Die Fabel

                             Eine Facharbeit
                                von
                         Jürgen Wögerbauer (5AHD)

                            Februar 1995




	 Der Wolf kam zum Bach. Da entsprang das Lamm.
	 ?Bleib nur, du störst mich nicht", rief der Wolf.
	 ?Danke", rief das Lamm zurück, ?ich habe im Äsop gelesen."
							(Helmut Arntzen)




Vorwort

Ich habe die Fabel als Gebiet meiner Facharbeit gewählt, weil mich diese Art
der Erzählung schon seit meiner frühesten Jugend sehr interessiert hat. Auch
wollte ich gegenüber früher geschriebenen Facharbeiten wie ?Die Romantik" oder
?Das Drama der Antike" auch einmal ein Thema wählen, von dem ich noch nichts
in der Schule gehört habe.

Mein Interesse fand jedoch im Schultrott ein jähes Ende. Durch Prüfungen und
Referate in meiner Freizeit sehr eingeschränkt, war es mir erst in den Weihnachts-
ferien möglich, mich über mein Facharbeitsthema zu informieren und einzulesen.

Doch auch nach den Ferien überkam mich wieder der Schulstreß, und so ist es mir
erst kurz vor den Energieferien gelungen mit dem Schreiben der Facharbeit zu be-
ginnen. Im Vergleich zu früheren Arbeiten kam ich jedoch ziemlich schnell voran
und so konnte ich schon nach einigen Tagen die Facharbeit abschließen.

Ich hoffe, daß der Leser durch meine Arbeit einen kleinen Einblick in die
Welt der Fabel bekommt.

							Jürgen Wögerbauer



           Inhaltsverzeichnis

VORWORT

INHALTSVERZEICHNIS

1.)     EINLEITUNG

2.)     WORT UND BEGRIFF DER FABEL

3.)     DIE GESCHICHTE DER FABEL
3.1.)   DIE ENTSTEHUNG DER FABEL
3.2.)   DIE GRIECHISCH-RÖMISCHE FABEL
3.2.1.) Äsop
3.2.2.) Phädrus
3.2.3.) Avianus

3.3.)   DIE ORIENTALISCHE FABEL
3.3.1.) Pantschatantra
3.3.2.) Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais

3.4.)   DEUTSCHES MITTELALTER
3.4.1.) Ulrich Boner
3.4.2.) Übersetzungen

3.5.)   JAHRHUNDERT DER REFORMATION
3.5.1.) Martin Luther

3.6.)   JAHRHUNDERT DER AUFKLÄRUNG
3.6.1.) Gottsched
3.6.2.) Lessing

3.7.)   19. JAHRHUNDERT
3.7.1.) Wilhelm Busch
3.7.2.) Wilhelm Hey

3.8.)   20. JAHRHUNDERT (DIE MODERNE FABEL)
3.8.1)  James Thurber

4.)     DAS ?BILD" DER FABEL
4.1.)   UMFANG DER FABEL
4.2.)   AUFBAU DER FABEL
4.3.)   HANDELNDE FIGUREN UND IHRE EIGENSCHAFTEN
4.4.)   SPRACHLICHE CHARAKTERISTIKA DER FABEL
4.5.)   ABGRENZUNG VON VERWANDTEN GATTUNGSFORMEN

5.)     STILZÜGE DER FABEL
5.1.)   BELEHRENDER STIL
5.2.)   KRITISIERENDER STIL
5.3.)   SATIRISCHER STIL

6.)     VARIATIONEN DER FABEL
6.1.)   DRAMATISIERUNG
6.2.)   EPISIERUNG
6.3.)   VERSIFIZIERUNG

7.)     AUFBAUTYPEN DER FABEL
7.1.)   DIE NORMALFORM UND IHRE ABWANDLUNGEN
7.2.)   DIE SONDERFORM BEI ALBERUS
7.3.)   DIE KUNSTFABEL

8.)     FABEL UND SCHULE
8.1.)   DIE BEDEUTUNG DER FABEL FÜR DIE SCHULE
8.2.)   DIE FABEL IM MODERNEN DEUTSCHUNTERRICHT
8.3.)   DAS ERFINDEN VON FABELN

9.)     DIE GESCHICHTE DES REINEKE FUCHS

FUßNOTENVERZEICHNIS

QUELLENVERZEICHNIS



1.) Einleitung

Die Fabel ist tot. Im 20. Jahrhundert werden keine Fabeln mehr geschrieben,
und die bereits geschriebenen interessieren keinen mehr. In den Lesebüchern,
wo die Fabel früher einen großen Raum einnahm, sucht man sie heute vergebens.

So und ähnlich wird behauptet. In meiner Facharbeit will ich versuchen solche
Ansichten zu widerlegen, und zu zeigen, daß die Fabel auch im 20. Jahrhundert
noch sehr lebendig ist.

Eine typische, klassische Fabel ist kurz und pointiert, leicht zu merken -
wie ein guter Witz.

Die Fabel selbst hat viele Gesichter. Im Alten Orient konnte man den
regierenden Fürsten durch Tierfabeln Entscheidungen leichter machen. Im Spät-
mittelalter war die satirische Fabel als Stände- und Sittensatire sehr beliebt.
Mit ihrer, gegen religiöse und politische Tyrannei gerichtete Haltung, diente
die Fabel des 16. Jahrhunderts der protestantischen Reformation.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg kehrte im 18. Jahrhundert der Optimismus in
die Dichtung zurück.  Nach Gottsched hatte die Dichtung schön und nützlich zu
sein. In dieser Einstellung lag der Hauptgrund für das Aufblühen der Fabel-
literatur des 18. Jahrhunderts; den die alte aesopische Fabel paßte genau in
dieses Schema.

Wenn man von der Fabel spricht, denkt man im allgemeinen nur an die
Tierfabel. Dem ist aber nicht so, die Fabel umfaßt die gesamte belebte und
unbelebte Natur, Menschen- und Götterwelt, und es ist grundsätzlich gleichgültig,
ob in einer Fabel Wolf und Lamm miteinander reden oder ob ein Sack mit den Ähren
spricht. Tiere sind die bevorzugten Personen der Fabel, weil man sie nicht mehr zu
beschreiben braucht. Es gibt bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen, die für
Fabeltiere typisch sind und die man auch in Sprichwörtern teilweise wiederfindet.

Im Schulunterricht bekommt die Fabel wieder eine zunehmende Bedeutung. Mit
Hilfe der Fabel wird der Schüler zum kritischen Denken und Handeln erzogen. Auf-
grund der Kürze und meist leichten Verständlichkeit des Textes ist die Fabel
besonders für Kinder im Volksschulalter geeignet.


2.) Wort und Begriff der Fabel

Das Wort Fabel geht auf lat. fabula zurück; dieses ist mit fari ?sprechen",
aber auch mit fateri ?bekennen" verwandt. Über das altfranzösische fable im Sinne
von ?Märchen, Erzählung, unwahre Geschichte" gelangt das Wort zu Beginn des 13.
Jahrhunderts ins Mittelhochdeutsche. Frühe Belege findet man zum Beispiel im
?Rolandslied" und in ?Tristan und Isold" von Gottfried von Straßburg. Als Bezeichnung
für die Gattung wird um diese Zeit noch bischaft, bispel gebraucht. Seit 1515 ist
auch fabulieren  im Sinne von ?phantasiereich erzählen" belegt. Erst bei den
Humanisten und dann besonders im 18. Jahrhundert kristallisiert sich allmählich ein
festerer Begriff heraus. Seit dem 18. Jahrhundert wendet man das Wort Fabel als
Gattungsbezeichnung nurmehr für die Form einer Erzählung an, in der Tiere, Pflanzen
oder Dinge eine führende Rolle spielen und in der eine bestimmte Lehre verdeutlicht
werden soll.


3.) Die Geschichte der Fabel

3.1.) Die Entstehung der Fabel

Die einzige einigermaßen gesicherte Erkenntnis liegt in der heutigen Annahme,
daß die Fabel bei vielen Völkern ziemlich gleichzeitig und unabhängig voneinander
entstand. Der Grund für das Auftauchen der Fabel an ganz verschiedenen Orten, jedoch
zur selben Zeit, wird wohl in der Veränderung der gesellschaftlichen Zustände und in
einer Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze zu finden sein. Etwa zur selben
Zeit, zu der die bekannten antiken Fabeln entstanden, wurden auch die frühen indischen
Sammlungen angelegt. In der Folge gab es auch persische und türkische Sammlungen, deren
Verfasser zumeist unbekannt blieben. Dies zeigt deutlich, daß die Fabel nicht nur eine
europäische Erscheinung darstellt.


3.2.) Die griechisch-römische Fabel

3.2.1.) Äsop

Als Ahnherr der Fabel gilt der phrygische Sklave Äsop, der im 6. Jahrhundert v. Chr.
lebte. Die Lebensdaten Äsops sind jedoch nicht gesichert, so daß von manchen Forschern
bezweifelt wird, ob Äsop überhaupt gelebt hat. Sie sagen, daß Äsop sozusagen eine
Konstruktion ist und daß die Fabeln, die ihm zugeschrieben werden, anonyme Produkte
aus dem Volk sind. Laut Überlieferung war Äsop in seiner gesellschaftlichen Existenz
doppelt beeinträchtigt. Er war nicht nur physisch beeinträchtigt, weil er einen
verkrüppelten Rücken hatte, sondern auch in seiner sozialen Existenz: Als Sklave stand
er auf der niedersten Sprosse der Gesellschaft. Im Laufe seines Lebens soll er sich
durch seine witzigen, geistvollen und pointierten Erzählungen nicht nur vorerst seine
persönliche Freiheit erworben haben, sondern sich später auch die Mißgunst, den Neid und
den Haß der delphischen Geistlichkeit zugezogen haben.

Diese Leute fürchteten offensichtlich seinen Einfluß auf das Volk. Sie ließen ihn heimlich
verhaften aus Angst vor Reaktionen des Volkes. Danach schmuggelten sie eine goldene Schale
aus dem Apollotempel in seinen Sack und stellten nun Äsop dem Volk als Kirchenräuber dar.

Er wird in den Kerker geworfen, als Kirchenräuber zum Tode verurteilt und vom Felsen ge-
stürzt. Äsop hat bis zuletzt versucht mit seinem einzigen Verteidigungsmittel, der Fabel,
um sein Leben zu kämpfen.

