Fabeln aus Deutschland


 Die Emanzipierte

 Eine Henne hatte sich auf einen Misthaufen gestellt und redete zu ihren
 Geschlechtsgenossinnen: "Wir müssen uns freimachen von den Hähnen, ja selbst
 Hähne werden. Nur die tausendjährige Unterdrückung hat unsere Natur
 verkümmert. Wir erkennen das Übergewicht des Hahnes nicht mehr an!" Sie
 stockte plötzlich, denn der überstarke Drang ihrer Weiblichkeit machte sich
 ihr bemerkbar, aber sie bezwang sich, um ihren Grundsätzen nicht untreu zu
 werden, und schrie: "Auch wir wollen den Kamm und die Sporen!" In diesem
 Augenblicke erlahmte ihre Widerstandskraft, und es entfiel ihr ein weißes,
 schimmerndes Ei.

 Ein Hahn, welcher vom Zaune her die Versammlung belauscht hatte, brach in
 ein krähendes Gelächter aus: "Und wenn ihr noch so schreit, ihr werdet immer
 mitten in euren logischen Erörterungen unlogische Gefühlseier legen. Was als
 Gackgack geboren ist, wird niemals zum Kikeriki."



 Der Fuchs und die Gänse

 Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner, fetter Gänse
 saß; da lachte er und sprach: "Ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch
 beisammen, so kann ich eine nach der andern auffressen."

 Die Gänse gackerten vor Schreck, sprangen auf, fingen an zu jammern und
 kläglich um ihr Leben zu bitten.

 Der Fuchs aber wollte auf nichts hören und sprach: "Da ist keine Gnade, ihr
 müsst sterben."

 Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: "Sollen wir armen Gänse doch
 einmal unser junges Leben lassen, so gewähre uns die einzige Gnade, und
 erlaub uns noch ein Gebet, damit wir nicht in unsern Sünden sterben; hernach
 wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die fetteste
 aussuchen kannst."

 "Ja", sagte der Fuchs, "das ist billig und ist eine fromme Bitte; betet, ich
 will so lange warten."

 Also fing die erste ein recht langes Gebet an, immer "ga! ga!", und weil sie
 gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie
 kam, sondern fing auch an: "ga! ga!" Die dritte und vierte folgte ihr, und
 bald gackerten sie alle zusammen.

 (Und wenn sie ausgebetet haben, soll das Märchen weiter erzählt werden, sie
 beten aber noch immerfort.)



 Der Fuchs und das Pferd

 Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden und konnte keine
 Dienste mehr tun; da wollte ihm sein Herr nichts mehr zu fressen geben und
 sprach: "Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr; indes meine ich es gut
 mit dir; zeigst du dich noch so stark, dass du mir einen Löwen hierher bringst,
 so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich fort aus meinem Stall", und er
 jagte es damit ins weite Feld.

 Das Pferd war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor
 dem Wetter zu suchen.

 Da begegnete ihm der Fuchs und sprach: "Was hängst du so den Kopf und gehst
 so einsam herum?"

 "Ach", antwortete das Pferd, "Geiz und Treue wohnen nicht beisammen in einem
 Haus; mein Herr hat vergessen, was ich ihm für Dienste in so vielen Jahren
 geleistet habe, und weil ich nicht mehr recht ackern kann, will er mir kein
 Futter mehr geben und hat mich fortgejagt."

 "Ohne allen Trost?" fragte der Fuchs.

 "Der Trost war schlecht, er hat gesagt, wenn ich noch so stark wäre, dass ich
 ihm einen Löwen brächte, wollte er mich behalten, aber er weiß wohl, dass ich
 das nicht vermag."

 Der Fuchs sprach: "Da will ich dir helfen, leg dich nur hin, strecke dich
 aus und rege dich nicht, als wärst du tot."

 Das Pferd tat, was der Fuchs verlangte; der Fuchs aber ging zum Löwen, der
 seine Höhle nicht weit davon hatte, und sprach: "Da draußen liegt ein totes
 Pferd, komm doch mit hinaus, da kannst du eine fette Mahlzeit halten."

