fast noch alle Tiere frei herumliefen und erst wenige von ihnen
 bei den Menschen wohnten, lebten im Haus eines Gelehrten ein Hund und eine
 Katze.

 Eines Tages hatte der Gelehrte einen frisch gebackenen Kuchen geschenkt
 bekommen. Da er für ein paar Stunden das Haus verlassen musste, stellte er
 ihn zur Sicherheit auf ein Brett, das an der Wand hing.

 Die Katze hatte den Gelehrten aufmerksam beobachtet, und kaum war dieser zur
 Tür hinaus, sprang sie auf den Korbsessel, der am Fenster stand, von dort
 auf den Tisch, und von dort wagte sie den weiten Sprung auf das Brett.

 Der Nagel, der das Brett mit einem Bambusgeflecht nur notdürftig verband,
 war diesem Ansturm nicht gewachsen. Polternd stürzte das Brett mit dem
 Kuchen und der Katze zu Boden.

 Der Hund hatte sich schläfrig in der Sonne ausgestreckt und auf die Rückkehr
 seines Herrn gewartet. Bei dem plötzlichen Getöse fuhr er erschreckt auf
 und sauste in das Zimmer. Als er den wohl duftenden Kuchen in den Fängen der
 Katze sah, sprang er auf sie zu und wollte ihn ihr entreißen. Die Katze
 wehrte sich fauchend und verpasste ihrem Hausgenossen einen kräftigen Schlag
 auf die Nase. Der Hund jaulte auf.

 Ein Affe turnte gerade über die Gartenmauer und blickte neugierig zum
 Fenster hinein. "Warum streitet ihr zwei euch bei einem so herrlichen
 Wetter?" fragte er belustigt.

 Der Hund bellte wütend: "Diese nichtsnutzige diebische Katze hat unserem
 Herrn seinen Kuchen stibitzt!" - "Was geht dich das an?" maunzte die Katze
 böse. "Während du faul in der Sonne gedöst hast, habe ich mich sehr
 geplagt. Ich habe mir den Kuchen mühsam verdient!"

 "Unverschämtes, eigennütziges Biest", knurrte der Hund, "glaubst du, du
 kannst den Kuchen allein essen? Er gehört unserem Herrn, ich habe also auch
 ein Anrecht darauf."

 "Hört auf zu streiten!" sagte der Affe. "Ist der Kuchen nicht groß genug
 für euch beide? Ich sehe dort auf dem Tisch eine Waage stehen. Ich werde
 euch die Beute in zwei gleiche Stücke teilen."

 Die Katze und der Hund waren damit einverstanden. Aufgeregt verfolgten sie,
 wie der Affe den Kuchen durchbrach und die eine Hälfte auf die eine, die
 zweite Hälfte auf die andere Waagschale legte. Die eine Waagschale plumpste
 hinunter. "Das Stück ist wohl etwas zu schwer", meinte der Affe mit
 ernsthafter Miene, bröckelte ein paar Krumen davon ab und steckte sie
 genüsslich in den Mund.

 Hund und Katze sahen erwartungsvoll zu, wie sich die Schale langsam wieder
 hob. "jetzt ist es gut!" rief der Hund. "Nein!" sagte der Affe streng.
 "Das Kuchenstück ist noch etwas zu schwer. Man soll mir nicht nachsagen,
 dass ich ein ungerechter Richter bin."

 Mit diesen Worten brach er noch ein kleines Stück von dem Kuchen ab, und
 ließ es in seinen Mund wandern. Aber er hatte zuviel genommen, denn jetzt
 sank die andere Waagschale hinunter.

 Der Affe murmelte ein paar unverständliche Worte und begann von dem zweiten
 Stück Krümel für Krümel abzubrechen und behaglich in den Mund zu schieben,
 bis die beiden Waagschalen sich nach und nach wieder näherten. Im letzten
 Augenblick nahm er nochmals zuviel von dem größeren Kuchenstück, so dass
 dieses jetzt kleiner wurde als das andere und die Waagschale sich hob. Er
 musste seine Arbeit von neuem beginnen.

 Dieser Vorgang wiederholte sich so lange, bis eine Waagschale schließlich
 ganz leer war und auf der anderen nur noch ein Stückchen lag.

 Da wurde er böse und schimpfte mit dem Hund und der Katze: "Wegen solch
 einer lächerlichen Kleinigkeit zankt ihr euch und bemüht mich als
 Schiedsrichter? Ihr sollt euch schämen! Damit nun endgültig Frieden
 herrscht, esse ich das Kuchenstückchen selber auf." Er steckte auch noch den
 letzten Happen in seinen Mund und schwang sich aus dem Fenster. Der Hund
 und die Katze sahen ihm verdutzt nach.

 "Das hast du nun davon!" fauchte die Katze. "Warum bist du auch so geizig
 gewesen", knurrte der Hund und trottete zurück an seinen Sonnenplatz. "Man
 kann sich auf niemanden mehr verlassen", brummte er und schlief wieder ein.



 Der Affe als Schiedsrichter

 (Korea)

 Ein Hund und ein Fuchs erblickten gleichzeitig eine schöne große Wurst, die
 jemand verloren hatte, und nachdem sie eine Weile unentschieden darum
 gekämpft hatten, kamen sie überein, mit der Beute zum klugen Affen zu gehen.
 Dessen Schiedsspruch sollte gültig sein.

 Der Affe hörte die beiden Streitenden aufmerksam an. Dann fällte er mit
 gerunzelter Stim das Urteil:

 "Die Sachlage ist klar. Jedem von euch gehört genau die halbe Wurst!" Damit
 zerbrach der Affe die Wurst und legte die beiden Teile auf eine Waage. Das
 eine Stück war schwerer. Also biss er hier einen guten Happen ab. Nun wog er
 die Stücke von neuem. Da senkte sich die andere Schale; happ-schnapp, kürzte
 er auch diesen Teil. Wiederum prüfte er sie auf Gleichgewicht, und nun musste
 wieder die erste Hälfte ihr Opfer bringen. So mühte der Affe sich weiterhin,
 jedem sein Recht zu schaffen. Die Enden wurden immer kleiner und die Augen
 von Hund und Fuchs immer größer. Schließlich, rutsch-futsch! war der Rest
 hier und dort verschlungen.

 Mit eingeklemmten Ruten schlichen Hund und Fuchs in verbissener Wut davon.
 In gehöriger Entfernung fielen sie übereinander her und zerzausten sich.



 Warum die Affen den Tigern Steuer leisten müssen

 (Java)

 In früherer Zeit fraß der Tiger nur Mücken, Fliegen, Heuschrecken und
 ähnliches. Da war der Büffel mit ihm noch innig befreundet und hatte sich
 auf seinem Gebiete den Bauch dick gefressen. Dies erweckte die Eifersucht des
 Affen, so dass er dem Tiger den Rat erteilte, den Büffel zu verschlingen. Der
 Tiger gibt diesen Einflüsterungen Gehör, der Büffel aber setzt sich mit
 solch unbeugsamer Entschlossenheit zur Wehr, dass der Tiger vor ihm die
 Flucht ergreift. Der Büffel, in Furcht, früher oder später dem Zorn seines
 ehemaligen Freundes zum Opfer zu fallen, sucht Hilfe bei allerlei Tieren,
 findet aber keines, das es wagt, sich dem Tiger gegenüberzustellen,
 ausgenommen den Widder ohne Hörner; dieser verspricht, ihm helfen zu wollen.

 Schweigen wir jetzt vom Büffel und vom Widder, und erzählen wir von ihm, der
 so eilig sich geflüchtet hatte, dem Königstiger, der weggeschlichen war und
 sich versteckt hatte im Glagahrohr. Bald kam der Affe wieder zu ihm, und als
 er ihn angetroffen hatte, sprach er empört: "Dein Name ist Tiger und sieh!
 du fürchtest dich und ergreifst die Flucht wie ein Hase! Wenn ich so große
 Zähne hätte wie du, würde ich den Büffel von hinten anfallen, wenn er sich
 nicht gutwillig unterwerfen will: das eine oder das andere! Wenn ich so
 große Zähne hätte wie du und solche Krallen an den Vorder- und Hinterpfoten,
 warum sollte ich denn weglaufen?"

 Der Königstiger sagte: "Ich fürchte mich nicht vor dem Büffel; ich sann eben
 nach und wollte im Dickicht ruhen, um mich ein wenig zu erholen. Wenn er
 ruhig in gebogener Haltung dasteht, werde ich mich ihm sofort leise von
 hinten nähern."

 Der Affe antwortete: "Da hast du recht; wenn du aber den Büffel nur
 unvorbereitet finden kannst! Denn er ist davongelaufen, um sich Hilfe zu
 suchen; ich habe ein wachsames Auge gehalten auf alles, was er tat: er ist
 hingegangen zum Widder, um dessen Hilfe zu suchen. Dieser hat versprochen,
 es mit dir aufzunehmen, und noch viel anderes hat er auf sich genommen,
 genügend, um einen in Zorn zu bringen; auch sei er, renommiert er, dir wohl
 gewachsen. Wenn ich scharfe, große Zähne hätte wie du, so würde ich nicht
 lange zögern; ich würde ihm den Kopf zerschmettern, ich würde ihm, krach!
 das Genick umdrehen, sein Fleisch würde ich fressen, sein Blut würde ich
 schlürfen!"

 Als der Tiger dies vernahm, geriet er in Wut und sagte laut: "Scheut der
 Widder wirklich nicht davor zurück, es mit mir aufzunehmen?"

 Der Affe fuhr fort: "Ich werde doch nicht lügen! Der Büffel hat sich sogar
 schon hinter dem Widder niedergelegt, da liegt er höchst bequem und
 gemütlich und wiederkäut; er ruht im Schatten der Bäume mit seinem dicken
 Körper, der so fett ist wie pures Schweinschmalz."

 Rasch begab sich jetzt der Tiger nach der Stelle, wo der Widder war. Um auf
 alles Acht geben zu können, sprang und turnte der Affe von dem einen Zweig
 auf den andern; von oben konnte er alles gut beobachten und zugleich an
 allerlei Früchten sich satt fressen.

 Der Widder war fortwährend auf seiner Hut gewesen; jetzt näherte er sich der
 Bananenpflanzung, die er vorher angezündet hatte, so dass die Stämme schon
 verkohlt waren; der Büffel wich nicht von seiner Seite.

 Als die beiden bei den Bananenbäumen angekommen waren, kam der Königstiger.
 Da sie nur noch einen Steinwurf voneinander entfernt waren, blieb der Widder
 stehen und schrie: "Guck, hier kommt der Tiger! Sollte er wirklich meine
 Unverletzlichkeit, meine Vortrefflichkeit und Kraft im Gefecht auf die Probe
 stellen wollen? Wohlan, lasst uns dann kämpfen! Aber wenn du erst einmal eine
 Probe von mir gesehen hast zum Beweise, dass ich nicht zuviel gesagt habe, so
 erinnere dich an meine Worte! Zuerst werde ich dir jetzt eine Probe zeigen.
 Bleibe nur dort, und sieh zu, was ich kann. Wenn du das gesehen hast und
 noch darauf bestehst, wohlan, dann lass uns ringen, sooft du willst. Du aber
 darfst dann nicht dem Kampf entfliehen, obwohl ich schon voraus ahne, dass du
 es versuchen wirst."

 Sogleich machte sich der Widder auf und warf sich gegen die Bananenbäume,
 deren Stämme ganz und gar verkohlt waren. Und als er hin und her sprang,
 fielen die Stämme alle auf- und übereinander. Dabei schrie der Widder: "Nun,
 Tiger, schau mich einmal an!"

 Als der Tiger dies alles gesehen hatte, verlor er den Mut und machte sich
 eiligst davon. Er ging ins Dickicht und schlich sich in das Glagahrohr, laut
 brüllend vor Angst und hin und her laufend.

 Mittlerweile näherte sich der Widder einem Weiher, ohne einen Augenblick von
 der Seite des Büffels zu weichen. Schnell pflückte er einige junge
 Djatiblätter und fing an, dieselben zu kauen; infolgedessen lief der rote
 Saft ihm längs des Mundes herab, so dass es aussah, als ob sein Mund mit Blut
 befleckt wäre.

 Darauf stieg der Affe vom Baume herunter und begab sich zu dem erschreckten
 Tiger, der sich im Niederholz versteckt hatte. Er sagte: "O Tiger, warum
 bist du so feige geflüchtet und hast dich versteckt? Warum hast du den
 Widder nicht angegriffen? Pfui! Wie du jetzt ängstlich hin und her läufst!"