Die Fabel vom ?Frosch und der Maus" erzählt er nämlich den Delphern, als sie ihn aus dem
Gefängnis holen.

                           ?Was du tust, wirst du erleiden!

Als die Tiere noch alle die gleiche Sprache redeten, gewann eine Maus einen
Frosch lieb. Daher lud sie ihn zum Mahle ein und führte ihn in die Vorratskammer eines
Reichen. Da gab es Brot, Käs´, Honig, Feigen und alle andern Leckerbissen. ?Nun iß nach
Herzenslust, lieber Frosch", sagte die Maus. Der ließ sich das nicht zweimal sagen, und
alle beide schwelgten in auserlesenen Genüssen. Dann sagte der Frosch: ?Nun komm auch einmal
zu mir, liebe Maus, und mäste dich an meinen Schätzen! Damit du aber bei der Reise durchs
Wasser keine Angst bekommst, will ich deinen Fuß an meinen anbinden." Das tat er auch und
sprang in den Teich, wobei er die Maus gefesselt mit sich zog. Als diese nun merkte, daß
sie ertrinken mußte, sprach sie: ?Ich werde von dir getötet werden, aber von einem
Stärkeren werde ich gerächt werden." So starb sie. Aber wie sie noch auf dem Wasser dahin-
trieb, flog ein Habicht über den Teich. Der sah die Maus, schoß herab und ergriff sie und
zugleich mit ihr den Frosch. Und er verschlang sie beide." 1)

Offensichtlich verstanden sie seine Warnung nicht. Als sie ihn dann später aus dem
Zufluchtstempel des Apoll holten, erzählte er ihnen die Fabel vom ?Adler und Mistkäfer", mit
der deutlichen Aufforderung, einen schwachen Flüchtling nicht gegen das Gebot zu vernichten.

                               ?Die Rache der Schwachen"

Als Äsop von den Delphern zum Richtplatz geführt wurde, sprach er zu ihnen:
?Höret mich, Brüder aus Delphi! Ein Adler verfolgte einst einen Hasen. Da dieser sonst
nirgendwo einen Helfer sah, wandte er sich schutzflehend an einen Mistkäfer. Dieser sprach
ihm Mut ein und bat den Adler, er möge ihn nicht seiner Kleinheit wegen verachten. Er beschwor
ihn beim großen Zeus, das Schutzrecht zu ehren. Der Adler aber wurde zornig, warf den Mistkäfer
mit einem Flügelschlag beiseite, raubte den Hasen und verzehrte ihn. Der Mistkäfer aber
verkroch sich in das Gefieder des Adlers und ließ sich von diesem zu dessen Nest tragen. Dann
kroch er hinein und wälzte die Eier des Adlers über den Rand des Nestes, so daß sie zur Erde
fielen und zerbrachen. Der Adler aber nahm sich den Verlust seiner Brut zu Herzen und brütete
das nächstemal an einem höher gelegenen Platz. Aber auch dorthin flog ihm der Mistkäfer nach
und zerstörte wiederum die Brut. Nun war der Adler ratlos, flog hinauf zum Zeus und flehte
den an: ?Schon zum zweitenmal bin ich meiner Brut beraubt worden. Nun vertraue ich sie dir
an, damit du sie bewachst." Sprach´s und legte seine Eier auf die Knie des Zeus. Der Mistkäfer
aber ballte eine Kugel aus Mist, flog in die Höhe und ließ sie auf das Antlitz des Zeus nieder-
fallen. Zeus sprang auf, um den Schmutz abzuschütteln, und dachte dabei nicht an die Eier des
Adlers. So fielen diese zur Erde und zerbrachen.

Dann aber erzählte der Mistkäfer dem Zeus, wie der Adler gefrevelt habe und wie er sich ver-
gebens bemüht habe, ihn daran zu hindern. ?Und er hat nicht allein gegen mich gefrevelt", fuhr
er fort, ?sondern auch gegen dich. Denn obgleich ich ihn bei dir beschwor, tötete er den
Schutzflehenden. Ich aber werde nicht ruhn, bis ich sein ganzes Geschlecht ausgerottet habe." Da
ergrimmte Zeus gegen den Adler und sprach zu ihm: ?Mit Recht hast du deine Kinder verloren. Das
ist die Rache des Mistkäfers." Weil er aber doch nicht wollte, daß das Geschlecht der Adler
aussterbe, riet er dem Mistkäfer, sich mit dem Adler zu versöhnen. Da der aber das hartnäckig
verweigerte, verlegte er die Brutzeit des Adlers in die Monate, wo die Mistkäfer nicht fliegen.

Mißachtet auch ihr, Männer von Delphi, nicht den Gott, in dessen Heiligtum ich mich geflüchtet
habe, wenn es auch klein ist. Denn wenn ihr gegen ihn frevelt, wird er es nicht ungeahndet
lassen." 2)

Jedoch, es gelang Äsop nicht mehr, seine Feinde umzustimmen und zur Einsicht zu bringen.

Er kämpfte also bis zu seinem Tode mit Hilfe der Fabel für sich selbst und damit für alle
Unterdrückten, Benachteiligten und Entrechteten.

3.2.2.) Phädrus

Phädrus - ?der Freigelassene des Augustus", wie er sich selbst nennt - lebte im 1. Jh. n. Chr.,
war Sklave im Haus des Augustus und erhielt später die Freiheit. Phädrus führte die äsopische
Fabel in Rom ein. Zu den äsopischen Fabeln, die er in lateinischen Versen nachdichtet, ergänzt
er eigene Erfindungen. Er schreibt, wie er selbst sagt, ?im alten Stil zwar, doch mit neuem
Inhalt" 3). Die fünf Bücher des Phädrus enthalten insgesamt 92 Fabel.

Phädrus wählte den sechsfüßigen Jambus.

Beispiel zu den Fabeln des Phädrus:


?Der Fuchs und der Storch

Verletze niemand; doch hast du verletzt,
Ist´s recht, mit gleichen Ruten dich zu zücht´gen.
Der Fuchs, erzählt man, lud zuerst den Storch
Zur Mahlzeit ein und setzt´ in flacher Schüssel
Ihm eine Brüh´ vor, die des Storches Schnabel
Trotz Hunger sich umsonst zu kosten mühte.
Nun ladet er den Fuchs und tafelt Flaschen
Voll Brocken auf, worein den Schnabel steckend
Er selbst sich labt, den Gast durch Hunger peinigt.
Wie der der Flasche Hals vergeblich leckt,
Läßt sich der Wandervogel so vernehmen:
?Was selbst man angab, trage man mit Gleichmut"" 4)

3.2.3.) Avianus

Rund 300 Jahre nach Phädrus lebte der römische Fabeldichter Avianus, von dem
uns 42 äsopische Fabeln bekannt sind. Avianus schrieb in Distichen 5). Wie
unnatürlich das wirkt kann man sehr gut am Beispiel der bekannten Fabel vom Esel in der
Löwenhaut sehen:

?Vom Esel in der Löwenhaut

Jeder messe sich selbst mit seinem Maß, und mit seinem Ruhme hab er genug,
fremder lehne er ab, Daß das entschleierte Trugbild nicht volles Gelächter
errege, Wenn er im Lumpengewand wieder, im alten, erscheint.-
Als der Esel einst fand ein Fell des Gätulischen Löwen, Zog er es, ungewohnt,
über den eigenen Leib: Straffte die Decke zurecht auf den Gliedern, wo sie zu
weit war, Drückt sich dann über das Haupt fest das Löwengesicht.

Wie nun Schauder und Schreck sich dem falschen Löwen gesellen Und die erwartete
Kraft durch seine Glieder ihm strömt, Stapft er den Weidegrund, den gemeinsamen,
hochmütig nieder, Jagt das erschrockene Rind über die grünende Flur, Bis dann der
Bauer erkennt an den großen Ohren den Esel, Windelweich ihn verhaut und ihm den
Denkzettel gibt.

Und indem er das Fell des Löwen vom Rücken ihm abstreift, Kanzelt das elende Vieh
weidlich mit Worten er ab: ?Magst du, die dich nicht kennen, mit fremder Hülle
betrügen, 	Was du bisher mir warst, wirst du immer mir sein!"" 6)


3.3.) Die orientalische Fabel

3.3.1.) Pantschatantra

Die Entstehung der indischen Fabelsammlung ?Pantschatantra" läßt sich leider
nicht genauer angeben als: nach dem 2. Jh. v. Chr. und vor dem 6. Jh. n. Chr. Der Grund
warum die Fabelsammlung erst nach dem 2 Jh. v. Chr. entstanden sein muß, ist, daß die
griechische Fabel bereits gut bekannt gewesen sein mußte, da viele äsopische Fabeln im
Pantschatantra erscheinen. Eine solche Bekanntschaft aber ist erst im 2. vorchristlichen
Jahrhundert möglich.

Jedes der fünf Bücher des Pantschatantra steht unter einem Thema, zu dem Geschichten
erzählt werden, ergänzt durch eine große Anzahl von angehängten und eingefügten
Lebensweisheiten im Sprichwortstil. Die Erzählungen sind meist sehr umfangreich und mit
märchenhaften Zügen versehen.

Eine Erzählung enthält oft mehrere Lehren verschiedener Art, die an der passenden Stelle mit
einem ?Sagt man doch" oder ?Daher sage ich" in die Geschichte eingefügt werden.

Die Themen der Bücher lauten:

1.	Verfeindung mit Freunden
2.	Erwerbung von Freunden
3.	Krähen- und Eulenkrieg
4.	Verlust von schon Besessenem
5.	Handel ohne sorgfältige Prüfung

Die Sammlung enthält insgesamt 83 Erzählungen, von denen man allerdings nur einen Teil
als echte Fabeln bezeichnen kann. Auch Fabeln, die offensichtlich griechischen Ursprungs
sind, wie beispielsweise ?Die Elefanten und die Mäuse", werden so ausgeschmückt, daß sie
in die Nähe des Märchens geraten.

Beispiel aus dem ?Pantschatantra"

?Die Affen und der Vogel Sutschimukha

In einer gewissen Berggegend wohnte einmal eine Affenherde. Diese konnte sich
einstmals zur Winterzeit gar nicht zufriedengeben. Ihre Körper zitterten, weil ein sehr
kalter Wind sie anwehte, ein Schneefall sie traf und ein heftiger Regenguß auf sie
niederstürzte. Einige Affen sammelten daher Gundscha-Früchte, welche Feuerfunken ähnlich sind,
stellten sich rings um sie und pusteten, um Feuer zu erlangen. Als aber ein Vogel namens
Sutschimukha diese ihre vergeblichen Anstrengungen sah, sprach er: ?Ach, ihr seid alle Toren!
Dies sind keine Feuerfunken; es sind Gundscha-Früchte. Wozu also die unnütze Anstrengung?

