WAS IST MAGIE ?

von
FRATER V.'.D.'.
Bevor wir uns mit der Praxis der Magie befassen, muessen wir natuerlich zunaechst einmal wissen,
worum es dabei eigentlich geht. Es hat im Laufe der Zeit eine wahre Unzahl von Definitionen der
Magie gegeben, und wir werden uns noch mit vielen von ihnen befassen muessen, wo dies der Praxis
dienlich ist.

Die vielleicht bekannteste Definition stammt von einem der wichtigsten Magier des zwanzigsten
Jahrhunderts, dem Englaender Aleister Crowley (1875-1947):
"MAGIE IST DIE KUNST UND DIE WISSENSCHAFT, IM EINKLANG
MIT DEM WILLEN VERÄNDERUNGEN HERBEIZUFÜHREN."
Obwohl diese Definition tatsächlich den Kern magischer Praxis treffend beschreibt, ist sie für
den Laien und Anfaenger doch eher zu allgemein und zu weit gefasst. (So betrachtet waere auch
das Betaetigen eines Lichtschalters zum Zwecke der Beleuchtung eines Zimmers bereits Magie. Dem
ist auch tatsaechlich so, doch nur auf einer philosophischen Stufe, wie wir sie erst spaeter in
diesem Lehrgang behandeln koennen und wollen.) Denn in der Regel wird vom Begriff "Magie" etwas
anderes, Spezielleres erwartet, eine Disziplin naemlich, die sich eher mit "feinstofflichen"
Einfluessen wie der Beeinflussung von Schicksalsfaktoren und "Zufaellen" befasst; ausserdem
bietet der obige Satz keinerlei Anhaltspunkte fuer die bei der Magie verwendeten Techniken und
Methoden.

Einige angelsaechsische Autoren wie Israel Regardie und Francis King haben dem Rechung getragen
und versucht, Crowleys Definition zu erweitern:
"MAGIE IST DIE KUNST UND DIE WISSENSCHAFT, MIT HILFE VERÄNDERTER BEWUSSTSEINSZUSTÄNDE
IM EINKLANG MIT DEM WILLEN VERÄNDERUNGEN HERBEIZUFÜHREN."
Auch diese Loesung ist zwar nicht ganz unproblematisch, doch fuer den Anfang genuegt sie, und
wir wollen sie uns einmal etwas genauer an schauen, da sie bereits eine wichtige praktische
Formel enthaelt.

Wichtig sind fuer uns zunaechst einmal die Begriffe "Kunst" und "Wissenschaft". Oft ist ja von
den "Geheimwissenschaften" die Rede, doch versteht der Okkultist (oder Geheimwissenschaftler)
unter "Wissenschaft" in der Regel etwas anderes als dies der sogenannte "exakte" oder
"Naturwissenschaftler" tut. In dem Bemuehen, von der orthodoxen Schulwissenschaft anerkannt zu
werden, haben viele Okkultisten und auch Magier den Versuch unternommen, ihre Disziplin als
"wissenschaftlich" zu eroertern. Das stimmt jedoch nur insofern, als die Magie mit 
wissenschaftlicher Methodik arbeitet. Sie ist im Fachjargon "empirisch" oder
"erfahrungswissenschaftlich", zumindest gilt dies fuer die Erfolgsmagie. Das bedeutet, dass sie
sich zunaechst einmal da ran orientiert, was beobachtbar erfolgreich ist.

Hingegen meint der Begriff "Kunst" den eher intuiven Bereich der Magie, wozu wir sowohl das
"Fingerspitzengefuehl" und das Gefuehl ueberhaupt zaehlen, als auch die Sensitivitaet fuer
feinstoffliche Ener gien (wie beispielsweise beim Hellsehen oder Hellfuehlen). Traum und Vision
zählen unmittelbar zum "Kunst"-Aspekt der Magie; zum "Wissenschafts"-Aspekt dagegen gehören das
Denken und das Wissen um Zusammenhaenge.

Fassen wir es kurz zusammen, so bedient sich die Magie sowohl der sogenannten "rationalen" als
auch der sogenannten "irrationalen" Bestandteile der menschlichen Persoenlichkeit. Da das Wort
"irrational" im Zeitalter des Rationalismus, das heute nach wie vor noch seine Hoehepunkte
feiert, sehr negativ besetzt ist (es wird gerne gleichgesetzt mit "unvernuenftig", "aberwitzig",
"wirr", "undurchdacht" usw.), sprechen wir lieber von der intuitiven Seite des Magiers.

