Joseph Goebbels Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943
(Auszug) Im Winter 1942/43 zeichnete sich die Wende des Krieges und der beginnende Zusammenbruch des faschistischen Regimes deutlich ab. Die Sinnlosigkeit einer Weiterführung des Krieges wurde durch die Niederlage bei Stalingrad im Januar 1943 offensichtlich. Die Front in Nordafrika stand unmittelbar vor dem Zusammenbruch und die Alliierten beherrschten den Atlantik. In dieser aussichtslosen Lage hielt der Reichspropagandaminister Goebbels im Berliner Sportpalast vor eigens ausgewähltem Publikum eine Rede zum totalen Krieg. Die Rede, die über alle deutschen Rundfunksender ausgestrahlt wurde, sollte das Vertrauen zur nationalsozialistischen Führung wiederherstellen. Der Text wurde von Goebbels mehrfach überarbeitet; er selbst hielt ihn für ein rhetorisches Glanzstück der politischen Demagogie. Goebbels verkündet im Anschluß an seine Ausführungen über Bolschewismus und Judentum die Forderung nach dem ?totalen Krieg?, die er dann ausführlich kommentiert. Schließlich richtet er zehn Fragen an die Zuhörer. (...) Ihr also, meine Zuhörer, repräsentiert in diesem Augenblick die Nation. Und an Euch möchte ich zehn Fragen richten, die Ihr mir mit dem deutschen Volk vor der ganzen Welt, insbesondere aber vor unseren Feinden, die uns auch an ihrem Rundfunk zuhören, beantworten sollt: Erstens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk habe den Glauben an den Sieg verloren. Ich frage Euch: Glaubt Ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen totalen Sieg des deutschen Volkes? Ich frage Euch: Seid Ihr entschlossen, dem Führer in der Erkämpfung des Sieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch der schwersten persönlichen Belastungen zu folgen? Zweitens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk ist des Kampfes müde. Ich frage Euch: Seid Ihr bereit, mit dem Führer, als Phalanx der Heimat hinter der kämpfenden Wehrmacht stehend, diesen Kampf mit wilder Entschlossenheit und unbeirrt durch alle Schicksalsfügungen fortzusetzen, bis der Sieg in unseren Händen ist? Drittens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat keine Lust mehr, sich der überhand nehmenden Kriegsarbeit, die die Regierung von ihm fordert, zu unterziehen. Ich frage Euch: Seid Ihr und ist das deutsche Volk entschlossen, wenn der Führer es befiehlt, zehn, zwölf und wenn nötig vierzehn Stunden täglich zu arbeiten und das Letzte herzugeben für den Sieg? Viertens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk wehrt sich gegen die totalen Kriegsmaßnahmen der Regierung. Es will nicht den totalen Krieg, sondern die Kapitulation. Ich frage Euch: Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt Ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können? Fünftens: Die Engländer behaupten, das deutsche Volk hat sein Vertrauen zum Führer verloren. Ich frage Euch: Ist Euer Vertrauen zum Führer heute größer, gläubiger und unerschütterlicher denn je? Ist Eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute und uneingeschränkte? Ich frage Euch also sechstens: Seid Ihr bereit, von nun ab Eure ganze Kraft einzusetzen und der Ostfront die Menschen und Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, um dem Bolschewismus den tödlichen Schlag zu versetzen? Ich frage Euch siebentens: Gelobt Ihr mit heiligem Eid der Front, daß die Heimat mit starker Moral hinter ihr steht und ihr