Ihrem Unmut über all die Alltagsprobleme konnten die DDR-Bewohner in Eingaben Luft machen - ob nun an die örtlichen Funktionäre oder direkt an Erich Honecker. Meist ging es dabei um ganz banale Dinge. Von JOCHEN STAADT Am 13. Dezember 1984 öffneten die Mitarbeiter der Eingabestelle beim Staatsrat der DDR ein kleines Päckchen, das an Erich Honecker adressiert war. Sie fanden darin eine halbe, stark vergammelte Apfelsine und einen Brief. In diesem Anschreiben beschwerte sich Roland H. aus dem Kreis Gera über die katastrophale Versorgungssituation in seiner Ortschaft. Wie er schilderte, war im Kaufladen eine Ladung Apfelsinen eingetroffen. "Wir hofften", schrieb Ronald H., "auch in diesem Jahr ein paar Apfelsinen und Bananen für unser Kind zu bekommen, das an chronischer Bronchitis leidet." Doch die gelieferte Menge habe gerade so weit gereicht, dass jedes Kind im Dorf nur eine Apfelsine erhalten konnte. Als Roland H. die Apfelsine für seine kleine Tochter schälte, stellte er fest, "dass diese fast völlig ausgetrocknet und ungenießbar war". Erbittert fragte er in seinem Schreiben an den Staatsratsvorsitzenden Honecker: "Sind wir Menschen zweiter Klasse in den Dörfern, dass für uns das letzte gut genug ist? Wir arbeiten wie viele Werktätige unseres Landes tagtäglich im Betrieb für das Wohl des Volkes und leisten Qualitätsarbeit: Dafür wollen wir aber auch mal Qualität kaufen! Und nicht nur mit Südfrüchten sieht es hier so erbärmlich aus. Mandeln, Korinthen und Kokosraspeln müssen unter dem Ladentisch verkauft werden, da nicht einmal jede Familie des Ortes von jedem einen Beutel bekommen konnte." Diese Passage hat Erich Honecker, dem der Brief einen Tag nach Eintreffen des Päckchens vorgelegt wurde, persönlich unterstrichen. Er wies den für Handel und Versorgung zuständigen ZK-Sekretär Werner Jarowinsky an, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei hatte Honecker wenige Tage zuvor einen "Lagebericht zur Versorgung der Bevölkerung" abgezeichnet, in dem festgelegt worden war, daß bei gleichbleibender Importmenge in Ost-Berlin zur Vorweihnachtszeit 2000 Tonnen Apfelsinen mehr zur Verfügung stehen sollten als im Vorjahr. Das bedeutete eine Kürzung der Rationen in anderen DDR-Bezirken. Deshalb erhielt die kleine Tochter von Roland H., so wie viele andere Kinder in den Dörfern der DDR, zu Weihnachten 1984 keine Apfelsine. 1984 gingen beim DDR-Staatsrat 62 000 schriftliche und mündliche Beschwerden ein, in der DDR Eingaben genannt. In den achtziger Jahren wuchs die Zahl der Bürger, die sich angesichts der vielen Versorgungslücken mit allgemeinen Beschwichtigungsversuchen nicht mehr abspeisen ließen. Aber auch die Zahl der Schreiben, in denen DDR-Bürger einen Ausreiseantrag stellten, nahm in diesen Jahren stetig zu: Im Vergleich zum Vorjahr stieg sie 1984 um 46 Prozent. Doch nicht nur Ausreisewillige nahmen kein Blatt vor dem Mund. Laut Verfassung der DDR hatte jeder Bürger das Recht, sich mit Beschwerden an die zuständigen Stellen zu wenden, und diese mussten konkrete Bürgerbegehren in kürzester Zeit beantworten. In den nach dem Ende der DDR zugänglich gewordenen geheimen Staats- und Parteiarchiven sind weit mehr als eine Million Beschwerdebriefe aufbewahrt, die unzufriedene Bürger zu DDR-Zeiten an die verschiedensten Instanzen geschrieben hatten. Diese Schreiben erinnern heute an die ausgeprägte Meckerkultur in der DDR, zugleich aber an den Mut und die Zivilcourage, die normale Bürger trotz aller Einschüchterungsversuche gegenüber dem SED-Regime unter Beweis gestellt haben. Das gesammelte "Beschwerdeaufkommen" der DDR-Bürger macht deutlich, dass die friedliche Revolution von 1989 einen langen Vorlauf hatte. Von 1961 