Die Emanzipierte Eine Henne hatte sich auf einen Misthaufen gestellt und redete zu ihren Geschlechtsgenossinnen: "Wir müssen uns freimachen von den Hähnen, ja selbst Hähne werden. Nur die tausendjährige Unterdrückung hat unsere Natur verkümmert. Wir erkennen das Übergewicht des Hahnes nicht mehr an!" Sie stockte plötzlich, denn der überstarke Drang ihrer Weiblichkeit machte sich ihr bemerkbar, aber sie bezwang sich, um ihren Grundsätzen nicht untreu zu werden, und schrie: "Auch wir wollen den Kamm und die Sporen!" In diesem Augenblicke erlahmte ihre Widerstandskraft, und es entfiel ihr ein weißes, schimmerndes Ei. Ein Hahn, welcher vom Zaune her die Versammlung belauscht hatte, brach in ein krähendes Gelächter aus: "Und wenn ihr noch so schreit, ihr werdet immer mitten in euren logischen Erörterungen unlogische Gefühlseier legen. Was als Gackgack geboren ist, wird niemals zum Kikeriki." Der Fuchs und die Gänse Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner, fetter Gänse saß; da lachte er und sprach: "Ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch beisammen, so kann ich eine nach der andern auffressen." Die Gänse gackerten vor Schreck, sprangen auf, fingen an zu jammern und kläglich um ihr Leben zu bitten. Der Fuchs aber wollte auf nichts hören und sprach: "Da ist keine Gnade, ihr müsst sterben." Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: "Sollen wir armen Gänse doch einmal unser junges Leben lassen, so gewähre uns die einzige Gnade, und erlaub uns noch ein Gebet, damit wir nicht in unsern Sünden sterben; hernach wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die fetteste aussuchen kannst." "Ja", sagte der Fuchs, "das ist billig und ist eine fromme Bitte; betet, ich will so lange warten." Also fing die erste ein recht langes Gebet an, immer "ga! ga!", und weil sie gar nicht aufhören wollte, wartete die zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern fing auch an: "ga! ga!" Die dritte und vierte folgte ihr, und bald gackerten sie alle zusammen. (Und wenn sie ausgebetet haben, soll das Märchen weiter erzählt werden, sie beten aber noch immerfort.) Der Fuchs und das Pferd Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden und konnte keine Dienste mehr tun; da wollte ihm sein Herr nichts mehr zu fressen geben und sprach: "Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr; indes meine ich es gut mit dir; zeigst du dich noch so stark, dass du mir einen Löwen hierher bringst, so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich fort aus meinem Stall", und er jagte es damit ins weite Feld. Das Pferd war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor dem Wetter zu suchen. Da begegnete ihm der Fuchs und sprach: "Was hängst du so den Kopf und gehst so einsam herum?" "Ach", antwortete das Pferd, "Geiz und Treue wohnen nicht beisammen in einem Haus; mein Herr hat vergessen, was ich ihm für Dienste in so vielen Jahren geleistet habe, und weil ich nicht mehr recht ackern kann, will er mir kein Futter mehr geben und hat mich fortgejagt." "Ohne allen Trost?" fragte der Fuchs. "Der Trost war schlecht, er hat gesagt, wenn ich noch so stark wäre, dass ich ihm einen Löwen brächte, wollte er mich behalten, aber er weiß wohl, dass ich das nicht vermag." Der Fuchs sprach: "Da will ich dir helfen, leg dich nur hin, strecke dich aus und rege dich nicht, als wärst du tot." Das Pferd tat, was der Fuchs verlangte; der Fuchs aber ging zum Löwen, der seine Höhle nicht weit davon hatte, und sprach: "Da draußen liegt ein totes Pferd, komm doch mit hinaus, da kannst du eine fette Mahlzeit halten." Der Löwe ging mit, und wie sei bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs: "Hier hast du's doch nicht nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? Ich will's mit dem Schweif an dich binden, so kannst du's in deine Höhle ziehen und in aller Ruhe verzehren." Dem Löwen gefiel der Rat, er stellte sich hin, und damit ihm der Fuchs das Pferd fest knüpfen könnte, hielt er ganz still. Der Fuchs aber band mit des Pferdes Schweif dem Löwen die Beine zusammen und drehte und schnürte alles so wohl und stark, dass es mit keiner Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein Werk vollendet hatte, klopfte er dem Pferd auf die Schulter und sprach: "Zieh, Schimmel, zieh." Da sprang das Pferd mit einmal auf und zog den Löwen mit sich fort. Der Löwe fing an zu brüllen, dass die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken aufflogen; aber das Pferd ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über das Feld vor seines Herrn Tür. Wie der Herr das sah, besann er sich eines Besseren und sprach zu dem Pferd: "Du sollst bei mir bleiben und es guthaben", und gab ihm satt zu fressen, bis es starb. Der Fuchs und der Storch "Erzähle mir doch etwas von den fremden Ländern, die du alle gesehen hast", sagte der Fuchs zu dem weit gereisten