Lenin und die Oktoberrevolution
Einleitung
In meinem Referat über Lenin und die Oktoberrevolution werde ich den
Weg Rußlands von der Februarrevolution zur Oktoberrevolution und die
Rolle die Lenin dabei spielte beschreiben.
Bei der Februarrevolution
anzufangen habe ich mich entschlossen, da dies zum Verständnis der
Oktoberrevolution und der Geschehnisse unmittelbar davor beiträgt.
Innerhalb des Referats werde ich einige Thesen und Aussagen Lenins
zitieren um so seine Sichtweise und den damit verbundenen Ablauf der
Revolution darzustellen. Die Nennung aller seiner Werke würde den
Rahmen des Referates überschreiten, da der Schwerpunkt die
Oktoberrevolution sein soll. Außerdem werde ich einen tabellarischen
Lebenslauf Lenins liefern.
LENINS LEBENSLAUF
1870
Lenin wird unter dem Namen Wladimir Iljitsu Uljanow am 22. April in
Simbirsk, dem heutigen Uljanowsk, als Kind einer Intellektuellenfamilie
geboren. Der Vater Ilja Uljanow ist Oberlehrer und mit der Mutter
Alexandrowna Blank, welche deutscher Abstammung ist, verheiratet.
1887
Lenins Bruder, Alexander Uljanow wird wegen der Beteiligung an der
Vorbereitung eines Anschlages auf den Zaren hingerichtet. Lenin kommt
zum ersten Mal mit revolutionären Strömungen in Berührung und wird
noch im gleichen Jahr wegen Beteiligung an Studentenunruhen zum ersten
Mal verhaftet.
1895
Lenin fährt zum ersten Mal ins Ausland. In der Schweiz trifft er mit
G. W. Plechanow und P. B. Akselrod zusammen und wird bei seiner Rückkehr
wegen politischer Agitation verhaftet.
1897
Lenin wird nach Sibirien in die Verbannung geschickt.
1898
Lenin heiratet die in der Verbannung kennengelernte Nadeshda Krupskaja.
1901
Im Dezember unterschreibt Wladimir Iljitsch seinen Artikel "Die
Agrarfrage und die Marx-Kritiker" zum ersten Mal mit dem Pseudonym
"Lenin".
1903
Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands spaltet sich. Die
Bolschewisk entstehen unter der Führung Lenins.
1912
Im Januar leitet Lenin die Prager Konferenz, bei der eine weitere Spaltung
erfolgt.
1916
Lenin schreibt "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus"
in dem er den 1. Weltkrieg als Beginn der allgemeinen Krise des Kapitalismus
deutet.
1917
Lenin schreibt im Exil seine fünf "Briefe aus der Ferne". Er reist aus
der Schweiz ab und eröffnet in Petrograd seine Aprilthesen, die den Weg
von der Februar in die Oktoberrevolution beschreiben. Lenin verfaßt
seine Schrift "Staat und Revolution" und leitet den bewaffneten
Aufstand in Petrograd. Die Oktoberrevolution hat gesiegt und Lenin wird
zum Regierungschef gewählt.
1918
Die Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan verwundet Lenin bei einem Attentat.
1919
Lenin gibt einen Bericht über das neue Parteiprogramm
1922
Lenin erleidet seinen ersten Schlaganfall. Am 2. Oktober kehrt er nach
Moskau zurück und nimmt die Arbeit wieder auf. Am 16. Dezember erleidet
Lenin seinen zweiten Schlaganfall. Er diktiert den "Brief an den Parteitag",
sein Testament.
1923
Lenin diktiert einen Zusatz zu seinem Testament mit seiner Forderung Stalin,
der bereits die Führung übernommen hatte, abzusetzen. Er konnte diese
Maßnahme jedoch nicht mehr durchführen. Am 9. März folgte Lenins dritter
Schlaganfall.
1924
Am 21. Januar um 18.50 stirbt Lenin und wird am 27. Januar im Mausoleum
beigesetzt.
Lenin selber, dessen Mausoleum zum Mittelpunkt des offiziellen Kults
geworden war, war die Verherrlichung der eigenen Person zuwider. Er
war ein revolutionärer Staatsmann, der jedoch keine Bereitschaft
zeigte, politische Gegensätze mit anderen Organisationen zu
überbrücken und auszugleichen.
Aber gerade dieser unbeugsame, kompromißlose und manchmal auch skrupellose
Wille sowie der außergewöhnliche Sinn für Taktik machte es Lenin möglich,
den Sowjetstaat zu gründen und ihn außerdem gegen innere und äußere Feinde
zu erhalten.