Dadurch könnt ihr euch nicht gegen die Kälte schützen. Drum sucht irgendeine gegen den Wind
geschützte Waldgegend, eine Höhle oder eine Berggrotte! Auch jetzt noch zeigen sich
mächtige Regenwolken." Darauf sprach einer von diesen zu ihm: ?Ha! Du Tor! Was geht das
dich an? Halt dein Maul!"

Es heißt auch: Einen in Arbeit oft Gestörten, einen Spieler, der unterliegt, soll ein Kluger
nicht anreden, wenn er sein eigenes Bestes wünscht.

Und so: Wer Jäger, die umsonst jagen und Narren, die von Not geplagt, törichterweise
anredet, der zieht sich selbst ein Übel zu.

Jener aber, ohne sich raten zu lassen, hörte nicht auf, noch weiter zu den Affen zu sprechen:
?He! Wozu die unnütze Mühe?" Da er aber keinen Augenblick mit Schwatzen nachließ, packte ihn
ein Affe, der über die vergebliche Arbeit in Zorn geraten war, an den Flügeln und schleuderte
ihn an einen Fels, so daß er umkam.

Daher sage ich: Kein unkrümmbares Holz krümmt sich; mit Messern schneid´t man Steine nicht.
Sutschimukha! Bedenk dieses! Lehr keinen, der nicht lernen will! Und so: Denn Belehrung reizt
nur Narren, beruhigt sie aber nimmermehr: das Wasser, das die Schlang´ einschlürft, dient zu
vermehren nur ihr Gift.

Und ferner: Belehrung soll man nicht geben jedem ohne Unterschied." 7)

3.3.2.) Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais

Die indische Fabelsammlung Hitopadesa und dessen Vorlage Pantschatantra sind
die Quelle der arabischen Fabelsammlung ?Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais".
Der eigenartige Titel ergibt sich aus der doppelten Rahmenhandlung. Der
Philosoph Bidpai, das Haupt der Brahmanen, erzählt dem König Dabschelim die Geschichte von den
beiden Schakalen Calila und Dimna.

Der Schakal Dimna steht im Dienst des Königs der Tiere, des Löwen, und erzählt ihm oder
seinem Bruder Calila Gleichnisse. Später wird er seiner Treulosigkeit wegen von dem Löwen
umgebracht (1.,2. Buch).

König Dabschelim will weitere Gleichnisse von Bidpai hören:

?	über den aufrichtigen Freund (3. Buch)
?	über den Feind, dem man nicht trauen darf (4. Buch)
?	über den Mann, der ein Gut sucht und dann verliert (5. Buch)
?	über die Voreiligkeit (6. Buch)
?	usw.

In den Büchern handelt es sich vielfach um Kettengleichnisse, d. h. Fabel wird an Fabel
gehängt, indem jeweils eins der Fabeltiere das folgende Gleichnis vorträgt.

Diese Verknüpfungen geschehen meist durch ein Frage-Antwort-Spiel. Z. B. ?Drum schlage dich von
diesem Gedanken los und wisse, daß wer sich in einer Sache, die nicht zu den seinigen gehört,
ein Wort oder eine Handlung erlaubt, daß dem Ähnliches widerfahren kann wie dem Affen von dem
Zimmermann widerfahren ist. - Wie war das? fragt Dimna. Calila erwidert: ..." 8)

Und Calila erzählt dem Bruder die Fabel vom Affen und dem Zimmermann. Am Ende wird - auch bei den
in eine Fabel eingefügten Gleichnissen - vielfach die Lehre direkt ausgesprochen.

Z. B. ?Dieses Gleichnis habe ich dir nur erzählt, daß du sollst einsehen lernen, wie das Sammeln
und Aufsparen ein sehr schädliches Ende haben kann." 9)


3.4.) Deutsches Mittelalter

3.4.1.) Ulrich Boner

Die Fabel wird im Mittelalter bispel oder bischaft genannt. Beide Benennungen
machen deutlich, daß es sich um eine belehrende Erzählung handelt. Das Wort bispel
weist außerdem auf den Zusammenhang zwischen Fabel, Gleichnis und Sprichwort hin.

Beides - daß die Fabel belehren will und mit dem Sprichwort verwandt ist -
wird deutlich in der berühmten Fabelsammlung ?Der Edelstein" von Ulrich Boner.

?Der Edelstein" enthält genau 100 Fabeln, die Boner aus dem Lateinischen (u.
a. von Avianus) übernommen und in Versform neu erzählt hat.

Die Fabeln sind in vierhebigen Zeilen geschrieben und paarig gereimt. Die
Zahl der Zeilen reicht von 40-100; die meisten Fabeln sind 50 bis 60 Zeilen lang. Die
Lehre steht am Ende der Fabel. Sie wird ausführlich vorgetragen (10-15 Zeilen). Unter
dem Titel der Fabel gibt Boner jeweils das Thema mit einem Stichwort an.

Boner zeigt in seinen Fabeln die menschliche Torheit und Ungerechtigkeit, Undankbarkeit
und Untreue; er preist Freiheit und Freundschaft und gibt wiederholt die Lehre, daß man
dem guten Rat folgen und sich vor dem schlechten hüten soll.

Er wendet sich ausdrücklich nur an den, der ihn hören will. Dies zeigen häufige Wendungen
wie ?Wer das Gute tun will ..." oder ?Wer meinen Rat hören will ..." usw. Ulrich Boner
möchte mit seinen Fabeln beraten.

Beispiel zu den Fabeln von Ulrich Boner:

?Von einem löwen un von einer geize
	Von schedelîchem rate
Ir weide suocht von hungers nôt
ein geiz, als ir natur gebôt.
si gieng vil hôch in einer vluo
da ir kein tier moch komen zuo.
die geiz ein grimmer löwe ersach,
vil senfteklîch er zuozir sprach:
?mich wundert, daz du wilt dîn leben
umb sô kranke spîse geben.
dîn wege die sint vreifen vol.
sô verr sich nieman wâgen sol
um sîne spîse; ez ist nicht guot.
mislunge dem, der alsô tuot,
wen spraeche: im ist beschehen recht.
hie niden sint die wege schlecht;
hie stânt die bluomen und der klê;
loup und gras und dennoch mê
stât hie, vil manig weide.
kêr ab har ûf die heide;
dâ vindest guote weide, baz
denn ûf der vluo; geloub mir daz."
diu geiz zem löwen wider sprach,
dô si sîn âkust an sach:
?ich weiz wol, daz du sagest recht.
dîn werk sint krumb; dîn wort sint slecht.
dîn herz ist boes, dîn rât ist guot.
möcht ich als wol dâ sîn behuot.
als hie, ich kêrte bald hin abe,
möcht ich dâ hân ein sicher habe.
wan ich des nicht mag sicher sîn,
sô volg ich nicht dem râte dîn."

Ein wîser man an sehen sol,
wer im rât über oder wol.
wer wol rât und übel tuot,
des menschen rât ist selten guot.
du solt den schouwen harte wol,
der um dîn leben râten sol.
der magein râtgeb wesen guot,
der râtet daz er selber tuot.
du solt des râtes end an sehen,
waz von dem râte müg beschehen.
dur niut sô volge dem râtgeben,
der dir râtet an dîn leben:
waer ab der vluo diu geiz dô komen,
ir leben haet ir der löw genomen." 10)

3.4.2.) Übersetzungen

Die griechisch-römischen und die indisch-arabischen Fabeln wurden zur
gleichen Zeit ins Deutsche übersetzt.

1480 erschien die Übersetzung der orientalischen Fabeln von Hans Pforr in der
Fabelsammlung ?Das Buch der Beispiele der alten Weisen". Das ?Buch der
Beispiele der alten Weisen" enthält 17 Bücher, die große Ähnlichkeit mit der
arabischen Fabelsammlung ?Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais" haben. Auch
hier erzählen diese beiden Tiere gleichnishafte Geschichten, während aus Dabschelim
der König Dibles, aus dem Philosophen Bidpai der Weise Sendebar geworden ist.

1476 erschien die Übersetzung der griechisch-römischen Fabel des Ulmer Arztes
Heinrich Steinhöwel. Dieser ?Esopus" wurde als zweisprachige (lat./dt.) Ausgabe bei
Johannes Zainer in Ulm verlegt. Ebenso wie das ?Buch der Beispiele" erregte auch
Steinhöwels ?Esopus" über Deutschlands Grenzen hinaus großes Aufsehen und wurde immer
wieder nachgedruckt.

Steinhöwels Äsop enthält rund 150 Fabeln. Am Anfang steht die Lebensgeschichte Äsops.
Die Zusammenstellung und Übersetzung von Steinhöwel ist die Grundlage für viele deutsche
Fabelsammlungen. Sie wurde schon kurz nach ihrem ersten Erscheinen in mehrere Sprachen
übersetzt.


3.5.) Jahrhundert der Reformation

3.5.1.) Martin Luther

Martin Luther benutzt als Quelle für seine Fabeln Steinhöwels ?Esopus".
Zugleich kritisierte er jedoch scharf die Freiheiten, die sich Steinhöwels angeblich bei
seinen Texten herausgenommen hatte. Luther will wieder auf den alten echten Äsop
zurückgehen und eine für Jugend und Schule geeignete Übersetzung schreiben.

Luther nutzt die unfreiwillige Mußezeit auf der Koburg während des Augsburger
Reichstages von 1530 für seine äsopischen Fabeln. Abgeschlossen wurde diese Arbeit jedoch
nie.

Überliefert sind nur wenige Fabeln:

1.	Hahn und Perle
2.	Wolf und Lämmlein
3.	Maus und Frosch
4.	Hund und Schaf
5.	Löwe, Rind, Ziege und Schaf
6.	usw. (insgesamt sind nur 14 Fabeln überliefert)

Die Fabeln erschienen jedoch nicht mehr zu Luthers Lebzeiten im Druck, sondern gelangten
erstmalig 1557 an die Öffentlichkeit. In den Tischreden hat Luther die äsopischen Fabeln
öfter erwähnt und ihnen eine große Bedeutung beigemessen. Er hat die Fabel sehr eng mit der
Heiligen Schrift verbunden.