 Der Löwe ging mit, und wie sei bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs:
 "Hier hast du's doch nicht nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? Ich
 will's mit dem Schweif an dich binden, so kannst du's in deine Höhle ziehen
 und in aller Ruhe verzehren."

 Dem Löwen gefiel der Rat, er stellte sich hin, und damit ihm der Fuchs das
 Pferd fest knüpfen könnte, hielt er ganz still. Der Fuchs aber band mit des
 Pferdes Schweif dem Löwen die Beine zusammen und drehte und schnürte alles
 so wohl und stark, dass es mit keiner Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein
 Werk vollendet hatte, klopfte er dem Pferd auf die Schulter und sprach:
 "Zieh, Schimmel, zieh."

 Da sprang das Pferd mit einmal auf und zog den Löwen mit sich fort. Der Löwe
 fing an zu brüllen, dass die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken
 aufflogen; aber das Pferd ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über das
 Feld vor seines Herrn Tür.

 Wie der Herr das sah, besann er sich eines Besseren und sprach zu dem Pferd:
 "Du sollst bei mir bleiben und es guthaben", und gab ihm satt zu fressen,
 bis es starb.



 Der Fuchs und der Storch

 "Erzähle mir doch etwas von den fremden Ländern, die du alle gesehen hast",
 sagte der Fuchs zu dem weit gereisten Storche.

 Hierauf fing der Storch an, ihm jede Lache und jede feuchte Wiese zu nennen,
 wo er die schmackhaftesten Würmer und die fettesten Frösche geschmauset.

 "Sie sind lange in Paris gewesen, mein Herr. Wo speist man da am besten?
 Was für Weine haben Sie da am meisten nach Ihrem Geschmacke gefunden?"



 Hyäne und Königstiger

 Die satte Hyäne rühmte sich dem Königstiger gegenüber: "Ich begnüge mich
 nicht mit geringer Beute; eben habe ich das Fleisch eines Löwen gegessen."

 "Ich glaube es dir - aber es war sicher einer, welchen der Pfeil des
 Menschen vorher erlegt hatte. Deinesgleichen wagt sich nicht an lebendige
 Kraft, sondern schändet nur die Toten."



 Kater und Sperling

 Es flog ein Sperling auf die Düngerstätte eines Bauern. Da kam der Kater,
 erwischte den Sperling, trug ihn fort und wollte ihn verspeisen.

 Der Sperling aber sagte: "Kein Herr hält sein Frühstück, wenn er sich nicht
 vorher den Mund gewaschen hat."

 Mein Kater nimmt sich das zu Herzen, setzt den Sperling auf die Erde hin und
 fängt an, sich mit der Pfote den Mund zu waschen - da flog ihm der Sperling
 davon. Das ärgerte den Kater ungemein, und er sagte: "Solange ich lebe,
 werde ich immer zuerst mein Frühstück halten und dann den Mund waschen."

 Und so macht er es denn bis auf diese Stunde.



 Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

 Es war einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft
 geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich in Frieden
 gelebt und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es
 täglich in den Wald fliegen und Holz beibringen müsste. Die Maus sollte
 Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber
 sollte kochen.

 Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen! Also eines Tages
 begegnete dem Vöglein unterwegs ein anderer Vogel, dem es seine treffliche
 Gelegenheit erzählte und rühmte. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen
 armen Tropf, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage hätten.
 Denn, wenn die Maus Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie
 sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie den Tisch decken hieß. Das
 Würstlein blieb beim Topf, sah zu, dass die Speise wohl kochte, und wenn es
 bald Essenszeit war, schlüpfte es einmal durch den Brei oder das Gemüse, so
 war es geschmolzen, gesalzen und bereitet. Kam dann das Vöglein heim und
 legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch, und nach gehabtem Mahl
 schliefen sie sich die Haut voll bis in den andern Morgen; und das war ein
 herrliches Leben.

 Das Vöglein wollte anderen Tages aus Anstiftung nicht mehr ins Holz,
 sprechend, es wäre lang genug Knecht gewesen und hätte gleichsam ihr Narr
 sein müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise auch
 versuchen. Und wiewohl die Maus und auch die Bratwurst heftig dafür baten,
 so war der Vogel doch Meister; es musste gewagt sein, sie spielten darum, und
 das Los kam auf die Bratwurst, die musste Holz tragen, die Maus ward Koch,
 und der Vogel sollte Wasser holen.