Die moderne Gehirnforschung gibt diesem Modell, wie in der Einleitung bereits erwaehnt, weit-
gehend recht: der Mensch besitzt zwei Gehirnhälften, von denen die linke Hemisphäre überwieged
die rechte Koerperseite regiert und alles, was wir unter dem Begriff "rationale Faktoren"
zusammenfassen, vom Denken bis zum Rechnen, vom Ueberlegen bis zum Planen usw. Die rechte
Hirnhaelfte dagegen regiert ueberwiegend die linke Koerperhaelfte und alles "Intuitive".

Wir sehen daran, dass die Magie tatsächlich auf die seelische Ganzheit und Einheit des Menschen
abzielt, und dies schon aus rein praktischen Erwaegungen heraus, denn nur wenn beide Seiten
harmonisch miteinander zusammenarbeiten, lassen sich magische Erfolge erzielen, die ja oft den
Anschein haben als würden sie sämtliche (naturwissenschaftlichen) Naturgesetze widerlegen, was
freilich, wie wir noch sehen werden, so nicht stimmt.

Nun ist Magie allerdings noch mehr als die Kunst und die Wissenschaft, eine Einheit der Seele zu
erlangen. Beginnen wir mit der Erfolgsmagie, auch "Niedere Magie" genannt, was allerdings keine
Abwertung bedeutet sondern sie lediglich technisch und inhaltlich von der eher mystisch-
religiösen "Hohen Magie" unterscheiden soll. In der Praxis sieht es so aus, dass man fuer einen
erfolgreichen magischen Akt beide Aspekte (Rationales und Intuitives) wirkungsvoll einsetzen
will. Dies geschieht durch zwei der drei wichtigsten Grundbestandteile des magischen Akts: durch
die Verbindung von Wille und Imagination. (Auf den dritten Faktor, nämlich den "veränderten
Bewusstseinszustand" gehen wir gleich noch ein.)

In der Abb. 1 haben wir dies veranschaulicht. Betrachten Sie die Skizze bitte eine Weile
gruendlich und versuchen Sie dabei, die beiden Hauptkolonnen mit ihren Merkmalen zu ergaenzen.
Stellen Sie also fest, was noch alles zum Bereich der "Kunst" zaehlt und was im Bereich der
"Wissenschaft" noch ergaenzt werden koennte. Sie werden auch bemerken, dass wir eine Beziehung
hergestellt haben zwischen "Kunst" und "Imagination" sowie zwischen "Wissenschaft" und "Wille".
(Streng genommen muessten wir hierbei eher vom "Wollen" sprechen, da wir den Begriff "Wille"
spaeter noch anders verwenden werden, doch wollen wir die Sache hier vorlaeufig nicht unnoetig
verkomplizieren.)
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I                              I    I                              I
I            KUNST             I    I         WISSENSCHAFT         I
I                              I    I                              I
I     * rechte Gehirnhaelfte   I    I     * linke Gehirnhaelfte    I
I                              I    I                              I
I     * linke Koerperhaelfte   I    I     * rechte Koerperhaelfte  I
I                              I    I                              I
I     * Gefuehl                I    I     * Verstand               I
I                              I    I                              I
I     * Vision                 I    I     * Denken                 I
I                              I    I                              I
I     * Spueren                I    I     * Ueberlegen             I
I                              I    I                              I
I     * Ahnen                  I    I     * Berechnen              I
I                              I    I                              I
I     * synthetisch            I    I     * analytisch             I
I                              I    I                              I
I     * zyklisch               I    I     * linear                 I
I                              I    I                              I
I     * mythisch               I    I     * faktisch               I
I                              I    I                              I
I     * foederalistisch        I    I     * zentralistisch         I
I                              I    I                              I
I     * kreatives Chaos        I    I     * bewahrende Ordnung     I
I                              I    I                              I
I     * symbol-logisch         I    I     * formal-logisch         I
I                              I    I                              I
I     * irrational             I    I     * rational               I
I                              I    I                              I
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I                              I    I                              I
I        IMAGINATION           I    I           WILLE              I
I                              I    I                              I
+------------+  +--------------+    +------------+  +--------------+
I  I                                I  I    
       I  I                                I  I           
            I  I                                I  I                
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I                                                                  I
I                            M A G I E                             I
I                                                                  I
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Abb. 1:  DARSTELLUNG DER GRUNDSTRUKTUR DER MAGIE (I)