 Der Tiger antwortete leise: "Ich bin geflohen, weil der Widder so gewaltige
 übernatürliche Kräfte besitzt. Bäume, die er nur eben berührte, fielen um,
 drei oder vier oder gar fünf zugleich. Seine Kraft ist außergewöhnlich, und
 ich glaube, dass er unverwundbar ist. Wenn er nur seine Haut rieb an den
 Bäumen, fielen sie gleich in Massen um. Dies wunderte mich sehr, und ich
 fürchtete mich, als ich sah, welche übernatürliche Kraft der Widder besitzt;
 ich sah es aus der Ferne, wie die Bäume fielen, wenn er an dieselben nur
 anstieß oder denselben Fußtritte gab; ohne dass es ihm Mühe machte, fielen
 sie verwirrt durcheinander. Welche Bäume es waren, weiß ich nicht, weil ich
 es nicht wagte, näher zu treten."

 Der Affe schrie: "Dir gebührt der Name Schafskopf, o Tiger! Da du nicht
 Acht gegeben hast, hat er dich zum besten haben können. Den Bananenwald hatte
 er schon früher angezündet, und jetzt sind die Bäume tot, die Blätter sind
 verschwunden, die Stämme verkohlt. Beim bloßen Blasen wären sie schon
 umgefallen; ich selbst, und wären es tausend oder zweitausend gewesen, hätte
 ohne Anstrengung dieselben umstürzen können, und dich hätte ich fürwahr
 nicht dabei zu Hilfe gerufen!"

 Als der Tiger dies gehört hatte, war er ganz bestürzt; schließlich sprach er
 freundlich: "Wenn es ist, wie du sagst, so werde ich gleich noch einmal
 hingehen; ich habe jetzt wieder neue Kräfte gesammelt und Atem geschöpft."

 Der Affe fügte hinzu: "Überlege aber nicht zu lange, sondern greife ihn
 sofort an. Der Widder ist nicht gefährlich, er hat keine Hörner und keine
 Zähne, wovor solltest du dich denn fürchten? Überfalle ihn, dreh' ihm das
 Genick um, friss sein Fleisch, und kratze ihm die Augen aus dem Kopf!"

 Jetzt brach der Tiger schnell auf, um den Widder aufzusuchen. Der Affe
 zeigte ihm den Weg und behielt von den Bäumen aus alles im Auge, was unten
 vorging. Bald kam der Tiger zu dem Widder. Dieser sprach empört: "Ei, da
 kommt der Königstiger schon wieder! Es scheint, als ob er den Tod suche.
 Weißt du nicht, dass ich Tiger fresse? Sieh nur, was dort im Wasser liegt!
 Blick nur in diesen Weiher hinab und öffne die Augen recht weit! Eben habe
 ich einen Tiger aufgeknuspert; seinen Kopf habe ich ins Wasser geworfen.
 Sieh nur selbst, wenn du mir nicht glaubst."

 Und sieh, der Tiger tat, wie ihm befohlen war; ängstlich und voller Furcht
 schlich er vorsichtig und langsam näher. An den Rand des Weihers gekommen,
 guckte er hinab und sah dort seinen eigenen Kopf, der sich im Wasser
 spiegelte.

 Ungestüm und ohne Scheu kam jetzt der Widder herbeigeeilt, immer
 Djatiblätter kauend, den Mund blutrot, während der nieder fließende Saft rote
 Spuren auf dem Weg zurückließ; kühn und ohne Furcht kam er näher. Als der
 Tiger ihn herankommen sah, war er der Meinung, der Widder wolle ihn
 vertilgen. Er sprang seitwärts und ergriff eilig die Flucht; ängstlich
 brüllend und ganz erschreckt versteckte er sich aufs neue im Glagahrohr, in
 der Furcht, dass er verfolgt werde. Er meinte, er sei in einen Hinterhalt
 gelockt worden, und der Affe habe ihn in den Tod schicken wollen. Höchst
 bestürzt ging er davon, um in einer unzugänglichen Schlucht Zuflucht zu
 suchen.

 Schnell stieg der Affe von seinem Baum herunter, um den Tiger aufzusuchen.
 Als er ihm begegnet war, sprach der Tiger: "Du hast mich ins Unglück stürzen
 wollen; man kann dir nicht trauen; von allem, was du sagst, ist nichts wahr.
 Warum hast du mich in einen Hinterhalt gelockt? Der Widder frisst wirklich
 Tiger, ich habe mich davon selbst überzeugt. Wirklich war ein Tigerkopf im
 Weiher, der Überrest eines Tigers, den er verschlungen. Wenn ich mich nicht
 schnell geflüchtet hätte, so hätte er auch mich verzehrt. Höchst bösartig
 hast du dich betragen und deinen Freund von dir entfernt; du bewirkst, dass du
 vergessen wirst von denen, die deiner bisher gedachten. Du bist der Auswurf
 der Welt, ein Erzbösewicht!"

 Da sagte der Affe leise, indem er in gebückter Haltung sehr demütig sich vor
 ihn stellte: "O Tiger, ich will dir jetzt etwas sagen; glaube mir nur,
 wiederum bist du von ihm betrogen worden. Der Widder ist voll trügerischer
 Streiche und hat dich schlau überlistet. Es waren Djatiblätter, die er lange
 gekaut hat, und davon wurde natürlich sein Maul so rot wie von Blut. Und was
 du im Wasser des Weihers sahst, das war nur das Spiegelbild deines eigenen
 Kopfes. Dasjenige, was im Wasser zu sehen war, das war wohl ein Tigerkopf,
 gewiss; denn das Bild war ja das deines eigenen Kopfes! Sieh, hier habe ich
 einige junge Djatiblätter mitgebracht!"

 Da fing der Affe an, die Djatiblätter zu kauen, so dass der Saft ihm den Mund
 entlang rann, und er rief: "Schau, Tiger, jetzt ist mein Mund auch wie von
 Blut gerötet; glaubst du mir es jetzt noch nicht, dass der Widder eben
 dasselbe getan hat?"

 Als der Tiger dies sah, war er ganz erstaunt und wurde sehr ärgerlich.
 Dennoch hatte er Bedenken, seine Angst war nicht ganz gewichen, und noch
 wollte er den Worten des Affen nicht trauen; er war im Zweifel, ob er
 wirklich das Opfer einer List geworden sei, ohne dass er etwas davon gemerkt
 habe. Der Widder war auch so überaus ruhig gewesen, ohne jede Furcht und
 Scheu.

 Der Affe sagte wieder: "Nun, Tiger, traust du jetzt meinen Worten?"

 Langsam antwortete der Tiger: "Noch nicht völlig!"

 Da sprach der Affe in überredendem Ton: "Wenn du noch zweifelst, so lass mich
 dich begleiten; binde meinen Schwanz an den deinigen, so dass ich auf deinem
 Rücken reiten kann; dann wollen wir uns sofort auf den Weg machen."

 Dieser Vorschlag war dem Tiger recht; er band den Schwanz des Affen mit
 Stängeln fest an den seinigen; und so begaben sie sich auf den Weg und kamen
 bald zu dem Widder. In einer Entfernung von anderthalb Steinwürfen, nicht
 näher, nicht weiter, rief dieser: "Sieh, da kommt der Affe, mir seine Steuer
 von Tigern zu bringen. Aber was ist denn das? jeden Tag bringt er mir zwei
 und jetzt nur einen!"

 Kaum hörte der Tiger diese Worte des Widders, so sprang er seitwärts und
 brauste davon, und wie der Wind machte er sich aus dem Staube, ohne hinter
 sich zu blicken, so sehr hatte der Schrecken sein Herz erfasst. Durch den
 schnellen Lauf wurde der Affe von seinem Rücken geschleudert und fiel herab;
 er wurde fortgeschleppt und hin und her geworfen, wie ein Lappen bei der
 Wäsche mit dem Kopfe gegen die Steine geschleudert. Noch war sein Körper
 nicht los von dem des Tigers, doch war er ganz zerschmettert und zerrissen.
 Endlich wurde auch der Körper losgerissen, und nur sein Schwanz blieb übrig,
 der festgebunden war und nicht los konnte.

 Mittlerweile schnellte der Tiger fort, durch das Glagahrohr sich windend,
 stieg in Schluchten hinab und sprang wieder auf hohe Felsen, voll Angst und
 Furcht. Er war wütend auf den Affen, dieser aber war mausetot.

 Fortan aber zerschmetterte der Tiger, wenn er sich eines Affen bemächtigen
 konnte, diesem das Genick und fraß ihn bis auf die Knochen. Tag und Nacht,
 vom frühen Morgen bis zum Abend, verzehrte er seine Beute. So wurde er auf
 Affenfleisch erpicht, fing aber allmählich an, auch andere Tiere des Waldes
 zu verschlingen.

 Und dies eine wurde Naturgesetz: dasjenige, was vorzugsweise dem Tiger zur
 Nahrung dienen sollte, waren die Affen, auf die er jetzt erpicht geworden
 war. Aber außer denjenigen, welche von Zeit zu Zeit von den Tigern selbst
 gefangen wurden, mussten die Affen jedes Jahr noch einige von ihnen den
 Tigern als Steuer zum Fraße ausliefern. Immerfort sollte dies so seinen
 Fortgang haben, ohne Ende, bis zum Tage der Auferstehung.

 Noch immer leisten die Affen diese Steuer, und diese fließt den Tigern zu,
 Falls sie es nicht täten, würden die Affen sich nirgends zeigen, nirgends
 hingehen können, um ihre Nahrung zu suchen. Darum also sagen einige
 zuverlässige Erzählungen: Wenn ein Trupp Affen hoch in einem Waringinbaume
 sitzt, so liegt unten ein Tiger, der Wache hält und ihre Bewegungen in den
 Bäumen, die ihnen als Wege dienen, fest im Auge behält. Wie lange es auch
 dauern möge, der Tiger verweilt unter dem Baum, er geht nicht weg, bevor ihm
 ein oder zwei oder drei der Affen ausgeliefert wurden, so viele von ihrem
 Hauptmann angewiesen sind. Sobald einer der Affen dazu bestimmt ist, dass er
 als Steuer diene, gehen die übrigen folgenderweise zu Werke: Derjenige,
 welcher zum Opfer ausersehen ist, wird von seinen Gefährten gedrängt und
 überall verfolgt. Alle haben es auf ihn abgesehen; sie zerren, drängen und
 stoßen ihn von recht und links, bis er auf die Erde fällt. Da fängt ihn der
 Tiger auf und zuckend und zappelnd wird er aufgezehrt. So geht es fort, bis
 von den Affen zehn oder zwanzig von ihm verschlungen sind, je nach der
 Bestimmung. Wenn die Zahl voll ist, geht der Tiger von dem Waringinbaum
 fort. Darauf steigen die Affen hinab, um ihre Nahrung zu suchen. Nur ihr
 König und ein großer Affe, den er zum Wesir bestellt hat, bleiben mit ihren
 Weibchen oben in der Krone des Waringin und warten. Der Nahrung wegen haben
 sie sich durchaus keine Sorge zu machen; ein bestimmter Teil davon wird
 ihnen zugewiesen, denn die anderen Affen bieten ihnen das Beste und
 Schmackhafteste der Speisen dar. Also ist das Betragen der Affen, keinen Tag
 weichen sie davon ab. Und wenn nur ihre Gemütsart eine bessere wäre, wenn
 sie nicht so bösartig wären, so würden sie, wie gering auch ihre Besitztümer
 sind, dennoch freudvoll und glücklich in der Mitte ihrer Mitgeschöpfe leben
 können; denn in der Tat haben sie unter allen den größten Verstand. Wenn sie
 doch nur zu unterscheiden wüssten zwischen erhabenen und niedrigen Taten,
 wenn sie nur begreifen wollten, dass das Gute seinen Lohn findet sowohl im
 eigenen Gemüte wie vor dem Auge der Welt und übergeht auf Kinder und Enkel!
 In diesem Falle würden sie nicht während ihres ganzen Lebens ein
 kümmerliches Dasein fristen und jedes Jahr in Unzahl den Tigern zur Beute
 fallen!



 Büffel- oder Ziegenbraten

 (Indonesien)

 Ein Indonesier erhielt für den gleichen Tag zwei Einladungen: Ein Freund an
 der Flussmündung veranstaltete ein Ziegenschlachtfest, ein anderer am
 Oberlauf des Wassers versprach Büffelbraten und leckeren Klebereis. "Wohin
 gehe ich nun?" sprach der Geladene zu sich selbst und schnalzte mit der
 Zunge, denn Ziegenfleisch war sein Lieblingsessen. Auf Büffelbraten mit
 Klebereis wollte er aber auch nicht verzichten. Nachdem er lange hin und her
 überlegt hatte, schritt er endlich flussaufwärts. Nach einer Stunde aber
 hielt er inne und sagte zu sich: "Ein Büffel ist ein gewaltiges Tier, das
 nicht so rasch verzehrt werden kann. Da komme ich später immer noch zurecht.
 Ich nehme zunächst den süßen Ziegenbraten als Vorgericht."