Lenin verstand es auch wie kein anderer, abgesehen vielleicht von Trotzki,
die Massen in seinen Bann zu ziehen. Im Vergleich zu Trotzki fehlte es
Lenin sogar an Schwung und Leidenschaft, welche eigentlich nötig sind um
die Massen mitzureißen.
Lenins Stimme war oft heiser und er verzichtete auch darauf, seine
Rede mit großen oratorischen Mitteln zu schmücken. Er bevorzugte es,
seine Reden in der allgemeinen Umgangssprache zu halten, er benutzte
vielmehr volkstümliche Redewendungen und Kennzeichnungen.
Atemberaubend wurde seine Rhetorik erst, wenn er anfing sich mit
seinem Gegner auseinanderzusetzen. Dabei benutzte er viel Ironie und
die Wiederholung ein und derselben Parole oder Aussage, um sie so
seinen Zuhörern regelrecht einzuhämmern Seine Reden appellierten
weniger an die Einbildungskraft und das Gefühl als vielmehr an den
Willen und an die Entschlossenheit des Volkes. Aber gerade diese
einfache Weise sich auszudrücken und die damit verbunden Nähe zum Volk
scheint es gewesen zu sein die das Volk so sehr für Lenin einnahm.
Lenin und die Oktoberrevolution
Die Februarrevolution, die im Februar (März) 1917 in Rußland den Zarismus
ein für alle Mal beseitigte war der Vorbote bzw. die Einleitung für
die im gleichen Jahr folgende, große Oktoberrevolution, die eine
radikale politische Umwälzung Rußlands zur Folge hatte.
Die Februarrevolution schaffte jedoch nicht eine sofortige Änderung der
Zustände in Rußland, sondern war zunächst der Beginn einer alles
ergreifenden Auflösung.
Da es nun keinen Zar mehr gab, mußte sich bald eine neue Regierung bilden.
So fand sich in aller Eile eine Gruppe von konservativen Vertretern des
Großgrundbesitzes und des Großkapitals zusammen, die vor allem Verhindern
wollte, daß die Linke, die noch mit der Bildung von Sowjets beschäftigt
war, ebenfalls diesen Schritt machen konnte.
Am 5. Mai 1917 traten nach langen Verhandlungen sechs Sozialisten,
Menschewiken und Sozialrevolutionäre in die provisorische Regierung ein,
die so zu einer liberal - sozialistischen Koalitionsregierung unter
Ausschluß der Bolschewisten wurde.
Dies war auch ein Mittel das Volk, welches zum größten Teil aus Bauern,
Arbeitern und Soldaten bestand, zu beschwichtigen, da dieses nachdem
es die Revolution und damit die Beseitigung der Zarismus ausgelöst
hatte, nun Vertreter ihres Standes und nicht nur der besser situierten
bürgerlichen Klasse in der Regierung sehen wollte.
Diese provisorische Regierung mit Alexander F. Kerenski als
Ministerpräsident besaß jedoch nur einen Teil der Staatsgewalt. Der
andere Teil lag in den Händen der Arbeiter- und Soldatensowjets in
Petrograd. Diese Räte bestanden aus Arbeitern, Bauern und Soldaten und
zu einem kleinen Teil auch aus Ärzten, Advokaten und Journalisten die
nicht den Willen der besitzenden Klasse, sondern ganz gezielt den der
unteren Schicht ausführte. Der Sowjet von Petrograd hatte Einfluß in
ganz Rußland. Er hatte noch vor der Abdankung des Zaren alle Post und
Telegrafenämter, alle Bahnhöfe und Druckereien und die Telefonzentrale
besetzt und überwachte so die Regierung bei jedem Schritt. Die Befehle
der Regierung waren nur dann auszuführen, wenn sie den Beschlüssen des
Sowjets nicht widersprachen. Somit hatte sich in Rußland seit der
Beseitigung des Zaren eine dualistisch gegliederte Regierung gebildet.
Diese sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein.
Als in Rußland im Februar 1917 die Revolution ausbrach, befand sich
Lenin gerade in Zürich. Sein einziger Gedanke war, nach Rußland
zurückzukehren um so in die Revolution einzugreifen, sie anzuführen. Sein
bestreben, augenblicklich nach Rußland zurückzukehren wurde zumal
dadurch bestärkt, daß die führenden Bolschewisten in Rußland nicht seine
radikale Haltung einnahmen und er deshalb befürchtete, die
Bolschewisten könnten die Chance zur Übernahme der Regierung in
Rußland und die totale Umwälzung verpassen. Zunächst ergab sich für
Lenin jedoch keine Chance nach Rußland zurückzukehren, da die
französische und britische Regierung ihm die Durchreise versagte.