 Was geschah? Das Bratwürstchen zog fort gen Holz, das Vögelchen machte Feuer
 an, die Maus stellte den Topf zu, und sie warteten, bis Bratwürstchen so
 heimkäme und Holz für den anderen Tag brächte. Es blieb aber das Würstchen
 so lang unterwegs, dass ihnen beiden nichts Gutes vorkam und ihm das Vöglein
 ein Stück durch Luft entgegen flog. Unfern aber fand es einen Hund am Weg,
 der das arme Bratwürstlein als freie Beute angetroffen, angepackt und
 niedergemacht. Das Vöglein beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren
 Raubes sehr gegen den Hund, aber es half kein Wort, denn, sprach der Hund,
 er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen wäre sie ihm
 des Lebens verfallen gewesen.

 Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es
 gesehen und gehört. Sie waren sehr betrübt, blieben aber doch beisammen. So
 deckte das Vöglein den Tisch, die Maus rüstete das Essen und wollte im Topf,
 wie zuvor das Würstlein, durch das Gemüse schlüpfen, dasselbe zu schmelzen:
 aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und musste Haut und Haar
 und dabei das Leben lassen.

 Als das Vöglein kam und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch
 vorhanden. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin, rief und suchte, konnte
 aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das
 Holz, also dass eine Brunst entstand; das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da
 entfiel ihm der Eimer in den Brunnen, und es musste mit hinab, dass es sich
 nicht mehr erholen konnte und da ersaufen musste.



 Der Meer-Otter

 Ein Meer-Otter ging an den Ufern von Kamtschatka auf und nieder, als ihn ein
 heißhungriger Wolf erblickte und hinterrücks anfiel.

 "Ich bin Fisch!" schrie der Otter ängstlich und stürzte sich in das Wasser,
 musste aber seinen Schwanz in dem Rachen des Wolfs zurücklassen.

 Seine Schmerzen waren noch nicht gestillt, als er einen Seelöwen gerade auf
 sich zu schwimmen sah.

 "Herr! Ich bin Fleisch!" ruft er seinem neuen Feind entgegen. Aber der war
 taub und biss ihm den Kopf ab.

 Es ist von allen Zeiten her eine mühsame und gefährliche Politik gewesen, es
 zugleich mit zwei wichtigen Parteien zu halten, und die meisten haben Kopf
 und Schwanz darüber verloren.



 Die Scholle

 Die Fische waren schon lange unzufrieden, dass keine Ordnung in ihrem Reich
 herrschte. Keiner kehrte sich an den andern, schwamm rechts und links, wie
 es ihm einfiel, fuhr zwischen denen durch, die zusammenbleiben wollten, oder
 sperrte ihnen den Weg, und der Stärkere gab dem Schwächeren einen Schlag mit
 dem Schwanz, dass er weit wegfuhr, oder er verschlang ihn ohne weiteres.
 "Wie schön wäre es, wenn wir einen König hätten, der Recht und Gerechtigkeit
 bei uns übte", sagten sie und vereinigten sich, den zu ihrem Herrn zu
 wählen, der am schnellsten die Fluten durchstreichen und dem Schwachen Hilfe
 bringen könnte.

 Sie stellten sich also am Ufer in Reihe und Glied auf, und der Hecht gab mit
 dem Schwanz ein Zeichen, worauf sie alle zusammen aufbrachen. Wie ein Pfeil
 schoss der Hecht dahin und mit ihm der Hering, der Gründling, der Barsch, der
 Karpfen und wie sie alle heißen. Auch die Scholle schwamm mit und hoffte,
 das Ziel zu erreichen.

 Auf einmal ertönte der Ruf: "Der Hering ist vor! Der Hering ist vor!" "Wen
 is vör?" schrie verdrießlich die platte, missgünstige Scholle, die weit
 zurückgeblieben war. "Wen is vör?" - "Der Hering, der Hering", war die
 Antwort. "De nackte Hiering?" rief die Neidische. "De nackte Hiering?" Seit
 dieser Zeit steht der Scholle zur Strafe das Maul schief.