 Also wendete er und lief der Mündung zu. Als er nach einem langen Marsch
 eben das Dorf des Freundes erreicht hatte, begegnete ihm eine lustige

 Gruppe von Menschen, und er fragte, woher sie kämen. "Vom herrlichen
 Ziegenschlachtfest - es ist eben vorüber -, wir sind satt und fröhlich!"

 Da bekam der Mann einen großen Schrecken, machte kehrt und eilte
 spornstreichs zum Dorf am Oberlauf. "Da werde ich mich am Büffelfleisch mit
 Klebereis doppelt schadlos halten. Und die Anstrengung gibt guten Hunger!"
 Endlich langte er schweißbedeckt am Ziele an. Rings um die Hütte des
 Freundes duftete es wundervoll nach Büffelbraten und Klebereis; doch drinnen
 war es merkwürdig still. Da trat auch schon der Gastgeber heraus, freudig
 rot im Gesicht, und rief verwundert: "Warum kommst du so spät? Die Geladenen
 sind eben fort gegangen, und alles ist aufgegessen worden."



 Falke und Huhn

 (aus dem indischen Pantschatantra)

 Ein Falke sprach zum Huhn: "Warum bist du eigentlich gegen den Menschen so
 undankbar?"

 "Wie meinst du das?" wollte das Huhn wissen.

 "Nun, ich sehe, wie die Menschen dich mit außergewöhnlicher Sorgfalt
 betreuen. Sie geben dir regelmäßig dein Futter, sie bereiten dir einen
 warmen Stall, sie sichern des Nachts dein Ruhe gegen Feinde und Störungen.
 - Du aber, wenn jemand dich einmal greifen will, wehrst dich mit großem
 Gegacker und suchst zu entfliehen. Warum das nur? Wenn mir ein Mensch
 schmeichelt, lasse ich mich fangen, werde zahm und fresse ihm aus der Hand.
 Du aber bist undankbar!"

 "Dazu möchte ich etwas bemerken", gackerte das Huhn, "höre: Du hast gewiss
 noch niemals einen Falken am Bratspieß gesehen, ich dagegen meinesgleichen
 schon in Menge!"



 Warum die Fledermäuse am Tag schlafen

 (Pakistan)

 Vor langer Zeit brach zwischen den Vögeln und den Säugetieren ein heftiger
 Krieg aus. Während alle Tiere erbittert gegeneinander kämpften, zog sich die
 Fledermaus in einen hohlen Baum zurück und dachte: "Ich will erst einmal
 abwarten, welche Seite gewinnt; denn niemand von den Tieren kennt mich genau
 und weiß, wer ich bin. Die einen behaupten, ich sei ein Landtier, und die
 anderen sagen, ich sei ein Vogel. Das beste ist, ich warte das Ende des
 Streites ab und schlage mich dann auf die Seite der Sieger."

 Aufmerksam verfolgte sie den erbitterten Kampf zwischen beiden Heeren. Auf
 einmal schien es ihr, als würden die Vögel siegen. Flink flatterte sie aus
 ihrem sicheren Versteck und wollte sich schon unter die gefiederten Krieger
 mischen, als sie sich plötzlich besann: "Vorsicht! Nur nichts überstürzen",
 sagte sie zu sich und schwirrte zum Baum zurück. "Ich will mich ihnen erst
 anschließen, wenn der Kampf endgültig entschieden ist."

 Das Kriegsglück schlug um, und die Säugetiere drängten die Soldaten der Luft
 mächtig zurück. "Ha! Wie gut, dass ich gewartet habe!" freute die Fledermaus
 sich und hüpfte zu den Landtieren. "Schaut mich an!" rief sie. "Ich gehöre
 zu euch. Mein Gebiss ist das eines Raubtieres, mein Gesicht ähnelt dem Affen,
 und außerdem säuge ich meine jungen mit Milch. Ich will euch helfen. Lasst
 mich auf eurer Seite helfen!" Und sie schwor den Säugetieren unbedingte
 Treue. Der Affe legte bei seinen Kameraden ein gutes Wort für die Fledermaus
 ein, und sie wurde mit Ehren aufgenommen.

 Die mutigen Vögel wehrten sich unter der geschickten Führung des Adlers
 verbissen gegen ihre Feinde, schließlich wechselte das Glück auf ihre Seite,
 und sie gewannen die Schlacht.

 Da befiel die Fledermaus eine panische Angst. In ihrer Furcht spürte sie
 schon den tödlichen Dolch des Adlers. Eilig floh sie in die Berge, verbarg
 sich in einer finsteren Höhle und wagte nicht einmal mit den Augen zu
 blinzeln, ob ihr jemand gefolgt war.

 Seit dieser Zeit versteckt sich die Fledermaus tagsüber in Ritzen, Löchern
 und Höhlen und wagt sich nur des Nachts heraus, wenn die meisten Vögel
 schlafen.



 Der Hahn und der Falke

 (Syrien)

 Ein Hahn versuchte laut krähend über den Zaun des Hofes aufs freie Feld zu
 flattern. Das beobachtete ein Falke, der auf einem Pfahl saß.

 "Du undankbares Vieh!" schalt dieser. "Warum magst du die Menschen nicht,
 die alles für dich tun, um dir dein Leben angenehm und leicht zu machen?
 Sie ernähren dich reichlich mit den besten Körnern; sie wählen für dich die
 hübscheste und gesündeste Henne zur Gemahlin aus; und sie sorgen für dich
 und deine große Familie und pflegen euch, wenn ihr krank seid.

 Anstatt dich darüber zu freuen und dich dankbar zu erweisen, versuchst du
 immer wieder zu entkommen, bist unzufrieden und böse, springst auf den Zaun,
 schreist und zeterst und willst nicht in das Haus zurück, in dem du mit viel
 Liebe aufgezogen wurdest. Ich hingegen benehme mich ganz anders."

 "Dummkopf!" prustete der Hahn aufgebracht und wollte noch etwas hinzufügen.
 Aber der stolze Falke sprach weiter.

 "Ja, ich benehme mich viel besser! Obgleich es mir in den ersten Tagen bei
 den Menschen gar nicht gut ging! Als sie mich aus dem Nest holten, haben sie
 mir die Augen verdeckt, mich nicht schlafen lassen und mit Hunger gepeinigt,
 bis ich mich an sie gewöhnt hatte und verstand, was sie von mir wollten und
 dass sie es nur gut mit mir meinten. Da durfte ich wieder frei fliegen. Sie
 sorgten rührend für mich und nahmen mich mit auf die Jagd. Wenn ich wollte,
 so könnte ich leicht fliehen und brauchte nie mehr zu den Menschen
 zurückzukehren. Aber ich bin nicht so undankbar wie du."

 "Du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst", schalt der Hahn. "Hättest
 du nur einen einzigen gebratenen Falken auf dem Tisch deines Herrn erblickt,
 du würdest niemals zu ihm zurückkommen, wenn du einmal davongeflogen
 wärest."



 Hasenlist

 (Hitopadesha)

 In einem Wald hauste ein fürchterlicher Löwe, der unaufhörlich die anderen
 Tiere verfolgte und mordete. Da schlossen sie sich zusammen und beschlossen,
 den Löwen als König anzuerkennen und ihm täglich ein Tier zu opfern, wenn er
 mit dem Ausrotten aller Bewohner aufhören würde.

 Eines Tages fiel die Wahl auf einen alten Hasen, er sollte dem Löwen als
 Nahrung dienen. Aber der Hase war ein gewieftes Bürschchen und mit allen
 Wassern gewaschen. "Der König will mich umbringen", dachte er, "also muss ich
 ihm nicht länger gehorchen. Ich lasse mich nicht wie ein einfältiges Lamm
 geduldig abschlachten."

 Der Hase zockelte gemächlich zum König und näherte sich ihm im
 Schneckentempo. Der hungrige Löwe wurde zornig und brüllte: "Du ungehobelter
 Flegel, du wagst es, deinen König warten zu lassen?"

 "Verzeiht, mein edler König", stotterte der gerissene alte Hase mit
 ersterbender Stimme, "die Angst sitzt mir noch in den Knochen und hat mich
 völlig gelähmt. Stellt Euch vor, welchen Schrecken ich erlitten habe, als
 ich auf dem Weg zu Euch einen anderen Löwen traf. Zunächst freute ich mich,
 denn ich glaubte, Ihr wäret es. Aber welch Entsetzen packte mich, als ich
 erkennen musste, dass es ein fremder Löwe war. Mein König, er sah Euch so
 ähnlich, als wäre es Euer Bruder. Nur schien er mir, Ihr verzeiht meine
 Aufrichtigkeit, ein wenig stärker zu sein als Ihr.

 Er ergriff mich grob bei meinen Ohren und wollte mich verschlingen! Denkt
 Euch nur, ausgerechnet mich, den alle Tiere für unseren heiß geliebten König
 auserwählt hatten.

 Geistesgegenwärtig verteidigte ich Euer Vorrecht auf mich und erzählte ihm,
 dass mich die Pflicht zu Euch ruft. Darauf ließ er mich unsanft fallen und
 hieß mich schwören, sobald ich Euch benachrichtigt hätte, postwendend zu ihm
 zurückzukommen."

 Dem König hatten sich bei den Worten des Hasen vor Grimm die Haare
 aufgestellt. Er raste: "Wo ist dieser verwegene Lümmel, der die Frechheit
 besitzt, in mein Reich einzudringen und meinen Untertanen zu befehlen?
 Langohr, auf der Stelle führst du mich zu ihm!"

 Der durchtriebene Hase sträubte sich mächtig. Aber der Löwe fuhr ihn an:
 "Wirst du wohl folgen! Du hast keinen Grund, dich zu fürchten."

 Der findige Hase führte den Löwen einen weiten Weg und dachte dabei: "Die
 Zeit wird für mich arbeiten; je weiter der Weg, um so größer der Hunger des
 Königs; je größer der Hunger, desto stärker sein Zorn; je stärker sein Zorn,
 um so sicherer gelingt mir mein Streich."

 Endlich lockte der Schlaukopf den Löwen zu einem Brunnen, blieb davor stehen
 und flüsterte ihm mit zittriger Stimme zu: "Dort unten haust der Fremde."

 Der König blickte wutschnaubend in die Tiefe. Als er dort unten einen Uwen
 sah, stürzte er sich kampfwütig hinunter und ertrank.

 Er hatte sein eigenes Spiegelbild für einen Rivalen gehalten.



 Der hochmütige Geier

 (Burma)

 In grauer Vorzeit war der Geier ein friedfertiger, freundlicher Vogel, der
 sich mit den anderen Tieren gut verstand. An einem heißen Sommertag überflog
 er in großen Kreisen die weite, offene Landschaft und beobachtete mit seinen
 scharfen Augen eine Büffelherde.

 Er hatte ein krankes Tier entdeckt, und als dieses in der Hitze
 zusammenbrach, flog er herab, setzte sich ruhig in die Nähe des sterbenden
 Tieres und wartete geduldig, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
 Erst als er ganz sicher war, dass das Tier nicht mehr lebte, stillte er
 seinen Hunger.

 Danach flog der Geier zum Fluss, um sich gründlich zu reinigen, denn er ist
 ein sehr sauberes Tier. Und nach dem erfrischenden Bad stolzierte er am
 Flussufer entlang und unterhielt sich angeregt mit einer Ente. Dabei fiel
 zufällig sein Blick ins klare Wasser.

 Entsetzt flog der Geier in die Luft, kehrte aber sofort wieder zum Fluss
 zurück. Er musste wissen, ob das wirklich sein Spiegelbild gewesen war, was
 ihm eben so grässlich aus den Wellen entgegengelacht hatte.

 "Oh, wie hässlich bin ich!" stöhnte er auf "Mein Gefieder ist zwar dicht und
 schön, aber dieser Kopf und dieser Hals! Ich bin eine Schande für alle
 Vögel. Nur eine einzige große Feder ziert mein Haupt und spärliche kleine
 Federchen bedecken meinen Hals."

 Der Geier schämte sich sehr und flog zu einer fernen Felshöhle, um sich dort
 vor den Augen der anderen Tiere zu verbergen. Er jammerte und haderte mit
 seinem Schicksal. "Warum muss gerade ich so hässlich sein?" klagte er. "Selbst
 die Enten und die Gänse haben einen hübschen Kopf. Warum bin ausgerechnet
 ich nicht schön!" Bekümmert aß er keinen Bissen mehr und ließ sich auch von
 niemanden trösten. Er wäre in seiner Höhle elend verhungert, wenn die
 anderen Vögel nicht Mitleid mit ihm gehabt hätten.

 Der königliche Adler ließ alle Vögel zu sich rufen und sprach: "Wir müssen
 unserem Freund helfen. jeder von uns reiße sich eine schöne Feder aus und
 bringe sie ihm! Dann kann der Geier seinen Kopf und seinen Hals bedecken und
 muss sich nicht länger vor uns schämen."