3.6.) Jahrhundert der Aufklärung

3.6.1.) Gottsched

Zwischen den beiden Höhepunkten der Fabeldichtung im 16. und 18. Jahrhundert liegt eine
Kluft. Die Barockdichter haben sich ebensowenig für diese Gattung interessiert wie die
Dichter der Klassik und Romantik. In der Zeit von 1600 bis 1730 erscheinen fast keine neuen
Fabeln.

Im extremen Gegensatz dazu steht das hohe Ansehen, das die Fabel im Jahrhundert der
Reformation und im Zeitalter der Aufklärung genießt.

Johann Christoph Gottsched beschäftigt sich in seiner ?Kritischen Dichtkunst" von 1730 im
4. Kapitel mit der Fabel.

Gottsched unterscheidet:

?  die unwahrscheinlichen Fabeln, in denen Tiere oder Dinge vernünftig reden
?  die wahrscheinlichen Fabeln, in denen nur Menschen und andere vernünftige Wesen auftreten
?  die vermischten Fabeln, die beides enthalten

Im 5. und 6. Kapitel befaßt sich Gottsched mit der Wahrscheinlichkeit in der
Poesie.

Gottsched fordert vom Dichter poetische Wahrscheinlichkeit und versteht darunter die
Ähnlichkeit zwischen Dichtung und Wirklichkeit und die Übereinstimmung von Fabel und Natur.

3.6.2.) Lessing

Die meisten Fabeln von Gotthold Ephraim Lessing sind aus der früheren Zeit
abgesehen. Sie sind kurz, schmucklos und ohne Rankenwerk. Das Unterhaltsame, das
Zeitgenossen Lessings als ein wesentliches Kennzeichen der Gattung hervorgehoben haben, fehlt.
Aus der humoristischen Fabel ist wieder wie bei Äsop oder Luther die ernsthafte geworden.

Lessings drei Fabelbücher enthalten je 30 Fabeln. Einige sind bereits 1753 erschienen;
gesammelt erschienen sie zuerst 1759.

Lessing wünscht sich, daß man zu seinen Fabeln auch seine Abhandlung über die Fabel lese.

Die Abhandlung besteht aus fünf Teilen:

?I.  Von dem Wesen der Fabel
II.	Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
III.	Von der Einteilung der Fabeln
IV.	Von dem Vortrag der Fabeln
V.	Von einem besonderem Nutzen der Fabeln in den Schulen" 11)

Beispiel zu den Fabeln von Gotthold Ephraim Lessing:

                      ?Der Hamster und die Ameise

?Ihr armseligen Ameisen", sagte der Hamster. ?Verlohnt es sich der Mühe, daß ihr den
ganzen Sommer arbeitet, um ein so weniges einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen
solltet!" ?Höre", antwortete eine Ameise, ?wenn er größer ist, als du ihn brauchst,
so ist es schon recht, daß die Menschen dir nachgraben, deine Scheunen ausleeren und
dich deinen räuberischen Geiz mit dem Leben büßen lassen." 12)


3.7.) 19. Jahrhundert

Nach der Hochblüte der Fabel zur Zeit des Humanismus war diese Gattung im 17
Jh. fast verschwunden; nach der Hochblüte im 18 Jh. verschwindet die Fabel nicht: sie
lebt auf einer anderen Stufe weiter. Als Gebrauchsliteratur wird sie weiter gedruckt,
besonders als Lektüre für Kinder. Das 19. Jh. hat eine große Zahl an Fabeldichtern und
-bearbeitern hervorgebracht.

Entsprechend dieser Vielzahl ist auch die Erscheinungsweise der Fabel sehr unterschiedlich;
sowohl formal als auch inhaltlich. Aus dem 18. Jh. wird die politisch-revolutionäre Tendenz
übernommen. Der Gebrauch der Fabel geht jedoch zurück, dafür tritt bei den politischen
Dichtern die direkte Aussage immer mehr in den Vordergrund. Die Fabel hatte eine gute
Möglichkeit geboten, verborgen und für den Eingeweihten doch offen, revolutionäre Gedanken
zu verbreiten; diesen Weg hatte das 18. Jh. beschritten. Nach der Revolution jedoch läßt man
sich nicht mehr zurückhalten, man bringt die Angriffe offen vor. Neben dieser im Vergleich
zum 18. Jh. schwächer werdenden Kritik der Fabel an den Zuständen des Staates ist immer noch
die satirische Betrachtung menschlicher Schwächen ein beliebtes Thema. Es wurden jedoch bald
andere Formen gefunden, die dieses Anliegen übernehmen.

Das Drama und der Roman übernehmen im 19. Jh. auf dem Gebiet der Kritik gesellschaftlicher
Verhaltensweisen die Führung. Die Fabel blüht eigentlich nur noch auf einem Gebiet: dem der
Vermittlung einfacher moralischer Sätze. Hatte sie früher die Erwachsenen angesprochen, so
wendet sie sich jetzt an das Kind und den Jugendlichen.

3.7.1.) Wilhelm Busch

Unter den Gedichten von Wilhelm Busch findet man nur wenige Fabeln. Seine Fabeln sind
knapp, dialogisch und gereimt.

Beispiel zu den Fabeln von Wilhelm Busch:

      ?Bewaffneter Friede

Ganz unverhofft, an einem Hügel,
sind sich begegnet Fuchs und Igel.
?Halt", rief der Fuchs, ?du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht?
Ist nicht der Friede längst verkündet,
und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht?
Im Namen Seiner Majestät
geh her und übergib dein Fell!"

Der Igel sprach: ?Nur nicht so schnell!
Laß dir erst deine Zähne brechen,
dann wollen wir uns weitersprechen!"

Und alsogleich macht er sich rund,
schließt einen dichten Stachelbund
und trotzt getrost der ganzen Welt,
bewaffnet, doch als Friedensfeind." 13)

Elemente von Buschs Fabeln:

In den ersten zwei Zeilen wird die Situation beschrieben. Die nächsten sieben
Zeilen zeigen nun den Fuchs, der sich als Friedensbote ausgibt und den sklavischen
Gehorsam des Untertanen (?geh her und übergib dein Fell") fordert. In einer drei
Zeilen langen Gegenrede des Igels, bietet dieser dem Wortschwall des Fuchses Einhalt
und entlarvt die Vorwürfe des Fuchses durch ein knappes Gegenargument. Wilhelm Busch
benutzt bei dieser Wechselrede den Gegensatz zwischen den Zähnen eines Fuchses und
dem Fell eines Igels, um den Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungsabsicht
zu zeigen. Der Igel läßt seiner Rede die Tat folgen und zeigt damit, daß er dem
Friedensboten mißtraut und die als kriegerisch verurteilte Bewaffnung nur dem Frieden
dient.

3.7.2.) Wilhelm Hey

Die ?Fabeln für Kinder" von Wilhelm Hey haben Generationen von Kindern und Eltern
begeistert. Einige Texte sind sogar in Lesebücher übernommen worden. Heys ?Fabeln für
Kinder" haben mit der echten Fabel nichts gemeinsam. Es sind kleine gereimte Geschichten,
in denen Tiere in naiver Weise dargestellt werden. In den Geschichten spielen Miezchen,
Hündchen, Böckchen, Spitzchen, Täubchen usw. untereinander und mit den Kindern. Tiere
und Kinder leben in einer Welt, in der es nur Freude, Gesang, Tierliebe und Gotteslob gibt.

Dem Kind, das einem Tier ein Leid antun will, wird die Tierliebe von den Tierchen selbst
immer wieder vor Augen geführt; z. B.:

		?Knabe, ich bitt´dich, so sehr ich kann:
		O rühre mein kleines Nest nicht an!
		O sieh nicht mit deinen Blicken hin!
		Es liegen ja meine Kinder drin,
		Die werden erschrecken und ängstlich schrein,
		Wenn du schaust mit den großen Augen herein. ..." 14)

Die Tiere wirken jedoch nicht nur im eigenen Interesse erzieherisch. Sie sagen es den
Kindern, daß sie nach dem tierischen Vorbild reinlich, fleißig und fromm sein sollen, und
die Kinder verhalten sich auch so.


3.8.) 20. Jahrhundert (Die moderne Fabel)

Die jüngste Vergangenheit ist relativ arm an neuer Fabelliteratur. Neue Fabeln werden kaum
mehr gedichtet, die alten zwar noch gedruckt und gelesen, aber hauptsächlich von Kindern.

Daß im 20. Jh. doch noch Fabeln gedichtet werden, zeigen Namen wie James Thurber,
Wolfdietrich Schnurre, Rudolf Kirsten und Helmut Arntzen. Diese modernen Texte zeigen,
daß die Fabel etwas ganz anderes ist, als eine ?Vermittlerin von moralischen Lehren oder
Lebensweisheiten" 15). Sie zeigen, daß die Fabel ihrem Wesen nach nicht für Kinder
geschrieben wird. Die Fabel im 20. Jh. ist lebendig. Sie zeigt die wahre Welt, ohne
Verschönerung und Verklärung. Die Fabel ist nicht nur schärfer, sondern auch kürzer und
pointierter geworden als die Fabel der vorhergehenden Jahrhunderte.

Den Wandel der Jahrhunderte hat die Fabel besser überstanden als manche andere Gattung.
Während beispielsweise die Novelle von der modernen Kurzgeschichte abgelöst wird, ist die
sehr viel ältere Gattung der Fabel in ihren wesentlichen Zügen erhalten geblieben.

3.8.1) James Thurber

Die ?75 Fabeln für Zeitgenossen" des Amerikaners James Thurber sind reich an Humor. Er
versucht typische Schwächen der modernen Gesellschaft und des Menschen aufzuzeigen. Das
Ehe- und Liebesleben, die verfehlten pädagogischen Bemühungen des Vaters, die Unbelehrbarkeit
der Kinder, die Gefahren, denen der Friedliebende ausgesetzt ist, und andere Verwirrungen der
Politik.

Die Moral steht, oft als gereimter Zweizeiler, unter jeder Prosafabel.