 Der unzufriedene Sperling

 Ein Sperling hatte ein Stückchen alter Brotrinde erhascht und flog damit auf
 das Gesimse eines Hauses dicht an ein offenes Fenster heran. Da gewahrte er
 in einem Käfig, welcher auf dem Brette desselben stand, einen Kanarienvogel.
 Dieser hüpfte bald zur Rechten, wo zwischen den Drähten ein Zwieback
 steckte, dann zur Linken nach einem Apfelschnitt und ließ sich die
 Leckerbissen munden. Mit Neid schaute der Spatz auf den Begünstigten. "Ich
 muss mich mit einer so elenden, schmutzigen, gemeinen Rinde begnügen, und
 dieser Kerl schwelgt in allen Genüssen!" Er ließ die Brotrinde fallen und
 schalt weiter. "Nein, da will ich lieber hungern, als diese ekelhafte Speise
 genießen." Aber das Bedürfnis nach Nahrung war doch zu stark, er nahm einen
 Schnabel voll, schielte aber dabei gierig nach dem Zwieback und schimpfte
 innerlich weiter.

 "Das ist eine schlechte Fabel", denkst du, mein Leser, "so töricht ist doch
 ein Tier nicht, dass es sich den Genuss dessen, was es besitzt, durch Neid auf
 fremden Besitz vergiftet." Du hast recht, vollkommen recht. So töricht
 können ja nur Menschen sein.



 Der Wolf und der Mensch

 Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen, kein Tier
 könnte ihm widerstehen, und sie müssten List gebrauchen, um sich vor ihm zu
 erhalten. Da antwortete der Wolf: "Wenn ich nur einmal einen Menschen zu
 sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen." - "Dazu kann ich dir
 helfen", sprach der Fuchs, "komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir
 einen zeigen." Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte
 ihn hinaus auf den Weg, den der Jäger alle Tage ging. Zuerst kam ein alter
 abgedankter Soldat. "Ist das ein Mensch?" fragte der Wolf. "Nein",
 antwortete der Fuchs, "das ist einer gewesen." Danach kam ein kleiner Knabe,
 der zur Schule wollte. "Ist das ein Mensch?" - "Nein, das will erst einer
 werden." Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den
 Hirschfänger an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf: "Siehst du, dort kommt
 ein Mensch, auf den musst du losgehen, ich aber will mich fort in meine Höhle
 machen." Der Wolf ging nun auf den Menschen los, der Jäger, als er ihn
 erblickte, sprach: "Es ist schade, dass ich keine Kugel geladen habe", legte
 an und schoss dem Wolf das Schrot ins Gesicht.

 Der Wolf verzog das Gesicht ganz gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken
 und ging vorwärts, da gab ihm der Jäger eine zweite Ladung. Der Wolf verbiss
 den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe; da zog dieser seinen blanken
 Hirschfänger und gab ihm links und rechts ein paar Hiebe, dass er, über und
 über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief: "Nun, Bruder Wolf", sprach
 der Fuchs, "wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?" - "Ach",
 antwortete der Wolf, "so habe ich mir die Stärke des Menschen nicht
 vorgestellt: erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da
 flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt, danach
 pustete er noch einmal in den Stock, da flog es mir um die Nase wie der Blitz
 und Hagelwetter, und wie ich ganz nahe war, da zog er eine blanke Rippe aus
 dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, dass ich beinahe tot
 liegen geblieben wäre." - "Siehst du", sprach der Fuchs, "was du für ein
 Prahlhans bist: du wirfst das Beil so weit, dass du's nicht wieder holen
 kannst."



 Der Zaunkönig und der Bär

 Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spazieren; da
 hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: "Bruder Wolf,
 was ist das für ein Vogel, der so schön singt?"

 "Das ist der König der Vögel", sagte der Wolf, "vor dem müssen wir uns
 neigen"; es war aber der Zaunkönig. "Wenn es das ist", sagte der Bär, "so
 möchte ich auch gerne seinen königlichen Palast sehen, komm und führ mich
 hin."

