Der Affe als Richter (Indien) Früher, als fast noch alle Tiere frei herumliefen und erst wenige von ihnen bei den Menschen wohnten, lebten im Haus eines Gelehrten ein Hund und eine Katze. Eines Tages hatte der Gelehrte einen frisch gebackenen Kuchen geschenkt bekommen. Da er für ein paar Stunden das Haus verlassen musste, stellte er ihn zur Sicherheit auf ein Brett, das an der Wand hing. Die Katze hatte den Gelehrten aufmerksam beobachtet, und kaum war dieser zur Tür hinaus, sprang sie auf den Korbsessel, der am Fenster stand, von dort auf den Tisch, und von dort wagte sie den weiten Sprung auf das Brett. Der Nagel, der das Brett mit einem Bambusgeflecht nur notdürftig verband, war diesem Ansturm nicht gewachsen. Polternd stürzte das Brett mit dem Kuchen und der Katze zu Boden. Der Hund hatte sich schläfrig in der Sonne ausgestreckt und auf die Rückkehr seines Herrn gewartet. Bei dem plötzlichen Getöse fuhr er erschreckt auf und sauste in das Zimmer. Als er den wohl duftenden Kuchen in den Fängen der Katze sah, sprang er auf sie zu und wollte ihn ihr entreißen. Die Katze wehrte sich fauchend und verpasste ihrem Hausgenossen einen kräftigen Schlag auf die Nase. Der Hund jaulte auf. Ein Affe turnte gerade über die Gartenmauer und blickte neugierig zum Fenster hinein. "Warum streitet ihr zwei euch bei einem so herrlichen Wetter?" fragte er belustigt. Der Hund bellte wütend: "Diese nichtsnutzige diebische Katze hat unserem Herrn seinen Kuchen stibitzt!" - "Was geht dich das an?" maunzte die Katze böse. "Während du faul in der Sonne gedöst hast, habe ich mich sehr geplagt. Ich habe mir den Kuchen mühsam verdient!" "Unverschämtes, eigennütziges Biest", knurrte der Hund, "glaubst du, du kannst den Kuchen allein essen? Er gehört unserem Herrn, ich habe also auch ein Anrecht darauf." "Hört auf zu streiten!" sagte der Affe. "Ist der Kuchen nicht groß genug für euch beide? Ich sehe dort auf dem Tisch eine Waage stehen. Ich werde euch die Beute in zwei gleiche Stücke teilen." Die Katze und der Hund waren damit einverstanden. Aufgeregt verfolgten sie, wie der Affe den Kuchen durchbrach und die eine Hälfte auf die eine, die zweite Hälfte auf die andere Waagschale legte. Die eine Waagschale plumpste hinunter. "Das Stück ist wohl etwas zu schwer", meinte der Affe mit ernsthafter Miene, bröckelte ein paar Krumen davon ab und steckte sie genüsslich in den Mund. Hund und Katze sahen erwartungsvoll zu, wie sich die Schale langsam wieder hob. "jetzt ist es gut!" rief der Hund. "Nein!" sagte der Affe streng. "Das Kuchenstück ist noch etwas zu schwer. Man soll mir nicht nachsagen, dass ich ein ungerechter Richter bin." Mit diesen Worten brach er noch ein kleines Stück von dem Kuchen ab, und ließ es in seinen Mund wandern. Aber er hatte zuviel genommen, denn jetzt sank die andere Waagschale hinunter. Der Affe murmelte ein paar unverständliche Worte und begann von dem zweiten Stück Krümel für Krümel abzubrechen und behaglich in den Mund zu schieben, bis die beiden Waagschalen sich nach und nach wieder näherten. Im letzten Augenblick nahm er nochmals zuviel von dem größeren Kuchenstück, so dass dieses jetzt kleiner wurde als das andere und die Waagschale sich hob. Er musste seine Arbeit von neuem beginnen. Dieser Vorgang wiederholte sich so lange, bis eine Waagschale schließlich ganz leer war und auf der anderen nur noch ein Stückchen lag. Da wurde er böse und schimpfte mit dem Hund und der Katze: "Wegen solch einer lächerlichen Kleinigkeit zankt ihr euch und bemüht mich als Schiedsrichter? Ihr sollt euch schämen! Damit nun endgültig Frieden herrscht, esse ich das Kuchenstückchen selber auf." Er steckte auch noch den letzten Happen in seinen Mund und schwang sich aus dem Fenster. Der Hund und die Katze sahen ihm verdutzt nach. "Das hast du nun davon!" fauchte die Katze. "Warum bist du auch so geizig gewesen", knurrte der Hund und trottete zurück an seinen Sonnenplatz. "Man kann sich auf niemanden mehr verlassen", brummte er und schlief wieder ein. Der Affe als Schiedsrichter (Korea) Ein Hund und ein Fuchs erblickten gleichzeitig eine schöne große Wurst, die jemand verloren hatte, und nachdem sie eine Weile unentschieden darum gekämpft hatten, kamen sie überein, mit der Beute zum klugen Affen zu gehen. Dessen Schiedsspruch sollte gültig sein. Der Affe hörte die beiden Streitenden aufmerksam an. Dann fällte er mit gerunzelter Stim das Urteil: "Die Sachlage ist klar. Jedem von euch gehört genau die halbe Wurst!" Damit zerbrach der Affe die Wurst und legte die beiden Teile auf eine Waage. Das eine Stück war schwerer. Also biss er hier einen guten Happen ab. Nun wog er die Stücke von neuem. Da senkte sich die andere Schale; happ-schnapp, kürzte er auch diesen Teil. Wiederum prüfte er sie auf Gleichgewicht, und nun musste wieder die erste Hälfte ihr Opfer bringen. So mühte der Affe sich weiterhin, jedem sein Recht zu schaffen. Die Enden wurden immer kleiner und die Augen von Hund und Fuchs immer größer. Schließlich, rutsch-futsch! war der Rest hier und dort verschlungen. Mit eingeklemmten Ruten schlichen Hund und Fuchs in verbissener Wut davon. In gehöriger Entfernung fielen sie übereinander her und zerzausten sich. Warum die Affen den Tigern Steuer leisten müssen (Java) In früherer Zeit fraß der Tiger nur Mücken, Fliegen, Heuschrecken und ähnliches. Da war der Büffel mit ihm noch innig befreundet und hatte sich auf seinem Gebiete den Bauch dick gefressen. Dies erweckte die Eifersucht des Affen, so dass er dem Tiger den Rat erteilte, den Büffel zu verschlingen. Der Tiger gibt diesen Einflüsterungen Gehör, der Büffel aber setzt sich mit solch unbeugsamer Entschlossenheit zur Wehr, dass der Tiger vor ihm die Flucht ergreift. Der Büffel, in Furcht, früher oder später dem Zorn seines ehemaligen Freundes zum Opfer zu fallen, sucht Hilfe bei allerlei Tieren, findet aber keines, das es wagt, sich dem Tiger gegenüberzustellen, ausgenommen den Widder ohne Hörner; dieser verspricht, ihm helfen zu wollen. Schweigen wir jetzt vom Büffel und vom Widder, und erzählen wir von ihm, der so eilig sich geflüchtet hatte, dem Königstiger, der weggeschlichen war und sich versteckt hatte im Glagahrohr. Bald kam der Affe wieder zu ihm, und als er ihn angetroffen hatte, sprach er empört: "Dein Name ist Tiger und sieh! du fürchtest dich und ergreifst die Flucht wie ein Hase! Wenn ich so große Zähne hätte wie du, würde ich den Büffel von hinten anfallen, wenn er sich nicht gutwillig unterwerfen will: das eine oder das andere! Wenn ich so große Zähne hätte wie du und solche Krallen an den Vorder- und Hinterpfoten, warum sollte ich denn weglaufen?" Der Königstiger sagte: "Ich fürchte mich nicht vor dem Büffel; ich sann eben nach und wollte im Dickicht ruhen, um mich ein wenig zu erholen. Wenn er ruhig in gebogener Haltung dasteht, werde ich mich ihm sofort leise von hinten nähern." Der Affe antwortete: "Da hast du recht; wenn du aber den Büffel nur unvorbereitet finden kannst! Denn er ist davongelaufen, um sich Hilfe zu suchen; ich habe ein wachsames Auge gehalten auf alles, was er tat: er ist hingegangen zum Widder, um dessen Hilfe zu suchen. Dieser hat versprochen, es mit dir aufzunehmen, und noch viel anderes hat er auf sich genommen, genügend, um einen in Zorn zu bringen; auch sei er, renommiert er, dir wohl gewachsen. Wenn ich scharfe, große Zähne hätte wie du, so würde ich nicht lange zögern; ich würde ihm den Kopf zerschmettern, ich würde ihm, krach! das Genick umdrehen, sein Fleisch würde ich fressen, sein Blut würde ich schlürfen!" Als der Tiger dies vernahm, geriet er in Wut und sagte laut: "Scheut der Widder wirklich nicht davor zurück, es mit mir aufzunehmen?" Der Affe fuhr fort: "Ich werde doch nicht lügen! Der Büffel hat sich sogar schon hinter dem Widder niedergelegt, da liegt er höchst bequem und gemütlich und wiederkäut; er ruht im Schatten der Bäume mit seinem dicken Körper, der so fett ist wie pures Schweinschmalz." Rasch begab sich jetzt der Tiger nach der Stelle, wo der Widder war. Um auf alles Acht geben zu können, sprang und turnte der Affe von dem einen Zweig auf den andern; von oben konnte er alles gut beobachten und zugleich an allerlei Früchten sich satt fressen. Der Widder war fortwährend auf seiner Hut gewesen; jetzt näherte er sich der Bananenpflanzung, die er vorher angezündet hatte, so dass die Stämme schon verkohlt waren; der Büffel wich nicht von seiner Seite. Als die beiden bei den Bananenbäumen angekommen waren, kam der Königstiger. Da sie nur noch einen Steinwurf voneinander entfernt waren, blieb der Widder stehen und schrie: "Guck, hier kommt der Tiger! Sollte er wirklich meine Unverletzlichkeit, meine Vortrefflichkeit und Kraft im Gefecht auf die Probe stellen wollen? Wohlan, lasst uns dann kämpfen! Aber wenn du erst einmal eine Probe von mir gesehen hast zum Beweise, dass ich nicht zuviel gesagt habe, so erinnere dich an meine Worte! Zuerst werde ich dir jetzt eine Probe zeigen. Bleibe nur dort, und sieh zu, was ich kann. Wenn du das gesehen hast und noch darauf bestehst, wohlan, dann lass uns ringen, sooft du willst. Du aber darfst dann nicht dem Kampf entfliehen, obwohl ich schon voraus ahne, dass du es versuchen wirst." Sogleich machte sich der Widder auf und warf sich gegen die Bananenbäume, deren Stämme ganz und gar verkohlt waren. Und als er hin und her sprang, fielen die Stämme alle auf- und übereinander. Dabei schrie der Widder: "Nun, Tiger, schau mich einmal an!" Als der Tiger dies alles gesehen hatte, verlor er den Mut und machte sich eiligst davon. Er ging ins Dickicht und schlich sich in das Glagahrohr, laut brüllend vor Angst und hin und her laufend. Mittlerweile näherte sich der Widder einem Weiher, ohne einen Augenblick von der Seite des Büffels zu weichen. Schnell pflückte er einige junge Djatiblätter und fing an, dieselben zu kauen; infolgedessen lief der rote Saft ihm längs des Mundes herab, so dass es aussah, als ob sein Mund mit Blut befleckt wäre. Darauf stieg der Affe vom Baume herunter und begab sich zu dem erschreckten Tiger, der sich im Niederholz versteckt hatte. Er sagte: "O Tiger, warum bist du so feige geflüchtet und hast dich versteckt? Warum hast du den Widder nicht angegriffen? Pfui! Wie du jetzt ängstlich hin und her läufst!" Der Tiger antwortete leise: "Ich bin geflohen, weil der Widder so gewaltige übernatürliche Kräfte besitzt. Bäume, die er nur eben berührte, fielen um, drei