Die Fabeln von James Thurber zeigen sowohl das Traditionelle und das Moderne der Fabeldichtung.
Die Themen sind oft die alten, aber sie sind neu gestaltet. So würde die alte Fabel von Fuchs
und Rabe einen modernen Akzent erhalten:

?Der Fuchs hatte irgendwo gelesen, daß ein Rabe mit Käse im Schnabel sofort den Käse
fallen läßt und zu singen beginnt, wenn man seine Stimme lobt." 16) Es ist jedoch auch der
Rabe aufgeklärt, der auf diese Schmeichelei nicht hereinfällt, andererseits jedoch dem Fuchs
den Käse freiwillig gibt, damit er sich das Selbstlob des Raben anhört:

?Moral: Wenn du dich selber lobst, klingt´s erst richtig schön." 16)

Beispiel zu den Fabeln von James Thurber:

                   ?Der Löwe und die Füchse

Gerade hatte der Löwe dem Schaf, der Ziege und der Kuh auseinandergesetzt, daß der von
ihnen erlegte Hirsch einzig und allein ihm gehöre, als drei Füchse erschienen und vor ihn
hintraten.

?Ich nehme ein Drittel des Hirsches als Strafgebühr", sagte der erste Fuchs.
?Du hast nämlich keinen Jagdschein."

?Und ich", sagte der zweite, ?nehme ein Drittel des Hirsches für deine Witwe, denn so steht
es im Gesetz."

?Ich habe gar keine Witwe", knurrte der Löwe.

?Lassen wir doch die Haarspaltereien", sagte der dritte Fuchs und nahm sich ebenfalls
seinen Anteil. ?Als Einkommensteuer", erklärte er. ?Das schützt mich ein Jahr lang vor
Hunger und Not."

?Aber ich bin der König der Tiere", brüllte der Löwe.

?Na, dann hast du ja eine Krone und brauchst das Geweih nicht", bekam er zur Antwort, und
die drei Füchse nahmen auch noch das Hirschgeweih mit.

Moral: Heutzutage ist es nicht mehr so leicht wie in früheren Zeiten, sich den Löwenanteil zu
sichern." 17)


4.) Das ?Bild" der Fabel

4.1.) Umfang der Fabel

Die ?typische" Fabel zeichnet sich durch Kürze, Prägnanz und Einfachheit der dargestellten
Welt aus.

Die Forderung nach Kürze und Prägnanz wird im 18. Jahrhundert besonders von Lessing
hervorgehoben. Er kritisierte Ausschmückungen und Abschweifungen, wie er in den Fabelwerken
von La Fontaine und anderen Zeitgenossen feststellte.

Zweck der Fabel ist die Belehrung und nicht die Unterhaltung. Die kurze, prägnante Fabel
trifft. Wenn man sie jedoch ausschmückt, nimmt man ihr die Wirkung. Lessing lehnt die
Ausschmückungen nicht grundsätzlich ab, sondern nur wenn es sich um ?leere Verlängerungen" 18)
handelt, d. h. um Ausschmückungen, die von dem Vorhaben der Fabel abweichen. Durch solche
Ausschmückungen gerät die Fabel in die Nähe des Tierepos oder des Schwanks. Solche
Ausschmückungen können, wie bei vielen orientalischen Fabeln, in die Nähe des Märchens führen.

Die Fabel von ?Löwe und Maus" 19) ist bei Babrios nur 16 Zeilen lang.

1.	Ein Löwe hat eine Maus gefangen und will sie töten.
2.	Die Maus fleht um ihr Leben mit dem Hinweis, daß sie es lohnen werde.
3.	Der Löwe lacht sie aus, gewährt ihr aber doch die Bitte.
4.	Als der Löwe in ein Fangnetz gerät, nagt die Maus die Schlinge durch und befreit ihn.

Im Gegensatz zu dieser knappen Gestaltung ist die entsprechende orientalische Fabel des
Pantschatantra ?Die Elefanten und Mäuse" 20) mit vielen märchenhaften Zügen versehen.

1.	Eine riesige Mäusesippe lebt in Freuden bei Essen und Trinken, Festen und Gelagen, bis
	eine Elefantenherde beim Durchmarsch zum Wasser den größten Teil von ihnen zertritt.

2.	Die Überlebenden senden eine Abordnung mit der Bitte um künftige Verschonung zum
	König der Elefanten.

3.	Dieser hört sich die feierliche Botschaft an und verspricht, daß seine Herde auf einem
	anderen Weg von dem Teich heimkehren werde.

4.	Der Elefantenfürst wird bei einer Treibjagd gefangen und mit seiner ganzen Herde an die
	Bäume des Waldes gebunden. Daraufhin sendet der Elefantenfürst eine Elefantin, die nicht
	gefangen wurde, zu den Mäusen, um die Not zu melden. Die Mäuseschar eilt herbei, zerbeißt
	die Stricke und befreit die ganze Elefantenschar.

Beim Vergleich zwischen den beiden Fassungen erkennt man, daß die märchenhaften Züge
die Wirkung der Fabel beeinträchtigen: die große Herde, die Botschaft der Mäuse, die
feierliche Rede, die riesenhafte Treibjagd mit ?Tausenden von Elefanten" an den Bäumen,
die Botschaft des Elefantenfürsten an die Mäuse. Das im Märchen beliebte Botenmotiv
widerspricht, dem Plan der Fabel, die gerade darüber belehren will, daß auch der Schwache
einem Mächtigen dankbar sein kann. Die Fabel wird im Gegensatz zum Märchen von ihrem
Erfinder als eine der Belehrung dienende erfundene Geschichte empfunden. Der Höhepunkt
der Fabel steht am Ende und enthält eine entscheidende Aussage. Auf diese Weise wird die
Spannung bis zum letzten Wort erhalten.

4.2.) Aufbau der Fabel

?Die Fabel ist episch und dramatisch zugleich; sie ist das in eine Erzählung
eingefügte Drama in knappster Form." 21)

In diesem Drama herrscht Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Das Geschehen spielt sich also
an einem einzigen Ort, in einer Zeitspanne, die meist nicht länger ist, als ein kurzer Dialog
dauert und einer einzigen Handlung (keine Nebenhandlungen) ab.

Der Zwang zur Kürze des Fabelgeschehens verbietet lange epische Einleitungen, Übergänge,
Nebenhandlungen, Erklärungen und dergleichen. Die Fabel hat keine abgeschlossene Handlung,
sondern zeigt nur einen Ausschnitt. Man weiß nicht was vorher geschah und auch der Schluß
fehlt, wenn er für die Aussage keine Bedeutung hat.

Die Fabel in ihrer strengsten Form beschränkt das Geschehen auf einen Dialog mit einmaliger
Rede und Gegenrede oder auf eine einmalige Handlung und Gegenhandlung. Beim Monolog,
der sehr viel seltener ist, steht ein Ereignis oder eine Situation anstelle der Rede und löst
somit die Gegenrede aus (vgl. Fuchs und Weintrauben).

   ?Der Fuchs und die Trauben

Ein armer Fuchs, vor Hunger wimmernd,
reife Trauben erschaut, mit samtiger Haut,
goldgelb durch grüne Blätter schimmernd.
?Die würden", meint der Fuchs, ?zu jedem Festmahl passen."
Doch hängen sie zu hoch, drum sagt er sehr gelassen:
?Sie sind zu sauer für meinen Magen!"
War das nicht klüger, als sich zu beklagen?" 22)

Typischer Aufbau der Fabel:

1.	Die Situation wird geschildert
2.	Handlung (Actio)
3.	Gegenhandlung (Reactio)
4.	Ergebnis/Lösung

Dieses vierteilige Schema ist ein von der Antike bis zur Moderne weitgehend
durchgeführtes Aufbauprinzip der Fabel. Dies zeigt zum Beispiel die Fabel von Fuchs
und Rabe.

             ?Fuchs und Rabe

Wer gern sich loben hört mit falschem Lob,
Der büßt es schimpflich mit zu später Reue.-
Ein Rabe, der am offnen Fenster Käse
Gestohlen hatte, saß auf hohem Baum
Und wollt´ ihn fressen, als der Fuchs es sah
Und so begann: ?Mein Lieber, wunderbar,
Wie dein Gefieder glänzt und herrlich schimmert!
Und welcher Anstand in Gestalt und Miene!
Es fehlt dir nur die Stimme, und du wärest
Von allen Vögeln in der Welt der schönste!"
Da drauf der Tor die Stimme zeigen wollte,
Fiel ihm der Käse aus dem Schnabel, den der Fuchs,
Der ränkevolle, gleich begierig aufgriff.
Jetzt endlich merkte den Betrug der Rabe
Und stöhnte über seine Riesendummheit." 23)

Situation: Der Rabe sitzt mit einem Stück Käse auf einem hohen Baum. Der Fuchs sieht
           den Käse und will ihn haben. Mit Gewalt läßt sich nichts erreichen.

Handlung:  Der Fuchs versucht es mit List. Der Rabe hat im Gegensatz zu den bunten
           Singvögeln ein schwarzes und nichtglänzendes Gefieder. Im Gegensatz zum
           Adler, dem König der Vögel, hat er einen unscheinbaren Kopf. Wenn einer
           heiser ist und nicht singen kann, sagen wir: Er krächzt wie ein Rabe. Der
           Fuchs sagt das Gegenteil. Er belügt den Raben; er schmeichelt ihm.

Gegenhandlung: Der eitle Rabe will sich zeigen und seine Stimme erklingen lassen. Durch
               die Schmeichelei des Fuchses betört, denkt er nicht daran, daß er den Käse
               verliert, wenn er den Schnabel öffnet.

Ergebnis:  Der Fuchs hat sein Ziel erreicht und frißt den Käse auf. Erst jetzt merkt der Rabe,
	   daß er betrogen wurde und für seine Eitelkeit bezahlen muß.


4.3.) Handelnde Figuren und ihre Eigenschaften

In der überwiegenden Mehrzahl der Fabeln sind Tiere die handelnden Figuren. Sie können
einzeln oder in Gruppen auftreten. Diese Akteure haben nun häufig gleichbleibende
Eigenschaften. Am deutlichsten ist dies am Beispiel des Fuchses zu sehen, der fast immer als
der Listige und Schlaue dargestellt wird.

Diese Eigenschaften der Fabeltiere sind jedoch nicht eindimensional. So ist z. B. Einfältigkeit
als negative Eigenschaft oft mit Gutmütigkeit verbunden. Der Konflikt in der Fabel entsteht
durch den Widerspruch der Charaktereigenschaften der Fabeltiere.