 "Das geht nicht so, wie du meinst", sprach der Wolf, "du musst warten, bis
 die Frau Königin kommt." Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter
 im Schnabel und der Herr König auch, und sie wollten ihre jungen atzen.

 Der Bär wäre gern nun gleich hinterdrein gegangen; aber der Wolf hielt ihn am
 Ärmel und sagte: "Nein, du musst warten, bis Herr und Frau Königin wieder
 fort sind." Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und trabten
 wieder ab.

 Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen und ging
 nach einer kurzen Weile wieder vor. Da waren König und Königin richtig
 ausgeflogen; er guckte hinein und sah fünf oder sechs junge, die lagen
 darin.

 "Ist das der königliche Palast!" rief der Bär, "das ist ein erbärmlicher
 Palast! Ihr seid auch keine Königskinder, ihr seid unehrliche Kinder."

 Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrieen:
 "Nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute; Bär, das soll
 ausgemacht werden mit dir."

 Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie kehrten um und setzten sich in ihre
 Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber schrieen und lärmten fort, und als ihre
 Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: "Wir rühren kein Fliegenbeinchen
 an und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche
 Kinder sind oder nicht: der Bär ist da gewesen und hat uns gescholten."

 Da sagte der König: "Seid nur ruhig, das soll ausgemacht werden." Flog
 darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein:
 "Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir übel
 bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen."

 Also war dem Bären der Krieg angekündigt und war alles vierfüßige Getier
 berufen: Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh und was die Erde sonst alles trägt.
 Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht allein die
 Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen
 mussten herbei.

 Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig
 Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes wäre. Die Mücke
 war die Listigste von allen, schwärmte im Wald, wo der Feind sich
 versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die
 Parole ausgegeben wurde.

 Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: "Fuchs, du bist der
 Schlaueste unter allem Getier, du sollst General sein und uns anführen."

 "Gut", sagte der Fuchs, "aber was für Zeichen wollen wir verabreden?"
 Niemand wusste es.

 Da sprach der Fuchs: "Ich habe einen schönen, langen, buschigen Schwanz, der
 sieht aus fast wie ein roter Federbusch; wenn ich den Schwanz in die Höhe
 halte, so geht die Sache gut und ihr müsst drauflos marschieren; lass ich ihn
 aber herunterhängen, so lauft, was ihr könnt."

 Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem
 Zaunkönig alles haarklein.

 Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu, da kam das
 vierfüßige Getier daher gerannt mit Gebraus, dass die Erde zitterte; Zaunkönig
 mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher, die schnurrte, schrie und
 schwärmte, dass einem angst und bange ward; und gingen sie da von beiden
 Seiten aneinander.

 Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs
 unter den Schwanz setzen und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs
 den ersten Stich bekam, zuckte er, dass er das eine Bein aufhob, doch ertrug
 er es und hielt den Schwanz noch in die Höhe; beim zweiten Stich musste er
 ihn einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich nicht
 mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine.

 Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre verloren, und fingen an zu
 laufen, jeder in seine Höhle; und hatten die Vögel die Schlacht gewonnen.

 Da flogen der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und
 riefen: "Kinder, seid fröhlich, esst und trinkt nach Herzenslust, wir haben
 den Krieg gewonnen." Die jungen Zaunkönige aber sagten: "Noch essen wir
 nicht, der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun und sagen, dass wir
 ehrliche Kinder sind."

 Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären und rief: "Brummbär, du sollst
 vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, dass sie
 ehrliche Kinder sind, sonst sollen dir die Rippen im Leib zertreten werden."

 Da kroch der Bär in der größten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren die
 jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, aßen und tranken
 und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein.



 Zeisig und Nachtigall

 "Sage mir doch, Nachtigall", so fragte der Zeisig, "warum du bald so tief
 schmerzlich klagst und dann so jubelst? Ich verstehe das nicht." Die
 Nachtigall antwortete: "Ich empfinde anders als du. Ich lebe, ist das nicht
 Grund genug zur Klage? Ich lebe, ist das zum Jubel nicht Grund genug?"

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