Egbert Reckels
Von Nîmes zum Fuß der Cévennen
Geschafft! Nach 17 Stunden Zugfahrt erreichen wir endlich Nîmes, den
Anfangs- und Endpunkt unserer Radtour durchs französische Languedoc. Hier
aber empfängt uns erst einmal eine fast tropische Hitze, mit der wir im
klimatisierten Zug überhaupt nicht gerechnet haben; was soll's.
Diverse Schweißtropfen später beladen wir bereits unsere unversehrt
angekommenen Räder und begeben uns zeitig auf die Suche nach einem
Zeltplatz; erst am nächsten Morgen soll es richtig losgehen. So umfahren
wir anderntags zunächst die Altstadt von Nîmes auf einer lauten und steil
ansteigenden Ausfallstraße, denn die Sehenswürdigkeiten des von römischen
Legionären gegründeten Nemausus wollen wir uns für die Rückfahrt aufheben.
Als wir außerhalb der Stadt schließlich in die ruhige D907 einbiegen,
können wir im Nordwesten bereits die Berge der Cévennen ausmachen. Doch
vorerst erreichen wir mit Fons und Montagnac Orte, deren Einwohner sich
offenbar ausgiebig der Siesta hingeben.
Erst in Lédignan finden wir eine geöffnete Bäckerei, deren
Getränkekühlschrank wir - zur Freude des Bäckers - zur Hälfte leerkaufen,
und wo wir unseren Durst zumindest vorläufig löschen können. In Anduze, das
jetzt im Sommer weniger von Einheimischen als vielmehr von Touristen aus
den Benelux-Staaten bevölkert wird, die sich hier u.a. für Europas größten
Bambuswald interessieren, erreichen wir nicht nur den Gard, sondern
befinden uns auch schon am Fuß der Cévennen. Zu spät erfahren wir an
unserem Tagesziel, St.Jean-du-Gard, daß wir die 14km von Anduze wohl besser
mit der zwischen beiden Orten verkehrenden historischen Dampflok
zurückgelegt hätten: Die Fahrt im romantischen Gard-Tal wäre mit dem 'Train
à vapeur' (Preis p.P. incl. Fahrradmitnahme: 62FF=19DM) allemal stilvoller
und obendrein muskelschonender gewesen.
Auf der "Corniche des Cévennes"
Tags darauf machen wir uns dann auf zur Panoramastraße 'Corniche des
Cévennes'. Bevor sich aber eine fotogene Aussicht auftut, müssen wir als
berguntaugliche Münsterländer mit ähnlich berguntauglichen
Pentasport-Schaltungen schier endlose Höhenmeter 'abreißen'. So schieben
wir uns und die vollgepackten Räder hinauf zum Col de St.Pierre (597m).
Atemberaubend sind bis hierhin die Anstiege, aber auch die wirklich
grandiose Landschaft. Der Blick schweift weit über bewaldete Berge; winzig
erscheinen die kleinen Siedlungen in den tief eingeschnittenen Tälern.
Die Straße steigt im Folgenden - zu unserem Glück - nicht mehr ganz so
steil an, so daß wir die herrliche Landschaft genießen können und noch
relativ zügig das Dorf Le Pompidou (772m) erreichen. Hier erhören wir erst
einmal den Ruf unserer Mägen und geben uns mit einigen Tafeln Schokolade
die nötige 'Zuckerspritze'. Die können wir auch gut gebrauchen, denn die
niedlichen Steigungspfeile, die hinter Le Pompidou eine ausgedehnte
Serpentinenstrecke ankündigen, waren uns vorher auf der Karte gar nicht
aufgefallen. Wir fügen uns in unser Schicksal und schieben zunehmend
schlechtgelaunt weiter.
Nach etwa 3,5 mühseligen Kilometern befinden wir uns schließlich in über
1000m Höhe. Wunderbar ist von hier der Blick auf die gegenüberliegende
Hochfläche Causse Méjean: Fast senkrecht bricht dieses Plateau 500-600m zum
Fluß Tarnon hin ab. Mit jedem Höhenmeter, den wir jetzt bei der Abfahrt vom
Col de Faisses (1026m) verlieren, steigt unsere Stimmung, bis wir nach
insgesamt 54 Tageskilometern bzw. 5 (!) Stunden in Florac einrollen.