Die Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften der Fabeltiere haben nichts oder nur selten
etwas mit den Eigenschaften der entsprechenden Naturtiere zu tun.

Die Fabeltiere sind jedoch nicht auf bestimmte menschliche Eigenschaften festgelegt, obwohl
diese Ansicht weit verbreitet ist. Daß in der Fabel der Fuchs der Listige, der Wolf der Gierige,
der Löwe der Machthungrige, der Esel der Dumme ist, kann im Einzelfall zutreffen, gilt aber
nicht grundsätzlich. Erst durch die jeweilige Gegenüberstellung erfolgt die nähere Bestimmung
des einzelnen Fabeltieres, die sehr unterschiedlich sein kann.

Dasselbe Tier kann in verschiedenen Fabeln für ganz verschiedene menschliche Eigenschaften und
Verhaltensweisen stehen. So erscheint der Wolf in der Fabel von Wolf und Lamm als der Mächtige,
der den unschuldigen Schwachen vernichtet. In der Fabel von Wolf und Hund dagegen steht der Wolf
für den freien Menschen, der lieber Entbehrungen auf sich nimmt, als im Wohlstand und zugleich
angekettet wie der Hund zu leben. Die Fabel von Wolf und Kranich zeigt den Wolf als den
Undankbaren.

In den meisten Fabeln, die von Wolf und Fuchs handeln, wird der Wolf als töricht und plump
dargestellt.

Die Zahl der handelnden Figuren ist im allgemeinen auf zwei begrenzt. Meistens sind es zwei
einzelne Tiere, die sich gegenüberstehen, seltener zwei Gruppen oder ein Tier und eine Gruppe.

Eine Beschreibung des Aussehens der Fabeltiere findet man in der Fabel nur, wenn sie für die
Aussage von Bedeutung sind. Vom Aussehen des Wolfs, der das Lamm frißt 24), erfahren wir
nichts, da es für die Aussage unwichtig ist. Vom Wolf, der dem Hund begegnet 25), erfahren
wir dagegen, daß er abgemagert ist, der Hund jedoch fett und vom Reiben der Kette am Hals
fahl.


4.4.) Sprachliche Charakteristika der Fabel

Der Vergleich mit dem Märchen zeigt besonders deutlich, daß es sich bei der Fabel um einen
ziemlich kurzen Text handelt. Die ideale Fabel hat im Durchschnitt 10-20 Zeilen. Diese
Kürze des Textes wird nicht zuletzt dadurch bewirkt, daß schmückende Beiwörter (Adjektive)
weitgehend fehlen. Wenn Adjektive verwendet werden, dann sind es meist nur allgemeine
Beiwörter, die häufig wiederkehren und die kaum einen Aussagewert besitzen (z. B. der
schlaue Fuchs, der dumme Wolf ...). Die Verwendung des bestimmten Artikels, besonders in
den Überschriften soll den Eindruck des typischen Falls verstärken (z. B. ?Die Eiche und das
Schwein", ?Von dem Löwen, dem Fuchs und dem Esel", ?Die Schlange, das Wiesel und die
Mäuse", ...). Weiters ist auffällig, daß in der Mehrzahl der Fabeln die Tiere Dialoge halten -
wie die Menschen. Dies zeigt, daß die Tiere nur Stellvertreter der Menschen sind. Die
meisten Fabeln haben außerdem einen äußerst einfachen Satzbau. Selten findet man Modal-
und Kausalsätze. In der Fabel wird nur festgestellt; die Begründung soll der Leser ja selbst
finden.


4.5.) Abgrenzung von verwandten Gattungsformen

Neben der Kleinform der Fabel erscheint in Deutschland eine epische Großform, die ähnliche
Merkmale wie die Fabel (Tiere als handelnde Figuren) aufweist: das Tierepos.

Einerseits glaubt man, daß durch die Aneinanderreihung mehrerer Fabeln das Epos entstand,
auf der anderen Seite vertritt man die Ansicht, daß zuerst die Großform vorhanden gewesen
sei. Aus ihr hätten sich einzelne Erzählungen herausgelöst, die man dann mit einer Lehre
versehen hat. Aus dem Tierepos entwickelte sich so die Fabel.

Es ist schwer, eine Form von einer anderen abzugrenzen, die selbst nicht eindeutig bestimmt
ist. Die Definitionen des Märchens gehen weit auseinander. Der Hauptunterschied dürfte im
Inventar bestehen: im Märchen handeln Menschen, Riesen oder Feen, in der Fabel dagegen
Tiere oder Pflanzen. Im Märchen dominiert das Phantastische, Zauberhafte, die magische
Bewältigung der Welt. In der Fabel geht alles natürlich zu, es werden keine Zauberkräfte zu
Hilfe gerufen, die Magie fehlt.

Der Unterschied zur Parabel zeigt eine weitere Eigenschaft der Fabel: in Lessings Ringparabel
wird eine Geschichte erzählt und eine Lehre vermittelt, trotzdem handelt es sich nicht um
eine Fabel. Der Grund liegt in der Abweichung des Inventars. Im Gegensatz zur Parabel die in
gewisser Weise allegorisch (versinnbildlichend) ist, ist die Fabel symbolisch. Der Ring
bedeutet bei Lessing eine Religion, beide Gegenstände werden gleichgesetzt.

Der Fuchs in irgendeiner Fabel ist jedoch nicht die Schlauheit. Er verhält sich nur unter
gewissen Umständen schlau. Die Parabel benötigt somit eine Erläuterung, da niemand wissen kann,
daß mit Ring eine Religion gemeint ist.


5.) Stilzüge der Fabel

5.1.) Belehrender Stil

Sofern die Fabel belehrend ist, kann sie wiederum religiös, moralisch oder lebensklug sein.

Der ?Physiologus" kann als Typ der belehrend-religiösen Fabel gelten. Er ist allegorisch, d. h.
es besteht kein Zweifel an dem, was ausgesagt werden soll. Der ?Physiologus" hat keine
Handlung. Es sollen nur die Glaubenslehre betreffende Sätze verdeutlicht werden. Der
Sachverhalt wird dabei knapp und wissenschaftlich berichtet.

Ganz anders verhält es sich mit der Fabel, die - ohne bestimmte religiöse Belehrung zu
bezwecken - belehrend im allgemeinen moralischen Sinn sein will. Sie legt, im Gegensatz zur
religiösen Belehrung, Wert darauf, die Welt zu zeigen, in der sich das moralische Handeln
bewähren soll. Die Handlung muß sinnvoll sein. Der Inhalt der Fabel entsteht dadurch, daß
der Vertreter einer ethisch nicht richtigen Handlung Schaden erleidet. Dies zeigt sich z. B.
in der fünften Fabel des dritten Buches von Steinhöwel, in der er die Geschichte von dem
Habicht, der die Jungen der Nachtigall frißt und dann vom Vogler gefangen wird erzählt. Der
Leser sieht ohne große Überlegung, daß die böse Tat schlimme Folgen hat.

Die moralisierende Fabel will vom Leser, daß er die Lehre befolgt. Die Fabel, die lebenskluge
Sätze vermittelt, verzichtet auf so einen Anspruch; sie wirkt nur beratend.

Ihre Lehre wird deshalb befolgt, weil die Nichterfüllung einen materiellen Schaden bedeuten
würde. Die Handlung ist so gestaltet, daß es sich als unklug erweisen würde, wenn man die Lehre
nicht annimmt.


5.2.) Kritisierender Stil

Bei der belehrenden Fabel steht die Unterweisung des Lesers im Mittelpunkt.

Die Erzählung ist daher klar und ausführlich. Die Fabel, bei der eine Kritik vorhanden ist,
unterscheidet sich schon in der Gestaltung der Erzählung von der belehrenden Fabel; sie belehrt
nicht, sondern greift an. Oft wird sie als Kritik an den politischen Zuständen einer Zeit
gebraucht. Da der Inhalt der alten Motive nicht ausreicht, um die scharfe Kritik auszudrücken,
werden sie geändert oder erweitert.


5.3.) Satirischer Stil

Eine weitere Abwandlung zeigt sich in der Vergesellschaftung des Tierreiches.

Es gibt einen König, eine Polizei, einen Nachtwächter und einen Gesetzgeber. Die Eigenschaft der
Anpassung der Tierwelt an die menschliche Staatsordnung hat die kritische Fabel mit dem
Tierepos gemein. Die kritische Fabel kann, muß aber nicht unbedingt allegorisch sein.

Luthers ?Neue Fabel Aesopi vom Löwen und Esel" ist so eine allegorische Fabel. Die Fabel
wird dadurch satirisch, daß sie die Person des Papstes in die Gestalt des Esels kleidet, damit
angreift und lächerlich macht. Der Unterschied der satirischen Fabel zu den anderen Stilformen
liegt in der Spezifizierung der Erzählung. Es wird etwas ganz Bestimmtes gemeint und nicht dieses
oder jenes mögliche Verhalten.


6.) Variationen der Fabel

Der Form nach gibt es zwei Möglichkeiten der Fabel. Die eine ist die Dramatisierung und die
andere die Episierung.


6.1.) Dramatisierung

Das Kennzeichen der dramatisierten Fabelform ist die Auflösung der Handlung in ein
Gespräch. Es geschieht eigentlich nichts mehr; es wird nichts erzählt, es wird nur noch
gesprochen. Die Lehre der Fabel wird vom Tier selbst verkündet oder sie wird am Ende
angehängt.

Bei der dialogisierten Form kann man besonders gut das Grundschema der Fabel erkennen:

Exposition - Konflikt (=Problem) - Lösung (=Lehre). In der Exposition werden die
Handelnden vorgestellt und zu einem bestimmten Problem geführt. Im Konflikt werden dann
zwei Verhaltensweisen gegenübergestellt, wobei eine Verhaltensweise als die unterlegene
hingestellt wird. Die Lösung entsteht am Ende der Handlung.


6.2.) Episierung

Die dialogisierte Fabel erzählt nur das wichtigste. Die episierende Fabel hingegen erzählt den
Sachverhalt breit.