oder vier oder gar fünf zugleich. Seine Kraft ist außergewöhnlich, und ich glaube, dass er unverwundbar ist. Wenn er nur seine Haut rieb an den Bäumen, fielen sie gleich in Massen um. Dies wunderte mich sehr, und ich fürchtete mich, als ich sah, welche übernatürliche Kraft der Widder besitzt; ich sah es aus der Ferne, wie die Bäume fielen, wenn er an dieselben nur anstieß oder denselben Fußtritte gab; ohne dass es ihm Mühe machte, fielen sie verwirrt durcheinander. Welche Bäume es waren, weiß ich nicht, weil ich es nicht wagte, näher zu treten." Der Affe schrie: "Dir gebührt der Name Schafskopf, o Tiger! Da du nicht Acht gegeben hast, hat er dich zum besten haben können. Den Bananenwald hatte er schon früher angezündet, und jetzt sind die Bäume tot, die Blätter sind verschwunden, die Stämme verkohlt. Beim bloßen Blasen wären sie schon umgefallen; ich selbst, und wären es tausend oder zweitausend gewesen, hätte ohne Anstrengung dieselben umstürzen können, und dich hätte ich fürwahr nicht dabei zu Hilfe gerufen!" Als der Tiger dies gehört hatte, war er ganz bestürzt; schließlich sprach er freundlich: "Wenn es ist, wie du sagst, so werde ich gleich noch einmal hingehen; ich habe jetzt wieder neue Kräfte gesammelt und Atem geschöpft." Der Affe fügte hinzu: "Überlege aber nicht zu lange, sondern greife ihn sofort an. Der Widder ist nicht gefährlich, er hat keine Hörner und keine Zähne, wovor solltest du dich denn fürchten? Überfalle ihn, dreh' ihm das Genick um, friss sein Fleisch, und kratze ihm die Augen aus dem Kopf!" Jetzt brach der Tiger schnell auf, um den Widder aufzusuchen. Der Affe zeigte ihm den Weg und behielt von den Bäumen aus alles im Auge, was unten vorging. Bald kam der Tiger zu dem Widder. Dieser sprach empört: "Ei, da kommt der Königstiger schon wieder! Es scheint, als ob er den Tod suche. Weißt du nicht, dass ich Tiger fresse? Sieh nur, was dort im Wasser liegt! Blick nur in diesen Weiher hinab und öffne die Augen recht weit! Eben habe ich einen Tiger aufgeknuspert; seinen Kopf habe ich ins Wasser geworfen. Sieh nur selbst, wenn du mir nicht glaubst." Und sieh, der Tiger tat, wie ihm befohlen war; ängstlich und voller Furcht schlich er vorsichtig und langsam näher. An den Rand des Weihers gekommen, guckte er hinab und sah dort seinen eigenen Kopf, der sich im Wasser spiegelte. Ungestüm und ohne Scheu kam jetzt der Widder herbeigeeilt, immer Djatiblätter kauend, den Mund blutrot, während der nieder fließende Saft rote Spuren auf dem Weg zurückließ; kühn und ohne Furcht kam er näher. Als der Tiger ihn herankommen sah, war er der Meinung, der Widder wolle ihn vertilgen. Er sprang seitwärts und ergriff eilig die Flucht; ängstlich brüllend und ganz erschreckt versteckte er sich aufs neue im Glagahrohr, in der Furcht, dass er verfolgt werde. Er meinte, er sei in einen Hinterhalt gelockt worden, und der Affe habe ihn in den Tod schicken wollen. Höchst bestürzt ging er davon, um in einer unzugänglichen Schlucht Zuflucht zu suchen. Schnell stieg der Affe von seinem Baum herunter, um den Tiger aufzusuchen. Als er ihm begegnet war, sprach der Tiger: "Du hast mich ins Unglück stürzen wollen; man kann dir nicht trauen; von allem, was du sagst, ist nichts wahr. Warum hast du mich in einen Hinterhalt gelockt? Der Widder frisst wirklich Tiger, ich habe mich davon selbst überzeugt. Wirklich war ein Tigerkopf im Weiher, der Überrest eines Tigers, den er verschlungen. Wenn ich mich nicht schnell geflüchtet hätte, so hätte er auch mich verzehrt. Höchst bösartig hast du dich betragen und deinen Freund von dir entfernt; du bewirkst, dass du vergessen wirst von denen, die deiner bisher gedachten. Du bist der Auswurf der Welt, ein Erzbösewicht!" Da sagte der Affe leise, indem er in gebückter Haltung sehr demütig sich vor ihn stellte: "O Tiger, ich will dir jetzt etwas sagen; glaube mir nur, wiederum bist du von ihm betrogen worden. Der Widder ist voll trügerischer Streiche und hat dich schlau überlistet. Es waren Djatiblätter, die er lange gekaut hat, und davon wurde natürlich sein Maul so rot wie von Blut. Und was du im Wasser des Weihers sahst, das war nur das Spiegelbild deines eigenen Kopfes. Dasjenige, was im Wasser zu sehen war, das war wohl ein Tigerkopf, gewiss; denn das Bild war ja das deines eigenen Kopfes! Sieh, hier habe ich einige junge Djatiblätter mitgebracht!" Da fing der Affe an, die Djatiblätter zu kauen, so dass der Saft ihm den Mund entlang rann, und er rief: "Schau, Tiger, jetzt ist mein Mund auch wie von Blut gerötet; glaubst du mir es jetzt noch nicht, dass der Widder eben dasselbe getan hat?" Als der Tiger dies sah, war er ganz erstaunt und wurde sehr ärgerlich. Dennoch hatte er Bedenken, seine Angst war nicht ganz gewichen, und noch wollte er den Worten des Affen nicht trauen; er war im Zweifel, ob er wirklich das Opfer einer List geworden sei, ohne dass er etwas davon gemerkt habe. Der Widder war auch so überaus ruhig gewesen, ohne jede Furcht und Scheu. Der Affe sagte wieder: "Nun, Tiger, traust du jetzt meinen Worten?" Langsam antwortete der Tiger: "Noch nicht völlig!" Da sprach der Affe in überredendem Ton: "Wenn du noch zweifelst, so lass mich dich begleiten; binde meinen Schwanz an den deinigen, so dass ich auf deinem Rücken reiten kann; dann wollen wir uns sofort auf den Weg machen." Dieser Vorschlag war dem Tiger recht; er band den Schwanz des Affen mit Stängeln fest an den seinigen; und so begaben sie sich auf den Weg und kamen bald zu dem Widder. In einer Entfernung von anderthalb Steinwürfen, nicht näher, nicht weiter, rief dieser: "Sieh, da kommt der Affe, mir seine Steuer von Tigern zu bringen. Aber was ist denn das? jeden Tag bringt er mir zwei und jetzt nur einen!" Kaum hörte der Tiger diese Worte des Widders, so sprang er seitwärts und brauste davon, und wie der Wind machte er sich aus dem Staube, ohne hinter sich zu blicken, so sehr hatte der Schrecken sein Herz erfasst. Durch den schnellen Lauf wurde der Affe von seinem Rücken geschleudert und fiel herab; er wurde fortgeschleppt und hin und her geworfen, wie ein Lappen bei der Wäsche mit dem Kopfe gegen die Steine geschleudert. Noch war sein Körper nicht los von dem des Tigers, doch war er ganz zerschmettert und zerrissen. Endlich wurde auch der Körper losgerissen, und nur sein Schwanz blieb übrig, der festgebunden war und nicht los konnte. Mittlerweile schnellte der Tiger fort, durch das Glagahrohr sich windend, stieg in Schluchten hinab und sprang wieder auf hohe Felsen, voll Angst und Furcht. Er war wütend auf den Affen, dieser aber war mausetot. Fortan aber zerschmetterte der Tiger, wenn er sich eines Affen bemächtigen konnte, diesem das Genick und fraß ihn bis auf die Knochen. Tag und Nacht, vom frühen Morgen bis zum Abend, verzehrte er seine Beute. So wurde er auf Affenfleisch erpicht, fing aber allmählich an, auch andere Tiere des Waldes zu verschlingen. Und dies eine wurde Naturgesetz: dasjenige, was vorzugsweise dem Tiger zur Nahrung dienen sollte, waren die Affen, auf die er jetzt erpicht geworden war. Aber außer denjenigen, welche von Zeit zu Zeit von den Tigern selbst gefangen wurden, mussten die Affen jedes Jahr noch einige von ihnen den Tigern als Steuer zum Fraße ausliefern. Immerfort sollte dies so seinen Fortgang haben, ohne Ende, bis zum Tage der Auferstehung. Noch immer leisten die Affen diese Steuer, und diese fließt den Tigern zu, Falls sie es nicht täten, würden die Affen sich nirgends zeigen, nirgends hingehen können, um ihre Nahrung zu suchen. Darum also sagen einige zuverlässige Erzählungen: Wenn ein Trupp Affen hoch in einem Waringinbaume sitzt, so liegt unten ein Tiger, der Wache hält und ihre Bewegungen in den Bäumen, die ihnen als Wege dienen, fest im Auge behält. Wie lange es auch dauern möge, der Tiger verweilt unter dem Baum, er geht nicht weg, bevor ihm ein oder zwei oder drei der Affen ausgeliefert wurden, so viele von ihrem Hauptmann angewiesen sind. Sobald einer der Affen dazu bestimmt ist, dass er als Steuer diene, gehen die übrigen folgenderweise zu Werke: Derjenige, welcher zum Opfer ausersehen ist, wird von seinen Gefährten gedrängt und überall verfolgt. Alle haben es auf ihn abgesehen; sie zerren, drängen und stoßen ihn von recht und links, bis er auf die Erde fällt. Da fängt ihn der Tiger auf und zuckend und zappelnd wird er aufgezehrt. So geht es fort, bis von den Affen zehn oder zwanzig von ihm verschlungen sind, je nach der Bestimmung. Wenn die Zahl voll ist, geht der Tiger von dem Waringinbaum fort. Darauf steigen die Affen hinab, um ihre Nahrung zu suchen. Nur ihr König und ein großer Affe, den er zum Wesir bestellt hat, bleiben mit ihren Weibchen oben in der Krone des Waringin und warten. Der Nahrung wegen haben sie sich durchaus keine Sorge zu machen; ein bestimmter Teil davon wird ihnen zugewiesen, denn die anderen Affen bieten ihnen das Beste und Schmackhafteste der Speisen dar. Also ist das Betragen der Affen, keinen Tag weichen sie davon ab. Und wenn nur ihre Gemütsart eine bessere wäre, wenn sie nicht so bösartig wären, so würden sie, wie gering auch ihre Besitztümer sind, dennoch freudvoll und glücklich in der Mitte ihrer Mitgeschöpfe leben können; denn in der Tat haben sie unter allen den größten Verstand. Wenn sie doch nur zu unterscheiden wüssten zwischen erhabenen und niedrigen Taten, wenn sie nur begreifen wollten, dass das Gute seinen Lohn findet sowohl im eigenen Gemüte wie vor dem Auge der Welt und übergeht auf Kinder und Enkel! In diesem Falle würden sie nicht während ihres ganzen Lebens ein kümmerliches Dasein fristen und jedes Jahr in Unzahl den Tigern zur Beute fallen! Büffel- oder Ziegenbraten (Indonesien) Ein Indonesier erhielt für den gleichen Tag zwei Einladungen: Ein Freund an der Flussmündung veranstaltete ein Ziegenschlachtfest, ein anderer am Oberlauf des Wassers versprach Büffelbraten und leckeren Klebereis. "Wohin gehe ich nun?" sprach der Geladene zu sich selbst und schnalzte mit der Zunge, denn Ziegenfleisch war sein Lieblingsessen. Auf Büffelbraten mit Klebereis wollte er aber auch nicht verzichten. Nachdem er lange hin und her überlegt hatte, schritt er endlich flussaufwärts. Nach einer Stunde aber hielt er inne und sagte zu sich: "Ein Büffel ist ein gewaltiges Tier, das nicht so rasch verzehrt werden kann. Da komme ich später immer noch zurecht. Ich nehme zunächst den süßen Ziegenbraten als Vorgericht." Also wendete er und lief der