Storche. Hierauf fing der Storch an, ihm jede Lache und jede feuchte Wiese zu nennen, wo er die schmackhaftesten Würmer und die fettesten Frösche geschmauset. "Sie sind lange in Paris gewesen, mein Herr. Wo speist man da am besten? Was für Weine haben Sie da am meisten nach Ihrem Geschmacke gefunden?" Hyäne und Königstiger Die satte Hyäne rühmte sich dem Königstiger gegenüber: "Ich begnüge mich nicht mit geringer Beute; eben habe ich das Fleisch eines Löwen gegessen." "Ich glaube es dir - aber es war sicher einer, welchen der Pfeil des Menschen vorher erlegt hatte. Deinesgleichen wagt sich nicht an lebendige Kraft, sondern schändet nur die Toten." Kater und Sperling Es flog ein Sperling auf die Düngerstätte eines Bauern. Da kam der Kater, erwischte den Sperling, trug ihn fort und wollte ihn verspeisen. Der Sperling aber sagte: "Kein Herr hält sein Frühstück, wenn er sich nicht vorher den Mund gewaschen hat." Mein Kater nimmt sich das zu Herzen, setzt den Sperling auf die Erde hin und fängt an, sich mit der Pfote den Mund zu waschen - da flog ihm der Sperling davon. Das ärgerte den Kater ungemein, und er sagte: "Solange ich lebe, werde ich immer zuerst mein Frühstück halten und dann den Mund waschen." Und so macht er es denn bis auf diese Stunde. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst Es war einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich in Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es täglich in den Wald fliegen und Holz beibringen müsste. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen. Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen! Also eines Tages begegnete dem Vöglein unterwegs ein anderer Vogel, dem es seine treffliche Gelegenheit erzählte und rühmte. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen armen Tropf, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage hätten. Denn, wenn die Maus Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie den Tisch decken hieß. Das Würstlein blieb beim Topf, sah zu, dass die Speise wohl kochte, und wenn es bald Essenszeit war, schlüpfte es einmal durch den Brei oder das Gemüse, so war es geschmolzen, gesalzen und bereitet. Kam dann das Vöglein heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch, und nach gehabtem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis in den andern Morgen; und das war ein herrliches Leben. Das Vöglein wollte anderen Tages aus Anstiftung nicht mehr ins Holz, sprechend, es wäre lang genug Knecht gewesen und hätte gleichsam ihr Narr sein müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise auch versuchen. Und wiewohl die Maus und auch die Bratwurst heftig dafür baten, so war der Vogel doch Meister; es musste gewagt sein, sie spielten darum, und das Los kam auf die Bratwurst, die musste Holz tragen, die Maus ward Koch, und der Vogel sollte Wasser holen. Was geschah? Das Bratwürstchen zog fort gen Holz, das Vögelchen machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu, und sie warteten, bis Bratwürstchen so heimkäme und Holz für den anderen Tag brächte. Es blieb aber das Würstchen so lang unterwegs, dass ihnen beiden nichts Gutes vorkam und ihm das Vöglein ein Stück durch Luft entgegen flog. Unfern aber fand es einen Hund am Weg, der das arme Bratwürstlein als freie Beute angetroffen, angepackt und niedergemacht. Das Vöglein beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren Raubes sehr gegen den Hund, aber es half kein Wort, denn, sprach der Hund, er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen wäre sie ihm des Lebens verfallen gewesen. Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es gesehen und gehört. Sie waren sehr betrübt, blieben aber doch beisammen. So deckte das Vöglein den Tisch, die Maus rüstete das Essen und wollte im Topf, wie zuvor das Würstlein, durch das Gemüse schlüpfen, dasselbe zu schmelzen: aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und musste Haut und Haar und dabei das Leben lassen. Als das Vöglein kam und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vorhanden. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin, rief und suchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also dass eine Brunst entstand; das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da entfiel ihm der Eimer in den Brunnen, und es musste mit hinab, dass es sich nicht mehr erholen konnte und da ersaufen musste. Der Meer-Otter Ein Meer-Otter ging an den Ufern von Kamtschatka auf und nieder, als ihn ein heißhungriger Wolf erblickte und hinterrücks anfiel. "Ich bin Fisch!" schrie der Otter ängstlich und stürzte sich in das Wasser, musste aber seinen Schwanz in dem Rachen des Wolfs zurücklassen. Seine Schmerzen waren noch nicht gestillt, als er einen Seelöwen gerade auf sich zu schwimmen sah. "Herr! Ich bin Fleisch!" ruft er seinem neuen Feind entgegen. Aber der war taub und biss ihm den Kopf ab. Es