bis 1989 waren es fast zwei Millionen DDR-Bürger, die ihren persönlichen Beschwerdebrief an die DDR-Könige Walter Ulbricht und Erich Honecker geschrieben haben. Manchen brachte das eine Menge Ärger ein. Wenn die Schreiben nämlich politische Grundsatzkritik oder Ausreisebegehren enthielten, wurden sie von den zuständigen Sachbearbeitern an die Staatssicherheit weitergeleitet; danach ging alles seinen sozialistischen Gang. Zuweilen kam es im Briefverkehr zwischen Bürgern und Staatsführung zu regelrechten Proteststürmen, wie beispielsweise 1977. Damals hatte das SED-Politbüro, um Devisen zu sparen, entgegen dem Rat seiner Fachleute beschlossen, den DDR-Bürgern eine neue Kaffeemischung zu servieren, die zu 51 Prozent Kaffee und 49 Prozent Roggen enthalten sollte. Die bis dahin handelsübliche Kaffeesorte "Kosta", die 63 Prozent des Verbrauchs abdeckte, sollte entscheidend reduziert werden, da sie zuviel teure Importkaffeesorten enthielt. Im Eilverfahren wurden chemische Untersuchungen angestellt, wie das Aroma des neuen Politbüro-Mix durch den Zusatz von Duft- und Geschmacksstoffen erträglich gemacht werden könnte. Für den "Kaffee-Mix" zur Verwendung in Gaststätten, Kantinen und bei anderen Großverbrauchern war von den Spezialisten letztendlich folgende Zusammensetzung kreiert worden: 51 Prozent Röstkaffee, fünf Prozent Zichorie, fünf Prozent Zuckerrübenschnitzel (trocken), fünf Prozent Spelzenanteile, 34 Prozent Roggen/Gersten-Gemisch. Bei ersten Markt-Tests mit den neuen Kaffeesorten traten erhebliche Komplikationen auf. Die Kaffeeautomaten reagierten mit Verstopfung auf das neue Gebräu - und die Konsumenten allergisch. Bei den zuständigen Stellen trafen Protestschreiben ganzer Arbeitskollektive ein. "Wir haben die neue Kaffeesorte probiert", schrieb eine Gruppe von Arbeitskolleginnen, "und festgestellt, daß sie nicht den Anforderungen entspricht. Nachdem wir eine Tasse getrunken hatten, brauchten wir nicht lange auf Magenschmerzen zu warten, und sahen uns gezwungen, Magentropfen zu nehmen. Wir hoffen sehr, daß Sie nicht an dem gesteigerten Umsatz von Magentropfen interessiert sind und die neue Kaffeesorte noch mal überprüfen lassen." Ilse W., Karl-Marx-Stadt: "Anbei sende ich Ihnen die wirklich gut aussehende Packung des neuen Kaffe-Mix. Wenn der Kaffee so schmecken würden, wie die Packung aussieht, dann wäre es schön. Wer das ausprobiert hat, der trinkt bestimmt keinen Kaffee!" Sieben Kollegen der HO-Werbung aus Löbau schrieben: "Mit großer Enttäuschung kochten wir uns heute früh den Kaffee. Leider mussten wir feststellen, daß der Kaffee zum Filtern ungeeignet ist. Wir sind der Meinung, dass der Kaffee nicht als Bohnenkaffee angeboten werden dürfte, da er weder den beliebten Kaffee-Geruch noch Geschmack besitzt." Marianne B. aus Mittweida stellte fest: "Der Kaffee schmeckte fast so wie kurz nach dem Krieg, als man versuchte, mit etwas Kaffeezusatz (damals in kleinen Würfeln zu haben) von Malzkaffee oder was es auch war, ein einigermaßen trinkbares Etwas zu brauen." Insgesamt gingen im vierten Quartal 1977 allein 14 000 Reklamationen gegen den neuen Geschmack der Sorte "Rondo" ein. Als Retter in der Not trat schließlich Alexander Schalck-Golodkowski auf den Plan. Durch geschickte Manöver auf dem Weltmarkt, wobei ihm auch die sinkenden Kaffeepreise zugute kamen, konnte er erhebliche Einsparungen für die Kaffeekasse des SED-Politbüros erwirtschaften. Für Genießer, die es sich leisten konnten, sorgte Schalcks Kommerzielle Koordinierung darüber hinaus für hochwertigen Ersatz. Er führte zum Verkauf in "Delikat- und anderen Spezialverkaufsstellen" Kaffee der Marken Tschibo und Jacobs ein. Dass Erich Honecker sich den