Mündung zu. Als er nach einem langen Marsch eben das Dorf des Freundes erreicht hatte, begegnete ihm eine lustige Gruppe von Menschen, und er fragte, woher sie kämen. "Vom herrlichen Ziegenschlachtfest - es ist eben vorüber -, wir sind satt und fröhlich!" Da bekam der Mann einen großen Schrecken, machte kehrt und eilte spornstreichs zum Dorf am Oberlauf. "Da werde ich mich am Büffelfleisch mit Klebereis doppelt schadlos halten. Und die Anstrengung gibt guten Hunger!" Endlich langte er schweißbedeckt am Ziele an. Rings um die Hütte des Freundes duftete es wundervoll nach Büffelbraten und Klebereis; doch drinnen war es merkwürdig still. Da trat auch schon der Gastgeber heraus, freudig rot im Gesicht, und rief verwundert: "Warum kommst du so spät? Die Geladenen sind eben fort gegangen, und alles ist aufgegessen worden." Falke und Huhn (aus dem indischen Pantschatantra) Ein Falke sprach zum Huhn: "Warum bist du eigentlich gegen den Menschen so undankbar?" "Wie meinst du das?" wollte das Huhn wissen. "Nun, ich sehe, wie die Menschen dich mit außergewöhnlicher Sorgfalt betreuen. Sie geben dir regelmäßig dein Futter, sie bereiten dir einen warmen Stall, sie sichern des Nachts dein Ruhe gegen Feinde und Störungen. - Du aber, wenn jemand dich einmal greifen will, wehrst dich mit großem Gegacker und suchst zu entfliehen. Warum das nur? Wenn mir ein Mensch schmeichelt, lasse ich mich fangen, werde zahm und fresse ihm aus der Hand. Du aber bist undankbar!" "Dazu möchte ich etwas bemerken", gackerte das Huhn, "höre: Du hast gewiss noch niemals einen Falken am Bratspieß gesehen, ich dagegen meinesgleichen schon in Menge!" Warum die Fledermäuse am Tag schlafen (Pakistan) Vor langer Zeit brach zwischen den Vögeln und den Säugetieren ein heftiger Krieg aus. Während alle Tiere erbittert gegeneinander kämpften, zog sich die Fledermaus in einen hohlen Baum zurück und dachte: "Ich will erst einmal abwarten, welche Seite gewinnt; denn niemand von den Tieren kennt mich genau und weiß, wer ich bin. Die einen behaupten, ich sei ein Landtier, und die anderen sagen, ich sei ein Vogel. Das beste ist, ich warte das Ende des Streites ab und schlage mich dann auf die Seite der Sieger." Aufmerksam verfolgte sie den erbitterten Kampf zwischen beiden Heeren. Auf einmal schien es ihr, als würden die Vögel siegen. Flink flatterte sie aus ihrem sicheren Versteck und wollte sich schon unter die gefiederten Krieger mischen, als sie sich plötzlich besann: "Vorsicht! Nur nichts überstürzen", sagte sie zu sich und schwirrte zum Baum zurück. "Ich will mich ihnen erst anschließen, wenn der Kampf endgültig entschieden ist." Das Kriegsglück schlug um, und die Säugetiere drängten die Soldaten der Luft mächtig zurück. "Ha! Wie gut, dass ich gewartet habe!" freute die Fledermaus sich und hüpfte zu den Landtieren. "Schaut mich an!" rief sie. "Ich gehöre zu euch. Mein Gebiss ist das eines Raubtieres, mein Gesicht ähnelt dem Affen, und außerdem säuge ich meine jungen mit Milch. Ich will euch helfen. Lasst mich auf eurer Seite helfen!" Und sie schwor den Säugetieren unbedingte Treue. Der Affe legte bei seinen Kameraden ein gutes Wort für die Fledermaus ein, und sie wurde mit Ehren aufgenommen. Die mutigen Vögel wehrten sich unter der geschickten Führung des Adlers verbissen gegen ihre Feinde, schließlich wechselte das Glück auf ihre Seite, und sie gewannen die Schlacht. Da befiel die Fledermaus eine panische Angst. In ihrer Furcht spürte sie schon den tödlichen Dolch des Adlers. Eilig floh sie in die Berge, verbarg sich in einer finsteren Höhle und wagte nicht einmal mit den Augen zu blinzeln, ob ihr jemand gefolgt war. Seit dieser Zeit versteckt sich die Fledermaus tagsüber in Ritzen, Löchern und Höhlen und wagt sich nur des Nachts heraus, wenn die meisten Vögel schlafen. Der Hahn und der Falke (Syrien) Ein Hahn versuchte laut krähend über den Zaun des Hofes aufs freie Feld zu flattern. Das beobachtete ein Falke, der auf einem Pfahl saß. "Du undankbares Vieh!" schalt dieser. "Warum magst du die Menschen nicht, die alles für dich tun, um dir dein Leben angenehm und leicht zu machen? Sie ernähren dich reichlich mit den besten Körnern; sie wählen für dich die hübscheste und gesündeste Henne zur Gemahlin aus; und sie sorgen für dich und deine große Familie und pflegen euch, wenn ihr krank seid. Anstatt dich darüber zu freuen und dich dankbar zu erweisen, versuchst du immer wieder zu entkommen, bist unzufrieden und böse, springst auf den Zaun, schreist und zeterst und willst nicht in das Haus zurück, in dem du mit viel Liebe aufgezogen wurdest. Ich hingegen benehme mich ganz anders." "Dummkopf!" prustete der Hahn aufgebracht und wollte noch etwas hinzufügen. Aber der stolze Falke sprach weiter. "Ja, ich benehme mich viel besser! Obgleich es mir in den ersten Tagen bei den Menschen gar nicht gut ging! Als sie mich aus dem Nest holten, haben sie mir die Augen verdeckt, mich nicht schlafen lassen und mit Hunger gepeinigt, bis ich mich an sie gewöhnt hatte und verstand, was sie von mir wollten und dass sie es nur gut mit mir meinten. Da durfte ich wieder frei fliegen. Sie sorgten rührend für mich und nahmen mich mit auf die Jagd. Wenn ich wollte, so könnte ich leicht fliehen und brauchte nie mehr zu den Menschen zurückzukehren. Aber ich bin nicht so undankbar wie du." "Du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst", schalt der Hahn. "Hättest du nur einen einzigen gebratenen Falken auf dem Tisch deines Herrn erblickt, du würdest niemals zu ihm zurückkommen, wenn du einmal davongeflogen wärest." Hasenlist (Hitopadesha) In einem Wald hauste ein fürchterlicher Löwe, der unaufhörlich die anderen Tiere verfolgte und mordete. Da schlossen sie sich zusammen und beschlossen, den Löwen als König anzuerkennen und ihm täglich ein Tier zu opfern, wenn er mit dem Ausrotten aller Bewohner aufhören würde. Eines Tages fiel die Wahl auf einen alten Hasen, er sollte dem Löwen als Nahrung dienen. Aber der Hase war ein gewieftes Bürschchen und mit allen Wassern gewaschen. "Der König will mich umbringen", dachte er, "also muss ich ihm nicht länger gehorchen. Ich lasse mich nicht wie ein einfältiges Lamm geduldig abschlachten." Der Hase zockelte gemächlich zum König und näherte sich ihm im Schneckentempo. Der hungrige Löwe wurde zornig und brüllte: "Du ungehobelter Flegel, du wagst es, deinen König warten zu lassen?" "Verzeiht, mein edler König", stotterte der gerissene alte Hase mit ersterbender Stimme, "die Angst sitzt mir noch in den Knochen und hat mich völlig gelähmt. Stellt Euch vor, welchen Schrecken ich erlitten habe, als ich auf dem Weg zu Euch einen anderen Löwen traf. Zunächst freute ich mich, denn ich glaubte, Ihr wäret es. Aber welch Entsetzen packte mich, als ich erkennen musste, dass es ein fremder Löwe war. Mein König, er sah Euch so ähnlich, als wäre es Euer Bruder. Nur schien er mir, Ihr verzeiht meine Aufrichtigkeit, ein wenig stärker zu sein als Ihr. Er ergriff mich grob bei meinen Ohren und wollte mich verschlingen! Denkt Euch nur, ausgerechnet mich, den alle Tiere für unseren heiß geliebten König auserwählt hatten. Geistesgegenwärtig verteidigte ich Euer Vorrecht auf mich und erzählte ihm, dass mich die Pflicht zu Euch ruft. Darauf ließ er mich unsanft fallen und hieß mich schwören, sobald ich Euch benachrichtigt hätte, postwendend zu ihm zurückzukommen." Dem König hatten sich bei den Worten des Hasen vor Grimm die Haare aufgestellt. Er raste: "Wo ist dieser verwegene Lümmel, der die Frechheit besitzt, in mein Reich einzudringen und meinen Untertanen zu befehlen? Langohr, auf der Stelle führst du mich zu ihm!" Der durchtriebene Hase sträubte sich mächtig. Aber der Löwe fuhr ihn an: "Wirst du wohl folgen! Du hast keinen Grund, dich zu fürchten." Der findige Hase führte den Löwen einen weiten Weg und dachte dabei: "Die Zeit wird für mich arbeiten; je weiter der Weg, um so größer der Hunger des Königs; je größer der Hunger, desto stärker sein Zorn; je stärker sein Zorn, um so sicherer gelingt mir mein Streich." Endlich lockte der Schlaukopf den Löwen zu einem Brunnen, blieb davor stehen und flüsterte ihm mit zittriger Stimme zu: "Dort unten haust der Fremde." Der König blickte wutschnaubend in die Tiefe. Als er dort unten einen Uwen sah, stürzte er sich kampfwütig hinunter und ertrank. Er hatte sein eigenes Spiegelbild für einen Rivalen gehalten. Der hochmütige Geier (Burma) In grauer Vorzeit war der Geier ein friedfertiger, freundlicher Vogel, der sich mit den anderen Tieren gut verstand. An einem heißen Sommertag überflog er in großen Kreisen die weite, offene Landschaft und beobachtete mit seinen scharfen Augen eine Büffelherde. Er hatte ein krankes Tier entdeckt, und als dieses in der Hitze zusammenbrach, flog er herab, setzte sich ruhig in die Nähe des sterbenden Tieres und wartete geduldig, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Erst als er ganz sicher war, dass das Tier nicht mehr lebte, stillte er seinen Hunger. Danach flog der Geier zum Fluss, um sich gründlich zu reinigen, denn er ist ein sehr sauberes Tier. Und nach dem erfrischenden Bad stolzierte er am Flussufer entlang und unterhielt sich angeregt mit einer Ente. Dabei fiel zufällig sein Blick ins klare Wasser. Entsetzt flog der Geier in die Luft, kehrte aber sofort wieder zum Fluss zurück. Er musste wissen, ob das wirklich sein Spiegelbild gewesen war, was ihm eben so grässlich aus den Wellen entgegengelacht hatte. "Oh, wie hässlich bin ich!" stöhnte er auf "Mein Gefieder ist zwar dicht und schön, aber dieser Kopf und dieser Hals! Ich bin eine Schande für alle Vögel. Nur eine einzige große Feder ziert mein Haupt und spärliche kleine Federchen bedecken meinen Hals." Der Geier schämte sich sehr und flog zu einer fernen Felshöhle, um sich dort vor den Augen der anderen Tiere zu verbergen. Er jammerte und haderte mit seinem Schicksal. "Warum muss gerade ich so hässlich sein?" klagte er. "Selbst die Enten und die Gänse haben einen hübschen Kopf. Warum bin ausgerechnet ich nicht schön!" Bekümmert aß er keinen Bissen mehr und ließ sich auch von niemanden trösten. Er wäre in seiner Höhle elend verhungert, wenn die anderen Vögel nicht Mitleid mit ihm gehabt hätten. Der königliche Adler ließ alle Vögel zu sich rufen und sprach: "Wir müssen unserem Freund helfen. jeder von uns reiße sich eine schöne Feder aus und bringe sie ihm! Dann kann der Geier seinen Kopf und seinen Hals