Die "Kunst" entspricht der "Imagination" durch ihren intuitiven Charakter, die "Wissenschaft"
entspricht dagegen dem "Willen" durch ihre Reflektiertheit und ihre klare, praezise Zielsetzung.
Wir bekommen also bereits eine vorlaeufige Gleichung:
WILLE + IMAGINATION => MAGIE
Tatsaechlich galt dies lange Zeit als die Grundformel der Magie schlechthin. Disziplinen wie das
Positive Denken, bei denen man sich gezielt (= "Wille") bestimmte Ereignisse und Lebenszustände
moeglichst plastisch vorstellt (= "Imagination"), arbeiten fast ausschliesslich danach, und dies
durchaus mit gutem Erfolg. Wenn wir uns aber unsere Definition noch einmal anschauen, bemerken
wir, dass in dieser Gleichung noch etwas fehlt: nämlich die "veränderten Bewusstseinszustände".
Solche, in der Magie verwendeten veränderten Bewusstseinszustände nennt man die Magische Trance
oder auch Gnosis. Wichtig ist dabei, dass die Magische Trance in der Regel nichts mit der
hypnotischen Volltrance zu tun hat, bei der der Wille des Hypnotisierten weitgehend ausgeschaltet
oder zumindest fremdbeherrscht wird. Dies wuerde auch gegen unsere Forderung "im Einklang mit dem
Willen" verstossen, denn damit ist ein bewusster, erklaerter Wille gemeint. (Eine Ausnahme von
dieser Regel der Nicht-Volltrance bilden die sogenannten "Besessenheitskulte", wie wir sie
vornehmlich im afrikanischen und afroamerikanischen Bereich - Voodoo, Macumba usw. -
beobachten koennen. Darauf werden wir viel spaeter noch gruendlich einzugehen haben.) Doch wenn
wir schon die Imagination und den Willen einsetzen, wozu benoetigen wir dann noch die Magische
Trance?

        Um dies zu verstehen, muessen wir wissen, nach welchem Muster
unsere Psyche aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Denn zunaechst
einmal gehen wir davon aus, dass die magische Kraft und die Faehigkeit
zur Magie eine innerseelische Erscheinung ist. (Spaeter werden wir
dann noch sehen, wie gross dabei auch die Rolle des Koerpers ist und
wie sehr der Magier auf Koerperlichkeit achten muss.)

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               I                             I
               I         BEWUSSTSEIN         I
               I                             I
               +-----------------------------+
               I           ZENSOR            I
               +-----------------------------+
               I                             I
               I         UNBEWUSSTES         I
               I                             I
               +-----------------------------+

               Abb. 2: DIE GRUNDSTRUKTUR DER PSYCHE

        In Abb. 2 haben wir in vereinfachter Form das gaengige Modell
der Psyche wiedergegeben, wie es uns die moderne Tiefenpsychologie
anbietet. Andere Veranschaulichungsmodelle sollen noch folgen. Wir
sehen als erstes das Bewusstsein, das wir gleichsetzen mit Tages-
oder Wachbewusstsein. Im unteren Teil der Skizze erkennen wir das Un-
bewusste, das man auch das Unterbewusstsein nennt. Dieses umfasst al-
les, was sich unserem Bewusstsein in der Regel entzieht; zwar ist es
staendig aktiv, doch bemerken wir das meistens nur beim Traeumen. Zwi-
schen Bewusstsein und Unbewusstem liegt der sogenannte Zensor. Dieser
stellt eine Art "Zweiwegfilter" dar: einerseits sorgt er fuer die se-
lektive Wahrnehmung der Reize der Aussenwelt; andererseits schuetzt er
das Bewusstsein vor der unkontrollierten Ueberflutung durch die Inhal-
te des Unbewussten, zu denen auch Verdraengungen und Komplexe gehoeren.
Dem Zensor kommt also eine lebenserhaltende Funktion zu, er sorgt
auch fuer das, was wir gemeinhin als "geistige Gesundheit" bezeich-
nen. Es ist von grosser Wichtigkeit, dies zu erkennen, bevor wir, was
leider haeufig geschieht, im Zensor einen "boesen Feind" sehen, der
uns als Magiern den Spass am Leben verderben will!