 Alle Vögel waren mit dem Vorschlag einverstanden und flogen mit einer Feder
 zu ihrem unglücklichen Freund. Bald war dieser mit den glänzensten Federn
 überhäuft. Und nicht nur der Kopf und der Hals erstrahlten unter dem neuen
 Kleid, nein, er hatte auch noch genug Federn, um seinen ganzen Körper zu
 schmücken. Überglücklich trat der Geier wieder in das Sonnenlicht und ließ
 sich von seinen Freunden unter lautem Jubel zum Fluss führen. Jetzt konnte er
 sich an seinem Spiegelbild nicht satt genug sehen. Immer wieder drehte er
 und wendete er sich und starrte voller Stolz ins Wasser. Er hatte das
 prachtvollste Gefieder von allen Vögeln.

 Von nun an flog der Geier sehr häufig zum Fluss, um sich darin zu betrachten.
 Von Tag zu Tag wurde er hochmütiger und blickte auf die anderen Vögel herab.
 Spottend verfolgte er die kleine Nachtigall: "Wie abscheulich siehst du aus.
 An deiner Stelle würde ich mich nicht einmal des Nachts zeigen, sondern
 unter der Erde verbergen und die schöne Natur nicht mit meiner Hässlichkeit
 beleidigen. Sieh nur meine Farbenpracht!"

 Von morgens bis abends flog er laut geifernd umher und wollte von allen
 bewundert werden. Unaufhörlich gab er mit seiner Schönheit an. "Kein Wunder,
 dass du nicht fliegen kannst! Mit deinem dürftigen Federkleid kommst du nicht
 eine Buschhöhe über das Wasser hinaus!" zischte der Geier abfällig der Ente
 auf dem Fluss zu. "Schau mich an, wie reich ich bin!" Der Geier plusterte
 sich auf, schwang angeberisch seine Flügel und schwebte eingebildet davon.

 Eines Morgens verkündete er allen Vögel: "Ich bin der stattlichste Vogel
 unter euch. Darum werde ich ab heute euer König sein. jeder muss mich
 verehren und mir gehorchen."

 Jetzt riss den Vögeln die Geduld. Laut zeternd eilten sie zum Adler und
 beschwerten sich über den aufgeblasenen, unverschämten Geier. Da wurde der
 Adler zornig: "Dieser undankbare Wicht verdient nicht unser Mitleid. Stürzt
 euch alle auf ihn und nehmt ihm eure Federn wieder ab!"

 Die Vögel ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie fielen über ihn her,
 zupften und rissen an seinem Gefieder, dass auch manche Feder zu Boden
 flatterte und vernichtet wurde, die dem Geier selbst gehört hatte.

 Gerupft und hässlicher als zuvor stand der Geier da. Die große Feder von
 seinem Kopf und auch die wenigen kleinen Federn von seinem Hals waren der
 Abrechnung zum Opfer gefallen.

 Seit dieser Zeit sind Kopf und Hals des Geiers ohne Federn, und er ist ein
 zanksüchtiger Vogel geworden, der niemanden in seiner Nähe duldet.



 Die Geschichte vom Honigtropfen

 (Arabien)

 Ein Jägersmann pflegte in der Steppe die wilden Tiere zu jagen, und da kam
 er eines Tages zu einer Höhle im Gebirge und fand in ihr ein Loch voll
 Bienenhonig. Er schöpfte etwas von jenem Honig in einen Schlauch, den er bei
 sich trug, legte ihn über die Schulter und trug ihn in die Stadt; ihm folgte
 sein Jagdhund, ein Tier, das ihm lieb und wert war. Beim Laden eines
 Ölhändlers blieb der Jäger stehen und bot ihm den Honig zum Kaufe an; da
 kaufte ihn der Mann im Laden. Dann öffnete er den Schlauch und ließ den
 Honig auslaufen, um ihn zu besehen. Dabei fiel ein Honigtropfen aus dem
 Schlauche auf die Erde. Nun sammelten sich die Fliegen um ihn, und auf die
 schoss ein Vogel herab.

 Der Ölhändler aber hatte eine Katze, und die sprang auf den Vogel los; als
 der Jagdhund die Katze sah, stürzte er sich auf sie und biss sie tot. Da
 sprang der Ölhändler auf den Jagdhund los und schlug ihn tot; und zuletzt
 erhob sich der Jäger wider den Ölhändler und erschlug ihn. Nun gehörte der
 Ölhändler in das eine Dorf, der Jäger aber in ein anderes. Und als die
 Bewohner der beiden Dörfer die Kunde vernahmen, griffen sie zu Wehr und
 Waffen und erhoben sich im Zorne wider einander. Die beiden Schlachtreihen
 prallten zusammen, und das Schwert wütete lange unter ihnen, bis dass viel
 Volks gefallen war, so viele, dass nur Allah der Erhabene ihre Zahl kennt.



 Der Hutmacher und die Affen

 (Indien)

 Ein Hutmacher hatte viele Wochen fleißig gearbeitet und Kappen aus roter
 Wolle hergestellt, die aussahen wie ein abgeschnittener Kegel. Oben auf dem
 flachen Deckel hatte er blaue oder schwarze oder goldene Troddeln befestigt,
 die lustig herunterbaumelten.

 Der Hutmacher wählte sich selbst den schönsten Fes aus - so nennt man im
 Orient diese Kappen - und setzte ihn auf den Kopf, dann packte er die
 anderen in eine große Tasche und machte sich auf den Weg in die nächste
 Stadt. Dort wollte er seine Fes verkaufen.

 Die Sonne schien heiß, und als der Händler schon ein gutes Stück gelaufen
 war, gönnte er sich eine kleine Pause. Er setzte sich unter einen hohen
 Bananenbaum und streckte seine Beine faul von sich. Ein leichter Wind wehte
 und machte die Mittagshitze erträglich. Bald fiel der Reisende in einen
 angenehmen Schlaf.

 Oben im Baum hockten viele Affen. Diese glotzten den Hutmacher neugierig an.
 Da entdeckte einer der Affen die dicke Tasche, die nur halb verschlossen war
 und aus der einige Troddeln heraushingen.

 Vorsichtig kletterte der Affe den Baum hinunter, öffnete umständlich die
 Tasche und zog behutsam eine rote Kappe hervor. Er untersuchte sie von allen
 Seiten, blickte dann zu dem Händler hinüber, als wollte er ihn fragen, wozu
 dieses Ding gut sei. Schließlich setzte er sich den Fes auf den Kopf, wie er
 es bei dem Schlafenden sah.

 Die anderen Affen, die ihn beobachteten, mussten natürlich auch eine Kappe
 haben. In wenigen Augenblicken war die Tasche leer, jeder Affe hatte einen
 Fes auf dem Kopf und sprang vergnügt von Ast zu Ast.

 Von dem Lärm wurde der Hutmacher wach. Er stand auf, um seine Reise
 fortzusetzen. Als er nach der Tasche griff, sah er mit Entsetzen, dass diese
 leer war. "Was soll das?" fragte er laut. "Wo zum Kuckuck sind meine Fes?"
 Er blickte in alle Richtungen. "Wer kann mir in dieser einsamen Gegend meine
 Hüte gestohlen haben?"

 Jetzt erst nahm er das Geschrei über sich wahr. Er schaute hinauf und musste
 mit ansehen, wie eine Schar Affen mit seiner Hände Werk im Baum umhertollte.
 Die einen rissen den anderen ihre Beute vom Kopf, und alle jagten
 ausgelassen hintereinander her.

 "Diebische Bande!" schrie der Händler und fuchtelte wild mit den Armen in
 der Luft. "Gebt mir sofort meine Fes zurück!"

 Den Affen schien der tobende Mann Spaß zu machen. Sie kreischten und
 schnitten drollige Grimassen.

 Das erheiterte den Mann gar nicht, sondern er wurde noch grimmiger.

 "Boshaftes Pack! Wollt ihr euch über mich lustig machen? Lasst diese albernen
 Possen und werft mir meine Hüte herunter, oder ich... ich..." In seiner
 grenzenlosen Wut fiel ihm nichts ein, und er schleuderte seine Tasche in den
 Baum.

 Ein Affe hielt das für ein Spiel, angelte mit seinen langen Armen nach der
 Tasche und warf sie mit gleicher Wucht zurück, dem verzweifelten Hutmacher
 an den Kopf.

 Was der Händler auch versuchte, ob er schimpfte, drohte oder bettelte, er
 bekam nicht einen einzigen Fes zurück. Zuletzt war er am Ende seiner Kraft.
 Ohnmächtig vor Zorn griff er nach seinem Fes auf dem Kopf. "Wenn alle meine
 Hüte fort sind", rief er, "so brauche ich den auch nicht mehr!" Und er
 schmiss hitzig seinen Fes auf die Erde.

 Da fassten auch die Affen nach ihren Hüten und machten es dem Händler nach.
 Im Nu kollerten alle Fes auf den Boden. Flink sammelte der Händler sie ein,
 verstaute sie gut in der Tasche und verschloss diese fest.



 Das Kamel und die Ratte
 (Indien)

 Ein Kamel, das seinem Herrn entlaufen war, wanderte auf einsamen Pfaden und
 schleppte die Nasenleine auf der Erde nach. Wie es nun langsam dahinging,
 hob eine Ratte das Ende der Leine auf, nahm es ins Maul und lief dem
 riesigen Tiere voraus, indem sie unaufhörlich dabei dachte: "Was muss ich
 doch für Kraft besitzen, dass ich ein Kamel führen kann!" Nach kurzer Zeit
 kamen sie an das Ufer eines Flusses, der den Weg kreuzte, und hier machte
 die Ratte Halt.

 Das Kamel sprach: "Bitte, geh doch weiter!"

 "Nein", sagte seine Begleiterin, "das Wasser ist zu tief für mich."

 "Nun wohl", erwiderte das Kamel, "lass mich die Tiefe an deiner Stelle
 versuchen."

 Als das Kamel in der Mitte des Stromes angekommen war, blieb es stehen,
 drehte sich um und rief. "Siehst du, ich hatte recht, das Wasser ist nur
 knietief, also komm nur hinein!"

 "Ja", sagte die Ratte, "aber es ist doch ein kleiner Unterschied zwischen
 deinen Knien und den meinigen, wie du siehst. Bitte, trage mich hinüber!"

 "Gestehe deinen Fehler", erwiderte das Kamel, "sieh ein, dass du hochmütig
 gewesen bist, und versprich, in Zukunft bescheiden zu sein, dann will ich
 dich sicher hinüberbringen."



 Der Kantjil, das Wildschwein, der Tiger, der Elefant und der Riese

 (Java)

 Einmal ging der Kantjil ohne Gefährten in den Wald hinein, dem Süden zu. Er
 begegnete dem Wildschwein, das ihn freundlich anredete: "Ei, wohin gehst du,
 Kantjil, und so eilig, wie ich sehe?"

 Der Kantjil erwiderte: "Ich gehe hin, um Wasser auszuschöpfen und Fische zu
 fangen, dort in jener Schlucht im Süden."

 Da sprach das Schwein wieder voll Freundlichkeit: "Ich möchte gerne
 mitgehen, um Fische zu fangen."

 Der Kantjil aber erwiderte grimmig: "Du hast eine Schnauze wie ein
 Brecheisen, deine Lippen sind ungeheuer dick und gekräuselt, und auch deine
 Augen sind nichts weniger als schön; geh nicht mit, denn du würdest mir die
 Fische scheu machen."

 Das Wildschwein antwortete ihm: "Bist du denn so schön, du kleiner
 bösartiger Knirps? Nimmer willst du nachgeben und immer den Meister spielen!
 Du bittest immer, gibst aber selbst niemals! Wenn du noch einmal so
 unverschämt sprichst, will ich dich mit meinen Hauern bearbeiten, und dann
 ist's um dich geschehen, du freches und eigennütziges Tier! Ist der Fluss
 vielleicht dein besonderes Besitztum, dass du so karg damit wartest? Wenn man
 ausgeht, Fische zu fangen, geschieht es doch immer mit mehreren, und das ist
 auch ganz recht, denn die Fische gehören allen zu; du aber willst mir dieses
 Recht abstreiten!"

 Da antwortete der Kantjil ruhig: "Nun, sei nur nicht so böse, Ferkelchen;
 nimm geschwind diesen Korb auf und geh hinter mir her, so werden wir das
 Wasser ausschöpfen."

 Eilig liefen sie nun weiter, das Wildschwein hinterher.

 Nicht lange darauf begegneten sie dem Tiger, der freundlich fragte; "Ei,
 wohin gehst du, Kantjil? Und das Wildschwein mit einem Korb?"

 Der Kantjil antwortete mürrisch: "Wir wollen Fische fangen im Fluss, südlich
 von der Raweine."