bedecken und muss sich nicht länger vor uns schämen." Alle Vögel waren mit dem Vorschlag einverstanden und flogen mit einer Feder zu ihrem unglücklichen Freund. Bald war dieser mit den glänzensten Federn überhäuft. Und nicht nur der Kopf und der Hals erstrahlten unter dem neuen Kleid, nein, er hatte auch noch genug Federn, um seinen ganzen Körper zu schmücken. Überglücklich trat der Geier wieder in das Sonnenlicht und ließ sich von seinen Freunden unter lautem Jubel zum Fluss führen. Jetzt konnte er sich an seinem Spiegelbild nicht satt genug sehen. Immer wieder drehte er und wendete er sich und starrte voller Stolz ins Wasser. Er hatte das prachtvollste Gefieder von allen Vögeln. Von nun an flog der Geier sehr häufig zum Fluss, um sich darin zu betrachten. Von Tag zu Tag wurde er hochmütiger und blickte auf die anderen Vögel herab. Spottend verfolgte er die kleine Nachtigall: "Wie abscheulich siehst du aus. An deiner Stelle würde ich mich nicht einmal des Nachts zeigen, sondern unter der Erde verbergen und die schöne Natur nicht mit meiner Hässlichkeit beleidigen. Sieh nur meine Farbenpracht!" Von morgens bis abends flog er laut geifernd umher und wollte von allen bewundert werden. Unaufhörlich gab er mit seiner Schönheit an. "Kein Wunder, dass du nicht fliegen kannst! Mit deinem dürftigen Federkleid kommst du nicht eine Buschhöhe über das Wasser hinaus!" zischte der Geier abfällig der Ente auf dem Fluss zu. "Schau mich an, wie reich ich bin!" Der Geier plusterte sich auf, schwang angeberisch seine Flügel und schwebte eingebildet davon. Eines Morgens verkündete er allen Vögel: "Ich bin der stattlichste Vogel unter euch. Darum werde ich ab heute euer König sein. jeder muss mich verehren und mir gehorchen." Jetzt riss den Vögeln die Geduld. Laut zeternd eilten sie zum Adler und beschwerten sich über den aufgeblasenen, unverschämten Geier. Da wurde der Adler zornig: "Dieser undankbare Wicht verdient nicht unser Mitleid. Stürzt euch alle auf ihn und nehmt ihm eure Federn wieder ab!" Die Vögel ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie fielen über ihn her, zupften und rissen an seinem Gefieder, dass auch manche Feder zu Boden flatterte und vernichtet wurde, die dem Geier selbst gehört hatte. Gerupft und hässlicher als zuvor stand der Geier da. Die große Feder von seinem Kopf und auch die wenigen kleinen Federn von seinem Hals waren der Abrechnung zum Opfer gefallen. Seit dieser Zeit sind Kopf und Hals des Geiers ohne Federn, und er ist ein zanksüchtiger Vogel geworden, der niemanden in seiner Nähe duldet. Die Geschichte vom Honigtropfen (Arabien) Ein Jägersmann pflegte in der Steppe die wilden Tiere zu jagen, und da kam er eines Tages zu einer Höhle im Gebirge und fand in ihr ein Loch voll Bienenhonig. Er schöpfte etwas von jenem Honig in einen Schlauch, den er bei sich trug, legte ihn über die Schulter und trug ihn in die Stadt; ihm folgte sein Jagdhund, ein Tier, das ihm lieb und wert war. Beim Laden eines Ölhändlers blieb der Jäger stehen und bot ihm den Honig zum Kaufe an; da kaufte ihn der Mann im Laden. Dann öffnete er den Schlauch und ließ den Honig auslaufen, um ihn zu besehen. Dabei fiel ein Honigtropfen aus dem Schlauche auf die Erde. Nun sammelten sich die Fliegen um ihn, und auf die schoss ein Vogel herab. Der Ölhändler aber hatte eine Katze, und die sprang auf den Vogel los; als der Jagdhund die Katze sah, stürzte er sich auf sie und biss sie tot. Da sprang der Ölhändler auf den Jagdhund los und schlug ihn tot; und zuletzt erhob sich der Jäger wider den Ölhändler und erschlug ihn. Nun gehörte der Ölhändler in das eine Dorf, der Jäger aber in ein anderes. Und als die Bewohner der beiden Dörfer die Kunde vernahmen, griffen sie zu Wehr und Waffen und erhoben sich im Zorne wider einander. Die beiden Schlachtreihen prallten zusammen, und das Schwert wütete lange unter ihnen, bis dass viel Volks gefallen war, so viele, dass nur Allah der Erhabene ihre Zahl kennt. Der Hutmacher und die Affen (Indien) Ein Hutmacher hatte viele Wochen fleißig gearbeitet und Kappen aus roter Wolle hergestellt, die aussahen wie ein abgeschnittener Kegel. Oben auf dem flachen Deckel hatte er blaue oder schwarze oder goldene Troddeln befestigt, die lustig herunterbaumelten. Der Hutmacher wählte sich selbst den schönsten Fes aus - so nennt man im Orient diese Kappen - und setzte ihn auf den Kopf, dann packte er die anderen in eine große Tasche und machte sich auf den Weg in die nächste Stadt. Dort wollte er seine Fes verkaufen. Die Sonne schien heiß, und als der Händler schon ein gutes Stück gelaufen war, gönnte er sich eine kleine Pause. Er setzte sich unter einen hohen Bananenbaum und streckte seine Beine faul von sich. Ein leichter Wind wehte und machte die Mittagshitze erträglich. Bald fiel der Reisende in einen angenehmen Schlaf. Oben im Baum hockten viele Affen. Diese glotzten den Hutmacher neugierig an. Da entdeckte einer der Affen die dicke Tasche, die nur halb verschlossen war und aus der einige Troddeln heraushingen. Vorsichtig kletterte der Affe den Baum hinunter, öffnete umständlich die Tasche und zog behutsam eine rote Kappe hervor. Er untersuchte sie von allen Seiten, blickte dann zu dem Händler hinüber, als wollte er ihn fragen, wozu dieses Ding gut sei. Schließlich setzte er sich den Fes auf den Kopf, wie er es bei dem Schlafenden sah. Die anderen Affen, die ihn beobachteten, mussten natürlich auch eine Kappe haben. In wenigen Augenblicken war die Tasche leer, jeder Affe hatte einen Fes auf dem Kopf und sprang vergnügt von Ast zu Ast. Von dem Lärm wurde der Hutmacher wach. Er stand auf, um seine Reise fortzusetzen. Als er nach der Tasche griff, sah er mit Entsetzen, dass diese leer war. "Was soll das?" fragte er laut. "Wo zum Kuckuck sind meine Fes?" Er blickte in alle Richtungen. "Wer kann mir in dieser einsamen Gegend meine Hüte gestohlen haben?" Jetzt erst nahm er das Geschrei über sich wahr. Er schaute hinauf und musste mit ansehen, wie eine Schar Affen mit seiner Hände Werk im Baum umhertollte. Die einen rissen den anderen ihre Beute vom Kopf, und alle jagten ausgelassen hintereinander her. "Diebische Bande!" schrie der Händler und fuchtelte wild mit den Armen in der Luft. "Gebt mir sofort meine Fes zurück!" Den Affen schien der tobende Mann Spaß zu machen. Sie kreischten und schnitten drollige Grimassen. Das erheiterte den Mann gar nicht, sondern er wurde noch grimmiger. "Boshaftes Pack! Wollt ihr euch über mich lustig machen? Lasst diese albernen Possen und werft mir meine Hüte herunter, oder ich... ich..." In seiner grenzenlosen Wut fiel ihm nichts ein, und er schleuderte seine Tasche in den Baum. Ein Affe hielt das für ein Spiel, angelte mit seinen langen Armen nach der Tasche und warf sie mit gleicher Wucht zurück, dem verzweifelten Hutmacher an den Kopf. Was der Händler auch versuchte, ob er schimpfte, drohte oder bettelte, er bekam nicht einen einzigen Fes zurück. Zuletzt war er am Ende seiner Kraft. Ohnmächtig vor Zorn griff er nach seinem Fes auf dem Kopf. "Wenn alle meine Hüte fort sind", rief er, "so brauche ich den auch nicht mehr!" Und er schmiss hitzig seinen Fes auf die Erde. Da fassten auch die Affen nach ihren Hüten und machten es dem Händler nach. Im Nu kollerten alle Fes auf den Boden. Flink sammelte der Händler sie ein, verstaute sie gut in der Tasche und verschloss diese fest. Das Kamel und die Ratte (Indien) Ein Kamel, das seinem Herrn entlaufen war, wanderte auf einsamen Pfaden und schleppte die Nasenleine auf der Erde nach. Wie es nun langsam dahinging, hob eine Ratte das Ende der Leine auf, nahm es ins Maul und lief dem riesigen Tiere voraus, indem sie unaufhörlich dabei dachte: "Was muss ich doch für Kraft besitzen, dass ich ein Kamel führen kann!" Nach kurzer Zeit kamen sie an das Ufer eines Flusses, der den Weg kreuzte, und hier machte die Ratte Halt. Das Kamel sprach: "Bitte, geh doch weiter!" "Nein", sagte seine Begleiterin, "das Wasser ist zu tief für mich." "Nun wohl", erwiderte das Kamel, "lass mich die Tiefe an deiner Stelle versuchen." Als das Kamel in der Mitte des Stromes angekommen war, blieb es stehen, drehte sich um und rief. "Siehst du, ich hatte recht, das Wasser ist nur knietief, also komm nur hinein!" "Ja", sagte die Ratte, "aber es ist doch ein kleiner Unterschied zwischen deinen Knien und den meinigen, wie du siehst. Bitte, trage mich hinüber!" "Gestehe deinen Fehler", erwiderte das Kamel, "sieh ein, dass du hochmütig gewesen bist, und versprich, in Zukunft bescheiden zu sein, dann will ich dich sicher hinüberbringen." Der Kantjil, das Wildschwein, der Tiger, der Elefant und der Riese (Java) Einmal ging der Kantjil ohne Gefährten in den Wald hinein, dem Süden zu. Er begegnete dem Wildschwein, das ihn freundlich anredete: "Ei, wohin gehst du, Kantjil, und so eilig, wie ich sehe?" Der Kantjil erwiderte: "Ich gehe hin, um Wasser auszuschöpfen und Fische zu fangen, dort in jener Schlucht im Süden." Da sprach das Schwein wieder voll Freundlichkeit: "Ich möchte gerne mitgehen, um Fische zu fangen." Der Kantjil aber erwiderte grimmig: "Du hast eine Schnauze wie ein Brecheisen, deine Lippen sind ungeheuer dick und gekräuselt, und auch deine Augen sind nichts weniger als schön; geh nicht mit, denn du würdest mir die Fische scheu machen." Das Wildschwein antwortete ihm: "Bist du denn so schön, du kleiner bösartiger Knirps? Nimmer willst du nachgeben und immer den Meister spielen! Du bittest immer, gibst aber selbst niemals! Wenn du noch einmal so unverschämt sprichst, will ich dich mit meinen Hauern bearbeiten, und dann ist's um dich geschehen, du freches und eigennütziges Tier! Ist der Fluss vielleicht dein besonderes Besitztum, dass du so karg damit wartest? Wenn man ausgeht, Fische zu fangen, geschieht es doch immer mit mehreren, und das ist auch ganz recht, denn die Fische gehören allen zu; du aber willst mir dieses Recht abstreiten!" Da antwortete der Kantjil ruhig: "Nun, sei nur nicht so böse, Ferkelchen; nimm geschwind diesen Korb auf und geh hinter mir her, so werden wir das Wasser ausschöpfen." Eilig liefen sie nun weiter, das Wildschwein hinterher. Nicht lange darauf begegneten sie dem Tiger, der freundlich fragte; "Ei, wohin gehst du, Kantjil? Und das Wildschwein mit einem Korb?" Der Kantjil antwortete mürrisch: "Wir wollen Fische fangen im Fluss, südlich von der Raweine." Da rief der Königstiger: "Ich gehe mit, Kantjil", wurde aber vom