Beide Regierungen wußten, daß Lenin, kaum in Rußland angekommen, alles
daran setzen würde, einen Friedensschluß Rußlands mit Deutschland
durchzusetzen und so mit seinen Alliierten Frankreich und England zu
brechen. Diese kämpften den zu jener Zeit in Europa tobenden Krieg
gemeinsam gegen Deutschland. Mit dem Ausstieg Rußlands aus dem
Zusammenschluß würden sich die Chancen eines Sieges der Alliierten
über Deutschland verringern, und daher hatten sowohl Frankreich als
auch England kein Interesse daran, einem Revolutionär wie Lenin die
Rückkehr nach Rußland zu ermöglichen.
So mußte sich Lenin zunächst
damit begnügen, brieflich Kontakt mit seinen bolschewistischen
Mitstreitern in Rußland zu halten. In seinen "Briefen aus der Ferne"
gab er genaue Anweisungen für das weitertreiben der Revolution durch
die Bolschewisten. In seinem fünften Brief faßte Lenin seine
Forderungen zusammen:
"Das Proletariat muß (1) den sichersten Weg zur nächsten Etappe der
Revolution beziehungsweise zur zweiten Revolution finden, die (2)
die Staatsmacht den Händen der Großgrundbesitzer- und Kapitalisten-
regierung (der Gutschkow, Lwow, Miljukow, Kerenski) entreißen und
sie der Regierung der Arbeiter und der armen Bauern übergeben wird.
Diese muß (3) nach dem Muster der Arbeiter- und Bauerndepurtiertenräte
organisiert sein, nämlich (4) die alte, für alle bürgerlichen Staaten
charakteristische Staatsmaschine, Die Armee, die Polizei, die Büro-
kratie (das Beamtentum) zerschlagen und völlig beseitigen, indem sie
(5) diese Maschine durch eine Organisation des bewaffneten Volkes
ersetzt, die nicht nur die großen Massen, sondern durchweg das gesamte
Volk umfaßt."
Lenins "Briefe aus der Ferne" enthielten außerdem strikte Weisungen die
provisorische Regierung auf keinen Fall zu unterstützen, die Fortsetzung
des Krieges, für welche die provisorische Regierung mit Menschewiki und
Kerenski eintrat, keinesfalls zu bejahen, mit anderen Parteien keine
Bündnisse einzugehen und ausschließlich die Eroberung der Macht durch die
Arbeitersowjets anzustreben.
Lenin hatte bereits erkannt, daß die Zukunft der provisorischen Regierung
davon abhing, ob sie von den Sowjets unterstützt wurde oder nicht. Gelang
es Lenin und einen Bolschewisten die Mehrheit in den Sowjets zu erlangen,
so hätten sie das Schicksal der Bürgerlichen Regierung in der Hand, und
damit wäre ein baldiges Ende derselben auch abzusehen.
Um nach Rußland zurückzukehren blieb Lenin schließlich keine andere Wahl,
als sich mit dem deutschen Generalstab zu arrangieren. Lenin war sich
wohl bewußt, daß er dadurch Gefahr lief vom russischen Volk aufgrund
des vom verfeindeten Deutschland erhaltenen Visums als Kollaborateur und
deutscher Agent beschuldigt zu werden, aber er war sich ebenso im
klaren darüber, daß dies der einzige Weg für ihn war, nach Rußland zu
gelangen. Außerdem wollte auch keinen Augenblick länger als nötig
darauf warten, nach Rußland zurückzukehren.
Die deutsche Regierung wiederum versprach sich von der Einschleusung
russischer Revolutionäre nach Rußland eine entscheidende Schwächung des
Landes von innen.
Man wollte den Revolutionären nur Gelegenheit geben in Aktion zu treten,
denn die deutsche Regierung hoffte nach der Februarrevolution im
Gegensatz zu den Alliierten natürlich nicht auf eine neue,
kriegsfähige Ordnung, sondern auf eine friedensbereite Unordnung in
Rußland.
Mit Hilfe des Schweizer Sozialisten Fritz Platten erlangte
Lenin schließlich von der deutschen Regierung die Erlaubnis über
Deutschland nach Schweden zu fahren, von wo aus ihm die Rückkehr nach
Rußland über Finnland offenstand.
Deutschland verpflichtete sich, den Wagon, in dem sich Lenin und die
anderen Emigranten befanden weder nach Pässen noch nach Gepäck zu
kontrollieren. Im Gegenzug mußten sich die Reisenden der Bedingung
unterziehen, auf deutschem Gebiet mit niemandem in Kontakt zu treten.
Um dies zu gewährleisten, waren drei Türen des Waggons abgeschlossen,
die vierte Tür jedoch nicht, um so Platten, der als Reiseleiter fungierte,
und der deutschen Begleitung den Ausstieg zu ermöglichen. Platten
schreib später von "plombierten Türen" daher die Legende von Lenins Reise
im "plombierten Wagen".