 Da rief der Königstiger: "Ich gehe mit, Kantjil", wurde aber vom Kantjil
 grob abgewiesen: "Gehe nicht mit, dein Aussehen flößt Schrecken ein; du, mit
 deinen Streifen in den Haaren, mit deinen abscheulichen Augen und deinem
 erschrecklichen Maul. Du darfst nicht mitgehen, o Tiger, denn die Fische
 würden erschreckt werden, du würdest sie alle verscheuchen."

 Der Königstiger antwortete empört: "Der Kantjil könnte einen in Zorn
 versetzen. Wenn man freundlich angeredet wird, so ist es auch Sitte, dass man
 höflich antwortet. Bedenke doch, wenn ich dich in meinen Mund nähme, wärest
 du noch nicht soviel, als was mir unter dem Essen zwischen den Zähnen
 stecken bleibt."

 Eingeschüchtert sprach der Kantjil: "Nun, Tiger, so gehe denn mit, trage den
 Eimer und diesen zweiten Korb; verscheuche aber die Fische nicht, und tue
 genau, was ich dir befehle."

 Also schloss auch der Tiger sich an und lief ganz ruhig mit schnellen
 Schritten nach. So gingen die drei Tiere, indem das Wildschwein und der
 Tiger den Kantjil gleichsam in feierlichem Zuge begleiteten.

 Es dauerte nicht lange, da begegneten sie dem Elefanten. Dieser sprach
 langsam: "Ei, wohin geht ihr so eilig, Königstiger, Wildschwein und
 Kantjil?"

 Der Kantjil antwortete schnippisch: "Wir wollen Fische fangen im Fluss dort
 im Süden."

 Und als der Elefant erklärte: "Da will ich mitgehen", fuhr ihn der Kantjil
 grob an: "Du sollst nicht mitgehen, du bist so groß, dass du uns verdrängst
 und allen Platz wegnimmst; auch ist deine Ansicht durchaus keine schöne,
 deine Größe ist wirklich unpassend; du mit deinem Rüssel und deinen Pfoten
 wie Bambusköcher; deine Ohren ähneln Reiskühltellern, deine Augen aber
 gleichen wohl Ameisenaugen und blinzeln unaufhörlich. Bleib nur hier, du
 würdest mir die Fische verscheuchen."

 Doch der Elefant schrie ihn an: "Nimm nur dein Maul nicht zu voll, denn, ob
 es dir gefällt oder nicht, du kannst doch nichts gegen mich ausrichten. Und
 wenn du auf deinem Widerstand beharrst, so werde ich dir den Kopf
 zertreten."

 Da erwiderte der Kantjil langsam: "Nun, meinetwegen, so kannst auch du
 mitgehen, falls du nur alle meine Anweisungen befolgst. Wenn du mitgehst,
 Elefant, so werde ich auch dir eine bestimmte Arbeit zuteilen. Du musst einen
 Damm aufwerfen; da du der Stärkste bist, sollst du das Material herbeiholen.
 Das Wildschwein und der Tiger sollen zusammen Wasser schöpfen, ich werde der
 Aufseher sein und ein wachsames Auge auf alles haben. dass aber keiner gegen
 meine Anweisungen handle!"

 Das Wildschwein, der Elefant und der Tiger, alle drei gehorchten dem
 Kantjil, keiner von ihnen war widerspenstig.

 Nachdem dies also fest abgemacht war, begab sich der Kantjil wieder auf den
 Weg, und alle drei gingen hinter ihm her, das Wildschwein, Elefant und
 Tiger. Nichts ist zu erwähnen von der Zeit, während sie unterwegs waren. An
 den Fluss gekommen, teilte der Kantjil sofort seine Befehle aus. Den
 Elefanten beauftragte er, den Fluss abzudämmen. Mit Lust und Eifer machte
 dieser sich an die Arbeit, große Äste riß er ab, Bäume entwurzelte er,
 Steine wühlte er auf, große Stücke steiniger Erde schleppte er herbei; von
 allem diesem fertigte er einen gewaltigen Damm an, der den Strom abschloß.

 Nun spornte der Kantjil auch den Tiger und das Schwein an, sie sollten das
 Wasser ausschöpfen; er selbst hielt Aufsicht und lief hin und her, um
 überall gegenwärtig zu sein.

 Als alles trocken war, wurden die Fische heraufgezogen und in zwei Haufen
 zusammengelegt.

 Da sprach der Kantjil: "Wildschwein, Elefant und Tiger! Wohlan, noch einmal!
 Laßt uns noch einmal Wasser ausschöpfen. jetzt sind erst zwei Haufen, zu
 wenig für uns, wenn sie geteilt würden. Wir wollen weiter stromabwärts
 gehen, wir, der Elefant, der Tiger und ich; der Elefant soll wieder
 abdämmen; das Wildschwein aber soll hier bleiben, um die Fische zu bewachen.
 Entferne dich also ja nicht von hier, Wildschwein, sondern bewache die
 Fische! Wenn wir dann noch zwei Haufen bekommen haben, so geht die Teilung
 leicht vonstatten. Nach dieser Verabredung gingen sie davon; nur das
 Wildschwein blieb, um Wache zu halten.

 Als sie an Ort und Stelle gekommen waren, fing der Elefant sogleich wieder
 an abzudämmen und bald hatte der Tiger das Wasser ausgeschöpft.

 Schweigen wir jetzt von denjenigen, die im Tale beschäftigt waren, um zu
 erzählen, dass es einen Riesen gab, einen Walddämon. Schon lange hatte dieser
 zugesehen und jetzt eilte er schreiend und gellend zu dem Schweine und
 fragte wutschnaubend: "Sag mal, Schwein, wem gehören diese Fische?"

 Auf die Antwort des Wildschweins: "Ich bin der Eigentümer", fuhr ihn der
 Riese grob an: "Wie wagst du es, meine Fische wegzunehmen? Dies alles gehört
 mir!"

 Das Wildschwein erwiderte: "Ich bin nur verpflichtet, dieselben zu bewachen;
 in Wirklichkeit gehören diese Fische dem Kantjil."

 Da schrie der Riese: "Was weißt du davon! Wer auch immer behauptet, es seien
 die seinigen, in Wahrheit gehören sie mir, und wenn der Kantjil sich nicht
 damit zufrieden gibt, so ist mir dies gleichgültig, ich nehme sie dennoch an
 mich." Und sogleich verschluckte er all die Fische, so dass keiner
 übrig blieb.

 Nachdem der Riese also die zwei Haufen ganz und gar verzehrt hatte, machte
 sich das Wildschwein geschwind aus dem Staube, bebend vor Angst, der Riese
 wäre noch nicht satt und wolle es als Zutat fressen. Keuchend kam es an die
 Stelle, wo der Kantjil mit Wasserschöpfen beschäftigt war, und sprach, nach
 Atem schnappend: "Die Fische sind alle, es ist durchaus nichts mehr übrig
 von den zwei Haufen; ein Riese hat sie aufgefressen."

 Der Kantjil sah es streng an und tadelte: "Hast du es ihm nicht verwehren
 können?"

 Das Wildschwein antwortete: "Soviel mir möglich war, habe ich versucht, ihn
 davon abzuhalten, der Riese aber bestand darauf, ja er wollte mich auch mit
 aufschnappen; wenn ich mich nicht eilig davongemacht hätte, so wäre ich
 gewiß desgleichen von ihm verschluckt worden und wäre jetzt in seinem Bauche
 angelangt."

 Während der Kantjil dem Wildschwein einen verächtlichen Blick zuwarf, sprach
 er: "Das Wildschwein bringt uns nur Missgeschick; du siehst auch gar so eklig
 aus! Ich hatte wohl recht, als ich mich vorhin weigerte, dich mitzunehmen.
 Dein Benehmen ist nicht passend; du, mit deinen

 Kaninchenaugen, kannst wohl schwatzen, aber einem Riesen Widerstand leisten
 kannst du nicht! jetzt musst du wieder Wasser schöpfen, der Tiger soll dann
 die Fische bewachen."

 Die Fische, welche hier nach dem Wasserschöpfen heraufgezogen wurden,
 teilten sie abermals in zwei Haufen. Da sprach der Kantjil wieder: "Elefant,
 laß uns noch weiter gehen; dort soll das Wildschwein zur Strafe wieder
 Wasser schöpfen; der Tiger wird diese Fische bewachen."

 Dann gingen sie, Kantjil, Schwein und Elefant, weiter stromabwärts. Nachdem
 ein Damm gelegt worden war, fing das Wildschwein wieder zu schöpfen an. Der
 Tiger aber war zurückgeblieben, um bei den Fischen Wache zu halten.

 Vom Riesen ist jetzt wieder die Rede; schreiend kam er herbeigelaufen und
 verschluckte abermals die Fische, ohne sich um den Tiger zu kümmern; dieser
 jedoch ergriff sofort die Flucht und kehrte zum Kantjil zurück. Er erzählte
 ihm alles, was geschehen war und dass wiederum die Fische vom Riesen verzehrt
 worden seien.

 Da sprach der Kantjil empört: "Tiger, es gebührte dir, dass dein Kopf im
 Reisblock gestampft würde. Kannst du nicht einmal Fische bewachen? Du
 schaust so entsetzlich aus, dass du einem Riesen doch gewachsen sein
 solltest. Wenn er auch große Zähne hat, so hast du doch auch solche. Auf
 diese Weise sind deine scharfen Zähne unnütz und sollten dir ausgezogen
 werden. Wozu ein solches Tier, wie du bist, dient, das weiß ich nicht.
 Wohlan, fange nur wieder an, diese Flussstrecke auszuleeren, der Elefant wird
 dann die Fische bewachen."

 Der Tiger und das Wildschwein fingen an, zu platschen und zu schöpfen;
 nachdem die Fische ans Land gebracht waren, wurden sie unter Aufsicht des
 Kantjil in zwei Haufen aufgestapelt.

 Der Elefant wurde nun zurückgelassen mit dem Auftrag, die Fische zu
 bewachen; der Kantjil un das Wildschwein aber gingen noch weiter
 stromabwärts mit dem Tiger.

 Als sie an eine geeignete Stelle gekommen waren, legten der Tiger und das
 Wildschwein einen Damm; dann mussten sie das Wasser ausschöpfen; der Kantjil
 beaufsichtigte die Arbeit.

 Es wird jetzt erzählt von dem, der zurückgeblieben war, vom Elefanten, der
 die Fische bewachte. Auch er unterlag dem Riesen, ja wagte es gar nicht, ihm
 Widerstand zu leisten, sondern machte sich in wilder Flucht davon. Beim
 Kantjil angekommen, erzählte er ihm, dass die Fische, die er bewachen sollte,
 verschwunden waren, aufs neue vom Riesen gefressen.

 Der Kantjil fuhr ihn an: "So groß und hoch du bist, hast du doch keine
 Bedachtsamkeit! Wie lange soll ich es noch ertragen, dass die Fische
 immerfort dem Riesen zu fressen gegeben werden? Wohlan, fangt nur wieder an
 auszuschöpfen, ich will jetzt selbst Wache halten; keiner von euch soll bei
 mir bleiben, ich allein werde es mit dem Riesen, dem Kehricht der Welt,
 einmal versuchen; ihr werdet sehen, dass ich ihn binde, und wenn er gebunden
 ist, dann prügelt ihr ihn tüchtig durch! Solch ein tollkühner Riese, der uns
 immer alles vor der Nase wegfrisst! Gewiss, es muss ein Waldriese sein, denn so
 sind ihre Manieren, ganz abweichend von jenen der Stadtriesen. Er beträgt
 sich wie ein großer Herr; es geziemt sich doch, wenn einer Lust hat, Fische
 zu essen, dass er sich auch die Mühe gebe, selbst das Wasser auszuschöpfen;
 er aber zieht die Faulheit der Ermüdung vor und verschluckt in
 Bequemlichkeit alle unsere Beute. Wohlan, macht ihr euch jetzt schleunigst
 auf den Weg und fürchtet euch nicht; bleibt ruhig beim Ausschöpfen und fangt
 die Fische, damit wir bald heimwärts gehen können."

 Die drei, der Elefant, der Tiger und das Schwein, zogen rasch stromabwärts.
 Dort angekommen, begann der Elefant den Fluss abzudämmen, der Tiger und das
 Wildschwein denselben trocken zu schöpfen.

 Inzwischen hatte sich der Kantjil auf schlammiges, morastiges Land gesetzt
 und fing an, Binsen auszuziehen; diese spaltete er, fügte sie aneinander,
 band sie sich um Lenden und Bauch und befestigte die Spitzen an dünnen
 Halmen von Schlingpflanzen. Fortwährend behielt er aber die Fische genau im
 Auge.

 Unter gewaltigem Schreien kam bald wieder der Riese und blieb vor dem
 Kantjil stehen. Dieser aber stellte sich, als ob er nichts bemerkte. Ruhig
 fuhr er fort, Binsen zu zerreißen und aneinanderzufügen; er schien ganz in
 diese Arbeit versunken, immerfort flocht er Seile und band sich dieselben um
 den Bauch, bis er links und rechts festgebunden war.