Kantjil grob abgewiesen: "Gehe nicht mit, dein Aussehen flößt Schrecken ein; du, mit deinen Streifen in den Haaren, mit deinen abscheulichen Augen und deinem erschrecklichen Maul. Du darfst nicht mitgehen, o Tiger, denn die Fische würden erschreckt werden, du würdest sie alle verscheuchen." Der Königstiger antwortete empört: "Der Kantjil könnte einen in Zorn versetzen. Wenn man freundlich angeredet wird, so ist es auch Sitte, dass man höflich antwortet. Bedenke doch, wenn ich dich in meinen Mund nähme, wärest du noch nicht soviel, als was mir unter dem Essen zwischen den Zähnen stecken bleibt." Eingeschüchtert sprach der Kantjil: "Nun, Tiger, so gehe denn mit, trage den Eimer und diesen zweiten Korb; verscheuche aber die Fische nicht, und tue genau, was ich dir befehle." Also schloss auch der Tiger sich an und lief ganz ruhig mit schnellen Schritten nach. So gingen die drei Tiere, indem das Wildschwein und der Tiger den Kantjil gleichsam in feierlichem Zuge begleiteten. Es dauerte nicht lange, da begegneten sie dem Elefanten. Dieser sprach langsam: "Ei, wohin geht ihr so eilig, Königstiger, Wildschwein und Kantjil?" Der Kantjil antwortete schnippisch: "Wir wollen Fische fangen im Fluss dort im Süden." Und als der Elefant erklärte: "Da will ich mitgehen", fuhr ihn der Kantjil grob an: "Du sollst nicht mitgehen, du bist so groß, dass du uns verdrängst und allen Platz wegnimmst; auch ist deine Ansicht durchaus keine schöne, deine Größe ist wirklich unpassend; du mit deinem Rüssel und deinen Pfoten wie Bambusköcher; deine Ohren ähneln Reiskühltellern, deine Augen aber gleichen wohl Ameisenaugen und blinzeln unaufhörlich. Bleib nur hier, du würdest mir die Fische verscheuchen." Doch der Elefant schrie ihn an: "Nimm nur dein Maul nicht zu voll, denn, ob es dir gefällt oder nicht, du kannst doch nichts gegen mich ausrichten. Und wenn du auf deinem Widerstand beharrst, so werde ich dir den Kopf zertreten." Da erwiderte der Kantjil langsam: "Nun, meinetwegen, so kannst auch du mitgehen, falls du nur alle meine Anweisungen befolgst. Wenn du mitgehst, Elefant, so werde ich auch dir eine bestimmte Arbeit zuteilen. Du musst einen Damm aufwerfen; da du der Stärkste bist, sollst du das Material herbeiholen. Das Wildschwein und der Tiger sollen zusammen Wasser schöpfen, ich werde der Aufseher sein und ein wachsames Auge auf alles haben. dass aber keiner gegen meine Anweisungen handle!" Das Wildschwein, der Elefant und der Tiger, alle drei gehorchten dem Kantjil, keiner von ihnen war widerspenstig. Nachdem dies also fest abgemacht war, begab sich der Kantjil wieder auf den Weg, und alle drei gingen hinter ihm her, das Wildschwein, Elefant und Tiger. Nichts ist zu erwähnen von der Zeit, während sie unterwegs waren. An den Fluss gekommen, teilte der Kantjil sofort seine Befehle aus. Den Elefanten beauftragte er, den Fluss abzudämmen. Mit Lust und Eifer machte dieser sich an die Arbeit, große Äste riß er ab, Bäume entwurzelte er, Steine wühlte er auf, große Stücke steiniger Erde schleppte er herbei; von allem diesem fertigte er einen gewaltigen Damm an, der den Strom abschloß. Nun spornte der Kantjil auch den Tiger und das Schwein an, sie sollten das Wasser ausschöpfen; er selbst hielt Aufsicht und lief hin und her, um überall gegenwärtig zu sein. Als alles trocken war, wurden die Fische heraufgezogen und in zwei Haufen zusammengelegt. Da sprach der Kantjil: "Wildschwein, Elefant und Tiger! Wohlan, noch einmal! Laßt uns noch einmal Wasser ausschöpfen. jetzt sind erst zwei Haufen, zu wenig für uns, wenn sie geteilt würden. Wir wollen weiter stromabwärts gehen, wir, der Elefant, der Tiger und ich; der Elefant soll wieder abdämmen; das Wildschwein aber soll hier bleiben, um die Fische zu bewachen. Entferne dich also ja nicht von hier, Wildschwein, sondern bewache die Fische! Wenn wir dann noch zwei Haufen bekommen haben, so geht die Teilung leicht vonstatten. Nach dieser Verabredung gingen sie davon; nur das Wildschwein blieb, um Wache zu halten. Als sie an Ort und Stelle gekommen waren, fing der Elefant sogleich wieder an abzudämmen und bald hatte der Tiger das Wasser ausgeschöpft. Schweigen wir jetzt von denjenigen, die im Tale beschäftigt waren, um zu erzählen, dass es einen Riesen gab, einen Walddämon. Schon lange hatte dieser zugesehen und jetzt eilte er schreiend und gellend zu dem Schweine und fragte wutschnaubend: "Sag mal, Schwein, wem gehören diese Fische?" Auf die Antwort des Wildschweins: "Ich bin der Eigentümer", fuhr ihn der Riese grob an: "Wie wagst du es, meine Fische wegzunehmen? Dies alles gehört mir!" Das Wildschwein erwiderte: "Ich bin nur verpflichtet, dieselben zu bewachen; in Wirklichkeit gehören diese Fische dem Kantjil." Da schrie der Riese: "Was weißt du davon! Wer auch immer behauptet, es seien die seinigen, in Wahrheit gehören sie mir, und wenn der Kantjil sich nicht damit zufrieden gibt, so ist mir dies gleichgültig, ich nehme sie dennoch an mich." Und sogleich verschluckte er all die Fische, so dass keiner übrig blieb. Nachdem der Riese also die zwei Haufen ganz und gar verzehrt hatte, machte sich das Wildschwein geschwind aus dem Staube, bebend vor Angst, der Riese wäre noch nicht satt und wolle es als Zutat fressen. Keuchend kam es an die Stelle, wo der Kantjil mit Wasserschöpfen beschäftigt war, und sprach, nach Atem schnappend: "Die Fische sind alle, es ist durchaus nichts mehr übrig von den zwei Haufen; ein Riese hat sie aufgefressen." Der Kantjil sah es streng an und tadelte: "Hast du es ihm nicht verwehren können?" Das Wildschwein antwortete: "Soviel mir möglich war, habe ich versucht, ihn davon abzuhalten, der Riese aber bestand darauf, ja er wollte mich auch mit aufschnappen; wenn ich mich nicht eilig davongemacht hätte, so wäre ich gewiß desgleichen von ihm verschluckt worden und wäre jetzt in seinem Bauche angelangt." Während der Kantjil dem Wildschwein einen verächtlichen Blick zuwarf, sprach er: "Das Wildschwein bringt uns nur Missgeschick; du siehst auch gar so eklig aus! Ich hatte wohl recht, als ich mich vorhin weigerte, dich mitzunehmen. Dein Benehmen ist nicht passend; du, mit deinen Kaninchenaugen, kannst wohl schwatzen, aber einem Riesen Widerstand leisten kannst du nicht! jetzt musst du wieder Wasser schöpfen, der Tiger soll dann die Fische bewachen." Die Fische, welche hier nach dem Wasserschöpfen heraufgezogen wurden, teilten sie abermals in zwei Haufen. Da sprach der Kantjil wieder: "Elefant, laß uns noch weiter gehen; dort soll das Wildschwein zur Strafe wieder Wasser schöpfen; der Tiger wird diese Fische bewachen." Dann gingen sie, Kantjil, Schwein und Elefant, weiter stromabwärts. Nachdem ein Damm gelegt worden war, fing das Wildschwein wieder zu schöpfen an. Der Tiger aber war zurückgeblieben, um bei den Fischen Wache zu halten. Vom Riesen ist jetzt wieder die Rede; schreiend kam er herbeigelaufen und verschluckte abermals die Fische, ohne sich um den Tiger zu kümmern; dieser jedoch ergriff sofort die Flucht und kehrte zum Kantjil zurück. Er erzählte ihm alles, was geschehen war und dass wiederum die Fische vom Riesen verzehrt worden seien. Da sprach der Kantjil empört: "Tiger, es gebührte dir, dass dein Kopf im Reisblock gestampft würde. Kannst du nicht einmal Fische bewachen? Du schaust so entsetzlich aus, dass du einem Riesen doch gewachsen sein solltest. Wenn er auch große Zähne hat, so hast du doch auch solche. Auf diese Weise sind deine scharfen Zähne unnütz und sollten dir ausgezogen werden. Wozu ein solches Tier, wie du bist, dient, das weiß ich nicht. Wohlan, fange nur wieder an, diese Flussstrecke auszuleeren, der Elefant wird dann die Fische bewachen." Der Tiger und das Wildschwein fingen an, zu platschen und zu schöpfen; nachdem die Fische ans Land gebracht waren, wurden sie unter Aufsicht des Kantjil in zwei Haufen aufgestapelt. Der Elefant wurde nun zurückgelassen mit dem Auftrag, die Fische zu bewachen; der Kantjil un das Wildschwein aber gingen noch weiter stromabwärts mit dem Tiger. Als sie an eine geeignete Stelle gekommen waren, legten der Tiger und das Wildschwein einen Damm; dann mussten sie das Wasser ausschöpfen; der Kantjil beaufsichtigte die Arbeit. Es wird jetzt erzählt von dem, der zurückgeblieben war, vom Elefanten, der die Fische bewachte. Auch er unterlag dem Riesen, ja wagte es gar nicht, ihm Widerstand zu leisten, sondern machte sich in wilder Flucht davon. Beim Kantjil angekommen, erzählte er ihm, dass die Fische, die er bewachen sollte, verschwunden waren, aufs neue vom Riesen gefressen. Der Kantjil fuhr ihn an: "So groß und hoch du bist, hast du doch keine Bedachtsamkeit! Wie lange soll ich es noch ertragen, dass die Fische immerfort dem Riesen zu fressen gegeben werden? Wohlan, fangt nur wieder an auszuschöpfen, ich will jetzt selbst Wache halten; keiner von euch soll bei mir bleiben, ich allein werde es mit dem Riesen, dem Kehricht der Welt, einmal versuchen; ihr werdet sehen, dass ich ihn binde, und wenn er gebunden ist, dann prügelt ihr ihn tüchtig durch! Solch ein tollkühner Riese, der uns immer alles vor der Nase wegfrisst! Gewiss, es muss ein Waldriese sein, denn so sind ihre Manieren, ganz abweichend von jenen der Stadtriesen. Er beträgt sich wie ein großer Herr; es geziemt sich doch, wenn einer Lust hat, Fische zu essen, dass er sich auch die Mühe gebe, selbst das Wasser auszuschöpfen; er aber zieht die Faulheit der Ermüdung vor und verschluckt in Bequemlichkeit alle unsere Beute. Wohlan, macht ihr euch jetzt schleunigst auf den Weg und fürchtet euch nicht; bleibt ruhig beim Ausschöpfen und fangt die Fische, damit wir bald heimwärts gehen können." Die drei, der Elefant, der Tiger und das Schwein, zogen rasch stromabwärts. Dort angekommen, begann der Elefant den Fluss abzudämmen, der Tiger und das Wildschwein denselben trocken zu schöpfen. Inzwischen hatte sich der Kantjil auf schlammiges, morastiges Land gesetzt und fing an, Binsen auszuziehen; diese spaltete er, fügte sie aneinander, band sie sich um Lenden und Bauch und befestigte die Spitzen an dünnen Halmen von Schlingpflanzen. Fortwährend behielt er aber die Fische genau im Auge. Unter gewaltigem Schreien kam bald wieder der Riese und blieb vor dem Kantjil stehen. Dieser aber stellte sich, als ob er nichts bemerkte. Ruhig fuhr er fort, Binsen zu zerreißen und aneinanderzufügen; er schien ganz in diese Arbeit versunken, immerfort flocht er Seile und band sich