alles geben wird, was sie nötig hat, um den Sieg zu erkämpfen? Ich frage Euch achtens: Wollt Ihr, insbesondere Ihr Frauen selbst, daß die Regierung dafür sorgt, daß auch die deutsche Frau ihre ganze Kraft der Kriegführung zur Verfügung stellt und überall da, wo es nur möglich ist, einspringt, um Männer für die Front freizumachen und damit ihren Männern an der Front zu helfen? Ich frage Euch neuntens: Billigt Ihr, wenn nötig, die radikalsten Maßnahmen gegen einen kleinen Kreis von Drückebergern und Schiebern, die mitten im Krieg Frieden spielen und die Not des Volkes zu eigensüchtigen Zwecken ausnützen wollen? Seid Ihr damit einverstanden, daß, wer sich am Krieg vergeht, den Kopf verliert? Ich frage Euch zehntens und zuletzt: Wollt Ihr, daß, wie das nationalsozialistische Parteiprogramm gebietet, gerade im Krieg gleiche Rechte und gleiche Pflichten vorherrschen, daß die Heimat die schweren Belastungen des Krieges solidarisch auf ihre Schultern nimmt und daß sie für hoch und niedrig und arm und reich in gleicher Weise verteilt werden? Ich habe Euch gefragt: Ihr habt mir Eure Antwort gegeben. Ihr seid ein Stück Volk, durch Euren Mund hat sich damit die Stellungnahme des deutschen Volkes manifestiert, Ihr habt unseren Feinden das zugerufen, was sie wissen müssen, damit sie sich keinen Illusionen und falschen Vorstellungen hingeben. Somit sind wir, wie von der ersten Stunde unserer Macht an und durch all die zehn Jahre hindurch fest und brüderlich mit dem deutschen Volk vereint. Der mächtigste Bundesgenosse, den es auf dieser Welt gibt, das Volk selbst, steht hinter uns und ist entschlossen, mit dem Führer, koste es was es wolle, und unter Aufnahme auch der schwersten Opfer den Sieg kämpfend zu erstreiten. [. . .] Wir alle, Kinder unseres Volkes, zusammengeschweißt mit dem Volke in der größten Schicksalsstunde unserer nationalen Geschichte, wir geloben euch, wir geloben der Front, und wir geloben dem Führer, daß wir die Heimat zu einem Willensblock zusammenschweißen wollen, auf den sich der Führer und seine kämpfenden Soldaten unbedingt und blindlings verlassen können. Wir verpflichten uns, in unserem Leben und Arbeiten alles zu tun, was zum Siege nötig ist. Unsere Herzen wollen wir erfüllen mit jener politischen Leidenschaft, die uns immer in den großen Kampfzeiten der Partei und des Staates wie ein ewig brennendes Feuer verzehrte. Nie wollen wir in diesem Kriege jener falschen und scheinheiligen Objektivitätsduselei verfallen, der die deutsche Nation in ihrer Geschichte schon so viel Unglück zu verdanken hat. Zur Rede von J. Goebbels im Berliner Sportpalast am 18. 2.1943 -------------------------------------------------------------- Goebbels hielt diese Rede in einer historischen Situation, in der sich die Wende des Krieges deutlich abzeichnete. Nach sechsmonatigem Kampf hatte die 6. Armee die Schlacht um Stalingrad verloren. 200.000 Soldaten waren dabei gefallen, die letzten 100.000 Mann ergaben sich am 31. Januar und am 2. Februar 1943. Kurz zuvor hatten die Alliierten auf der Konferenz von Casablanca (14.