 Als dies der Riese sah, fragte er ihn freundlich: "Ei, Kantjil, was ist denn
 das? Hast du dir den Bauch festgebunden? Und du sitzest immer nur da und
 zerreißt etwas? Was ist es doch, was du da spaltest?"

 Der Kantjil antwortete mürrisch: "O Riese, mit Recht bist du Waldriese
 genannt! Bist du denn stocktaub, dass du nichts davon gehört hast? Auf Befehl
 des Propheten Salomon, des Fürsten der Fürsten, der Geister und Menschen,
 der Riesen und aller möglichen Tiere, die ihn als Fürsten anerkennen, wird
 an diesem Tage eine gewaltige Sintflut sein; das Wasser wird vom Himmel
 hinabströmen, so dass sogar die Riesen, die fliegen können, gewiss mitgerissen
 werden, denn das Wasser wird von oben kommen; guck, dort am Himmel droht es
 schon!"

 Der Riese fragte nun: "Sag mal, Kantjil, was soll ich denn da tun?"

 Da antwortete ihm der Kantjil mürrisch: "Dein Antlitz möge zerrissen werden,
 Riese; was mischst du dich in meine Sachen? Du sprichst wie ein Dorfriese,
 weder deine Augen noch deine Ohren gebrauchst du und beobachtest nicht
 genau, was du zu tun hast. Siehst du denn nicht, was ich getan habe? Und
 dennoch weißt du nicht, wie du es anzustellen hast!" Als der Riese
 versuchte, ihn mit freundlichen Worten zu überreden: "Ach, Kantjil, gib mir
 doch nicht solche ungenügende Anweisungen; alles, was du mir ratest, will
 ich ausführen", machte ihm der Kantjil harte Vorwürfe und sprach
 schließlich: "Es wäre ja unnütz, wenn ich dir helfe."

 Doch der Riese versuchte abermals, ihn zur Güte zu stimmen, indem er sagte:
 "Sprich doch nicht also, Kantjil, und glaube meinen Worten. Wie sollte ich
 der Gefahr entrinnen, wenn ich nicht alles befolgte, was du mir befiehlst?
 Gut oder schlecht, ich werde es tun; erkläre mir nur, was du meinst."

 Nun sprach der Kantjil wieder: "Wenn du denn wirklich aufrichtig bist, so
 mach es gerade so wie ich. Sieh mich einmal an!"

 Sogleich fuhr der Kantjil auf, als ob er sich mit Macht losreißen wolle; er
 wälzte sich um und um, sprang und trappelte im Sumpf, kurz er stellte sich,
 als ob er in der Tat seine äußersten Kräfte anstrengte, um loszukommen. Die
 Binsen aber blieben unbeschadet, wie auch der Kantjil hin und her sprang.

 Als der Riese dies sah, fragte er: "muss ich also gleich wie du mir den Bauch
 mit Binsen an einen Baum festbinden?"

 Mit funkelnden Augen sprach der Kantjil: "Oh, weißt du noch nicht, was ich
 meine? So wenig überlegst du, dass du den Unterschied zwischen groß und klein
 nicht bedenkst! Vergleiche mich einmal mit dir, du dummer Riese, der du mit
 sehenden Augen blind zu sein scheinst. Ich, so klein und niedrig, werde wohl
 nicht die Binsen zerreißen können; du aber, so groß und hoch, mit
 übernatürlicher Kraft begabt, so dass niemand dir gleichkommt, musst etwas
 anderes versuchen. Wähle also starke, zähe Stängel von Rotang, die lang und
 fest sind, und binde damit geschwind deinen Körper, deine Füße und Hände,
 bis zu deinem Kopfe; befestige sie dann an dem Waringbaum dort. Nimm nur
 recht viele, damit du dem Unglück entgehst, und denke an die große Flut!
 Nimm dich in acht, dass die Bande nicht zerreißen! Wenn du dann festgebunden
 bist, so versuche zunächst, ob du deine Bande noch loswerden kannst; wenn
 dies nicht der Fall ist, so kannst du ruhig sein, wenn auch die Flut gegen
 dich schlägt."

 Wirklich tat der Riese alles, was ihm der Kantjil befohlen. Er holte sich
 große, lange Rotangs herbei und stapelte alles auf einem Hügel unter den
 Bäumen auf. Nachdem er schon viel zusammengeholt hatte, sprach der Kantjil:
 "Fange jetzt gleich an und befestige deinen Kopf an jenem Ast. Klettere auf
 den Gabelast und binde an jede Seite ein Ende der Leine. Wenn das befestigt
 ist, so steige auf die Erde herab und binde dir den Hals und die beiden
 Füße; die Spitzen der Taue befestigst du an jenem Bulubaum. Und den Bauch
 bindest du dir fest an jenen Waringin. Wenn dies alles vor sich gegangen
 ist, so umstricke deine Hände, so dass sie nicht frei werden können."

 Und seht, der Riese befolgte alles genau; nachdem er die Seile sich um den
 Kopf gelegt hatte, kletterte er nach oben; als er unten angekommen war, band
 er sich den ganzen Körper, Füße, Hals und Hände. Sobald alles stark
 befestigt war, sprach der Kantjil zu ihm: "Versuche jetzt aus aller Macht,
 deiner Bande loszuwerden, nicht nur so zum Scherz, sondern gehe zu Werke,
 als ob du in einem wütenden Gefechte wärest."

 Rasend und mit aller Anstrengung fing jetzt der Riese an, sich zu wälzen und
 zu springen, so dass der Waringin schwankte, als ob er umstürzen wollte. Die
 Bande aber zerrissen nicht, ja er zog dieselben dadurch noch mehr an, und
 diejenigen, welche zuvor etwa lose waren, schnürten ihm jetzt den Hals zu.
 Der Riese schnappte nach Atem, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Zunge
 hing ihm aus dem Munde, seine Kraft verschwand, und erschöpft fiel er auf
 den Boden, wo er zusammengerollt liegen blieb.

 Der Kantjil, der bei allem zugesehen hatte, eilte davon, um die
 Wasserschöpfer herbeizurufen, den Elefanten, das Wildschwein und den Tiger:
 "Ei, kommt rasch herbei, ich habe den Riesen gebunden; prügelt ihn, bis er
 mausetot ist. Diese Hefe der Gesellschaft verdient es, dass ihr der Kopf
 zerschmettert werde."

 Schnell kamen sie freudeerfüllt herbei. Der Tiger schlug ihm die Krallen ins
 Gesicht und kratzte ihm die Lippen auf, der Elefant zerschmetterte ihm den
 Kopf mit zwei großen Steinen, und auch das Schwein tat das seinige.

 Von den drei Tieren so angegriffen, starb er bald; sein Leichnam blieb
 unbeerdigt in der Wildnis liegen. Das Wildschwein, der Elefant und der Tiger
 gingen mit dem Kantjil, und ohne Zank wurden nun die Fische geteilt. Darauf
 kehrten die vier heim; hier angelangt, trafen sie ihre Frauen, die sehr
 erfreut waren, als sie die von ihren Gatten erworbene Beute sahen.



 Die allzu klugen Fische

 (Indien)

 In einem Gewässer wohnten zwei Fische namens Hundertklug und Tausendklug.
 Ein Freund von beiden war ein Frosch mit Namen Einfachklug. Diese drei
 genossen nun am Ufer des Gewässers eine Zeitlang zu passender Stunde die
 Freuden einer schönen Unterhaltung und kehrten dann ins Wasser zurück. Als
 sie auch einmal miteinander plauderten, kamen zur Zeit des Sonnenuntergangs
 Fischer nach diesem Gewässer, die in den Händen Netze und auf dem Kopfe
 viele getötete Fische trugen. Beim Anblick dieses Gewässers sprachen sie
 untereinander: "Das ist ja ein fischreicher, flacher Teich. Morgen früh
 wollen wir uns darum hierher begeben." Nach diesen Worten gingen sie nach
 Hause. Mit bekümmertem Antlitz hielten nun die Fische Rat. Da sprach der
 Frosch: "Nun, Hundertklug, habt ihr beide wohl gehört, was die Fischer
 sagten? Was ist jetzt angemessen zu tun, zu fliehen oder zu bleiben?



 Der Kranich und das Füchschen

 (Zentralasien)

 Ein Kranich und ein Füchschen waren Freunde. Als die beiden Freunde
 zusammengingen, wurden sie von Jägern verfolgt. Als der Kranich diese kommen
 sah, sprach er zum Füchschen: "Uns verfolgen Menschen. Wohin sollen wir
 gehen?" Der Fuchs sprach: "Ich habe zwölf Schlauheiten, ich werde die
 Rettung schon finden, lass uns alle beide in meine Höhle kriechen." Der
 Kranich stimmte seinem Freunde bei und kroch mit dem Fuchs zusammen in die
 Höhle. Die Menschen waren ihrer Spur gefolgt und gruben ihnen nach. Der
 Fuchs wusste sich nicht zu helfen und fragte den Kranich: "Wie viel
 Schlauheiten hast du denn?" - "Nur eine einzige", sagte der Kranich. Darauf
 fragte er den Fuchs: "Wie viel Schlauheiten hast du denn, Fuchs?" Der Fuchs
 sprach: "Sechs sind mir noch geblieben." Als die Menschen bis zur Hälfte
 ausgegraben hatten und das Füchschen keine Rettung gefunden hatte, fragte es
 den Kranich: "Ist dir keine Schlauheit zugekommen?" Der Kranich sprach: "Ich
 habe immer nur noch eine Schlauheit." Das Füchschen sprach: "Drei sind mir
 nur noch geblieben." Die Menschen gruben, und als sie ganz nahe gekommen
 waren, und als das Füchschen festsaß, fragte es den Kranich: "Ach, Freund,
 ist dir keine Schlauheit zugekommen?" Der Kranich sprach: "Ich habe immer
 nur eine Schlauheit." Nachdem der Kranich so gesprochen, tat er, als ob er
 tot daläge. Als die Menschen sie erreichten, sagten sie: "Der Fuchs hat
 einen Kranich gefangen, nehmt ihn und werft ihn beiseite." Als sie den
 Kranich fortgeworfen hatten, breitete dieser, der nur eine Schlauheit hatte,
 die Flügel aus und flog davon; den Fuchs, der zwölf Schlauheiten hatte,
 töteten sie und zogen ihm das Fell ab.

   Anstatt viel zu sein und Kehricht,
   Sei nur wenig und sei Kunst.



 Löwe und Hase

 (aus dem indischen Pantschatantra)

 Auf dem Berge Mandara wohnte ein Löwe, der hieß Grimmig, und dieser Löwe
 mordete fortwährend die Tiere. Da ließen denn diese nach einer gemeinsamen
 Beratung dem Löwen sagen: "Warum tötet Ihr alles Wild? Lieber wollen wir
 Euch zu Eurer Wohnung täglich ein Tier schicken." Der Löwe sagte: "Ich bin's
 zufrieden!" Also schickten sie ihm alle Tage ein Tier. Da kam nun einst die
 Reihe an einen alten Hasen. Dieser dachte:

   Bescheiden ist man nur aus Scheu
   und wenn man fürder hofft zu leben.
   Was frommt's, ist günstig mir der Leu?
   Ich muss ihm doch mein Leben geben.

 Drum will ich mir ja Zeit nehmen auf meinem Gange.

 Der Löwe aber, den der Hunger peinigte, fuhr ihn zornig an: "Warum kommst du
 so spät?" Jener erwiderte: "Meine Schuld ist's nicht. Ein anderer Löwe hat
 mich unterwegs aufgehalten. Ich habe ihm einen Eid leisten müssen,
 zurückzukehren und bin jetzt nur gekommen, dies dem Herrn zu melden." Da
 wurde der Löwe zornig und rief: "Gleich kommst du mit und zeigst mir, wo der
 Schurke ist!" Der Hase führte ihn an einen tiefen Brunnen. "Geruhe der Herr
 zu kommen und zu sehen" - so sagte er und zeigte ihm sein Spiegelbild im
 Brunnen. Geschwollen vor Wut und von seinem Stolze getrieben, stürzte er
 sich auf dieses hinab und musste sterben.



 Die Meditation

 (Japan)

 Einmal hatten sich vier Priester verabredet, eine Nacht in tiefster
 Meditation zu verbringen, und nahmen sich gegenseitig das Gelübde ab, dass
 keiner, komme auch, was da wolle, durch ein Wort die Meditation stören
 dürfe. Für die Bußübung wurde der Hauptraum des Tempels ausersehen, und dort
 wurden vier Kerzen in Leuchtern aufgestellt. Ein junger Priesterschüler
 wurde beauftragt aufzupassen, dass die Kerzen hell und gleichmäßig brannten,
 und sie, falls sich Schuppen bilden sollten, zu putzen. Nach einiger Zeit
 bildeten sich auch Schuppen an den Dochten, und die Kerzen fingen an, trüber
 zu leuchten. Der Tempelschüler aber sah es nicht, da er vergeblich
 versuchte, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Einer der Priester suchte ihn
 nun durch wiederholtes Winken auf seine Pflicht aufmerksam zu machen. Als
 der Schüler aber seine Gesten nicht beachtete, verlor er die Geduld und
 schnäuzte ihn an:

 "He, du Bursche, siehst du denn nicht, dass die Lichter geputzt werden
 müssen?"