dieselben um den Bauch, bis er links und rechts festgebunden war. Als dies der Riese sah, fragte er ihn freundlich: "Ei, Kantjil, was ist denn das? Hast du dir den Bauch festgebunden? Und du sitzest immer nur da und zerreißt etwas? Was ist es doch, was du da spaltest?" Der Kantjil antwortete mürrisch: "O Riese, mit Recht bist du Waldriese genannt! Bist du denn stocktaub, dass du nichts davon gehört hast? Auf Befehl des Propheten Salomon, des Fürsten der Fürsten, der Geister und Menschen, der Riesen und aller möglichen Tiere, die ihn als Fürsten anerkennen, wird an diesem Tage eine gewaltige Sintflut sein; das Wasser wird vom Himmel hinabströmen, so dass sogar die Riesen, die fliegen können, gewiss mitgerissen werden, denn das Wasser wird von oben kommen; guck, dort am Himmel droht es schon!" Der Riese fragte nun: "Sag mal, Kantjil, was soll ich denn da tun?" Da antwortete ihm der Kantjil mürrisch: "Dein Antlitz möge zerrissen werden, Riese; was mischst du dich in meine Sachen? Du sprichst wie ein Dorfriese, weder deine Augen noch deine Ohren gebrauchst du und beobachtest nicht genau, was du zu tun hast. Siehst du denn nicht, was ich getan habe? Und dennoch weißt du nicht, wie du es anzustellen hast!" Als der Riese versuchte, ihn mit freundlichen Worten zu überreden: "Ach, Kantjil, gib mir doch nicht solche ungenügende Anweisungen; alles, was du mir ratest, will ich ausführen", machte ihm der Kantjil harte Vorwürfe und sprach schließlich: "Es wäre ja unnütz, wenn ich dir helfe." Doch der Riese versuchte abermals, ihn zur Güte zu stimmen, indem er sagte: "Sprich doch nicht also, Kantjil, und glaube meinen Worten. Wie sollte ich der Gefahr entrinnen, wenn ich nicht alles befolgte, was du mir befiehlst? Gut oder schlecht, ich werde es tun; erkläre mir nur, was du meinst." Nun sprach der Kantjil wieder: "Wenn du denn wirklich aufrichtig bist, so mach es gerade so wie ich. Sieh mich einmal an!" Sogleich fuhr der Kantjil auf, als ob er sich mit Macht losreißen wolle; er wälzte sich um und um, sprang und trappelte im Sumpf, kurz er stellte sich, als ob er in der Tat seine äußersten Kräfte anstrengte, um loszukommen. Die Binsen aber blieben unbeschadet, wie auch der Kantjil hin und her sprang. Als der Riese dies sah, fragte er: "muss ich also gleich wie du mir den Bauch mit Binsen an einen Baum festbinden?" Mit funkelnden Augen sprach der Kantjil: "Oh, weißt du noch nicht, was ich meine? So wenig überlegst du, dass du den Unterschied zwischen groß und klein nicht bedenkst! Vergleiche mich einmal mit dir, du dummer Riese, der du mit sehenden Augen blind zu sein scheinst. Ich, so klein und niedrig, werde wohl nicht die Binsen zerreißen können; du aber, so groß und hoch, mit übernatürlicher Kraft begabt, so dass niemand dir gleichkommt, musst etwas anderes versuchen. Wähle also starke, zähe Stängel von Rotang, die lang und fest sind, und binde damit geschwind deinen Körper, deine Füße und Hände, bis zu deinem Kopfe; befestige sie dann an dem Waringbaum dort. Nimm nur recht viele, damit du dem Unglück entgehst, und denke an die große Flut! Nimm dich in acht, dass die Bande nicht zerreißen! Wenn du dann festgebunden bist, so versuche zunächst, ob du deine Bande noch loswerden kannst; wenn dies nicht der Fall ist, so kannst du ruhig sein, wenn auch die Flut gegen dich schlägt." Wirklich tat der Riese alles, was ihm der Kantjil befohlen. Er holte sich große, lange Rotangs herbei und stapelte alles auf einem Hügel unter den Bäumen auf. Nachdem er schon viel zusammengeholt hatte, sprach der Kantjil: "Fange jetzt gleich an und befestige deinen Kopf an jenem Ast. Klettere auf den Gabelast und binde an jede Seite ein Ende der Leine. Wenn das befestigt ist, so steige auf die Erde herab und binde dir den Hals und die beiden Füße; die Spitzen der Taue befestigst du an jenem Bulubaum. Und den Bauch bindest du dir fest an jenen Waringin. Wenn dies alles vor sich gegangen ist, so umstricke deine Hände, so dass sie nicht frei werden können." Und seht, der Riese befolgte alles genau; nachdem er die Seile sich um den Kopf gelegt hatte, kletterte er nach oben; als er unten angekommen war, band er sich den ganzen Körper, Füße, Hals und Hände. Sobald alles stark befestigt war, sprach der Kantjil zu ihm: "Versuche jetzt aus aller Macht, deiner Bande loszuwerden, nicht nur so zum Scherz, sondern gehe zu Werke, als ob du in einem wütenden Gefechte wärest." Rasend und mit aller Anstrengung fing jetzt der Riese an, sich zu wälzen und zu springen, so dass der Waringin schwankte, als ob er umstürzen wollte. Die Bande aber zerrissen nicht, ja er zog dieselben dadurch noch mehr an, und diejenigen, welche zuvor etwa lose waren, schnürten ihm jetzt den Hals zu. Der Riese schnappte nach Atem, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Zunge hing ihm aus dem Munde, seine Kraft verschwand, und erschöpft fiel er auf den Boden, wo er zusammengerollt liegen blieb. Der Kantjil, der bei allem zugesehen hatte, eilte davon, um die Wasserschöpfer herbeizurufen, den Elefanten, das Wildschwein und den Tiger: "Ei, kommt rasch herbei, ich habe den Riesen gebunden; prügelt ihn, bis er mausetot ist. Diese Hefe der Gesellschaft verdient es, dass ihr der Kopf zerschmettert werde." Schnell kamen sie freudeerfüllt herbei. Der Tiger schlug ihm die Krallen ins Gesicht und kratzte ihm die Lippen auf, der Elefant zerschmetterte ihm den Kopf mit zwei großen Steinen, und auch das Schwein tat das seinige. Von den drei Tieren so angegriffen, starb er bald; sein Leichnam blieb unbeerdigt in der Wildnis liegen. Das Wildschwein, der Elefant und der Tiger gingen mit dem Kantjil, und ohne Zank wurden nun die Fische geteilt. Darauf kehrten die vier heim; hier angelangt, trafen sie ihre Frauen, die sehr erfreut waren, als sie die von ihren Gatten erworbene Beute sahen. Die allzu klugen Fische (Indien) In einem Gewässer wohnten zwei Fische namens Hundertklug und Tausendklug. Ein Freund von beiden war ein Frosch mit Namen Einfachklug. Diese drei genossen nun am Ufer des Gewässers eine Zeitlang zu passender Stunde die Freuden einer schönen Unterhaltung und kehrten dann ins Wasser zurück. Als sie auch einmal miteinander plauderten, kamen zur Zeit des Sonnenuntergangs Fischer nach diesem Gewässer, die in den Händen Netze und auf dem Kopfe viele getötete Fische trugen. Beim Anblick dieses Gewässers sprachen sie untereinander: "Das ist ja ein fischreicher, flacher Teich. Morgen früh wollen wir uns darum hierher begeben." Nach diesen Worten gingen sie nach Hause. Mit bekümmertem Antlitz hielten nun die Fische Rat. Da sprach der Frosch: "Nun, Hundertklug, habt ihr beide wohl gehört, was die Fischer sagten? Was ist jetzt angemessen zu tun, zu fliehen oder zu bleiben? Der Kranich und das Füchschen (Zentralasien) Ein Kranich und ein Füchschen waren Freunde. Als die beiden Freunde zusammengingen, wurden sie von Jägern verfolgt. Als der Kranich diese kommen sah, sprach er zum Füchschen: "Uns verfolgen Menschen. Wohin sollen wir gehen?" Der Fuchs sprach: "Ich habe zwölf Schlauheiten, ich werde die Rettung schon finden, lass uns alle beide in meine Höhle kriechen." Der Kranich stimmte seinem Freunde bei und kroch mit dem Fuchs zusammen in die Höhle. Die Menschen waren ihrer Spur gefolgt und gruben ihnen nach. Der Fuchs wusste sich nicht zu helfen und fragte den Kranich: "Wie viel Schlauheiten hast du denn?" - "Nur eine einzige", sagte der Kranich. Darauf fragte er den Fuchs: "Wie viel Schlauheiten hast du denn, Fuchs?" Der Fuchs sprach: "Sechs sind mir noch geblieben." Als die Menschen bis zur Hälfte ausgegraben hatten und das Füchschen keine Rettung gefunden hatte, fragte es den Kranich: "Ist dir keine Schlauheit zugekommen?" Der Kranich sprach: "Ich habe immer nur noch eine Schlauheit." Das Füchschen sprach: "Drei sind mir nur noch geblieben." Die Menschen gruben, und als sie ganz nahe gekommen waren, und als das Füchschen festsaß, fragte es den Kranich: "Ach, Freund, ist dir keine Schlauheit zugekommen?" Der Kranich sprach: "Ich habe immer nur eine Schlauheit." Nachdem der Kranich so gesprochen, tat er, als ob er tot daläge. Als die Menschen sie erreichten, sagten sie: "Der Fuchs hat einen Kranich gefangen, nehmt ihn und werft ihn beiseite." Als sie den Kranich fortgeworfen hatten, breitete dieser, der nur eine Schlauheit hatte, die Flügel aus und flog davon; den Fuchs, der zwölf Schlauheiten hatte, töteten sie und zogen ihm das Fell ab. Anstatt viel zu sein und Kehricht, Sei nur wenig und sei Kunst. Löwe und Hase (aus dem indischen Pantschatantra) Auf dem Berge Mandara wohnte ein Löwe, der hieß Grimmig, und dieser Löwe mordete fortwährend die Tiere. Da ließen denn diese nach einer gemeinsamen Beratung dem Löwen sagen: "Warum tötet Ihr alles Wild? Lieber wollen wir Euch zu Eurer Wohnung täglich ein Tier schicken." Der Löwe sagte: "Ich bin's zufrieden!" Also schickten sie ihm alle Tage ein Tier. Da kam nun einst die Reihe an einen alten Hasen. Dieser dachte: Bescheiden ist man nur aus Scheu und wenn man fürder hofft zu leben. Was frommt's, ist günstig mir der Leu? Ich muss ihm doch mein Leben geben. Drum will ich mir ja Zeit nehmen auf meinem Gange. Der Löwe aber, den der Hunger peinigte, fuhr ihn zornig an: "Warum kommst du so spät?" Jener erwiderte: "Meine Schuld ist's nicht. Ein anderer Löwe hat mich unterwegs aufgehalten. Ich habe ihm einen Eid leisten müssen, zurückzukehren und bin jetzt nur gekommen, dies dem Herrn zu melden." Da wurde der Löwe zornig und rief: "Gleich kommst du mit und zeigst mir, wo der Schurke ist!" Der Hase führte ihn an einen tiefen Brunnen. "Geruhe der Herr zu kommen und zu sehen" - so sagte er und zeigte ihm sein Spiegelbild im Brunnen. Geschwollen vor Wut und von seinem Stolze getrieben, stürzte er sich auf dieses hinab und musste sterben. Die Meditation (Japan) Einmal hatten sich vier Priester verabredet, eine Nacht in tiefster Meditation zu verbringen, und nahmen sich gegenseitig das Gelübde ab, dass keiner, komme auch, was da wolle, durch ein Wort die Meditation stören dürfe. Für die Bußübung wurde der Hauptraum des Tempels ausersehen, und dort wurden vier Kerzen in Leuchtern aufgestellt. Ein junger Priesterschüler wurde beauftragt aufzupassen, dass die Kerzen hell und gleichmäßig brannten, und sie, falls sich Schuppen bilden sollten, zu putzen. Nach einiger Zeit bildeten sich auch Schuppen an den Dochten, und die Kerzen fingen an, trüber zu