Politbüro-Mix selbst zumutete, ist eher unwahrscheinlich. Immerhin kokettierte er im Oktober 1978 gegenüber Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Telefongespräch mit seiner eigenen Kaffeeleidenschaft: "Ich trinke auch Kaffee, obwohl er teuer ist. Wir geben allein 400 Millionen Mark in Devisen aus für den Kaffee, unwahrscheinlich. Früher hatte man kaum, mit Ausnahme der Sachsen, Kaffee getrunken." Schmidt darauf: "Das ist vorbei. Da sind sie heute nicht mehr damit zufrieden." Was der Kanzler vermutlich nicht wußte, just zu dieser Zeit hatten sein Gesprächspartner und dessen Politbürokollegen neben der Verunreinigung des Bohnenkaffees längst die Wiederaufnahme der Produktion von Malzkaffee der Marke "Kathreiner" beschlossen. Im Unterschied zu den klaren Worten, die sich in den Beschwerdebriefen vieler Bürger finden, gab mancher, der ansonsten das große Wort führte, sich ziemlich kleinlaut, wenn er sich an höhere und höchste Stellen wandte. Karl-Eduard von Schnitzler etwa schrieb in geradezu untertänigem Ton an das Politbüromitglied Joachim Herrmann und fragte: "An wen kann ich mich wenden, damit wir im Sanatorium Falkenstein eines der kleinen Appartements erhalten (keins von den großen für Politbüro-Mitglieder), wo wir etwas mehr Platz haben und einander bei der Arbeit nicht behindern. Andere Fragen habe ich nicht, weder zu ,Sputnik', noch ,Perestroika', noch ,Wartburg', noch Freund-Feind-Bild und was sonst noch im Umlauf ist." Ein anderes Problem, das im Unterschied zu Schnitzler viele Bürger bewegte, betraf die Wartezeiten beim Autokauf. Das war ebenso ein ständiges Beschwerdethema wie das Problem der Ersatzteilbeschaffung für bereits vorhandene Fahrzeuge. Im April 1980 schrieb Gabriele S. aus Karl-Marx-Stadt an Honecker und beschwerte sich, dass sie seit einem halben Jahr nirgendwo Ersatzreifen kaufen konnte. "Der Zustand in den Geschäften für Pkw-Ersatzteile ist katastrophal und schockierend! Immer mehr Autobesitzer gehen aufgrund der unzumutbaren Ersatzteillage dazu über, sich Reifen, Außenspiegel usw. durch Diebstahl zu beschaffen. Ich glaube kaum, dass es im Sinne der sozialistischen Moral und Lebensweise ist, durch fehlende Ersatzteile Rechtsbrecher am laufenden Band heranzuziehen." Der gehbehinderte Heinz K. aus G. schrieb am 6. Mai 1980, dass er sich seit neun Monaten um Reifen für seinen Trabant bemühte. In der IFA-Verkaufsstelle stünden zwar in großen Zeitabständen Reifen zur Verfügung, die Bürger müssten sich aber bereits um 05.00 Uhr in der Frühe anstellen, "um nach mehrmaliger Ablösung mit Familienangehörigen evtl. nachmittags eine Bereifung zu erhalten. Wer viel Zeit hat, kann so unter Umständen an jedem Verkaufstag Reifen kaufen, auch wenn kein dringender Bedarf vorliegt. Dass so etwas geschieht, unterstreicht die Tatsache, dass man in der Tageszeitung Anzeigen liest, in denen Pkw-Reifen im Tausch gegen Wandfliesen unter anderem angeboten werden." Die Wartezeiten für Automobile betrugen zu dieser Zeit bereits zwischen acht und zwölf Jahre. Zum 1. Oktober 1979 waren in Ost-Berlin 158 926 private Pkw zugelassen, es lagen 291 552 Anmeldungen vor, wovon 70 183 schon vor mehr als fünf Jahren eingereicht worden waren. Die zuständigen Fachleute rechneten für Berlin die Wartezeit bei weiterer Zunahme der Anmeldungen auf 19,4 Jahre hoch. Mancher Ost-Berliner hätte demnach, wenn es die DDR noch gäbe, in diesen Tagen seinen 1978 bestellten Trabi endlich besteigen können. Der Autor ist Wissenschaftlicher Assistent im Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin und Verfasser einer Studie über die institutionalisierte Meckerkultur in der DDR.
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