 Da wandte sich der zweite Priester dem Sprecher zu: "Hast du denn vergessen,
 dass während der Meditation nicht gesprochen werden sollte?" Ärgerlich rief
 nun der dritte: "Wenn ihr beiden euch hier unterhalten wollt, kann man beim
 besten Willen nicht meditieren!"

 Und der vierte sagte, nachdem er alle der Reihe nach angeblickt hatte,
 selbstgefällig:

 "Ich bin der einzige, der das Gelübde nicht gebrochen hat."



 Der blaue Schakal

 (Indien)

 In einer gewissen Waldgegend lebte ein Schakal namens Tschandárava. Dieser
 begab sich einmal, vom Hunger und von der Gier seiner Zunge getrieben,
 mitten in eine Stadt hinein. Als ihn aber die Hunde gewahrten, umzingelten
 sie ihn bellend von allen Seiten und fingen an, ihn mit ihren scharfen
 Zähnen zu beißen. Da lief er, für sein Leben fürchtend, in das nahe Haus
 eines Färbers. Dort stand ein großes Fass voll Indigolösung, und in dieses
 fiel er, von den Hunden verfolgt, hinein. Als er wieder heraus kroch, war er
 blau gefärbt. Die Hunde hielten ihn nun nicht mehr für einen Schakal, und
 jeder lief weg, wohin ihm beliebte. Auch Tschandárava begab sich nach einer
 entfernten Gegend und machte sich auf nach einem Walde. Die blaue Farbe aber
 wich nie von seiner natürlichen. Sagt man doch:

 Was Mörtel, Weiber, Indigo, ein Krebs und ein Betrunkner fassen, Desgleichen
 Fische und ein Tor, davon sie nimmer wieder lassen.

 Als nun dieses bisher nie gesehene Geschöpf, das wie ein dem Gift am Halse
 Sivas vergleichbarer Tamálabaum aussah, die Tiere des Waldes, die Löwen,
 Tiger, Leoparden, Wölfe und die übrigen sahen, da liefen sie, außer sich vor
 Furcht, fliehend nach allen Seiten hin und sagten: "Man kennt sein Wesen und
 seine Tapferkeit nicht. So lasst uns denn eilig davonlaufen. Es heißt ja:

 Ein Kluger ist, wenn Wohlergehen er wünscht, vor dem auf seiner Hut, Den er
 nach seinem Treiben noch nicht kennt, auch nicht nach Stamm und Mut."

 Als Tschandárava sah, dass sie vor Furcht außer sich waren, sprach er zu
 ihnen: "He, he, ihr Tiere, warum lauft ihr denn bei meinem Anblick
 erschrocken davon? Habt keine Furcht. Ich bin von Brahma selbst heute
 erschaffen worden, und er hat zu mir gesagt: 'Weil die Tiere jetzt keinen
 König haben, so setze ich dich heute feierlich zum Herrscher über sie alle
 ein. Darum geh und beschütze sie alle.' So bin ich denn hierher gekommen, und
 deshalb sollen alle Tiere im Schatten meines Sonnenschirmes wohnen. Ich,
 Kakuddruma mit Namen, bin der König der Dreiwelt geworden." Nach diesen
 Worten umringten ihn alle Tiere, Löwe und Tiger an ihrer Spitze, und
 sprachen: "Herr, Gebieter, befiehl uns!" Er übertrug nun dem Löwen das
 Ministeramt; der Tiger wurde Hüter seines Ruhelagers; der Leopard musste ihm
 den Betel darreichen, der Wolf sein Tor bewachen. Mit den Schakalen aber, zu
 deren Geschlecht er gehörte, redete er auch nicht einmal, sondern sie wurden
 alle aus seiner Nähe gewiesen. Während er in dieser Weise die Herrschaft
 führte, wurde von dem Löwen und von anderem Wild getötet und vor ihn gelegt,
 und er verteilte es nach Herrscherrecht unter sie alle und gab ihnen ihren
 Anteil. So verging die Zeit. Einst geschah es nun, dass er in der Ferne
 Schakale heulen hörte. Darüber freute er sich so, dass ihm am Leibe die
 Härchen starrten und seine Augen sich mit Tränen füllten, und er fing an,
 laut mitzuheulen. Als aber der Löwe und die andern Tiere diesen lauten Ton
 hörten, dachten sie: "Das ist ein Schakal", blickten einen Augenblick vor
 Scham zu Boden und sprachen: "Oh, wir haben uns von ihm anführen lassen! Ein
 erbärmlicher Schakal ist er. Darum muss er sterben!" Er wollte fliehen, als
 er dies vernahm; aber er wurde gleich an Ort und Stelle von dem Wwen und
 andern Tieren in Stücke zerrissen und starb.

   Wer von den Seinen sich entfernt und Fremde zu den Seinen macht,
   Gleichwie Kakuddruma voreinst, der König, wird er umgebracht.



 Der steinerne Affe

 Weit, weit, im Gebirge der "Blumen und Früchte", welches noch nie von eines
 Menschen Fuß betreten wurde, lag einmal ein riesengroßes, steinernes Ei.
 Wer dieses Ei dorthin gebracht hatte und wie lang es dort gelegen sein mag,
 weiß kein Mensch zu sagen, denn niemand hat es je gesehen. Aber es lag dort
 hoch oben an der Sonne, und eines Tages krachte es, und ein steinerner Affe
 kroch daraus hervor. Es war der schönste Affe, den es jemals gegeben. Sein
 Körper aus glänzendem, polierten Stein strahlte in der Sonne, und hochmütig
 blickte er auf die anderen Affen herab.

 Diese kamen in Scharen gelaufen und verneigten sich vor ihm und besprachen
 aufgeregt diesen sonderbaren Fall. Endlich erwählten sie ihn zu ihrem König,
 denn keiner war so geeignet, sie zu beherrschen, wie der steinerne Affe. Er
 nahm die Würde auch sofort an, denn er fühlte sich dazu berufen.

 Nachdem er König geworden, sprang der Affe den Berg hinunter, kam an das
 Meer und wollte nun auf der ganzen Erde umherreisen. Er sammelte dabei
 ungeheuer viele Kenntnisse und ging zuletzt zu einem großen Magier, um die
 verschiedensten Künste von ihm zu erlernen. Sein Wissen war unerreicht, und
 alle Affen der Erde beugten sich vor ihm und bewunderten ihn wie ein höheres
 Wesen. Er hatte nicht nur alle Gelehrsamkeit der Welt in sich aufgenommen,
 sondern vor seinen Zaubersprüchen öffneten sich die Berge; er drang in die
 Tiefe der Meere, sprang hinauf zum Himmel, und nichts konnte sich vor ihm
 verbergen. Doch seine Hauptkunst war der große Luftsprung. Er konnte nämlich
 einen Sprung machen, mit dem er in einem einzigen Augenblick auf ungeheure
 Entfernungen verschwunden war, um im nächsten Augenblick vor seinen
 erstaunten Zuschauern wieder zu erscheinen.

 Durch die Bewunderung, welche die andern Affen ihm zollten, wurde er aber
 selbstbewusst und übermütig. Er wollte seine Macht immer mehr ausdehnen und
 stiftete damit manches Unheil. "Ich bin mächtiger als alle Geschöpfe der
 Erde", rief er aus. "Nun habe ich es satt, über euch Affen zu regieren. Ich
 will Herr des Himmels werden!"

 Erschrocken blickten alle zu ihm auf, und der Drachenkönig sandte einen
 Boten zum Himmel mit der Bitte, Buddha möge sich der Erde erbarmen und den
 steinernen Affen nicht in den Himmel kommen lassen, denn dieser hatte durch
 seinen Übermut schon Unheil genug auf der Erde angerichtet. Doch ehe Buddha
 die Botschaft zu Ende hören konnte, sauste der steinerne Affe auch schon mit
 seinem Zaubersprung durch die Luft daher.

 Der Herr des Himmels trat gelassen auf ihn zu und sprach: "Was willst du
 hier, Affe?"

 "Ich will Herr des Himmels werden!" rief dieser. "Denn ich kann mehr als
 alle deine Geschöpfe. Dir selbst ist es nicht möglich, meine Künste
 nachzumachen und ich übertreffe dich in jeder körperlichen Geschicklichkeit.
 Kannst du, zum Beispiel, einen solchen Luftsprung machen wie ich und in
 einem Augenblick verschwinden? Versuch es einmal!"

 Da lächelte Buddha belustigt und sagte ruhig: "Gut, wie wollen eine Wette
 eingehen. Wenn du aus meiner Hand, die ich unter dich halte, herausspringen
 kannst, so will ich dir meinen Platz einräumen und du sollst Herr des
 Himmels werden. Kannst du es aber nicht, dann verlasse den Himmel sofort und
 lasse dich nie mehr blicken."

 Der Affe musste sich den Bauch halten vor lauter Lachen über diese leichte
 Wette und sprach kichernd: "Nun, so streck doch deine Hand aus, Vater
 Buddha, und sieh selbst, was ich kann."

 Und Buddha streckte seine Hand segnend nach der Erde aus. Der steinerne Affe
 sprang darauf, machte einen Purzelbaum und flog und flog durch den
 unendlichen Raum und immer weiter, bis er an das Ende der Welt kam. Dort
 standen fünf rote Säulen.

 "Ha", rief der Affe triumphierend, "nun soll Buddha sehen, wer Herr des
 Himmels wird! Und zum Beweis, dass ich am Ende der Welt war, will ich ein
 Zeichen in eine dieser Säulen schneiden und es dem Herrn zeigen." Dann
 drehte er sich um, schwang sich durch die Lüfte und im nächsten Augenblick
 saß er wieder in Buddhas Hand. Da hörte er die Stimme des Herrn, welche
 mahnend sprach: "Nun, Affe, wann wirst du endlich aus meiner Hand
 herausspringen?"

 "Was - aus deiner Hand?" schrie der Affe erbost. "Weißt du nicht, dass ich
 durch die Lüfte sprang und am Ende der Welt war? Da stehen fünf Säulen, und
 es ist nur gut, dass ich ein Zeichen hinein schnitt, um es dir zu beweisen.
 Willst du sehen, wo ich war, so setze dich auf meinen Rücken, und ich führe
 dich in einem Augenblick wieder hin."

 Doch der Herr des Himmels entgegnete ernst: "Affe, soll es dieses Zeichen
 sein, welches du in meinen Finger gemacht hast? Sieh es dir an und wisse,
 dass meine Hand während deines ganzen Sprunges unter dir war. Wo immer du
 hin springst und wohin du dich wenden magst, es ist dir unmöglich, von mir
 fort zu kommen, denn die ganze Erde liegt in meiner Hand. Nun kehre zurück
 und bleibe fortan bescheiden auf dem Platz, den ich dir angewiesen habe."

 Darauf drehte er seine Hand um, und der Affe war in dem steinernen Berg
 gefangen. Erst nach vielen Jahrhunderten ließ ihn Buddha wieder heraus.



 Der übertragbare Tiger

 (Korea)

 Einstmals reiste ein Mann über Land. Vor ihm stieg ein steiler Berg auf,
 über den die Straße führte, während zu ihrer Rechten und Linken sich ein
 Grund mit Blumen und Bäumen aller Art breitete und tiefes weiches Gras den
 Boden deckte. Vögel und allerlei Kriechtier trieben darin ein lustiges
 Wesen, und von einem lustigen Felsen kam ein Perlenstrom herab, in einem
 Schauer von zehntausend blitzenden Juwelen. Unten sammelte sich das Wasser
 in einen weiten Teich, an dessen Ufer bedächtig ein alter Fischer saß. Er
 hatte sein schmutziges Netzwerk beiseite gelegt und sang ein Lied, während
 auf der anderen Seite des Teiches ein Holzfäller zu seiner Arbeit pfiff.

 Vom Gesange erfreut und in Betrachtung der Landschaft vergaß der Wanderer
 die Mühsal seiner Reise und schlenderte so seinen Weg, bald rastend, bald
 gemächlich vor sich hingehend, als er auf der linken Seite der Landstraße
 einen tiefen Hohlweg wahrnahm. Wo der wohl hinführe, verwundene er sich und
 ließ sich zur Rast auf einen Felsblock nieder, als er, zwischen die Bäume
 durchblickend, einen Tiger und einen Menschen sah, die sich einander
 gegenüberstanden. Erstaunt über das Fremdartige der Erscheinung trat er
 näher und sah nun einen Burschen von zwanzig oder so, der mit einer Hand
 einen Tiger bei der Kehle hielt während er mit der anderen den Ast eines
 nahe stehenden Baumes umfasst hatte.