        Der Zensor hat freilich auch einen erheblichen Nachteil, er ist
naemlich ausserordentlich konservativ. Nur ungern gestattet er es dem
Bewusstsein, einen direkten, unmittelbaren Kontakt zum Unbewussten
herzustellen, der sich seiner Kontrolle entzieht. Man koennte ihn mit
einem etwas misstrauischen "Palastwaechter" vergleichen: ein treuer,
braver Diener seines Herrn, doch manchmal allzu aengstlich um dessen
Sicherheit besorgt und nicht geneigt, Neues ungeprueft zu- bezie-
hungsweise einzulassen.

        Tatsaechlich besteht nun der wichtigste "Trick" der Magie darin,
den Zensor voruebergehend auszuschalten, um die "Kraftquelle Unbewuss-
tes" direkt anzuzapfen und ihr gezielt Aufgaben zu erteilen. Dies
geschieht durch die Magische oder Gnostische Trance. In diesem Zu-
stand, der oft dem Daemmerzustand kurz vor dem Einschlafen gleicht
(dort ist das Bewusstsein ja auch noch aktiv, nur eben sehr gedaempft,
es findet, beispielsweise durch Bilder usw. ein direkter Austausch
zwischen ihm und dem Unbewussten statt), ist der Zensor gewissermassen
"eingeschlaefert"; im Idealfall wird er freilich einen sehr leichten
"Schlaf" haben und stets dann, wenn echte, ernste Gefahr droht, wie-
der aktiv werden. (Uebrigens entspricht dies der Rolle des Schwerts
in der Magie, wie wir bei unserer Beschaeftigung mit den Ritualwaffen
noch sehen werden.)

        Somit gelangen wir zur vollstaendigen Struktur der Magie, wie
sie unserer erweiterten Definition entspricht und wie wir sie in
Abb. 3 dargestellt haben.

        In der Abb. 4 dagegen finden wir dieselbe Aussage noch einmal
in Gestalt einer "mathemagischen Formel" wiedergegeben. Mit dieser
Art der Darstellung sollten Sie sich schon jetzt gruendlich vertraut
machen, am besten, indem Sie diese Formel auswendig lernen. Denn wir
werden aehnlichen Formeln im Laufe dieses Lehrgangs noch haeufiger be-
gegnen. Das ist keine blosse Spielerei, im Gegenteil: Formeln stellen
mnemotische, also gedaechtnisstuetzende Abkuerzungen fuer Regeln und Ge-
setze dar, aus denen man praktische Ableitungen gewinnt. Wir haben
es uns mit diesem Kursus zum Ziel gesetzt, die Grundstrukturen der
Magie aufzuzeigen und verstaendlich zu machen. Das ist insofern neu,
als der Grossteil der magischen Literatur bisher eher einen "Rezept-
buchcharakter" hatte: Anstatt die Grundgesetze zu erklaeren, nach de-
nen Magie funktioniert, gaben vor allem aeltere Autoren haeufig nur
Einzelrezepturen an: Rituale gegen Feindeinwirkung, magische Glyphen
fuer Glueck und Wohlstand, Amulettzeichnungen wider Pest und Cholera,
Mantras (Zauberworte) "um einen Fuersten gnaedig zu stimmen"
oder um Geister zu beschwoeren, Rezepte gegen Warzen und Traenke, "um

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I                              I    I                              I
I        IMAGINATION           I    I           WILLE              I
I                              I    I                              I
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             I  I                                I  I
             I  I                                I  I
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     I                      T R A N C E                       I
     I                                                        I
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               I            M A G I E               I
               I                                    I
               +------------------------------------+

            Abb. 3 : DIE GRUNDSTRUKTUREN DER MAGIE (II)

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                    :                     :
                    :                     :
                    :   M  =  w + i + g   :
                    :                     :
                    :                     :
                    +---------------------+

                +-----------------------------+
                I          Legende            I
                +-----------------------------+
                I  M = Magischer Akt          I
                I                             I
                I  w = Wille                  I
                I  i = Imagination            I
                I  g = Gnosis (Mag. Trance)   I
                +-----------------------------+

