Ernst Thälmann
Wahlrede im Berliner Sportpalast 27. März 1925 Genossen und Genossinnen! Ich spreche heute hier am vorletzten Tag vor den Wahlen zu der revolutionären Arbeiterschaft Berlins, in dem Moment, wo die parlamentarischen Parteien schon über den zweiten Wahlgang kuhhandeln. Das ist die totgesagte KPD, die hier in diesem Saal zusammengekommen ist. Der erste Auftakt auf meiner Reise durch das Reich war der blutige Vorfall in Halle, als der sozialdemokratische Polizeipräsident Runge in die Masse hineinschießen ließ. Das Tierische dabei war nicht nur das Abfeuern von drei Salven in eine wehrlose Menge, tierischer noch war, daß die Frauen und die Samariter, die den Verwundeten Hilfe leisteten, von dem Offizier aus dem Saal hinausgejagt wurden. In anderen Städten, in den Städten des besetzten Gebietes, zeigte es sich, daß die deutsche Polizei in den französischen und englischen Militärbehörden ihre besten Verbündeten hat. In Solingen hat die deutsche Polizei von mir und dem englischen Genossen verlangt, daß wir uns zur englischen Polizei begeben. Wir erklärten, daß der Weg von der Polizei zu uns nicht weiter sei, als der von uns zur Polizei. Trotz allem Suchen entkam dort der englische Genosse den Häschern. Heute in Berlin sehen wir - wir werden es auch morgen in Hamburg sehen -, daß das Proletariat seine wahren Ziele zu erkennen beginnt und in die rote Front eintritt. Wir treten in den Kampf, um die Massen aufzurütteln, um sie in die Revolution zu führen. Wir stellen in diesem Wahlkampf eine Person auf, nicht weil dieser Person all die Stimmen gelten sollen, sondern weil diese Person für uns ein Programm ist, das Programm der KPD. Wir erklären, daß wir die einzigen Republikaner sind, und zwar einer Republik, in der, nicht wie in dieser deutschen Republik, einige Prozent der Bevölkerung - das Großkapital und die Großagrarier - herrschen, sondern wir sind Anhänger einer Republik, in der die Werktätigen regieren. Die Frage, die in diesem Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielt, ist die Frage des Dawespaktes. Die KPD ist die einzige Partei, die konsequent und entschlossen den Dawespakt bekämpft, während die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie bereit sind, Deutschland Morgan und dem Versailler Vertrag auszuliefern. Die KPD ist die einzige Partei, die das Recht hat, vom Schutze der Nation zu reden. Die 90 Prozent der Werktätigen - sie verkörpern die Nation, und wir kämpfen für ihre Interessen. Schon jetzt sollen 7 Milliarden Goldmark aufgebracht werden, 100 Mark je Kopf der Bevölkerung. Das ist die Auswirkung des Dawespaktes. Aber die Rebellion beginnt. Der Streik der Eisenbahner zeigte, daß sogar die Beamten beginnen zu rebellieren. Der Staat hat kein Geld für soziale Fürsorge. Die KPD ist die einzige Partei, die die Massen darüber aufklärt, daß Deutschland eine Sklavenkolonie ist. Durch die Schuld der SPD wurden die werktätigen Massen an die Bourgeoisie verkauft. Ebert rettete 1918 die bürgerliche Herrschaft, und sieben Jahre später reichte derselbe Sozialdemokrat Fritz Ebert dem Herrn Luther die Hand zur Herrschaft. Sieben Jahre steht indessen die Rätemacht in der Sowjetunion unerschüttert, die Rätemacht, die unter Führung Lenins aufgerichtet wurde, Lenins, der mit den Volksmassen lebte und kämpfte und den Rätestaat aufbaute. Bei Eberts Begräbnis sahen wir, wie die Reichswehr und die hohe Beamtenschaft aufmarschierte. Als Lenin gestorben war, wallfahrteten drei Tage und drei Nächte lang die Arbeitermassen zu seinem Sarge; denn Lenin war der Führer der werktätigen Massen, während Ebert ein Verbündeter der Bourgeoisie war. Jetzt im Wahlkampf zeigt sich, daß die Klassenfront wieder aufgerichtet wird. Wir werden die rote Fahne des Kampfes nicht aus der Hand lassen. Wir marschieren vorwärts zur Organisierung der Revolution. Nicht nur die Frauen und Männer, auch die junge Generation, die Jugend, die Pioniere, müssen erzogen werden in den flammenden, weltbewegenden Ideen des Kommunismus. Dann wird bald auch das Proletariat - auch wenn die Bourgeoisie jetzt noch mächtig ist - ihr Ziel erreichen. Der Wahlkampf soll die Massen aufrütteln, soll ihnen den Weg zeigen. Deswegen soll am 29. März das Proletariat zur Wahl antreten. Jede Stimme für den roten Kandidaten ist eine Stimme zur Befreiung des Proletariats. An die Wahlfront! Der Wahlkampf ist ein Mittel, um die Massen zu mobilisieren, sie lebendig zu machen. Die rote Front marschiert von Kampf zu Kampf vorwärts, bis zum letzten endgültigen Sieg: der proletarischen Revolution! Die Rote Fahne vom 28. März 1925. Thälmann, Ernst: Reden und Aufsätze zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Berlin 1956, S. 137 - 139

Weitere Texte im TextArchiv 7