leuchten. Der Tempelschüler aber sah es nicht, da er vergeblich versuchte, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Einer der Priester suchte ihn nun durch wiederholtes Winken auf seine Pflicht aufmerksam zu machen. Als der Schüler aber seine Gesten nicht beachtete, verlor er die Geduld und schnäuzte ihn an: "He, du Bursche, siehst du denn nicht, dass die Lichter geputzt werden müssen?" Da wandte sich der zweite Priester dem Sprecher zu: "Hast du denn vergessen, dass während der Meditation nicht gesprochen werden sollte?" Ärgerlich rief nun der dritte: "Wenn ihr beiden euch hier unterhalten wollt, kann man beim besten Willen nicht meditieren!" Und der vierte sagte, nachdem er alle der Reihe nach angeblickt hatte, selbstgefällig: "Ich bin der einzige, der das Gelübde nicht gebrochen hat." Der blaue Schakal (Indien) In einer gewissen Waldgegend lebte ein Schakal namens Tschandárava. Dieser begab sich einmal, vom Hunger und von der Gier seiner Zunge getrieben, mitten in eine Stadt hinein. Als ihn aber die Hunde gewahrten, umzingelten sie ihn bellend von allen Seiten und fingen an, ihn mit ihren scharfen Zähnen zu beißen. Da lief er, für sein Leben fürchtend, in das nahe Haus eines Färbers. Dort stand ein großes Fass voll Indigolösung, und in dieses fiel er, von den Hunden verfolgt, hinein. Als er wieder heraus kroch, war er blau gefärbt. Die Hunde hielten ihn nun nicht mehr für einen Schakal, und jeder lief weg, wohin ihm beliebte. Auch Tschandárava begab sich nach einer entfernten Gegend und machte sich auf nach einem Walde. Die blaue Farbe aber wich nie von seiner natürlichen. Sagt man doch: Was Mörtel, Weiber, Indigo, ein Krebs und ein Betrunkner fassen, Desgleichen Fische und ein Tor, davon sie nimmer wieder lassen. Als nun dieses bisher nie gesehene Geschöpf, das wie ein dem Gift am Halse Sivas vergleichbarer Tamálabaum aussah, die Tiere des Waldes, die Löwen, Tiger, Leoparden, Wölfe und die übrigen sahen, da liefen sie, außer sich vor Furcht, fliehend nach allen Seiten hin und sagten: "Man kennt sein Wesen und seine Tapferkeit nicht. So lasst uns denn eilig davonlaufen. Es heißt ja: Ein Kluger ist, wenn Wohlergehen er wünscht, vor dem auf seiner Hut, Den er nach seinem Treiben noch nicht kennt, auch nicht nach Stamm und Mut." Als Tschandárava sah, dass sie vor Furcht außer sich waren, sprach er zu ihnen: "He, he, ihr Tiere, warum lauft ihr denn bei meinem Anblick erschrocken davon? Habt keine Furcht. Ich bin von Brahma selbst heute erschaffen worden, und er hat zu mir gesagt: 'Weil die Tiere jetzt keinen König haben, so setze ich dich heute feierlich zum Herrscher über sie alle ein. Darum geh und beschütze sie alle.' So bin ich denn hierher gekommen, und deshalb sollen alle Tiere im Schatten meines Sonnenschirmes wohnen. Ich, Kakuddruma mit Namen, bin der König der Dreiwelt geworden." Nach diesen Worten umringten ihn alle Tiere, Löwe und Tiger an ihrer Spitze, und sprachen: "Herr, Gebieter, befiehl uns!" Er übertrug nun dem Löwen das Ministeramt; der Tiger wurde Hüter seines Ruhelagers; der Leopard musste ihm den Betel darreichen, der Wolf sein Tor bewachen. Mit den Schakalen aber, zu deren Geschlecht er gehörte, redete er auch nicht einmal, sondern sie wurden alle aus seiner Nähe gewiesen. Während er in dieser Weise die Herrschaft führte, wurde von dem Löwen und von anderem Wild getötet und vor ihn gelegt, und er verteilte es nach Herrscherrecht unter sie alle und gab ihnen ihren Anteil. So verging die Zeit. Einst geschah es nun, dass er in der Ferne Schakale heulen hörte. Darüber freute er sich so, dass ihm am Leibe die Härchen starrten und seine Augen sich mit Tränen füllten, und er fing an, laut mitzuheulen. Als aber der Löwe und die andern Tiere diesen lauten Ton hörten, dachten sie: "Das ist ein Schakal", blickten einen Augenblick vor Scham zu Boden und sprachen: "Oh, wir haben uns von ihm anführen lassen! Ein erbärmlicher Schakal ist er. Darum muss er sterben!" Er wollte fliehen, als er dies vernahm; aber er wurde gleich an Ort und Stelle von dem Wwen und andern Tieren in Stücke zerrissen und starb. Wer von den Seinen sich entfernt und Fremde zu den Seinen macht, Gleichwie Kakuddruma voreinst, der König, wird er umgebracht. Der steinerne Affe Weit, weit, im Gebirge der "Blumen und Früchte", welches noch nie von eines Menschen Fuß betreten wurde, lag einmal ein riesengroßes, steinernes Ei. Wer dieses Ei dorthin gebracht hatte und wie lang es dort gelegen sein mag, weiß kein Mensch zu sagen, denn niemand hat es je gesehen. Aber es lag dort hoch oben an der Sonne, und eines Tages krachte es, und ein steinerner Affe kroch daraus hervor. Es war der schönste Affe, den es jemals gegeben. Sein Körper aus glänzendem, polierten Stein strahlte in der Sonne, und hochmütig blickte er auf die anderen Affen herab. Diese kamen in Scharen gelaufen und verneigten sich vor ihm und besprachen aufgeregt diesen sonderbaren Fall. Endlich erwählten sie ihn zu ihrem König, denn keiner war so geeignet, sie zu beherrschen, wie der steinerne Affe. Er nahm die Würde auch sofort an, denn er fühlte sich dazu berufen. Nachdem er König geworden, sprang der Affe den Berg hinunter, kam an das Meer und wollte nun auf der ganzen Erde umherreisen. Er sammelte dabei ungeheuer viele Kenntnisse und ging zuletzt zu einem großen Magier, um die verschiedensten Künste von ihm zu erlernen. Sein Wissen war unerreicht, und alle Affen der Erde beugten sich vor ihm und bewunderten ihn wie ein höheres Wesen. Er hatte nicht nur alle Gelehrsamkeit der Welt in sich aufgenommen, sondern vor seinen Zaubersprüchen öffneten sich die Berge; er drang in die Tiefe der Meere, sprang hinauf zum Himmel, und nichts konnte sich vor ihm verbergen. Doch seine Hauptkunst war der große Luftsprung. Er konnte nämlich einen Sprung machen, mit dem er in einem einzigen Augenblick auf ungeheure Entfernungen verschwunden war, um im nächsten Augenblick vor seinen erstaunten Zuschauern wieder zu erscheinen. Durch die Bewunderung, welche die andern Affen ihm zollten, wurde er aber selbstbewusst und übermütig. Er wollte seine Macht immer mehr ausdehnen und stiftete damit manches Unheil. "Ich bin mächtiger als alle Geschöpfe der Erde", rief er aus. "Nun habe ich es satt, über euch Affen zu regieren. Ich will Herr des Himmels werden!" Erschrocken blickten alle zu ihm auf, und der Drachenkönig sandte einen Boten zum Himmel mit der Bitte, Buddha möge sich der Erde erbarmen und den steinernen Affen nicht in den Himmel kommen lassen, denn dieser hatte durch seinen Übermut schon Unheil genug auf der Erde angerichtet. Doch ehe Buddha die Botschaft zu Ende hören konnte, sauste der steinerne Affe auch schon mit seinem Zaubersprung durch die Luft daher. Der Herr des Himmels trat gelassen auf ihn zu und sprach: "Was willst du hier, Affe?" "Ich will Herr des Himmels werden!" rief dieser. "Denn ich kann mehr als alle deine Geschöpfe. Dir selbst ist es nicht möglich, meine Künste nachzumachen und ich übertreffe dich in jeder körperlichen Geschicklichkeit. Kannst du, zum Beispiel, einen solchen Luftsprung machen wie ich und in einem Augenblick verschwinden? Versuch es einmal!" Da lächelte Buddha belustigt und sagte ruhig: "Gut, wie wollen eine Wette eingehen. Wenn du aus meiner Hand, die ich unter dich halte, herausspringen kannst, so will ich dir meinen Platz einräumen und du sollst Herr des Himmels werden. Kannst du es aber nicht, dann verlasse den Himmel sofort und lasse dich nie mehr blicken." Der Affe musste sich den Bauch halten vor lauter Lachen über diese leichte Wette und sprach kichernd: "Nun, so streck doch deine Hand aus, Vater Buddha, und sieh selbst, was ich kann." Und Buddha streckte seine Hand segnend nach der Erde aus. Der steinerne Affe sprang darauf, machte einen Purzelbaum und flog und flog durch den unendlichen Raum und immer weiter, bis er an das Ende der Welt kam. Dort standen fünf rote Säulen. "Ha", rief der Affe triumphierend, "nun soll Buddha sehen, wer Herr des Himmels wird! Und zum Beweis, dass ich am Ende der Welt war, will ich ein Zeichen in eine dieser Säulen schneiden und es dem Herrn zeigen." Dann drehte er sich um, schwang sich durch die Lüfte und im nächsten Augenblick saß er wieder in Buddhas Hand. Da hörte er die Stimme des Herrn, welche mahnend sprach: "Nun, Affe, wann wirst du endlich aus meiner Hand herausspringen?" "Was - aus deiner Hand?" schrie der Affe erbost. "Weißt du nicht, dass ich durch die Lüfte sprang und am Ende der Welt war? Da stehen fünf Säulen, und es ist nur gut, dass ich ein Zeichen hinein schnitt, um es dir zu beweisen. Willst du sehen, wo ich war, so setze dich auf meinen Rücken, und ich führe dich in einem Augenblick wieder hin." Doch der Herr des Himmels entgegnete ernst: "Affe, soll es dieses Zeichen sein, welches du in meinen Finger gemacht hast? Sieh es dir an und wisse, dass meine Hand während deines ganzen Sprunges unter dir war. Wo immer du hin springst und wohin du dich wenden magst, es ist dir unmöglich, von mir fort zu kommen, denn die ganze Erde liegt in meiner Hand. Nun kehre zurück und bleibe fortan bescheiden auf dem Platz, den ich dir angewiesen habe." Darauf drehte er seine Hand um, und der Affe war in dem steinernen Berg gefangen. Erst nach vielen Jahrhunderten ließ ihn Buddha wieder heraus. Der übertragbare Tiger (Korea) Einstmals reiste ein Mann über Land. Vor ihm stieg ein steiler Berg auf, über den die Straße führte, während zu ihrer Rechten und Linken sich ein Grund mit Blumen und Bäumen aller Art breitete und tiefes weiches Gras den Boden deckte. Vögel und allerlei Kriechtier trieben darin ein lustiges Wesen, und von einem lustigen Felsen kam ein Perlenstrom herab, in einem Schauer von zehntausend blitzenden Juwelen. Unten sammelte sich das Wasser in einen weiten Teich, an dessen Ufer bedächtig ein alter Fischer saß. Er hatte sein schmutziges Netzwerk beiseite gelegt und sang ein Lied, während auf der anderen Seite des Teiches ein Holzfäller zu seiner Arbeit pfiff. Vom Gesange erfreut und in Betrachtung der Landschaft vergaß der Wanderer die Mühsal seiner Reise und schlenderte so seinen Weg, bald rastend, bald gemächlich vor sich hingehend, als er auf der linken Seite der Landstraße einen tiefen Hohlweg wahrnahm. Wo der wohl hinführe, verwundene er sich und ließ sich zur Rast auf einen Felsblock nieder, als er, zwischen die Bäume durchblickend, einen Tiger und einen Menschen sah, die sich