            Abb. 4: DIE ERSTE GRUNDFORMEL DER MAGIE

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die Liebe einer Frau/eines Mannes zu gewinnen" usw. Was leider immer
wieder missverstanden wurde, war die Tatsache, dass solche Rezepturen
nicht von allein, also etwa "automatisch" wirksam sind! Dies ist ein
Irrtum, dem vor allem der Anfaenger immer wieder zum Opfer faellt.
Dann sucht er nach dem "echten, wirklichen, hundertprozentig wirksa-
men Ritual", nach der "ultimaten Zauberformel" usw.; und es gibt
noch heute jede Menge Scharlatane, die nur zu gern die Hand aufhal-
ten und ihm Rezepte verkaufen, ohne ihm die Bedingungen zu erklaeren,
unter denen sie allein wirksam werden koennen.

        Nun ist es keineswegs so, als waeren solche Rezepturen grund-
saetzlich voellig nutzlos. Doch wenn wir bei ihrem Gebrauch nicht die
erste Grundformel der Magie beherzigen, sind sie meistens nicht ein-
mal das Papier wert, auf das sie gedruckt sind. Und selbst dort, wo
sie gelegentlich funktionieren, laesst sich erkennen, dass Wille, Ima-
gination und Gnosis mit im Spiel gewesen sind.

        Kennt man jedoch die Grundgesetze und Grundformeln der Magie,
so lassen sich ohne grossen Aufwand eigene "Rezepturen" daraus ablei-
ten, wie ja ohnehin jeder Magier im Grunde sein eigenes Grimoire
oder "Zauberbuch" schreibt. Diesen Ableitungen werden wir einen gro-
ssen Teil unserer Arbeit widmen. Wie bei jeder Disziplin muessen dazu
jedoch auch hier erst die Grundlagen "sitzen" - ohne das "Kleine
Einmaleins" laesst sich eben nicht rechnen! Diese Grundlagen sind die
mathemagischen Strukturformeln, die wir Ihnen in immer neuen Varia-
tionen vorstellen werden.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass der Schwerpunkt der magi-
schen Ausbildung auf der Schulung von WILLE, IMAGINATION und TRANCE
liegen muss, wenn im Rahmen dieses Paradigmas (= Erklaerungsmodell)
optimales Arbeiten ermoeglicht werden soll. Nun gibt es bereits eine
Reihe magischer Werke, die sich diesen Punkten widmen. Beispielswei-
se finden Sie in den Buechern von Franz Bardon (besonders in seinem
Der Weg zum wahren Adepten) zahlreiche Grunduebungen, die vor allem
der Selbstdisziplinierung (= Willensschulung) und der Visualisation/
Imagination dienen. Bardons Uebungen sind im Prinzip vorzueglich auf-
gebaut, und man kann mit ihrer Hilfe in der Magie sehr weit kommen.
Freilich geschieht dies leider nur im Schneckentempo, wenn man sich
an die von ihm so kompromisslos als "absolut" vorgeschriebenen Zei-
tangaben haelt. So muesste man beispielsweise einen Gegenstand zehn Mi-
nuten lang ohne jeden Konzentrationsverlust visualisieren koennen,
ebenso lang Gedankenleere herstellen usw. Es ist nicht zu leugnen,
dass dergleichen in der Magie sehr hilfreich sein kann. Die Praxis
hat jedoch gezeigt, dass mit solchen Maximalforderungen vor allem der
Anfaenger nur unnoetig abgeschreckt, ja sogar vom eigentlichen Prinzip
der Magie abgelenkt wird. Die Angst, die Uebung nicht "richtig" zu
machen oder sie noch nicht richtig zu beherrschen, erweist sich haeu-
fig als vermeidbares Hindernis. Mit anderen Worten, es geht auch er-
heblich einfacher und schneller, wie vor allem die Sigillenmagie be-
weist, mit der wir uns im naechsten Heft befassen werden.

        Das soll allerdings nicht bedeuten, dass der angehende Magier
getrost auf hartes, fleissiges Arbeiten verzichten koennte - dies kann
er ebensowenig wie der "Meister", dem es selbst noch nach jahrzehn-
telanger erfolgreicher Praxis nicht erspart bleibt, gewisse Grundue-
bungen immer aufs neue zu wiederholen, um nicht "einzurosten". Zumal
ist vielleicht das Faszinierendste an der Magie die Tatsache, dass
man in dieser Disziplin niemals ausgelernt hat - immer gibt es noch
etwas Neues, etwas Unerforschtes, Unbekanntes und, vor allem, Unge-
meistertes. Die Herausforderungen sind zahllos, und wer die Augen
entsprechend offenhaelt, dem wird die Magie auch niemals langweilig
werden. Deshalb gleich zu Anfang dieses Kursus die Grundmaxime:

FLEISSIGES, REGELMAESSIGES UEBEN IST DER SCHLUESSEL ZUM ERWERB
                      MAGISCHER FERTIGKEITEN!