Die Reise verlief ohne Zwischenfälle, und so traf Lenin am 3. April 1917
endlich auf dem finnischen Bahnhof in Petrograd ein.
Dort wurde er schon von tausenden jubelnden Menschen erwartet. Man trug
ihn auf den Schultern in das Bahnhofsgebäude, wo er schon von einer
Delegation der Petrograder Sowjets erwartet wurde.
Der Menschewiki Tschchéidse hieß ihn im Namen des Petrograder Sowjets
willkommen und lies sogleich verlauten, daß die Revolution jetzt vor
allem gegen die äußeren und inneren Angriffe verteidigt werden müsse,
und, das er dabei auf Lenins Hilfe hoffe. Lenins Antwort war unmißver-
ständlich. Er behandelte Tschchéidse wie Luft, wandte sich völlig von
der Delegation ab und begrüßte die Masse der versammelten Menschen mit
den Worten: "Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter!" Er begrüßte sie
im Namen der siegreichen russischen Revolution, als die Avantgarde der
proletarischen Weltarmee und beendete diese, seine erste Rede auf
russischen Boden mit einer Kampfansage gegen die provisorische
Regierung mit dem Ruf: "Es lebe die sozialistische Weltrevolution!"
Am nächsten Tag, dem 4. April 1917, verkündete Lenin vor der
bolschewistischen Parteikonferenz seine Thesen "über die Aufgaben des
Proletariates in der gegenwärtigen Revolution". Dieses, als
"Aprilthesen" berühmt gewordene Aktionsprogramm der bolschewistischen
Partei, bestimmte den Weg von der Februar- in die Oktoberrevolution.
Lenin forderte in seinen "Aprilthesen" den totalen Bruch mit der
bürgerlichen Demokratie und ihrer provisorischen Regierung. Er
erklärte den sich an der Macht befindlichen bürgerlich demokratischen
Mächten sowie auch dem gemäßigten Sozialismus, du dem Lenin auch die
Menschewiki zählte, den Krieg. Er nannte die russische Revolution den
"Prolog zur Weltrevolution" und rief dazu auf, die Revolution
weiterzutreiben. Lenin verkündete, daß auf die bürgerliche
Februarrevolution nun die sozialistische, vom Proletariat geleitete
Revolution folgen müsse. Er forderte den Übergang der Macht auf eine
Regierung der Sowjets und somit die Bildung einer Sowjetrepublik als
bessere und höhere Demokratie gegenüber der parlamentarischen
Republik. Jeder Krieg sei von vornherein als imperialistisch
abzulehnen und die Zerschlagung des gesamten Staatsapparates, mitsamt
Polizei, Heer und Bürokratie, sei notwendig für die Bildung einer
Sowjetrepublik, welche ohne all dies auskommen sollte.
Der gesamte Grundbesitz und die Banken sollten sofort verstaatlicht
und von den gewählten Sowjets der Bauern verwaltet werden, wohingegen
eine Sozialisierung der Industrie nur allmählich erfolgen könne und dann
die Kontrolle von Produktion und Verteilung durch den zentralen und
obersten Sowjet zum Ziel haben solle.
Als letztes plädierte Lenin außerdem noch dafür, die Partei der
Bolschewisten nicht mehr mit dem, durch die Menschewiki in Verruf
gebrachten Namen der Sozialdemokraten zu belasten sondern sich fortan
als "Kommunistische Partei" zu bezeichnen.
So stand eindeutig fest, daß die provisorische Regierung bekämpft und
mit den Menschewiken nicht zusammengearbeitet werden würde.
Im Sinne der Aprilthesen entstanden ebenfalls die Losungen der
Bolschewisten "Nieder mit dem Krieg" und "Alle Macht den Sowjets" die
beim Volk mehr und mehr Anklang fanden.
Währenddessen verschlechterte sich das Ansehen der provisorischen
Regierung zusehends bei der russischen Bevölkerung. Eine Regierung die
durch eine Revolution zur Macht kommt, wird diese nur behalten, wenn
sie in der Lage ist, die Probleme zu lösen, welche die vorherige
Regierung nicht zu lösen vermochte. Die provisorische Regierung war
dazu nicht fähig. Die Probleme und Fragen, die das russische Volk am
meisten belasteten, nämlich die Frage nach der Beendigung des Krieges und,
da ein großer Teil der damaligen Bevölkerung Bauern waren, die Frage nach
der Bodenreform zu beantworten war die provisorische Regierung nicht in
der Lage.