einander gegenüberstanden. Erstaunt über das Fremdartige der Erscheinung trat er näher und sah nun einen Burschen von zwanzig oder so, der mit einer Hand einen Tiger bei der Kehle hielt während er mit der anderen den Ast eines nahe stehenden Baumes umfasst hatte. Während der Wanderer so schaute, konnte er wahrnehmen, dass der Tiger ganz erschöpft war. Er berührte nur noch mit einem Hinterbein den Boden. Aber auch der Bursche war ganz von Kräften, und die beiden standen so und schauten einander an. Die Sachlage war die, dass wenn einer von den beiden wieder zu Kräften kam, dies für den andern sicheren Tod bedeutete. Nun war der Wanderer von Natur ein starker und tapferer Mann, der, als er das sah, dem Jungen helfen wollte, und er trat darum näher. Wie ihn der Bursche erblickte, rief er: "Ich weiß nicht, woher du bist, aber während ich Holz fällte, geriet ich mit diesem Tiger zusammen. Ich bin nun ganz erschöpft und bin unfähig, die Bestie auch nur mehr ganz kurze Zeit zu halten. Wenn Ihr nun so gut sein wolltet, ihn nur ein Weilchen statt meiner zu packen, so will ich ihn totschlagen. Was meint Ihr dazu?" Der Wanderer sagte: "ja, ich will." Und nahm sogleich des Burschen Platz ein und griff den Tiger kräftig bei der Gurgel, so dass sich der nicht rühren konnte. Da sagte er zu dem Jungen: "Ich habe Eile weiterzukommen, darum schlage das Vieh schnell tot." Der antwortete: "Ich habe gar keine Kraft mehr in meinen Armen, wart ein Weilchen, ich will gehen, eine Waffe holen, mit der das Vieh zu erschlagen ist." Während er so sprach, ging er fort- zwei, drei Stunden vergingen, aber er kam nicht wieder. Des Wanderers Kraft ließ bald gleichfalls nach, und da er gar kein Mittel sah, den Tiger zu töten oder ihn laufen zu lassen ohne Gefahr, dachte er bei sich: "Es wäre besser für mich gewesen, weiterzugehen. Den Jungen wollte ich retten, und das ist geglückt, aber mich selbst brachte ich in Gefahr. Hat man so etwas je gehört?" Und er erhob seine Stimme und rief den Burschen, aber es kam keine Antwort. Und jetzt bekam der Tiger seine Kraft wieder, regte sich und rührte sich, ließ seine gelben Augen funkeln und brüllte laut wie Donner. Gerade da kam ein schmutziger Priester den Weg (nicht der Bursche), und da die Bäume dicht standen und er nichts sehen konnte, sagte er bei sich: "Da brüllte irgendwo ein Tiger, aber wenn ich nach ihm schaue, seh' ich ihn nicht, und er brüllt auch nicht wieder. Wie sonderbar." Er blieb stehen zu horchen, guckte dahin und dorthin, als der Reisende ihn zum großen Glück anschaute und rief: "Rettet ein Menschenleben, Hochwürden!" Der Priester ging erstaunt, woher das Rufen kam, und fand den Wanderer in größter Gefahr. Er war ein kräftiger Kerl, aber ohne Waffen, so dachte er bei sich: "Nach Priesterregel ist es mir nicht erlaubt, irgend etwas zu beleidigen oder zu töten." Aber während er dies dachte, war der Mann mit dem Tiger so schwach geworden, dass er daran war, die Bestie laufen zu lassen; wie das der Priester sah, kam er schnell herbei, packte an Stelle des Wanderers den Tiger und sagte: "Sieh hier und höre mein Wort. Nach unserer Priesterregel dürfen wir niemanden ein Leid tun, darum kann ich ihn nicht töten, aber ich will ihn für dich halten. Wenn du dich ein bisschen erholt hast, geh und hol eine Waffe und schlag das Vieh tot." Der Wanderer ließ los, lief ein Stückchen vom Orte weg und sagte: "Habt Ihr bloß die buddhistischen Bücher studiert und nicht die Schriften des Manucius gelesen? Darin ist eine Stelle, die besagt: 'wenn einer einen andern mit dem Schwerte erschlagen hat und sagt "nicht ich, sondern das Schwert erschlug ihn", so wird die Schuld die des Schwertes und nicht die des Mannes sein.' Euer Fall ist ähnlich. Wenn ich auf Eure Worte hörte und den Tiger tötete, so wäre die Schuld nicht meine, sondern Eure, da Ihr mich veranlasset, den Tiger zu erschlagen. Wie könntet Ihr dann sagen, dass Ihr nicht gegen Eure Priesterregel gesündigt hättet? Aber es ist nicht nur um Euretwillen, dass ich diesen Tiger nicht erschlage. Dieser Tiger ist einer, mit denen es Brauch ist, dass sie übertragen werden. Dies bedenke und halt dich an ihm, bis du einen anderen Menschen findest, der ihn von dir nehmen will. Dann tue, wie ich getan, und übertrag den Tiger auf ihn." Als der Wanderer so gesprochen, lief er davon. Und der Tiger war seither bekannt als der "Übertragbare Tiger". So gibt es Leute in der Welt, die Wohltaten empfangen haben und dem, der sie ihnen erwiesen, mit Undank lohnen. Man darf sie für Schüler des Mannes halten, der den Tiger übertragen hat. Der zerbrochene Topf (Indien) In einem gewissen Orte wohnte ein Brahmane namens Svabhavakripanal. Dieser hatte mit dem erbettelten Reisbrei, der ihm nach dem Essen übrig blieb, einen Topf angefüllt; diesen Topf hatte er an einen Nagel an der Wand gehängt, darunter seine Bettstelle gestellt und schaute ihn nun in der Nacht, ohne einen Blick davon zu verwenden, an und dachte dabei: "Dieser Topf ist doch über und über voll von Reisbrei. Wenn nun eine Hungersnot entsteht, dann wird er hundert Silberstücke einbringen. Dafür werde ich alsdann ein paar Ziegen kaufen; da diese alle sechs Monat Zicklein werfen, so wird draus eine Herde Ziegen entstehen. Dann für die Ziegen Rinder! Sobald die Kühe gekalbt haben, verkaufe ich die Kälber. Dann für die Rinder Büffel! Für die Büffel Stuten! Sobald die Stuten geworfen haben, werde ich viele Pferde besitzen. Aus dem Verkauf von diesen löse ich viel Gold. Für das Gold bekomme ich ein Haus mit vier Gebäuden in einem Viereck. Dann kommt ein Brahmane in mein Haus und gibt mir ein sehr schönes Mädchen mit großer Mitgift zur Frau. Die wird einen Sohn gebären. Dem werd' ich den Namen Somasarman geben. Wenn dieser dann alt genug ist, um sich auf meinen Knien zu schaukeln, dann werde ich ein Buch nehmen, mich hinten in den Pferdestall setzen und studieren. Mittlerweile sieht mich Somasarman, und begierig, auf meinen Knien zu schaukeln, klettert er von seiner Mutter Schoß und kommt zu mir didit an die Hufe der Pferde. Dann werde ich, von Zorn erfüllt, der Brahmanin zurufen: "Nimm das Kind! Nimm das Kind!" Sie aber, mit Hausarbeit beschäftigt, hört meinen Ruf nicht. Dann spring' ich auf und gebe ihr einen Fußtritt." Indem er so in diese Gedanken versenkt war, stieß er mit dem Fuße so aus, dass der Topf zerbrochen und er selbst von dem Reisbrei, welcher sich im Topf befand, weiß gefärbt ward. Daher sage ich: "Wer unvernünftige Projekte über die Zukunft spinnet aus, dem geht's wie Somasarmans Vater: Er liegt von Reisbrei weiß gefärbt." Die Krähe und der Kranich (Australien) Früher, als die Erde noch ganz jung war, lebte an einem Teich, auf dem wunderschöne Wasserblumen schwammen, ein grau gefiederter Kranich. Mücken, Fliegen und bunte Schmetterlinge schwirrten um ihn herum; Schnecken krochen von Blatt zu Blatt; Würmer durchwühlten die Erde; und Eidechsen huschten durchs Gras. Der Kranich lebte wie in einem Paradies. Das Quaken der Frösche im Teich war Musik in seinen Ohren, denn es erinnerte ihn ständig an köstliche Festessen. jeden Tag wählte sich der anspruchsvolle Feinschmecker eine andere Speise. Es gab auch Zeiten, in denen er nur Pflanzenkost zu sich nahm. Die unzähligen Kräuter, Blüten und Gräser, die ihn umgaben, forderten ihn geradezu heraus, von der reichlichen Auswahl ein erlesenes grünes Menü zusammenzustellen. Damals besaßen die Tiere noch das Feuer, und der Kranich liebte es ganz besonders, Frösche und Fische in glühender Asche zu rösten. Eines Mittags, als er wieder einmal einige gute Bissen in der heißen Asche liegen hatte, flog eine Krähe herbei, die den Kranich schon eine Weile bei seiner Arbeit beobachtet hatte, und bat ihn um einen Fisch. "Du musst noch ein bisschen warten", antwortete der Kranich und fächelte mit seinen breiten Schwingen dem glimmenden Feuer etwas Luft zu. "Es dauert nur noch wenige Flügelschläge, dann sind die Fische gar." Die Krähe schaute ungeduldig in die Glut, wo die Fische lagen, und hopste unwillig auf und ab. "Jetzt sind sie aber gut!" entschied sie und wollte sich mit einem Stock einen wohl duftenden Bissen aus der Asche angeln - sie war so vorsichtig, weil sie ihr Kleid nicht beschmutzen wollte; denn in jener Zeit besaßen die Krähen noch schneeweiße Federn. "Weißfeder!" schimpfte der Kranich, der sich in seiner Küchenehre gekränkt fühlte. "Du wirst doch wohl noch warten können, bis ich dir ein paar Fische anbiete. Sie sind noch nicht fertig!" Die gefräßige Krähe versuchte mit allen Mitteln, den Kranich davon zu überzeugen, dass die Fische halb gar am besten schmecken. Dabei fiel dem Kranich etwas ein, und er stellte kennerhaft fest: "Am besten schmecken sie mit Dillkraut und Salbei." Und er drehte sich vom Feuer weg, um ein paar Kräuter zu pflücken. Die Krähe, die es nicht erwarten konnte, nützte den Augenblick und ergriff den Stock. Flink stocherte sie einen Fisch aus der Asche. Als der Kranich das sah, wurde er sehr böse. Er nahm den Fisch, den die Krähe sich mopsen wollte, und schlug damit nach ihrem weißen Köpfchen. Entsetzt wich dir Krähe zurück, stolperte und flog in die schwarze Asche. Sie schrie vor Wut und Angst und konnte sich nicht sofort wieder aufrappeln. Der Kranich zog sie wortlos heraus. Mit leerem Magen und die Federn voller Asche eilte sie laut keifend davon. Seit dieser Zeit haben alle Krähen ein dunkles Gefieder. Die Krähe konnte es nicht überwinden, dass sie wegen einer solchen Kleinigkeit ihre weiße Federpracht hatte einbüßen müssen. Sie sann auf Rache. Eines Nachmittags, als der Kranich nach einer reichlichen Mahlzeit am Ufer des Teiches ein Nickerchen hielt und behaglich schnarchte, pirschte sich die Krähe leise heran. Sie packte eine der abgenagten Fischgräten und steckte sie dem Kranich ganz vorsichtig in den halbgeöffneten Schnabel. Dann flog sie geräuschlos in einen dichtbelaubten Baum und linste in schadenfroher Erwartung zu dem ahnungslosen Schläfer hinüber. Endlich erwachte der Kranich. Er reckte sich genüsslich und sperrte weit den Schnabel auf, um kräftig zu gähnen. Sofort fühlte er ein Kratzen und Stechen im Hals. Er spuckte und würgte, aber die Fischgräte rührte sich nicht. Er wollte um Hilfe schreien. Doch er brachte nur ächzende Laute hervor. So hatte sich die Krähe für ihr dunkles Gefieder gerächt, und seit dieser Zeit hat der Kranich eine krächzende, heisere Stimme.
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