Durch die "Gorges du Tarn"
Nachdem wir unsere Finanzen im Postamt von Florac aufgebessert haben (das
Abheben vom Postsparbuch funktioniert in Frankreich nach unserer Erfahrung
reibungslos), heißt es am anderen Morgen zunächst, auf der N106
Dieselabgase von vorbeirauschenden LKW's zu schnuppern. Allerdings können
wir bereits nach wenigen Kilometern aufatmen, denn wir verlassen die
Nationalstraße und folgen dem Wegweiser, der Ste.Énimie und die 'Schluchten
des Tarn' ( Les Gorges du Tarn) ankündigt.
Laut Reiseführer beginnt hier eines der schönsten Flußtäler Europas; kein
Wunder, denn der Tarn hat sich auf diesem Flußabschnitt im Laufe der
Jahrtausende ein immer tieferes Bett gegraben. Heute bildet das Tal eine
bis zu 500 Meter tiefe und ebenso breite Schneise zwischen den fast
baumlosen Hochflächen Causse de Sauveterre und Causse Méjean. Wir genießen
diese wild-romantische Landschaft, die uns zudem nur selten eine Steigung
abverlangt. Dafür überrascht uns jede Flußbiegung mit einer neuen,
phantastischen Aussicht auf den Verlauf des Tarn und die steil aufragenden,
alles beherrschenden Felswände.
Den an einem Flußknick liegenden Ort Ste.Énimie lassen wir wegen der
Touristen, die sich hier tummeln, links liegen und fahren stattdessen
weiter zum Château de la Caze. Zu unserer Enttäuschung steht dieses
märchenhaft gelegene Schloß jedoch nur finanzkräftigen Zeitgenossen mit
leeren Mägen offen, denn das Château ist mittlerweile zum Nobelrestaurant
umfunktioniert worden. Etwas beleidigt ziehen wir von dannen und schlagen
in dem schnuckeligen Örtchen La Malène die Zeltheringe in den harten Boden.
Noch am selben Abend stöbern wir den örtlichen Bootsverleih auf und
beobachten vom Ufer des Tarns aus, wie man sich als Kanute möglichst
geschickt auf dem Wasser verhält.
Nachdem wir am anderen Morgen 60FF p.P. Bootsmiete incl. Rücktransport
berappt und Schwimmwesten angelegt haben, gelingt uns Landratten dank der
Bewegungsstudien des Vortags tatsächlich der einwandfreie Einstieg ins
Kanu. Doch Sekunden später sorgen wir mit einer unfreiwilligen Eskimorolle
auf dem gegenüberliegenden Campingplatz für enorme Heiterkeit. Wer den
Schaden hat,... Trotz eines solch ominösen Fehlstarts werden die nächsten 1
3/4 Stunden, in denen wir 8 Flußkilometer bewältigen, zu einem
Naturerlebnis der trockenen Art. Vorbei an riesigen Felswänden, die jeden
Moment herunterzufallen scheinen, verläuft die windungsreiche Strecke durch
eine unberührte Landschaft. Wer sich dabei die Flußenge 'Les Détroits' oder
die Felsformationen des 'Cirque des Baumes' genauer ansehen oder
fotografieren will, steuert sein Boot am besten geradewegs auf eine der im
Sommer zahlreichen, trockenen Sandbänke und macht einen kleinen Landgang.
Am Endpunkt dieser unvergleichlichen Tour bringt ein Kleinbus uns und
weitere Kanuten wieder zurück nach La Malène. Bei der Weiterfahrt von La
Malène können wir am anderen Tag noch einmal diese herrliche Flußlandschaft
bestaunen, die wir tags zuvor 50 Meter tiefer bereits kennengelernt haben.