- 24. Januar 1943) die bedingungslose Kapitulation der sog. ?Achsenmächte" beschlossen. Goebbels sprach also in einer katastrophalen Krisensituation. Der vorliegende Redeausschnitt - ein Musterbeispiel rhetorischer Demagogie ? stammt aus dem letzten Drittel der Rede. Die Rede will nicht überzeugen, sie wägt keine Argumente ab, um eine Wahrheit einleuchtend zu machen; sie ist vielmehr der Versuch einer massensuggestiven Überredung, die alle Mittel benutzt, um das kritische Denken ihrer Zuhörer auszuschalten. Die Zuhörer werden mit den Anredepronomen ?Ihr" und ?Euch" angesprochen. Statt des Distanz währenden ?Sie" sucht Goebbels die Nähe und Vertraulichkeit, um eine Zusammengehörigkeit von Volk und Regierung zu suggerieren. Indes lassen Formulierungen wie ?Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns" oder ?Somit sind wir, von der ersten Stunde unserer Macht an (... ) fest und brüderlich mit dem deutschen Volk vereint" die von beiden Seiten deutlich empfundene Zweiteilung erkennen. Goebbels wertet seine Zuhörer damit auf, daß er sie als Repräsentanten der Nation bezeichnet. Er bürdet ihnen zugleich eine Verantwortung auf und meint sie durch diese Bürde auszuzeichnen, eine Verantwortung, die sie in ihrer Entscheidung praktisch festlegt. Goebbels stellt zehn Fragen, von denen jeweils fünf den gleichen Bau haben: ?Erstens: Die Engländer behaupten, (...) Ich frage euch" und ?Ich frage euch sechstens". Eine solche anaphorische Reihung (Parallelismus) ist ein suggestives Mittel der Steigerung und Intensivierung, das durch die rhythmische Gleichheit einhämmernd wirkt und letztlich gar keinen rationalen, sondern nur noch emotionalen Ausdruckswert besitzt, der an das Gefühl appelliert. Daß die Zehnerreihe viel weniger sachlichen und logischen als vielmehr rhetorischen Bedürfnissen dient, geht auch aus den inhaltlichen Überschneidungen hervor. Der Glaube an den Sieg (Frage 1), die ?starke Moral" (Frage 7) und das Vertrauten zum ?Führer" (Frage 5) decken sich sachlich. Der Unterschied zwischen Frage 1 und Frage 2 fällt kaum ins Gewicht. Die Fragen 3 und 6 (?Kriegsarbeit" und ?die ganze Kraft einsetzen") ließen sich ohne Weiteres vereinen und enthalten einen Teil von Frage 7 (der Front ?alles geben"). Die 8. Frage bringt nichts Neues, sondern spezifiziert lediglich die Fragen 3 und 6. Ähnlich verhält sie sich zu Frage 4. Rhetorisch erreicht diese Auffächerung jedoch viel. Ein zehnfaches Anfeuern und ein zehnfaches Ja wirken viel stärker als ein knapper Dialog, denn Anlauf und Spannungsbogen werden größer. Durch ihren analogen Gleichklang steigert die Kette die Zuhörer in ein immer besinnungsloseres analoges Antworten hinein, und durch ihren suggestiven Gleichlauf schaltet sie jedes kritische Nachdenken aus. Das Tempo steigert sich in der zweiten Hälfte so, daß Frage und Antwort sich Schlag auf Schlag folgen und dem Zuhörer keine Besinnungspausen lassen. Er darf gar nicht über den Inhalt der Forderungen nachdenken und sich ihre Konsequenzen vorstellen. So aber hindern die unmerklichen Übergänge den Zuhörer zu erkennen, wie weit er sich in seiner Begeisterung festgelegt hat. Die letzte Frage (gleiche Rechte und gleiche Pflichten für Hoch und Niedrig) hatte Goebbels sicherheitshalber so angelegt, daß sie nicht anders als mit ?Ja" beantwortet werden konnte. Ein abschließendes ?Ja" war auf jeden Fall garantiert. Er bedient sich des öffentlichen Dialogs in der Massenkundgebung. Die Wechselrede zwischen Vorredner und Menge erinnert an liturgische Formen, deren zwingende Kraft hier unterschwellig ausgenutzt wird. Goebbels verläßt sich sowohl darauf, daß der einzelne von der Masse mitgerissen wird, wie auch darauf, daß jeder Furcht hat, sich der allgemeinen Strömung zu widersetzen. Zu den rhetorischen Mitteln