Obwohl auch die provisorische Regierung sich darüber im klaren gewesen
sein muß, daß Rußland weder ökonomisch noch militärisch dazu im Stand
war den Krieg weiterzuführen, konnte sie sich trotzdem nicht dazu durch-
ringen, den Krieg zu beenden.
Die Regierung konnte sich dem künftigen Wiederaufbau der kaputten
russischen Volkswirtschaft ohne weitere Leihgelder der Westmächte nicht
vorstellen und war deshalb sehr darauf bedacht sich die Gunst der
Alliierten zu erhalten. Rußland konnte also auf keinen Fall aus dem
Vertag aussteigen und mußte sich weiter am Krieg beteiligen. Die
provisorische Regierung weigerte sich einfach, einzusehen, daß Rußland
nicht mehr in der Lage war, den Krieg fortzusetzen.
Damit bereitete sie dem Volk die erste große Enttäuschung, denn die
Beendigung des Krieges, der das Land und damit auch seine Bewohner in den
wirtschaftlichen Ruin geritten hatte, war ein bedeutender Beweggrund
des Volkes dafür gewesen, den Zaren zu stürzen.
Die zweite große Enttäuschung bereitete die provisorische Regierung dem
Volk dadurch, daß sie sich nicht mit der Bodenreform beschäftigte. Für
die russischen Bauern gab es jedoch nichts wichtigeres, da ihr
Lebensunterhalt von ausreichenden Bodenzuteilungen abhing. Damit war
das Schicksal der provisorischen Regierung im Grunde schon besiegelt
und die Übernahme der Macht durch die Bolschewisten, die sich für die
Interessen des russischen Volkes einsetzten, nur noch eine Frage der
Zeit.
Das Volk, welches langsam erkannte, daß die Lösung seiner
Probleme durch die provisorische Regierung wohl nicht so bald
stattfinden würde, wurde allmählich unruhig.
Die Bauern begannen
vielerorts, sich das von ihnen benötigte Land selber anzueignen. Die
Regierung versuchte, die Bauernunruhen zu unterdrücken, doch die
Unruhen erweiterten sich nur noch mehr, da der Friedenswille der
Soldaten sich nun auch zu äußern begann. Vielerorts hatten sich
russische Soldaten schon mit dem Feind verbrüdert, um, so ihren
Protest gegen den schon viel zu lange währenden Krieg zum Ausdruck zu
bringen. Dem Friedenswillen der Soldaten verdankte die
bolschewistische Partei den Erfolg ihrer Propaganda "Nieder mit dem
Krieg".
Die provisorische Regierung gab jedoch nicht auf. Sie ernannte den in
Rußland populären Sozialrevolutionär Kerenski zum Kriegsminister.
Dieser reiste direkt an die Front, um in den Soldaten mit seiner
Redegewandtheit und seinen schauspielerischen Talenten neuen Kampfgeist
zu wecken.
Der Enthusiasmus jedoch, den er damit zu wecken meinte, hielt jedoch
nicht lange an. Die Kerenski-Offensive, die am Anfang sogar zu einigen
Erfolgen geführt hatte war zum Scheitern verurteilt, da auf die Dauer
Kerenskis Motivationsreden nicht die fehlende Munition ersetzen konnte.
Als es durch eine Gegenoffensive des Feindes zu einer erneuten
Niederlage Rußlands kam, steigerte sich der Haß des Volkes gegen
Kerenski und die provisorische Regierung im gleichen Maße, wie die
Sympathie für die, den Frieden verkündende, bolschewistische Partei
wuchs.
Die Wut der Massen wurde zusätzlich noch dadurch gesteigert, das immer
noch täglich etwa 40 Mio. Rubel für den Krieg ausgegeben wurden. Der
Notenumlauf wuchs, die Preise stiegen unaufhaltsam. Immer mehr Betriebe
wurden geschlossen, da es an Rohstoffen fehlte. Die Produktivität sank,
da die abgenutzten Werkzeuge und Maschinen nicht ersetzt werden konnten.
Zum einen stieg die Arbeitslosigkeit, zum anderen waren viele Arbeiter
gezwungen zu streiken, da sie aufgrund der Geldentwertung höhere Löhne
fordern mußten. Das alles führte dazu, daß das bei den Wahlen zu
Betriebskommitees aber auch bei Ersatzwahlen des Petrograder Sowjets,
die Bolschewisten immer mehr Stimmen erlangten. Die revolutionäre
Stimmung wurde immer deutlicher, vor allem in Petrograd.
Die provisorische Regierung, die einen bewaffneten Aufstand fürchtete,
beschloß, alle sich noch in der Hauptstadt befindlichen Truppen nach
und nach an die Front abzuschieben und allmählich auch die Entwaffnung
der Arbeiterschaft durchzuführen.