        Sie wissen, dass Sie, wenn Sie an diesem Lehrgang aktiv teilneh-
men, selbst ueber das Tempo Ihres Fortkommens bestimmen, dass es von
Ihnen allein abhaengt, wie schnell oder wie langsam die Magie bei Ih-
nen "klappt". Es ist zwar nicht zu leugnen, dass es so etwas wie ein
"magisches Talent" gibt, das bei verschiedenen Menschen unterschied-
lich stark ausgepraegt ist; doch wird die Wichtigkeit dieses Talents
meist stark ueberschaetzt. Begehen Sie nicht den haeufigen Anfaengerfeh-
ler, die "Naturtalente" zu beneiden, weil denen Vieles in der Magie
stets auf Anhieb (also ohne muehsames Erarbeiten und vorhergehendes
Ueben) zu gelingen scheint. Denn im Grunde sind diese Naturtalente
meistens eher zu bedauern: Gerade weil ihnen so viel scheinbar "ge-
schenkt" wird und gewissermassen in den Schoss faellt, fehlt es ihnen
an der Selbstdisziplin und Haerte des weniger Begabten, der sich al-
les erst mit Schweiss und Traenen verdienen musste. Diese Selbstdiszi-
plin und Haerte aber stellt magisch gesehen eine wichtige Erdung dar,
sie ist der beste Schutz vor den beiden typischsten und gefaehrlich-
sten Magierkrankeiten: Selbstueberschaetzung und Verfolgungswahn. Der
gute Magier muss demuetig sein im selben Sinne, wie der gute Krieger
demuetig ist: Er kennt seine eigenen Grenzen viel zu genau, um sich
durch Wunschdenken ueber sie  hinwegzutaeuschen; er begeht nicht den
Fehler, Probleme, Gegner oder Herausforderungen zu unterschaetzen; er
denkt und handelt oekonomisch, also mit einem Minimum an Aufwand bei
einem Maximum an Effizienz; er ist charakterlich gefestigt, weil er
im Laufe seiner Ausbildung die sinnvolle Selbstueberwindung gelernt
hat und zwischen rein gefuehlsbetonten und sachlich begruendeten Ur-
teilen zu unterscheiden weiss; er ist im Idealfall ein Techniker, oh-
ne Technokrat zu sein, einer, der seine Disziplin aus dem Effeff be-
herrscht, ihre Gesetzmaessigkeiten - aber auch ihre Schwaechen - kennt;
und er respektiert und achtet sein Handwerk sowie alle, die es er-
lernt haben und noch erlernen. All dies wird einem Menschen nur sel-
ten in die Wiege gelegt, er muss es sich vielmehr in der Regel erst
aneignen. Das Naturtalent aber neigt allzu oft dazu, diese Anforde-
rungen zu uebersehen, und so lernt es meistens nur dadurch, dass es
"ins Messer" laeuft, also durch das Schmerzprinzip des Irrens und
Scheiterns.

        Doch das Leben ist ohnehin viel zu kurz, als dass ein einziger
Mensch jemals die gesamte Magie und Geheimwissenschaft auch nur an-
naehernd ausloten koennte. Die Zeit draengt - ob Sie nun achtzehn Jahre
alt sein moegen oder achtzig! Dies bedingt die Forderung nach didak-
tischer und paedagogischer Oekonomie. Dieser Forderung wollen wir da-
durch Rechnung tragen, dass wir nach Moeglichkeit stets Uebungen und
Praktiken empfehlen, die so vielseitig und allumfassend sind, wie es
im Rahmen des paedagogisch Sinnvollen zu vertreten ist. Etwas salopp
ausgedrueckt versuchen wir als moderne Magier, durch unsere Uebungen
moeglichst mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie sollen
zugleich den Willen schulen, die Imagination entwickeln und den Zu-
gang zur kontrollierten Trance erschliessen. Aus diesem Grunde tren-
nen wir in unserem Kursus auch nicht so scharf in Willens-, Imagina-
tions- und Tranceschulung, wie es unser Modell eigentlich nahelegen
wuerde. Im naechsten Heft werden wir naeher auf dieses Thema eingehen.
Fuers erste soll es genuegen, dass Sie sich der hier aufgezeigten Grun-
delemente der Magie bewusst werden und eine Weile darueber reflektie-
ren.