Bei Alberus beginnt die erste Fabel ?Vom Hahn und der Perle":

?Bey Dantzig wont ein reicher man
Auff einem hof, da war ein Han
Der gieng umbher, und scharr im mist,
Wie dann der hüner gwonheit ist,
Und pflegen stets auff solche weiß,
Im mist zusuchen ihre speiß.
Wie nun der Han sicht auf ein seit,
Kaum eines halben Hanschritts weit,
Eins edelgsteins wirdt er gewar" 26)

Die selbe Stelle heißt bei Luther: ?Ein Han scharret auff der Misten / und fand eine koestliche
Perle." 27) Luther hat das gleiche Ereignis wie Alberus erzählt, aber trotzdem um einiges
weniger Platz benötigt.


6.3.) Versifizierung

Es hat wenig Sinn, die verschiedenen Versmaße zu betrachten, in denen die Fabeln verfaßt
wurden. Das Problem ist vielmehr, ob und wie der Vers die Form der Motive verändert.

Betrachtet man das gleiche Motiv in Prosa und in Versen, so unterscheiden sie sich nicht nur
in ihrer äußeren Form, sondern auch in ihrem Charakter. Dies kann man sehr gut an den oben
zitierten Texten von Alberus und Luther sehen. Bei der Versifizierung wird eine buntere, mit
mehr Einzelheiten dargestellte Welt gezeigt. Wird die Fabel jedoch in Prosa geschrieben, so
ist sie kurz, nüchtern und wenig geschmückt.


7.) Aufbautypen der Fabel

7.1.) Die Normalform und ihre Abwandlungen

Die Normalform beginnt ohne Einleitung mit der Erzählung und der Darstellung des
Problems. Daran hängt man dann eine allgemeine Lehre. Das Schema ist also:

Erzählung - Lehre. Diese Grundform findet man bei den meisten Fabeldichtern des 18. Jhs.
Sie entspricht der üblichen Vorstellung vom Aufbau der Fabel.

Diese Normalform hat zwei weitverbreitete Abwandlungen. Bei den Schriftstellern, die
sich eng an die lateinische Vorlage (meistens an den ?Romulus") halten, setzt sich
dessen Form durch: er bringt zuerst eine allgemeine Lehre, dann die Erzählung und am
Schluß nochmals eine Zusammenfassung in der Lehre. Als Schema ergibt sich also: Lehre -
Erzählung - Lehre.

Bei Luther kann man deutlich die zweite Abwandlung der Grundform sehen. Er hält zwar das
Schema Erzählung - Lehre ein, formuliert aber die Lehre bildlich. Dies sieht man bei der
Fabel vom Kranich und dem Wolf:

?Einem Wolf, der ein Schaf gierig auffraß, blieb ein Bein quer im Hals stecken. Das
bereitete im große Angst und Sorge. Er versprach große Geschenke und Belohnungen dem,
der ihm helfen könne. Da kam der Kranich und stieß seinen langen Hals dem Wolf in den
Rachen und zog das Bein heraus. Als er aber den versprochenen Lohn forderte, sagte der
Wolf: ?Erwartest du noch einen Lohn? Danke Gott, daß ich dir den Hals nicht abgebissen
habe. Du solltest mich beschenken, weil du lebendig aus meinem Rachen herausgekommen
bist."

Diese Fabel zeigt: Wer den Menschen Gutes tut, muß damit rechnen, daß er Undank erntet. In
dieser Welt gibt es keinen anderen Lohn als Undankbarkeit.

So wie es sprichwörtlich heißt: Wen du vom Galgen befreist, der bringt dich selber
daran." 28)


7.2.) Die Sonderform bei Alberus

Erasmus Alberus schreibt seine Fabeln in einer Form, die bei den übrigen Fabelbearbeitern
kaum einen Nachahmer gefunden hat. Er schreibt vor die Erzählung eine ausführliche
Ortsbeschreibung; seine Sonderform zeigt also folgendes Schema:

Ortsbeschreibung - Erzählung - Lehre. Der Vorbau, der überflüssig scheint und unter Umständen
von der Fabelhandlung ablenkt, hat bei den einzelnen Fabeln verschiedene Funktionen.

Die Erweiterung kann zur besseren Motivation dienen, wie man z. B. bei der Fabel von Fuchs und
Rabe sieht:

In der Fabel von Fuchs und dem Raben wird berichtet, daß in der ?Dreieych bey Egelsbach"
29) auf einem Baum ein Rabennest ist, das jedes Jahr von den Bauernjungen ausgehoben wird,
weil der Rabe räuberisch ist und ?stielet ihn fleisch, käß, und brodt" 30).

Durch diese Erzählung wird motiviert, daß der Rabe ein Stück Käse im Schnabel hat.

In einigen Fabeln hat die Ortsschilderung keine andere Funktion als den Ort der Erzählung zu
lokalisieren. Die Beschreibung des Ortes hat keine erkennbare Funktion innerhalb des
Gesamtaufbaues. Die dritte Art, in der der Vorbau erscheinen kann, ist die Kritik an
bestimmten Zuständen oder Personen. Die eigentliche Fabelhandlung und auch die Lehre der
Fabel  hängen nicht mit der Kritik zusammen. Alberus will mit dem Vorbau einen besseren
Bezug zur Realität herstellen, als dies mit wortgetreuen Bearbeitung möglich wäre.


7.3.) Die Kunstfabel

Die Sonderform bei Alberus bedeutet schon eine weitgehende Veränderung der traditionellen
Fabelmotive. Endgültig geändert werden die feststehenden Ordnungen jedoch erst durch zwei
Erscheinungen, die besonders häufig im 18. Jh. auftreten: durch die Umgestaltung der alten
Motive und durch die Erfindung neuer Fabelhandlungen.

Bei der Umgestaltung alter Motive sind grundsätzlich zwei Möglichkeiten gegeben: die
Änderung des Inventars (handelnde Personen ...) und die Änderung der Handlung. So entsteht
eine ganz neue Wirkung, ohne daß jedoch die Ähnlichkeit mit der alten Fabel verschwindet.

In der Fabel ?Vom Frosch und der Maus" will in der alten Version die Maus über den Teich.
Der Frosch will sie dabei ertränken. Als Lehre ergibt sich hier das Sprichwort: wer andern
eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; denn der Frosch, an den die Maus gebunden ist, wird
von einem Habicht gefangen.

Bei Waldis werden zwar die drei handelnden Figuren beibehalten, er läßt jedoch Frosch und
Maus Krieg führen. Bei der allgemeinen Lehre heißt es, daß Zwietracht zum Untergang führt.

Die handelnden Personen sind hier zwar beibehalten worden, die Handlung hat sich jedoch
gegenüber der alten Fassung bedeutend geändert.


8.) Fabel und Schule

8.1.) Die Bedeutung der Fabel für die Schule

Die Fabel war in der Schule des Mittelalters ebenso beliebt wie in den griechischen
Rhetorenschulen. In den Jahrhunderten der Reformationen und der Aufklärung, den beiden
Höhepunkten der Fabeldichtung in Deutschland, wird die Fabel auch verstärkt im Unterricht
verwendet.

Im Unterricht der griechischen Rhetorenschulen ist die Fabel nicht nur Stoff zum
Auswendiglernen, sondern sie ist auch von Bedeutung für sprachliche Übungen und für die
Ausdrucksschulung. Um die Ausdrucksfähigkeit zu stärken und das Gedächtnis zu üben, wird
die Fabel auch in der Schule des deutschen Mittelalters verwendet, außerdem um das
Schreiben und Lesen zu erlernen.

Eine wesentliche Rolle spielte die Fabel auch in der Schule des 16. Jahrhunderts. Der
moralische Gehalt und die Kürze machten sie zu einer bevorzugten Gattung im Unterricht.

Was bisher nur an Lateinschulen üblich war, wurde im 16. Jahrhundert auf die deutschen
Schulen übertragen. Immer wieder sprachen Männer wie Erasmus oder Vives von dem
erzieherischen Wert der Fabeln und vor allem von ihrer Eignung für den Sprachunterricht.

Sogar Luther weist auf die Behandlung der Fabel im Unterricht hin. Sie ist ihm besonders
wichtig, weil sie die Charaktererziehung fördert, das Urteilsvermögen des Schülers schärft
und dem Verständnis der Heiligen Schrift dient.

Dieser letzte Gesichtspunkt ist 200 Jahre später kaum noch zu finden. Hier steht die Vernunft
an oberster Stelle, die den Menschen zur Einsicht und somit zur Besserung führen soll.


8.2.) Die Fabel im modernen Deutschunterricht

1964 hat Klaus Doderer in einem Vortrag darauf hingewiesen, ?daß die pädagogische-
wissenschaftliche Literatur die uralte Gattung der Fabel weitgehend unbeachtet läßt." 31) Zur
Zeit scheint sich jedoch ein Wandel in der Einschätzung der Fabel anzubahnen, wie es vor
allem die neuen Lesebücher zeigen. Die in den letzten Jahren erschienen Lesebücher
enthalten bereits eine reichhaltige Sammlung von Fabeln.

Die wichtigste Aufgabe des modernen Deutschunterrichts besteht darin, die Schüler zum
kritischen Lesen und Denken zu erziehen. Für diese Aufgabe ist die Fabel besonders geeignet.

Die Fabel fordert den Schüler zur Prüfung einer Sache auf und zugleich zur Überprüfung
seiner eigenen Denkweise. Die Fabel verlangt somit eine Auseinandersetzung; sie muß
diskutiert werden. Wird die Fabel richtig eingesetzt, kann sie zur Erziehung zum
selbständigem Denken, Urteilen und Handeln der Schüler dienen.

Die strukturellen Eigenschaften des Fabeltextes bieten für den Unterricht den Vorteil der
Kürze und Geschlossenheit. Das Inventar der Fabel erleichtert gerade den Volksschulkindern
das Verständnis des Textes. Sprechende Tiere üben  eine Faszination auf Kinder dieser
Altersstufe aus. Darüber hinaus ist es durch die Form und Sprache der Fabel möglich
Unterschiede zu anderen Gattungen, wie der Sachprosa, zu vermitteln. Die Mehrdeutigkeit
von Texten kann gerade mit der Fabel auf einer sehr frühen Altersstufe schon herausgefunden
werden.

Die meisten Lesebücher bieten Fabeln an. Allerdings muß die Eignung für die jeweilige
Altersstufe überprüft werden. Werden zu schwierige Fabeltexte behandelt, so besteht die
Gefahr, daß man die Fabel als märchenhafte Erzählung versteht.

Die Arbeit mit der Fabel ist mit der 8. Schulstufe nicht abgeschlossen. Sie wird auch in der
Oberstufe immer wieder behandelt. Als Schwerpunkt für das 9. Schuljahr sollte die
Betrachtung der Fabel als Textsorte, als lehrhafte Gattung verwendet werden.