Dazu kam es jedoch nicht mehr. Am 3. Juli kam es zu einer ungeordneten
Massendemonstration bewaffneter Arbeiter und Soldaten in Petrograd. Mit
roten Fahnen und Plakaten begaben sich die Demonstranten zunächst zum
Sitz der bolschewistischen Partei, immer unter dem Ruf der
bolschewistischen Parole "Alles Macht den Sowjets". Das Stichwort zu
dieser Demonstration war jedoch nicht von der bolschewistischen Partei
gekommen, da diese der Meinung war, daß die Zeit für eine gewaltsame
Machtübernahme noch nicht reif sei, zumal die Bolschewisten noch in
keinem Sowjet über die Mehrheit verfügten. Trotzdem gingen die
Demonstranten weiter. Am 4. Juli marschierten etwa 30.000 Menschen zum
Taurisch Palais, wo der Petrograder Sowjet saß. Die Demonstranten
belagerten das Palais und warteten darauf, wie der Petrograder Sowjet auf
die Parole "Alle Macht den Sowjets" reagieren würde. Im Palais fand
unterdessen eine endlose Diskussion darüber satt, ob der Sowjet die
gesamte Macht übernehmen sollte oder nicht. Die Mehrheit des Sowjets war
nicht dazu bereit und damit waren die Demonstrationen, die sich zum
Juliaufstand entwickelt hatten, gescheitert. Das Volk konnte zwar dem
Feind, der provisorischen Regierung, die Macht entreißen, nicht aber dem
Sowjet die Macht aufdrängen, wenn dieser nicht dazu bereit war, diese zu
übernehmen.
Die provisorische Regierung, die den Bolschewisten die
Massendemonstrationen zur Last legte, wollte nun ganz Bewußt Stimmung
gegen die bolschewistische Partei machen um so die eigene Position
wieder zu festigen. Sie lies falsche Dokumente verbreiten, aus denen
Hervorging, daß Lenin von den Deutschen finanziell unterstützt werden
würde und nur nach ihrer Anweisung handelte. Eine Reihe
bolschewistischer Führer wurde verhaftet und sollte wegen
Landesverrats vor Gericht gestellt werden. Lenin gelang es jedoch
rechtzeitig unterzutauchen.
Er flüchtete als Arbeiter und Bauer verkleidet nach Finnland. Wochenlang
lebte er mit seinem Parteigenossen Sinowjew in einer Hütte aus dürren
Zweigen und Heu. Im Herbst fand er bei einem ehemaligen Petrograder
Arbeiter Unterkunft.
In diesen über hundert Tagen schrieb Lenin unter anderem auch sein
wichtiges Werk "Staat und Revolution". In diesem Werk schrieb Lenin,
daß nach der proletarischen Revolution der Übergang von der
kapitalistischen zur kommunistische Gesellschaft nicht möglich sei
"ohne eine politische Übergangsperiode". Diese Periode sei von der
"revolutionären Diktatur des Proletariats" bestimmt.
Dies bedeutete für Lenin: "Demokratie für die riesige Mehrheit des
Volkes und gewaltsame Niederhaltung der Ausbeuter, der Unterdrücker des
Volkes, d. h. ihre Ausschließung von der Demokratie.
In der kommunistischen Gesellschaft höre der Staat auf zu bestehen, da
die Ausbeutung fehle, und nichts vorhanden sei, was das Volk zu Protesten
und Auflehnung herausfordert was die Notwendigkeit der Niederhaltung
schafft.
Lenin bezog sich des weiteren auf die bolschewistische Losung "Alle Macht
den Sowjets". Er schrieb: "Die Partei des Proletariats kann sich nicht
beschränken auf die bürgerlich-parlamentarische demokratische
Republik...Die Partei kämpft für eine Republik, die demokratischer
ist, für eine proletarisch bäuerliche Republik, in der die Polizei und
das stehende Herr völlig beseitigt sind und durch die allgemeine
Bewaffnung des Volkes, die allgemeine Miliz, ersetzt werden, alle
beamteten Personen werden nicht nur gewählt sondern sind auch
jederzeit absetzbar; die Besoldung aller beamteten Personen ohne
Ausnahme wird in einer Höhe festgesetzt, die den Durchschnittslohn
eines qualifizierten Arbeiters nicht übersteigt; die parlamentarischen
Vertretungskörperschaften werden nach und nach ersetzt durch Räte der
Vertreter des Volkes (der verschiedenen Klassen und Berufe oder der
verschiedenen Orte), die gesetzgebend und gesetzvollziehend zur
gleichen Zeit sind."
