Die Maus und der Maulwurf

                      Märchen aus Bulgarien


Eine Maus wollte ihren Sohn vermählen, undd die Schwiegertochter
sollte höher stehen als er, aber dennoch zu ihm passen. Die Maus
horchte und fragte überall herum: »Wer mag wohl höher stehen als ich?«

Man sagte ihr, die Sonne. Die Maus ging zur Sonne und sprach zu ihr:

»Sonne, weißt du, warum ich zu dir komme? Man hat mir gesagt, du
stehst am höchsten, und ich möchte deine Tochter zur Schwiegertochter
haben. - Ich suche eine, die höher als ich steht und dennoch zu mir
paßt.«

»Ich stehe nicht am höchsten«, sprach die Sonne. »Es gibt Höheres als
mich.«

»Na, und was soll höher stehen als du?« fragte die Maus verwundert.

»Na wer schon! Die Wolke steht über mir. Wenn ich strahle und der Erde
Wärme schenke und die Wolke aufzieht und mich verdeckt, kann ich
nichts mehr wärmen. Darum geh zu ihr.«

Die Maus ging zur Wolke und rief ihr schon von weitern zu:

»Wolke, ich komme in einer wichtigen Angelegenheit zu dir. Ich möchte
meinen Sohn mit deiner Tochter verheiraten. Dies würde das für meinen
Sohn Entsprechende sein. Man hat mir gesagt, du seiest mächtiger als
die Sonne und kannst sie verdecken. Stimmt das?«

»Nein, ich bin nicht mächtiger«, sprach die Wolke. »Es gibt
Mächtigeres und Gewaltigeres als mich. Das ist der Wind, der mich
auseinanderweht, und dann kann ich nicht über einen mittleren Berg
hinweg.«

Die Maus ging zum Wind, aber der schickte sie zum Tal. Die Maus lief
hinab zum Gebirgstal und sagte:

»Tal, ich komme, um deine Tochter als Braut für meinen Sohn zu nehmen.
Man hat mir gesagt, du seiest das Mächtigste auf der ganzen Welt.«

»Ich?« fragte das Tal ganz erstaunt. »Nein, es gibt Mächtigeres als
mich.«

»Was ist das?« fragte die Maus.

»Was das ist? Der Fluß, den ich, wenn er über die Ufer tritt, nicht
aufhalten kann.«

Die Maus lief zum Fluß, fragte ihn, ob er am mächtigsten sei und ob er
seine Tochter ihrem Sohn zur Frau geben wolle, wo sie doch zueinander
passen würden. Aber der Fluß antwortete:

»Nein, ich stehe nicht höher als das Ufer, das mich daran hindert
überzutreten und das Land zu überfluten. Geh zu ihm, es steht über
mir.«

Die Maus kletterte am Ufer hoch und sprach: »Ich habe gehört, du bist
das Mächtigste auf der ganzen Welt, und komme zu dir, um deine Tochter
als Schwiegertochter zu nehmen.«

»Na, ich stehe aber nicht über dem Maulwurf, der mich durchwühlt,
abträgt und ganz kaputt macht. Er ist mächtiger, geh zu ihm.«

Die Maus sah unterhalb vom Ufer einen Maulwurfsbau, kroch hinein und
rief schon am Eingang: »Maulwurf, du stehst wohl am höchsten auf der
ganzen Welt?«

»Nein, ich nicht«, antwortete der Maulwurf. »Am höchsten stehen die
Sonne, die Wolke, der Wind, das Tal, der Fluß und das Ufer. Sie alle
sind mir hinderlich.«

»Ich war bereits bei ihnen«, erwiderte die Maus, »ich habe sie
gefragt, aber alle haben sie mir von dir erzählt, und nun bin ich zu
dir gekommen, um deine Tochter als Schwiegertochter zu werben, weil
sie uns ähnlich ist und dennoch höher als wir steht.«

»Gut, ich bin einverstanden«, freute sich der Maulwurf, und sie legten
den Hochzeitstermin fest.

Die Maulwurfstochter heiratete den Mäusesohn, und auf der
Hochzeitsfeier betrachtete die Maus den Pelz ihrer Schwiegertochter
und stellte fest, daß er dem Pelz ihres Sohnes sehr ähnelte und
meinte:

»Der Pelz der Schwiegertochter paßt gut zu dem meines Sohnes und dem
von uns Mäusen. Sie steht über uns, und darum ist sie für uns als
Schwiegertochter gut. Warum bin ich eigentlich so weit gelaufen, um
Höheres zu suchen, wo wir doch Nachbarn sind und uns so ähnlich
sehen?«

Nachdem sie das gesagt hatte, tanzte sie froh und glücklich im
Hochzeitsreigen.

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