ist von allen Zeiten her eine mühsame und gefährliche Politik gewesen, es zugleich mit zwei wichtigen Parteien zu halten, und die meisten haben Kopf und Schwanz darüber verloren. Die Scholle Die Fische waren schon lange unzufrieden, dass keine Ordnung in ihrem Reich herrschte. Keiner kehrte sich an den andern, schwamm rechts und links, wie es ihm einfiel, fuhr zwischen denen durch, die zusammenbleiben wollten, oder sperrte ihnen den Weg, und der Stärkere gab dem Schwächeren einen Schlag mit dem Schwanz, dass er weit wegfuhr, oder er verschlang ihn ohne weiteres. "Wie schön wäre es, wenn wir einen König hätten, der Recht und Gerechtigkeit bei uns übte", sagten sie und vereinigten sich, den zu ihrem Herrn zu wählen, der am schnellsten die Fluten durchstreichen und dem Schwachen Hilfe bringen könnte. Sie stellten sich also am Ufer in Reihe und Glied auf, und der Hecht gab mit dem Schwanz ein Zeichen, worauf sie alle zusammen aufbrachen. Wie ein Pfeil schoss der Hecht dahin und mit ihm der Hering, der Gründling, der Barsch, der Karpfen und wie sie alle heißen. Auch die Scholle schwamm mit und hoffte, das Ziel zu erreichen. Auf einmal ertönte der Ruf: "Der Hering ist vor! Der Hering ist vor!" "Wen is vör?" schrie verdrießlich die platte, missgünstige Scholle, die weit zurückgeblieben war. "Wen is vör?" - "Der Hering, der Hering", war die Antwort. "De nackte Hiering?" rief die Neidische. "De nackte Hiering?" Seit dieser Zeit steht der Scholle zur Strafe das Maul schief. Der unzufriedene Sperling Ein Sperling hatte ein Stückchen alter Brotrinde erhascht und flog damit auf das Gesimse eines Hauses dicht an ein offenes Fenster heran. Da gewahrte er in einem Käfig, welcher auf dem Brette desselben stand, einen Kanarienvogel. Dieser hüpfte bald zur Rechten, wo zwischen den Drähten ein Zwieback steckte, dann zur Linken nach einem Apfelschnitt und ließ sich die Leckerbissen munden. Mit Neid schaute der Spatz auf den Begünstigten. "Ich muss mich mit einer so elenden, schmutzigen, gemeinen Rinde begnügen, und dieser Kerl schwelgt in allen Genüssen!" Er ließ die Brotrinde fallen und schalt weiter. "Nein, da will ich lieber hungern, als diese ekelhafte Speise genießen." Aber das Bedürfnis nach Nahrung war doch zu stark, er nahm einen Schnabel voll, schielte aber dabei gierig nach dem Zwieback und schimpfte innerlich weiter. "Das ist eine schlechte Fabel", denkst du, mein Leser, "so töricht ist doch ein Tier nicht, dass es sich den Genuss dessen, was es besitzt, durch Neid auf fremden Besitz vergiftet." Du hast recht, vollkommen recht. So töricht können ja nur Menschen sein. Der Wolf und der Mensch Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen, kein Tier könnte ihm widerstehen, und sie müssten List gebrauchen, um sich vor ihm zu erhalten. Da antwortete der Wolf: "Wenn ich nur einmal einen Menschen zu sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen." - "Dazu kann ich dir helfen", sprach der Fuchs, "komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen." Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte ihn hinaus auf den Weg, den der Jäger alle Tage ging. Zuerst kam ein alter abgedankter Soldat. "Ist das ein Mensch?" fragte der Wolf. "Nein", antwortete der Fuchs, "das ist einer gewesen." Danach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte. "Ist das ein Mensch?" - "Nein, das will erst einer werden." Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf: "Siehst du, dort kommt ein Mensch, auf den musst du losgehen, ich aber will mich fort in meine Höhle machen." Der Wolf ging nun auf den Menschen los, der Jäger, als er ihn erblickte, sprach: "Es ist schade, dass ich keine Kugel geladen habe", legte an und schoss dem Wolf das Schrot ins Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht ganz gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts, da gab ihm der Jäger eine zweite Ladung. Der Wolf verbiss den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe; da zog dieser seinen blanken Hirschfänger und gab ihm links und rechts ein paar Hiebe, dass er, über und über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief: "Nun, Bruder Wolf", sprach der Fuchs, "wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?" - "Ach", antwortete der Wolf, "so habe ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt: erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt, danach pustete er noch einmal in den Stock, da flog es mir um die Nase wie der Blitz und Hagelwetter, und wie ich ganz nahe war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, dass ich beinahe tot liegen geblieben wäre." - "Siehst du", sprach der Fuchs, "was du für ein Prahlhans bist: du wirfst das Beil so weit, dass du's nicht wieder holen kannst." Der Zaunkönig und der Bär Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spazieren; da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: "Bruder Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?" "Das ist der König der Vögel", sagte der Wolf, "vor dem müssen wir uns neigen"; es war aber der Zaunkönig. "Wenn es das ist", sagte der Bär, "so möchte ich auch gerne seinen königlichen Palast sehen, komm und führ mich hin." "Das geht nicht so, wie du meinst", sprach der Wolf, "du musst warten, bis die Frau Königin kommt." Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter im Schnabel und der Herr König auch, und sie wollten ihre jungen atzen. Der Bär wäre gern nun gleich hinterdrein gegangen; aber der Wolf hielt ihn am Ärmel und sagte: "Nein, du musst warten, bis Herr und Frau Königin wieder fort sind." Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und trabten wieder ab. Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen und ging nach einer kurzen Weile wieder vor. Da waren König und Königin richtig ausgeflogen; er guckte hinein und sah fünf oder sechs junge, die lagen darin. "Ist das der königliche Palast!" rief der Bär, "das ist ein erbärmlicher Palast! Ihr seid auch keine Königskinder, ihr seid unehrliche Kinder." Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrieen: "Nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute; Bär, das soll ausgemacht werden mit dir." Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie kehrten um und setzten sich in ihre Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber schrieen und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: "Wir rühren kein Fliegenbeinchen an und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche Kinder sind oder nicht: der Bär ist da gewesen und hat uns gescholten." Da sagte der König: "Seid nur ruhig, das soll ausgemacht werden." Flog darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein: "Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir übel bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen." Also war dem Bären der Krieg angekündigt und war alles vierfüßige Getier berufen: Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh und was die Erde sonst alles trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht allein die Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen mussten herbei. Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes wäre. Die Mücke war die Listigste von allen, schwärmte im Wald, wo der Feind sich versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: "Fuchs, du bist der Schlaueste unter allem Getier, du sollst General sein und uns anführen." "Gut", sagte der Fuchs, "aber was für Zeichen wollen wir verabreden?" Niemand wusste es. Da sprach der Fuchs: "Ich habe einen schönen, langen, buschigen Schwanz, der sieht aus fast wie ein roter Federbusch; wenn ich den Schwanz in die Höhe halte, so geht die Sache gut und ihr müsst drauflos marschieren; lass ich ihn aber herunterhängen, so lauft, was ihr könnt." Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem Zaunkönig alles haarklein. Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu, da kam das vierfüßige Getier daher gerannt mit Gebraus, dass die Erde zitterte; Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher, die schnurrte, schrie und schwärmte, dass einem angst und bange ward; und gingen sie da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter den Schwanz setzen und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich bekam, zuckte er, dass er das eine Bein aufhob, doch ertrug er es und hielt den Schwanz noch in die Höhe; beim zweiten Stich musste er ihn einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine. Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre verloren, und fingen an zu laufen, jeder in seine Höhle; und hatten die Vögel die Schlacht gewonnen. Da flogen der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und riefen: "Kinder, seid fröhlich, esst und trinkt nach Herzenslust, wir haben den Krieg gewonnen." Die jungen Zaunkönige aber sagten: "Noch essen wir nicht, der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun und sagen, dass wir ehrliche Kinder sind." Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären und rief: "Brummbär, du sollst vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, dass sie ehrliche Kinder sind, sonst sollen dir die Rippen im Leib zertreten werden." Da kroch der Bär in der größten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren die jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, aßen und tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein. Zeisig und Nachtigall "Sage mir doch, Nachtigall", so fragte der Zeisig, "warum du bald so tief schmerzlich klagst und dann so jubelst? Ich verstehe das nicht." Die Nachtigall antwortete: "Ich empfinde anders als du. Ich lebe, ist das nicht Grund genug zur Klage? Ich lebe, ist das zum Jubel nicht Grund genug?"Weitere interessante Texte Kommentar zum Text im Forum abgeben Diese Seite drucken