Warum man die alten Leute nicht tötet

                      Märchen aus Bulgarien

Einst hatte ein Zar befohlen, alle alten Leute zu töten, denn da sie
alt waren und nicht mehr arbeiten konnten, brachten sie dem Staat
keinen Nutzen. Der Vater des Zaren, der alte Zar, riet ihm von dieser
bösen Tat ab; er verlegte sich auf Bitten, aber auch auf Drohungen, er
werde ihm das Reich wegnehmen und ihn fortjagen, doch der junge Zar
hörte nicht auf ihn. Er war ja Zar, und ihm war alles erlaubt. Sein
Vater grämte sich einige Monate lang, doch dann entschloß er sich,
abzuwarten und zu sehen, was sein Sohn unternehmen würde. Aber kann
man einen jungen Tschorbadshija zurückhalten, wenn er ein schönes
Pferd bestiegen hat? Genauso war es mit dem jungen Zaren. Er hatte
befohlen, die Alten zu töten, und nichts konnte ihn davon abbringen.

Sein Befehl lautete: » Wenn jemand seinen Vater oder seine Mutter am
Leben läßt, soll ihm der Kopf abgeschlagen werden, seine Kinder sollen
vertrieben und sein Haus in Brand gesteckt werden.« Das Volk war starr
vor Entsetzen, doch da der Zar es so wollte, erlitten alle alten Leute
den Tod. Nur ein Mann, der zu den Mächtigen des Reiches gehörte und
seinen Vater sehr liebte, brachte es nicht fertig, ihn zu töten. Er
grub unter dem Keller ein Versteck für ihn aus und verbarg ihn dort.

Jeden Tag ging der Mann zu seinem Vater hinunter und erzählte ihm die
Neuigkeiten aus dem Reich. Der Vater beriet ihn, und jener hörte auf
die Ratschläge seines Vaters und wurde der Erste unter den angesehenen
Männern des Reiches und stand dem Zaren am nächsten.

Nachdem der Zar alle Alten hatte töten lassen, beschloß er, ein großes
Heer zu sammeln, durch das Reich zu ziehen und in jedem Haus
nachzuprüfen, ob sich nicht doch ein alter Mensch versteckt hielt. Als
der Vater des Zaren von diesem Vorhaben hörte, riet er seinem Sohn,
vorher zu prüfen, ob er mit den jungen Leuten regieren könnte. Erst
danach sollte er das Heer losschicken.

Der Zar dachte lange nach, bis ihm einfiel, wie er seine Leute prüfen
konnte. Er ließ die Mächtigen des Reiches rufen und sprach zu ihnen:

»Wenn morgen früh die Sonne aufgeht, werdet ihr alle zu mir kommen und
mir sagen, wie man aus Sand einen Strick flechten kann.«

Als die Ersten Männer des Landes dies hörten, versanken sie ins
Grübeln; sie waren sehr besorgt und gingen gesenkten Hauptes nach
Hause. Jeder von ihnen überlegte, wo er Rat finden könne, um eine so
schwere Aufgabe zu lösen. Der Mann, der seinen Vater versteckt hatte,
ging gleich zu ihm in das Versteck und sprach: »Ach, Vater, unser Zar
wird auch uns umbringen!«

»Warum sollte er euch umbringen?« fragte der Vater. »Ihr seid doch
jung und könnt sowohl arbeiten als auch im Krieg kämpfen, ihr könnt
doch alles.«

»Auch uns wird er umbringen«, sagte der Sohn. »Er hat uns heute alle
zu sich rufen lassen und uns beauftragt, morgen früh bei ihm im Palast
zu erscheinen und ihm zu sagen, wie man einen Strick aus Sand flechten
kann. Wir sind aber alle jung, und keiner von uns ist weise, so wird
er uns alle umbringen.«

»Fürchte dich nicht, mein Sohn«, sagte der Vater. »Das ist nicht
schwer. Morgen früh wirst du aufstehen und in den Palast gehen. Dann
sage dem Zaren, er soll einen Wagen Sand holen lassen und dir den Sand
so lange halten, bis du den Strick geflochten hast.«

Am Morgen darauf versammelten sich alle Höflinge im Palast, und sofort
fragte der Zar, wie man aus Sand einen Strick flicht. Alle senkten die
Köpfe und schwiegen, nur der Sohn des am Leben gebliebenen Alten
sagte: »Glückseliger Zar, laß einen Wagen voll Sand herbeischaffen,
und dann werde ich dir zeigen, wie man es macht.«