Im 10. Schuljahr soll ein historischer Überblick im Mittelpunkt stehen. Vergleiche verschiedener
Fassungen aus verschiedenen Epochen werden im 11. und 12. Schuljahr den Schwerpunkt bilden.


8.3.) Das Erfinden von Fabeln

Ulshöfer wählte die induktive Methode für das Verfassen von Fabeln. Die Schüler erzählen
eine Geschichte, bestimmen und ordnen die Eigenschaften der beiden Hauptpersonen,
verallgemeinern die Personen auf bestimmte Typen und kürzen die Geschichte auf das
Notwendigste. Nun erfolgt ein Vergleich zwischen der Fabel und der Erzählung mit dem Ziel,
daß der Schüler die vier Merkmale der Fabel, an der eigenen Erfindung erkennt:

1.	Sie ist antithetisch (Antithese: entgegengesetzte Behauptung) gebaut; Spieler und
	Gegenspieler treten auf.

2.	Der Handlungsverlauf setzt sofort dramatisch ein und endet mit dem Sieg des einen und
	der Niederlage des anderen.

3.	Die sprachliche Dichte wird dadurch erzielt, daß nur die Wende- und Höhepunkte des
	Geschehens dargestellt werden.

4.	Ein typischer Fall wird verallgemeinert, und als Beispiel für viele Fälle verwendet.

Am Ende wird die selbst geschriebene Fabel  mit einer entsprechenden Dichtung verglichen.


9.) Die Geschichte des Reineke Fuchs

Die Geschichte von Reineke dem Fuchs ist sehr alt und setzt sich aus vielen Geschichten
zusammen. In allen Ländern der Erde haben sich die Menschen seit jeher Geschichten von
Tieren erzählt, aus denen sich die Fabeln entwickelten. Im alten Indien ist der Fuchs der
Schakal. Bei den Griechen trifft man anstelle des Schakals schon den Fuchs, der neben dem
Wolf die Hauptrolle spielt. In dieser Form lernten die Römer die Tierfabel kennen und
übersetzten sie ins Lateinische. Aus dem Lateinischen wurden sie in andere Sprachen
übersetzt. So auch ins Altfranzösische. Der bekannte ?Roman de Renard" ist eine Sammlung
dieser Fabeln. Ein Mann namens Heinrich der Glichezaere übersetzte die Fabeln ins Deutsche
und brachte so ein Werk unter dem Titel ?Reinhart Fuchs" heraus. Es ist das erst deutsche
Reineke-Epos.

Darin wird das eigentliche Kernstück des ganzen Reineke-Epos, nämlich die Geschichte vom
kranken Löwen erzählt:

Ein Löwe namens Vrevel der sich als König der Tiere betrachtete, hatte, um seine Macht zu
beweisen, in einen Ameisenhaufen getreten, aus Wut und als Strafe, denn die Ameisen
erkannten ihn nicht als ihren Herrn an. Da zerstörte König Vrevel ihre Burg.

Der König der Ameisen rächte sich aber, indem er dem Löwen durchs Ohr ins Gehirn kroch.
Deshalb ließ der König alle Tiere zu sich bieten. Sie kamen auch alle. Isegrim schon
deshalb, weil er sich über den Fuchs Reinhart beklagen wollte. Auch andere klagten gegen
Reinhart.

Der aber, als er kam, ging sogleich auf die Leiden des Königs ein und sagte, daß er Rat
weiß. Es war aber ein Rat, der allen seinen Feinden das Leben kosten sollte. Um nämlich den
König heilen zu können mußte ein jedes Tier sein Fell hergeben. So wurden alle getötet die
über den Fuchs klagten. Am Ende vergiftet er auch noch den König, und kehrt unangefochten
auf seine Burg Malepartus zurück.

Im 15. Jahrhundert machte sich abermals ein niederländischer Schriftsteller, namens Hinriks
von Alkmaer, ans Werk, um die Geschichte von Reinhart zu erzählen. Er verlängert das
Reineke-Epos fast auf den doppelten Umfang. Dies geschieht durch hinzufügen neuer Fabeln
und Geschichten, die jedoch stark von der eigentlichen Geschichte abweichen.

Hinriks´ Fassung bildet die Vorlage der im deutschen Sprachraum allgemein bekannte Geschichte
des Reineke. Die erste deutsche Übersetzung aus dem Niederländischen nahm 1498 ein
Geistlicher aus Lübeck vor. Die Geschichte spielt auf der Heide von Flandern, in kleinen
Dörfern, auch auf einzelnen Höfen. Reineke kennt das Land, alle Wege und Stege. Der Name
Reineke ist die Verkleinerungsform von Reinhart oder Reginhart, was soviel wie
Ratskundiger bedeutet. Er gibt ja auch tatsächlich dem König immer Rat und macht sich
dadurch unentbehrlich.

?Die Tiere sind für die Menschen ein Spiegel, in dem sie ihre Eigenarten und
Schwächen erkennen; so dumm und so gemein handeln auch sie. Heuchelei gab es früher wie
heute, Ungerechtigkeit herrscht nach wie vor. Der ?Reineke" hat uns noch genausoviel
zu sagen wie den Menschen des Mittelalters." 32)


Fußnotenverzeichnis

1)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden, 2. Aufl., 13.-15.
	Tsd., Zürich: Manesse Verlag 1985, ISBN 3-7175-1520-9, S. 12.

2)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 11.

3)	Phadrus´ des Freigelassenen des Augustus. Äsopische Fabeln. Deutsch
	von Joh. Siebelis, 3. Aufl., Berlin Stuttgart 1855-1912, ISBN 3-232-34210-1, S. 41.

4)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 23.

5)	Distichon (gr.) das, klass, Versmaß, bestehend aus Pentameter und
	Hexameter

6)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 25.

7)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 36.

8)	Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais. Aus dem Arabischen von
	Philipp Wolff, 2. Aufl., Stuttgart 1837, ISBN 3-433-02221-6, S.8.

9)	Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais. Aus dem Arabischen von
	Philipp Wolff ..., S.163.

10)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 69.

11)	Gotthold Ephraim Lessings sämtliche Schriften, hg. v. Karl Lachmann,
	3. Aufl., Bd. 1,   Stuttgart 1886, ISBN 3-486-08350-2, S. 418 ff.

12)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 139.

13)	Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 211.

14)	Wilhelm Hey: Fünfzig Fabeln für Kinder. In Bildern gezeichnet von
	Otto Speckter, Hamburg 1977, S. 12.

15)	Erwin Leibfried: Fabel, 4. Aufl., Stuttgart: Metzler 1982, ISBN
	3-476-14066-0, S. 94.

16)	James Thurber, Fables of Our Time, 1939; Further Fables for Our
	Time, 1956. - Zitate nach der deutschen Ausgabe: James Thurber, 75
	Fabeln für Zeitgenossen, Hamburg 1967, S. 119.

17)	Therese Poser: Fabeln, Stuttgart: Reclam 1993, ISBN 3-15-009519-0.

18)	G. E. Lessings sämtliche Schriften, hg. v. Karl Lachmann, 3. Aufl.,
	Bd. 7, Stuttgart 1886, ISBN 3-486-08350-2, S. 470.

19)	Babrios Fabeln, übersetzt von W. Hertzberg, 2. Aufl., Berlin 1958,
	S. 54.

20)	Pantschatantra, hg. v. Th. Benfey, Hamburg 1947, S. 208.

21)	Erwin Leibfried: Fabel, 4. Aufl., Stuttgart: Metzler 1982, ISBN
	3-476-14066-0, S. 103.

22)	La Fontaine: Hundert Fabeln, 6. Aufl., Zürich: Manesse Verlag 1987,
	ISBN 3-7175-1238-2, S. 148.

23)	Therese Poser: Fabeln, Stuttgart: Reclam 1993, ISBN 3-15-009519-0,
	S. 12.

24)	Therese Poser: Fabeln, Stuttgart: Reclam 1993, ISBN 3-15-009519-0, S. 13.

25)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 21.

26)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 94.

27)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 80.

28)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 82.

29)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 91.

30)	 Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden ..., S. 91.

31)	 Martin Behrendt, Epische Kurzformen im Unterricht, Stuttgart 1961, S. 1.

32)	 Reineke Fuchs, München 1984, ISBN 3-224-1, S. 108.


Quellenverzeichnis

Reinhard Dithmar: Fabeln aus drei Jahrtausenden, 2. Aufl., 13.-15. Tsd.,
Zürich: Manesse Verlag 1985, ISBN 3-7175-1520-9.

Gotthold Ephraim Lessings sämtliche Schriften, hg. v. Karl Lachmann, 3.
Aufl., Bd. 1, Stuttgart  1886, ISBN 3-486-08350-2.

Calila und Dimna oder die Fabeln Bidpais. Aus dem Arabischen von Philipp
Wolff, 2. Aufl., Stuttgart 1837, ISBN 3-433-02221-6.

Wilhelm Hey: Fünfzig Fabeln für Kinder. In Bildern gezeichnet von Otto
Speckter, Hamburg 1977.

Therese Poser: Fabeln, Stuttgart: Reclam 1993, ISBN 3-15-009519-0.

La Fontaine: Hundert Fabeln, 6. Aufl., Zürich: Manesse Verlag 1987, ISBN
3-7175-1238-2.

Martin Behrendt, Epische Kurzformen im Unterricht, Stuttgart 1961.

Reineke Fuchs, München 1984, ISBN 3-224-1.

Phadrus´ des Freigelassenen des Augustus. Äsopische Fabeln. Deutsch von Joh.
Siebelis, 3. Aufl., Berlin Stuttgart 1855-1912, ISBN 3-232-34210-1.

Josef Berner: Deutsche Sprache und Literatur im Unterricht, 5. Aufl., Wien:
Österreichischer Bundesverlag 1979, ISBN 3-215-04007-7.

James Thurber, Fables of Our Time, 1939; Further Fables for Our Time, 1956. -
Zitate nach der deutschen Ausgabe: James Thurber, 75 Fabeln für Zeitgenossen,
Hamburg 1967.

Kayser: Grundlagen der deutschen Fabeldichtung des 16. und 18. Jahrhunderts,
Berlin 1931. 1

Weitere interessante Texte    Kommentar zum Text im Forum abgeben     Diese Seite drucken