Die Julikrise hatte zwar einen schweren Schlag für die bolschewistische
Partei bedeutet, doch das Ansehen war bald wieder hergestellt. Der
Petrograder Sowjet hatte jedoch ganz beträchtlich an Ansehen verloren,
als er sich nicht Bereit erklärt hatte, die zehn kapitalistischen Minister
der provisorischen Regierung zu stürzen. Ende September kehrte Lenin dann
heimlich nach Petrograd zurück, wo er sich bis zur Machtergreifung illegal
aufhielt.
Kerenski, der inzwischen die Führung der provisorischen Regierung
übernommen hatte, sah sich inzwischen jedoch nicht nur von der heran-
rückenden deutschen Wehrmacht und von der wieder stärker werdenden
bolschewistischen Partei sondern auch von dem konservativen, rechten
General Kornilow bedroht.
Kornilow war es, auf den die Rechtsparteien, nun wo die provisorische
Regierung an Macht verloren hatte, ihre ganze Hoffnung setzten. Kerenski
fürchtete, daß Kornilow versuchen würde, die Regierungsgewalt an sich zu
reißen. Die besitzenden Klassen bangten um ihr Eigentum und fürchteten
die Bolschewisten. Kornilow, so hofften sie, würde nach Ergreifung der
Macht nicht nur der leninschen Partei sondern würde jede Art der
Revolution sofort, wenn nötig mit Gewalt, unterbinden. Kornilow
handelte genau in ihrem Sinne. Er zog Truppen von der Front ab und
brachte sie in Stellungen von denen aus er die Hauptstadt und damit
die Staatsgewalt an sich reißen konnte. Kornilow verlangte, daß in
Petrograd der Belagerungszustand ausgerufen würde, und daß die
Bevölkerung der Militärgewalt unterstellt werden sollte.
Kerenski konnte dem nichts mehr entgegensetzen. Die einzigen die jetzt
noch helfen konnten, waren die Bolschewisten. Sie allein konnten die
ohnehin schon aufgebrachten Massen gegen die Regierung bzw. gegen
Kornilow führen, da sie auf die Unterstützung der breiten Massen
zählen konnten. Die bolschewistischen Parolen waren die einzigen, die
der Forderung des Volkes nach Frieden und Land entgegenkamen.
Kornilows Putschversuch konnte deshalb gar nicht glücken, da sein
Programm bei den Massen auf Ablehnung stieß. Die bolschewistische
Partei ließ eine "Rote Garde" aufstellen, der sofort 25.000 Arbeiter
beitraten, und begann den Kampf gegen Kornilow. Dabei betonte sie
jedoch, daß dies nicht als Unterstützung Kerenskis ausgelegt werden
dürfe.
Kerenski hatte keine andere Wahl, als den Bolschewisten, die er
selber noch vor einigen Wochen als Staatsfeinde bezeichnet hatte,
Freiheit zu lassen bei der Bildung der "Roten Garden" und derer
Bewaffnung, da er ohne Frage von Kornilow gestürzt worden wäre.
Der Kornilow-Putsch hatte die Schwächen Kerenskis aufgezeigt, und seine
Zerschlagung war gleichzeitig ein Beweis dafür, daß Lenin und die
Bolschewisten Recht gehabt hatten mit ihrer Theorie, daß die Macht
wirklich in den Händen der Arbeiterklasse unter der Führung der
bolschewistischen Partei lag.
Nachdem der Kornilow-Putsch niedergeschlagen war stieg der Einfluß der
bolschewistischen Partei in der Arbeitervierteln, auf dem Lande und bei
der Armee schneller als je zuvor.
Im September gelang es den Bolschewisten die absolute Mehrheit
im Petrograder und im Moskauer Sowjet zu erlangen. Damit waren die
Sowjets im Begriff, sich von der bisherigen, bürgerlichen
Koalitionspolitik abzuwenden und sich in Stützpunkte der
bolschewistischen Partei zu verwandeln. Dies war das Zeichen für
Lenin, daß nun die Zeit der Machtübernahme für die Bolschewisten
gekommen war. Der Kampfruf "Alle Macht den Sowjets", der seit dem
Juliaufstand fragwürdig geworden war, hatte wieder Sinn bekommen.
Lenin wollte nun keine Zeit mehr verlieren. Er fürchtete, daß seine
Partei den richtigen Zeitpunkt versäumen und durch zu langes Zögern
das Vertrauen der Masse verlieren würde. Aus seinem Versteck in
Finnland schreib er Brief um Brief an das Zentralkomitee der
bolschewistischen Partei, daß die Voraussetzungen für die
Machtergreifung nun gegeben seien und, daß es ein nicht wieder
gutzumachender Fehler wäre, diesen günstigen Moment zu verpassen.