Der Zar ordnete es sofort an, und ehe man sich 's versah, hatten die
Diener den Sand gebracht. »Und nun, glückseliger Zar«, sagte der Mann,
»reiche mir den Sand her, damit ich flechten kann.« Der Zar begriff,
daß dies eine kluge Antwort war, und ließ alle gehen. Aber wie ein
altes Sprichwort sagt, muß man den Verstand des Menschen dreimal
prüfen, deshalb ließ der Zar nach einigen Tagen abermals die Ersten
des Reiches zusammenrufen und sagte zu ihnen folgendes: »Ich möchte,
daß ihr morgen schon vor Sonnenaufgang hier seid und mir sagt, wo die
Sonne zuerst aufgeht.«

Wieder ließen die Höflinge die Köpfe hängen und gingen besorgt und
nachdenklich nach Hause. Sofort stieg der Sohn in den Keller hinunter
und sagte zu seinem Vater: »Ach, Vater, jetzt ist uns etwas
Schlimmeres zugestoßen. Was noch kommen wird, weiß nur Gott.« Dann
berichtete er von der Aufgabe des Zaren.

»Hab keine Angst, mein Sohn, es ist eine leichte Aufgabe«, sagte der
Alte. » Wenn ihr morgen in den Palast kommt, sagst du dem Zaren, er
solle zu den Felsen schauen, wo die Sonne untergeht. Dort werdet ihr
die Sonne zuerst erblicken.«

Am nächsten Morgen gingen die Höflinge in den Palast, auch der Zar
erschien und stellte gleich seine Frage. Alle schlugen den Blick zu
Boden und schwiegen. Und als der Zar zu schimpfen und zu schreien
begann, sagten sie: »Die Sonne geht zuerst im Osten auf!«

»Die Sonne geht zuerst im Westen auf«, rief der Mann, dessen Vater
noch lebte. »Schau, glückseliger Zar, zu den Felsen im Westen,
dorthin, wo die Sonne untergeht.«

Alle blickten zu den Felsen im Westen. Die Sonne war noch nicht am
Himmel erschienen, doch diese Felsen waren bereits von ihr erleuchtet.

Da wurde es dem Zaren klar, daß dies sein klügster Mann war. Und er
ging zu seinem Vater und sagte zu ihm: »Siehst du, Vater, daß es auch
unter den Jungen kluge Menschen gibt, die mir helfen werden, das Land
zu regieren. Man kann auf dieser Welt auch ohne die Alten auskommen,
sie bringen keinen Nutzen, sondern nur Schaden.«

Als der Vater dies hörte, starb er vor Kummer, und so blieb der junge
Zar alleiniger Herrscher.

Es vergingen viele Jahre. Das Volk lebte, wie es ihm gerade paßte. Den
jungen Leuten gefiel das leichtere Leben besser, und sie pflügten den
Boden nicht mehr und hielten kein Vieh. Dazu kam eine Dürre - was man
angebaut hatte, wuchs nicht, und was wuchs, wurde vom Hagel
vernichtet. Es kamen schlechte Zeiten. Der Hungertod drohte dem Volk.

Jeder, der Weizen besessen hatte, hatte ihn gekocht und aufgegessen,
so daß kein Samen übriggeblieben war. Der Zar bekam es mit der Angst
zu tun - was sollte er mit einem hungernden Volk anfangen! Er
versammelte die hohen Herren seines Reiches und sprach zu ihnen: »Ich
gebe euch eine Woche Zeit, bis zu dieser Frist habt Ihr, woher auch
immer, Korn für die Saat herbeizuschaffen.«

Die Ersten des Landes gingen besorgt auseinander und fragten überall
herum, wo man Saatgetreide hernehmen könne: doch keiner konnte es
ihnen sagen. Der Mann, der seinen Vater verborgen hielt, war zutiefst
betrübt. Sein Kummer wuchs von Tag zu Tag, er hörte auf zu essen und
zu schlafen, magerte ab und lief wie ein Verrückter hin und her.