und zu den Gefühlsappellen gehören die Antithesen vom Typus ?Die Engländer behaupten - Ich frage euch?. Sie enthalten eine besonders geschickte demagogische Verschleierung: Die Zweifel des eigenen Volkes werden in die Propagandastimme des verketzerten Feindes ungemünzt, und diesem Feind legt man dann ehrverletzende Vorwürfe in den Mund (Feigheit und Müdigkeit). Was bleibt da dem gereizten und scheinbar beleidigten Gefühl des eigenen Volkes anderes übrig, als dem Redner zuzustimmen? Außerdem suggerieren die Antithesen mehrfach die Vorstellung, daß es jeweils nur zwei Möglichkeiten gibt, z.B. die Kapitulation oder den totalen Krieg. Mittelwege werden bewußt ausgeschlossen. Fast jede Frage hämmert den Zuhörern Worte wie ?Sieg", ?siegreiches Ende" oder ?tödlichen Schlag" ein. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß es nur der Zustimmung des Volkes bedarf, um den Sieg zu erringen, oder daß der Sieg nur eine Frage der Zeit ist. Eine andere Möglichkeit faßt der Redner überhaupt nicht ins Auge. Das Vokabular verschleiert die Sachverhalte: Aus einer Niederlage macht es eine ?Schicksalsfügung"; Menschen, die den Krieg ablehnen, ?vergehen" sich an ihm, als ob der Krieg etwas Heilige, Unantastbares wäre; Goebbels bezeichnet sie als ?Schieber und Drückeberger". Die katastrophale Kriegssituation wird verschwiegen. Goebbels arbeitet mit Superlativen oder superlativischen, emotional geladenen Vokabeln: ?endgültiger, totaler Sieg", ?schwerste persönliche Belastung", ?wilde Entschlossenheit", ?das Letzte hergeben", ?totaler und radikaler, als wir uns vorstellen können", ?größer, gläubiger, unerschütterlicher denn je", ?absolute und uneingeschränkte Bereitschaft", ?heiliger Eid", ?schwerste Opfer" u.ä. Damit appelliert er auch an den Stolz der Zuhörer, die sich einer so ausgewählten und mit Superlativen gewürdigten Schar zugehörig fühlen. Goebbels verwendet viele religiöse Formeln und spricht im Namen seiner Zuhörer pathetisch - religiöse Gelöbnisse und Verpflichtungen aus . Er benutzt volkstümliche Wendungen: ?durch dick und dünn", ?für hoch und niedrig"; er bevorzugt Mehrfachformeln wie ?endgültiger, totaler Sieg", ?10, 12, 14 Stunden", ?totaler und radikaler", ?größer, gläubiger und unerschütterlicher", ?eine absolute und uneingeschränkte". Sie sind gewichtiger, ?mundfüllender" und haben nach dem Gesetz der wachsenden Glieder eine rhythmisierende Wirkung. Vom Rhythmus macht die Rede ohnehin vielfältigen Gebrauch, und zwar nicht nur durch die anaphorische Reihung. Dicht aufeinander folgende Akzente bei wenigen rhythmischen Senkungen tragen den Ton des erhobenen Sprechens. Der Satzbau tut das seine zur rhythmischen Wirkung: Während die ?Behauptungen" der Engländer knapp gehalten werden, spannt Goebbels seine Fragen in weite, wiederholt ansetzende rhythmische Bögen ein, die ihm einen großen Atem mit Anlauf, Steigerung und Höhenlage erlauben. Diese Bögen entlassen auch den Zuhörer nicht aus der Anspannung des Gefühls, gestatten ihm keine Besinnung und halten ihn auf einer ?Hochebene" der Begeisterung. Am Schluß dieses Redeabschnitts erfolgt eine klare Absage an jede Vernunft und rationale Entscheidung (?Objektivitätsduselei?) und der Irrationalität wird das Wort geredet. (Nach: Kommentare und methodische Inszenierungen zu Texte für die Sekundarstufe 9 ? Hannover u.a.: Schroedel 1976; gekürzt und ergänzt)
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