        Anstatt Sie, wie manche magische Autoren es gerne tun, monate-,
wochen- und jahrelang mit Uebungen hinzuhalten, die in keinem erkenn-
baren Zusammenhang zur magischen Praxis zu stehen scheinen (was
freilich oft nur das Fehlurteil des Anfaengers ist!), moechten wir Sie
mit diesem Lehrgang sofort und ohne grosse Vorarbeiten in die Praxis
der Magie selbst einweisen. Dies bedingt allerdings, dass die Uebun-
gen, die am Schluss dieses Lehrbriefs stehen, an den einen oder ande-
ren Leser am Anfang schier unmoeglich zu erreichende Anforderungen zu
stellen scheinen. Keine Bange - auch in der Magie wird nur mit Was-
ser gekocht! Bemuehen Sie sich einfach so gut es geht, und seien Sie
sich stets darueber im klaren, dass vieles erst durch die Praxis
selbst zu erreichen ist.


WISSE, WOLLE, WAGE, SCHWEIGE

Bevor wir zum praktischen Teil dieses ersten Briefs uebergehen, wol-
len wir Ihnen eine weitere Maxime mit auf den Weg geben, die in der
ganzen Esoterik immer wieder auftaucht und zurecht hochgeschaetzt
wird. "Wisse, wolle, wage, schweige" lautet die Aufforderung an den
Geheimwissenschaftler. Dies wollen wir hier nur ganz kurz erlaeutern,
es soll Ihnen zur weiterfuehrenden Meditation dienen. Spaeter werden
diese hier nur skelettartig wiedergegebenen Leitsaetze ausgefuellt und
staerker mit eigenem Leben erfuellt. Sie tun jedoch gut daran, im
naechsten Monat oefter darueber nachzudenken.

WISSE

Ohne Wissen um das, was wir als Magier tun, sind wir nicht nur ziel-
los, wir laufen auch Gefahr, grundlegende Gesetze unseres magischen
Tuns zu verkennen und bisweilen verheerende Fehler zu begehen. Al-
lerdings gab es auch Zeiten, da dieses "Wissen" falsch verstanden
oder stark ueberschaetzt wurde. Es ist naemlich damit nicht allein ein
reines Kopf- oder Verstandeswissen gemeint, das freilich auch dazu
gehoert; dieses wollen wir im vorliegenden Kurs umfassend vermitteln.
In erster Linie geht es jedoch um intuitives oder Bauchwissen, und
das laesst sich nur durch die eigene Erfahrung erlangen. Jeder Lehrer
kann dem Schueler bestenfalls zeigen, wie er zu diesem intuitiven
"Fleischeswissen" gelangt, den Lernprozess selbst kann er ihm jedoch
nicht abnehmen.


WOLLE

Ein Magier, der nicht weiss, was er will, ist schlussendlich hoff-
nungslos zum Scheitern verurteilt. Nur der unbeugsame Wille (und das
ebenso kompromisslose Wollen - was nicht dasselbe ist!) fuehrt gefahr-
los ans Ziel. Tatsaechlich sehen viele Magier der Neuzeit im Erkennen
des eigenen wahren Willens (Thelema) das eigentliche Ziel jeder ho-
hen Magie. Geraet das Wollen ins Schwanken, "kippt" auch die ganze
magische Operation fast automatisch. Willensschulung bedeutet daher
stets auch Erkenntnisschulung und Disziplinierung. Denn jeder Mensch
neigt dazu, allein nach dem Lustprinzip zu handeln, wenn man es ihm
gestattet. Daran ist zwar nichts Prinzipielles auszusetzen, doch
fuehrt es leider oft zu Fahrlaessigkeit und Bequemlichkeit. Dem beugt
das dezidierte Befolgen des eigenen Willens wirkungsvoll vor.