Währenddessen verflossen die gezählten Tage schnell. Als sich die
Woche dem Ende zuneigte, ging er am letzten Tag zu seinem Vater, um
Abschied zu nehmen und ihn um Vergebung zu bitten, da er ihn wohl zum
letzten Mal sah. - Er glaubte, der Zar würde ihn und die anderen wie
Hühner schlachten lassen.

Als der alte Mann seinen Sohn so abgemagert und betrübt fand, erschrak
er sehr, weil er meinte, er sei schwerkrank. Deswegen fragte er: »Bist
du krank, mein Sohn, und wo schmerzt es dich?«

»Ich bin nicht krank«, antwortete der Sohn, »doch heute wird uns der
Zar wie Hühner schlachten lassen.«

»Warum soll er euch umbringen lassen, mein Sohn, hast du etwas
verbrochen?«

»Ich habe nichts verbrochen, Vater. Das Korn ist im ganzen Land
ausgegangen, nirgends können wir Samen auftreiben, aber wo es kein
Brot gibt, gibt es auch kein Volk! Der Zar hat uns zu sich rufen
lassen und uns beauftragt, überall nach Korn für die Saat zu suchen.

Wenn wir nichts finden, sind wir verloren. Heute ist der letzte Tag,
und keinem von uns ist etwas eingefallen.«

Der Alte sah seinen Sohn an, lachte und sagte: »Hast du davor Angst,
mein Sohn? Das läßt sich doch am leichtesten erledigen. Sage dem
Zaren, er soll allen im Reich befehlen, die Ameisenhaufen
aufzustöbern. Dort werden sie Korn finden für die neue Saat.«

Darüber freute sich der Sohn sehr, er ging sofort in den Palast und
fand dort alle anderen vor, in Gedanken versunken und noch trauriger,
als er je gewesen war. Sie sagten dem Zaren, sie hätten kein Korn für
die Saat finden können, worauf er seinen Soldaten befahl, sie zu
köpfen. ..

»Halt, glückseliger Zar, töte nicht deine besten Leute«, sprach der
Sohn des Alten, der sich im Hintergrund hielt. »Ich weiß, wo man Korn
finden kann!«

»Wo?« fragte der Zar erfreut. »Wo hast du Korn gefunden, wer hat es
dir gesagt?«

»In den Ameisenhaufen, glückseliger Zar, in den Ameisenhaufen werden
wir Korn finden.«

»Sage mir, woher du das weißt«, sagte der Zar. »Wer hat dir diesen Rat
gegeben. Du bist klug und vernünftig, schon früher hast du allein die
richtige Antwort gegeben, als ich euch die Rätsel vom Sandstrick und
von der Sonne aufgab. Und auch jetzt weißt nur du die richtige
Antwort. Bist du selbst darauf gekommen, oder hat es dich jemand
gelehrt?«

»Ich wage es nicht, glückseliger Zar, dir die Wahrheit zu sagen. Wenn
ich sie dir sage, wirst du mich umbringen und mein Haus in Brand
stecken.«

Der Zar schwor, ihm nichts Böses zu tun, er sollte nur die Wahrheit
sagen.

»Als mein Vater alt wurde, glückseliger Zar«, erzählte der Mann, »tat
es mir leid, ihn umzubringen. Ich habe ihn versteckt und bis zum
heutigen Tag versorgt. Von ihm weiß ich, wie man aus Sand einen Strick
flicht und wo die Sonne zuerst aufgeht. Er hat mir auch gesagt, wo wir
nach Korn suchen sollen. So schwer wir uns immer taten, zu ergründen,
was wie gemacht wird, ich brauchte ihn nur danach zu fragen, da lachte
er und sagte: >Das ist sehr einfach.< «

»Von nun an«, sprach der Zar, »sollen die alten Leute nicht mehr
getötet werden, sondern sie sollen von den jüngeren verehrt werden.
Denn wir haben gesehen, daß auch sie gebraucht werden und daß sie dem
Reich Nutzen gebracht haben!«

Von da an hörte man auf, die alten Leute zu töten und ließ sie eines
natürlichen Todes sterben, wenn ihre Zeit gekommen war .

Der Zar befahl, die Ameisenhaufen im ganzen Land aufzuwühlen. Dort
fand man viel Korn für die Saat, und man fing an zu pflügen und zu
säen, und so ist es geblieben bis zum heutigen Tag. Wenn es kein Brot
gibt, gibt es auch kein Volk.

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