Am 21. Oktober 1917 dann legte Lenin in den "Ratschlägen eines
Außenstehenden" konkrete Maßnahmen für den Aufstand und Umsturz ganz
deutlich dar: "Jetzt auf den bewaffneten Aufstand zu verzichten, hieße
die wichtigste Losung des Bolschewismus (alle Macht den Sowjets) und
überhaupt den gesamten revolutionär - proletarischen
Internationalismus aufzugeben ... Unsere drei Hauptkräfte, die Flotte,
die Arbeiter und die Truppenleute sind so zu kombinieren, daß wir
sofort ohne Rücksicht auf die Höhe der Verluste a) das Telefonamt, b)
das Telegrafenamt, c) die Bahnhöfe und vor allem d) die Brücken
besetzen können... Aus den besten Arbeitern sind Abteilungen mit
Gewehr und Handgranaten zu bilden, um die "Zentren" des Feindes
(Offiziersschule, Telegrafen- und Telefonamt usw.) anzugreifen und zu
umzingeln. Die Losung dieser Abteilungen muß sein, lieber alle
zugrunde gehen, als den Feind durchlassen".
Am 7. Oktober kehrte Lenin nach Petrograd zurück, um an der Leitung des
Aufstandes teilzunehmen.
Alle Sektionen der bolschewistischen Parteien erhielten die Anweisung
sich für den Aufstand bereitzuhalten. Die Arbeiter aller Fabriken
wurden mit der Handhabung von Waffen vertraut gemacht und die
Belegschaften der Rüstungsfabriken belieferten die "Roten Garden" mit
Kriegsmaterial.
Am 24. Oktober richtete Lenin einen Brief an das Zentralkomitee, in dem
er schrieb, man dürfe nicht warten, man müsse jetzt in Aktion treten.
Auf dieses Stichwort hin schlug Trotzki, der alle Vorbereitungen getroffen
hatte, los. Nachdem Soldaten und Rotgardisten den Hauptsitz der
Bolschewisten, das Smolny Institut, in dem bis vor kurzem noch die Töchter
des höheren Adels erzogen wurden, durch Aufstellung von Maschinengewehren
gesichert hatten, besetzten die bolschewistischen Truppen im laufe des
Tages und der darauffolgenden Nacht alle wichtigen Punkte in Petrograd:
Telefonzentrale, Post, Ministerien, Staatsbank und Bahnhöfe, ohne auf
Widerstand zu stoßen. Es gab nichts, was die organisierten Massen von
Arbeitern und Soldaten hätte aufhalten können. Diese Organisiertheit
herzustellen war eine der Hauptleistungen der Oktoberrevolution.
Das Winterpalais wurde erst in der darauffolgenden Nacht eingenommen. Die
Regierung weigerte sich hartnäckig zu kapitulieren. Nach und nach
drangen bolschewistische Streitkräfte in das Gebäude ein. Lenin und
die anderen Leiter des Aufstandes beunruhigte die Tatsache, daß der
Kampf um das Winterpalais so lange dauerte. Mehrmal befahlen sie den
Truppen, den Regierungssitz zu beschießen, diese schreckten jedoch
davor zurück, da sie befürchteten, auch ihre bolschewistischen
Kampfgenossen, die sich schon im Palast befanden, zu treffen.
Am
Morgen des 26. Oktobers dann drangen Rotgardisten in den Raum ein, in
den sich die provisorische Regierung verschanzt hatte.
Am Nachmittag des selben Tages wurde offiziell bekannt gegeben, daß das
Winterpalais eingenommen und die Regierung verhaftet worden sei, mit
Ausnahme von Kerenski, der schon vorzeitig erkannt hatte, daß seine Lage
aussichtslos war und sich nach Amerika abgesetzt hatte.
Es setzte großer Beifall ein, der sich noch verstärkte, als bekannt gegeben
wurde, daß die Truppen, welche Kerenski für den Kampf gegen die
Bolschewisten hatte einsetzen wollen, sich soeben mit dem Umsturz
solidarisch erklärt hatten.
Die Unauffälligkeit dieses so bedeutendem welthistorisch Ereignisses
beeindruckte Akteure ebenso wie Außenstehende. Die Revolution war nicht,
wie man vielleicht glauben mag, mit großen Getöse von sich gegangen. Währen
der Sturm auf das Winterpalais stattfand, spielten in Petrograd die Theater
und die Straßenbahnen fuhren.
Nachdem am 25. Oktober die rechten Sozialrevolutionäre, unter ihnen die
Menschewisten, aus Protest den Sowjetkongress verlassen hatten, waren die
Bolschewisten endgültig unter sich und Lenin begann zu regieren.