WAGE

Dies ist vielleicht der Grundsatz, gegen den in der Magiegeschichte
am allerhaeufigsten verstossen wurde: Die nackte Angst vor der Praxis
springt uns auf zahllosen Seiten magischer Autoren an, die sich ge-
radezu davor zu fuerchten scheinen, dass die Magie tatsaechlich funk-
tionieren koennte! Dies tut sie natuerlich auch, doch wirklich effi-
zient kann nur der Magier sein, der den Mut hat, auch durch die Tat
fuer das einzustehen, was ihm sein Wille als notwendig und erstre-
benswert eingegeben hat. Beachten Sie bitte, dass wir bisher noch
nichts ueber die Gefahren der Magie gesagt haben: Es ist nicht so,
als gaebe es diese nicht. Doch ist Magie tatsaechlich nicht viel ge-
faehrlicher als das Autofahren. Eine gruendliche Ausbildung und nuech-
terne Praxis sind die beste Voraussetzung fuer erfolgreiches, risiko-
armes Arbeiten. Wenn man den angehenden Fahrschueler unentwegt damit
erschreckt, wie gefaehrlich all sein Tun doch ist, erzieht man ihn
lediglich zu einem veraengstigten - und somit schlechten - Autofah-
rer, der Unfaelle und Fehlverhalten geradezu anzulocken scheint.
Ebenso verhaelt es sich mit dem Magier. Hueten Sie sich also vor den
Warnungen "wohlmeinender" Nicht-Praktiker, die Sie schon in der Hoel-
le oder im Irrenhaus schmoren sehen, wenn Sie sich  auch nur theore-
tisch mit Magie beschaeftigen sollten! Vertrauen Sie lieber auf er-
fahrene "Morgenlandfahrer" und Psychonauten, die genau wissen, wel-
che Gefahren tatsaechlich drohen und welche nur eingebildet sind (und
das sind die meisten!). Denken Sie an Martin Luthers Satz: "Aus ei-
nem verzagten Arsch kommt niemals ein froehlicher Furz." Tatsaechlich
stellt die Angst vor der Magie die groesste Gefahr auf dem magischen
Weg dar! Gerade aus diesen Ueberlegungen heraus ist auch die Ausein-
andersetzung mit den eigenen Aengsten von nicht zu unterschaetzender
Wichtigkeit.


SCHWEIGE

Viel Unfug ist in der Vergangenheit mit der Verpflichtung zum
Schweigen getrieben worden. Oft wurde dieses Gebot mit einer Auffor-
derung verwechselt, die eigene Unwissenheit hinter geheimnisvollen
Andeutungen ("darueber muss ich schweigen", "wahre Eingeweihte werden
wissen, was gemeint ist" usw.) zu verbergen. Oft sollte auch der
"profanen Masse" geheimes Wissen eifersuechtig vorenthalten werden.
Doch ist dies bestenfalls das Verhalten einer verknoecherten Prie-
sterschaft, die um ihre Vorherrschaft (welche auf der Unwissenheit
der Beherrschten fusst) bangt; schlimmstenfalls soll der Unwissende
damit gezielt in die Irre gefuehrt werden, wodurch er um so leichter
ausgebeutet werden kann. In Wirklichkeit schuetzen die Mysterien sich
ausnahmslos selbst und koennen ueberhaupt nicht "entweiht" werden!
Denn ihr eigentliches "Geheimnis" ist die Erfahrung, die der Adept
mit ihnen macht - und diese Erfahrungsdimension kann ihm niemand
nehmen, sie kann von keinem Aussenseiter und Unwissenden befleckt
werden. Dennoch ist es ratsam, die eigenen okkulten Interessen nicht
allzu offenherzig preiszugeben - zu gross sind nach wie vor die Vor-
urteile, die dem Magier in unserer angeblich "aufgeklaerten" und
"toleranten" Zeit begegnen, zu gross die Energie, die er sonst darauf
verwenden muss, sich selbst gegen diese Widerstaende zu behaupten. Das
bindet unnoetig Kraefte und ist deshalb tunlichst zu vermeiden. Ausser-
dem bedeutet das Schweigen, dass, um wieder ein Bild zu gebrauchen,
"der Topf auf den Deckel" gelegt wird, damit entsprechender Druck
erzeugt werden kann. Dieser Druck ist die magische Kraft, die wir
Magis nennen.

Und nun wollen wir gleich zur Praxis uebergehen.

(c) copyright 1988 by Frater V.'.D.'.

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