 Während der Wanderer so schaute, konnte er wahrnehmen, dass der Tiger ganz
 erschöpft war. Er berührte nur noch mit einem Hinterbein den Boden. Aber
 auch der Bursche war ganz von Kräften, und die beiden standen so und
 schauten einander an. Die Sachlage war die, dass wenn einer von den beiden
 wieder zu Kräften kam, dies für den andern sicheren Tod bedeutete. Nun war
 der Wanderer von Natur ein starker und tapferer Mann, der, als er das sah,
 dem Jungen helfen wollte, und er trat darum näher. Wie ihn der Bursche
 erblickte, rief er: "Ich weiß nicht, woher du bist, aber während ich Holz
 fällte, geriet ich mit diesem Tiger zusammen. Ich bin nun ganz erschöpft und
 bin unfähig, die Bestie auch nur mehr ganz kurze Zeit zu halten. Wenn Ihr
 nun so gut sein wolltet, ihn nur ein Weilchen statt meiner zu packen, so
 will ich ihn totschlagen. Was meint Ihr dazu?"

 Der Wanderer sagte: "ja, ich will." Und nahm sogleich des Burschen Platz ein
 und griff den Tiger kräftig bei der Gurgel, so dass sich der nicht rühren
 konnte. Da sagte er zu dem Jungen: "Ich habe Eile weiterzukommen, darum
 schlage das Vieh schnell tot." Der antwortete: "Ich habe gar keine Kraft
 mehr in meinen Armen, wart ein Weilchen, ich will gehen, eine Waffe holen,
 mit der das Vieh zu erschlagen ist."

 Während er so sprach, ging er fort- zwei, drei Stunden vergingen, aber er
 kam nicht wieder. Des Wanderers Kraft ließ bald gleichfalls nach, und da er
 gar kein Mittel sah, den Tiger zu töten oder ihn laufen zu lassen ohne
 Gefahr, dachte er bei sich: "Es wäre besser für mich gewesen, weiterzugehen.
 Den Jungen wollte ich retten, und das ist geglückt, aber mich selbst brachte
 ich in Gefahr. Hat man so etwas je gehört?" Und er erhob seine Stimme und
 rief den Burschen, aber es kam keine Antwort. Und jetzt bekam der Tiger
 seine Kraft wieder, regte sich und rührte sich, ließ seine gelben Augen
 funkeln und brüllte laut wie Donner.

 Gerade da kam ein schmutziger Priester den Weg (nicht der Bursche), und da
 die Bäume dicht standen und er nichts sehen konnte, sagte er bei sich: "Da
 brüllte irgendwo ein Tiger, aber wenn ich nach ihm schaue, seh' ich ihn
 nicht, und er brüllt auch nicht wieder. Wie sonderbar." Er blieb stehen zu
 horchen, guckte dahin und dorthin, als der Reisende ihn zum großen Glück
 anschaute und rief: "Rettet ein Menschenleben, Hochwürden!"

 Der Priester ging erstaunt, woher das Rufen kam, und fand den Wanderer in
 größter Gefahr. Er war ein kräftiger Kerl, aber ohne Waffen, so dachte er
 bei sich: "Nach Priesterregel ist es mir nicht erlaubt, irgend etwas zu
 beleidigen oder zu töten." Aber während er dies dachte, war der Mann mit dem
 Tiger so schwach geworden, dass er daran war, die Bestie laufen zu lassen;
 wie das der Priester sah, kam er schnell herbei, packte an Stelle des
 Wanderers den Tiger und sagte: "Sieh hier und höre mein Wort. Nach unserer
 Priesterregel dürfen wir niemanden ein Leid tun, darum kann ich ihn nicht
 töten, aber ich will ihn für dich halten. Wenn du dich ein bisschen erholt
 hast, geh und hol eine Waffe und schlag das Vieh tot."

 Der Wanderer ließ los, lief ein Stückchen vom Orte weg und sagte: "Habt Ihr
 bloß die buddhistischen Bücher studiert und nicht die Schriften des Manucius
 gelesen? Darin ist eine Stelle, die besagt: 'wenn einer einen andern mit dem
 Schwerte erschlagen hat und sagt "nicht ich, sondern das Schwert erschlug
 ihn", so wird die Schuld die des Schwertes und nicht die des Mannes sein.'
 Euer Fall ist ähnlich. Wenn ich auf Eure Worte hörte und den Tiger tötete,
 so wäre die Schuld nicht meine, sondern Eure, da Ihr mich veranlasset, den
 Tiger zu erschlagen. Wie könntet Ihr dann sagen, dass Ihr nicht gegen Eure
 Priesterregel gesündigt hättet? Aber es ist nicht nur um Euretwillen, dass
 ich diesen Tiger nicht erschlage. Dieser Tiger ist einer, mit denen es
 Brauch ist, dass sie übertragen werden. Dies bedenke und halt dich an ihm,
 bis du einen anderen Menschen findest, der ihn von dir nehmen will. Dann
 tue, wie ich getan, und übertrag den Tiger auf ihn." Als der Wanderer so
 gesprochen, lief er davon. Und der Tiger war seither bekannt als der
 "Übertragbare Tiger".

 So gibt es Leute in der Welt, die Wohltaten empfangen haben und dem, der sie
 ihnen erwiesen, mit Undank lohnen. Man darf sie für Schüler des Mannes
 halten, der den Tiger übertragen hat.



 Der zerbrochene Topf

 (Indien)

 In einem gewissen Orte wohnte ein Brahmane namens Svabhavakripanal. Dieser
 hatte mit dem erbettelten Reisbrei, der ihm nach dem Essen übrig blieb, einen
 Topf angefüllt; diesen Topf hatte er an einen Nagel an der Wand gehängt,
 darunter seine Bettstelle gestellt und schaute ihn nun in der Nacht, ohne
 einen Blick davon zu verwenden, an und dachte dabei:

 "Dieser Topf ist doch über und über voll von Reisbrei. Wenn nun eine
 Hungersnot entsteht, dann wird er hundert Silberstücke einbringen. Dafür
 werde ich alsdann ein paar Ziegen kaufen; da diese alle sechs Monat Zicklein
 werfen, so wird draus eine Herde Ziegen entstehen. Dann für die Ziegen
 Rinder! Sobald die Kühe gekalbt haben, verkaufe ich die Kälber. Dann für die
 Rinder Büffel! Für die Büffel Stuten! Sobald die Stuten geworfen haben,
 werde ich viele Pferde besitzen. Aus dem Verkauf von diesen löse ich viel
 Gold. Für das Gold bekomme ich ein Haus mit vier Gebäuden in einem Viereck.
 Dann kommt ein Brahmane in mein Haus und gibt mir ein sehr schönes Mädchen
 mit großer Mitgift zur Frau. Die wird einen Sohn gebären. Dem werd' ich den
 Namen Somasarman geben. Wenn dieser dann alt genug ist, um sich auf meinen
 Knien zu schaukeln, dann werde ich ein Buch nehmen, mich hinten in den
 Pferdestall setzen und studieren. Mittlerweile sieht mich Somasarman, und
 begierig, auf meinen Knien zu schaukeln, klettert er von seiner Mutter Schoß
 und kommt zu mir didit an die Hufe der Pferde. Dann werde ich, von Zorn
 erfüllt, der Brahmanin zurufen: "Nimm das Kind! Nimm das Kind!" Sie aber,
 mit Hausarbeit beschäftigt, hört meinen Ruf nicht. Dann spring' ich auf und
 gebe ihr einen Fußtritt." Indem er so in diese Gedanken versenkt war, stieß
 er mit dem Fuße so aus, dass der Topf zerbrochen und er selbst von dem
 Reisbrei, welcher sich im Topf befand, weiß gefärbt ward. Daher sage ich:

 "Wer unvernünftige Projekte über die Zukunft spinnet aus, dem geht's wie
 Somasarmans Vater: Er liegt von Reisbrei weiß gefärbt."



 Die Krähe und der Kranich

 (Australien)

 Früher, als die Erde noch ganz jung war, lebte an einem Teich, auf dem
 wunderschöne Wasserblumen schwammen, ein grau gefiederter Kranich.

 Mücken, Fliegen und bunte Schmetterlinge schwirrten um ihn herum; Schnecken
 krochen von Blatt zu Blatt; Würmer durchwühlten die Erde; und Eidechsen
 huschten durchs Gras. Der Kranich lebte wie in einem Paradies.

 Das Quaken der Frösche im Teich war Musik in seinen Ohren, denn es erinnerte
 ihn ständig an köstliche Festessen. jeden Tag wählte sich der anspruchsvolle
 Feinschmecker eine andere Speise.

 Es gab auch Zeiten, in denen er nur Pflanzenkost zu sich nahm. Die
 unzähligen Kräuter, Blüten und Gräser, die ihn umgaben, forderten ihn
 geradezu heraus, von der reichlichen Auswahl ein erlesenes grünes Menü
 zusammenzustellen.

 Damals besaßen die Tiere noch das Feuer, und der Kranich liebte es ganz
 besonders, Frösche und Fische in glühender Asche zu rösten.

 Eines Mittags, als er wieder einmal einige gute Bissen in der heißen Asche
 liegen hatte, flog eine Krähe herbei, die den Kranich schon eine Weile bei
 seiner Arbeit beobachtet hatte, und bat ihn um einen Fisch.

 "Du musst noch ein bisschen warten", antwortete der Kranich und fächelte mit
 seinen breiten Schwingen dem glimmenden Feuer etwas Luft zu. "Es dauert nur
 noch wenige Flügelschläge, dann sind die Fische gar."

 Die Krähe schaute ungeduldig in die Glut, wo die Fische lagen, und hopste
 unwillig auf und ab.

 "Jetzt sind sie aber gut!" entschied sie und wollte sich mit einem Stock
 einen wohl duftenden Bissen aus der Asche angeln - sie war so vorsichtig,
 weil sie ihr Kleid nicht beschmutzen wollte; denn in jener Zeit besaßen die
 Krähen noch schneeweiße Federn.

 "Weißfeder!" schimpfte der Kranich, der sich in seiner Küchenehre gekränkt
 fühlte. "Du wirst doch wohl noch warten können, bis ich dir ein paar Fische
 anbiete. Sie sind noch nicht fertig!"

 Die gefräßige Krähe versuchte mit allen Mitteln, den Kranich davon zu
 überzeugen, dass die Fische halb gar am besten schmecken. Dabei fiel dem
 Kranich etwas ein, und er stellte kennerhaft fest: "Am besten schmecken sie
 mit Dillkraut und Salbei." Und er drehte sich vom Feuer weg, um ein paar
 Kräuter zu pflücken.

 Die Krähe, die es nicht erwarten konnte, nützte den Augenblick und ergriff
 den Stock. Flink stocherte sie einen Fisch aus der Asche.

 Als der Kranich das sah, wurde er sehr böse. Er nahm den Fisch, den die
 Krähe sich mopsen wollte, und schlug damit nach ihrem weißen Köpfchen.

 Entsetzt wich dir Krähe zurück, stolperte und flog in die schwarze Asche.
 Sie schrie vor Wut und Angst und konnte sich nicht sofort wieder aufrappeln.
 Der Kranich zog sie wortlos heraus. Mit leerem Magen und die Federn voller
 Asche eilte sie laut keifend davon.

 Seit dieser Zeit haben alle Krähen ein dunkles Gefieder. Die Krähe konnte es
 nicht überwinden, dass sie wegen einer solchen Kleinigkeit ihre weiße
 Federpracht hatte einbüßen müssen. Sie sann auf Rache.

 Eines Nachmittags, als der Kranich nach einer reichlichen Mahlzeit am Ufer
 des Teiches ein Nickerchen hielt und behaglich schnarchte, pirschte sich die
 Krähe leise heran. Sie packte eine der abgenagten Fischgräten und steckte
 sie dem Kranich ganz vorsichtig in den halbgeöffneten Schnabel. Dann flog
 sie geräuschlos in einen dichtbelaubten Baum und linste in schadenfroher
 Erwartung zu dem ahnungslosen Schläfer hinüber.

 Endlich erwachte der Kranich. Er reckte sich genüsslich und sperrte weit den
 Schnabel auf, um kräftig zu gähnen. Sofort fühlte er ein Kratzen und Stechen
 im Hals. Er spuckte und würgte, aber die Fischgräte rührte sich nicht. Er
 wollte um Hilfe schreien. Doch er brachte nur ächzende Laute hervor.

 So hatte sich die Krähe für ihr dunkles Gefieder gerächt, und seit dieser
 Zeit hat der Kranich eine krächzende, heisere Stimme.

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