Auf diesen und den folgenden Kilometern begegnen wir - erstmals seit Nîmes
- wieder einer größeren Schar Radtouristen, an deren Bemühungen,
flußaufwärts zu fahren, wir unsere helle Freude haben.
Weiter am Tarn bis nach Albi
Erst westlich von Millau - die Stadtbesichtigung schenken wir uns - warten
im Tal des Tarn auch auf uns wieder einige Steigungen. Doch ist die D41,
auf der wir fahren, so leer und ruhig, daß niemand unsere Verwünschungen
wahrnimmt, als wir den letzten steilen Kilometer bis zum Zeltplatz in
St.Rome-de-Tarn hochschnaufen. Bis das kleine Restaurant des Ortes gegen
20Uhr öffnet, bleibt uns noch genug Zeit, dieses verwinkelte Dorf mit
seinem Gewirr von kleinen Gassen genauer unter die Lupe zu nehmen.
Am nächsten Morgen verlassen wir St.Rome auf einer ruhigen Straße, die auch
weiterhin den Tarn begleitet. Wie bereits ab Millau wird der Fluß hier und
im weiteren Verlauf nicht mehr von schroffen Felswänden eingerahmt; die den
Fluß umgebenden Berge werden deshalb an manchen Stellen für den Weinbau
genutzt. So macht es uns großen Spaß, auf der fast autolosen Uferstraße
durch eine abwechslungsreiche Landschaft dahinzurollen. Doch hinter dem
hoch über dem Tarn gelegenen Broquiès baut sich vor uns ein unerwartetes
Hindernis in Form eines unbeleuchteten Straßentunnels auf. Wir haben
dennoch Glück, denn wir können auf einem Umweg eine riskante
Tunneldurchfahrt umgehen. Nur 15 Kilometer weiter stehen wir vor dem selben
Problem, doch führt hier kein Weg an dem ebenfalls unbeleuchteten Tunnel
vorbei. Wir tasten uns also vorsichtig 50 Meter weit herein, befinden uns
aber trotz Fahrradbeleuchtung schnell in absoluter Finsternis. Frustriert
kehren wir um.
Die Lösung naht dann aber wenig später in Gestalt von zwei hilfsbereiten
Touristen, denen wir unser Problem klar machen und die uns daraufhin mit
ihrem Auto durch die Dunkelheit 'eskortieren'. Von weiteren Hindernissen
dieser Art verschont, erreichen wir wenig später Ambialet, wo wir direkt am
Tarnufer unser Zelt aufschlagen. Hier hat der Tarn die wunderschöne
Flußhalbinsel Presqu'île d'Ambialet geschaffen, auf deren Gipfel ein
Kloster thront. In Ambialet selbst, das den einzigen Zugang zu der
Halbinsel besitzt, ist die natürliche Landzunge gerade einmal 150 Meter
breit. Von dem Kirchplatz hoch über dem Ort haben wir einen schönen Blick
auf beide Flußarme und die Halbinsel.
Nach einem nächtlichen Gewitter mit anschließendem Regen, dem unser Zelt
nur knapp widersteht, erreichen wir mit Albi wieder eine größere Stadt. Da
wir heute morgen erst spät aus dem Schlafsack gekrochen sind und uns Albi
trotz seines imposanten Backsteindoms nicht besonders gefällt, fahren wir
auf der N112 zügig stadtauswärts. Hier verabschieden wir uns nach 212
Kilometern Uferstraße endgültig vom Tarn.
Durst...
Daß wir uns in Albi nicht ausreichend mit Wasser versorgt haben, werden wir
im Verlauf dieses Sonntags noch bitter bereuen. Doch zunächst ärgern uns
die vielen Hügel, die unser Vorankommen stark abbremsen. Zwar erinnert uns
die Landschaft südlich von Albi wegen der Felder und Wiesen mit
schwarz-weißen Milchlieferanten stark an die heimischen Baumberge, aber
auch das ändert nichts am stärker werdenden Durst. Nicht eine
Wasser'tankstelle' kommt in Reichweite! Längst im 'roten Bereich', kriechen
wir genervt auch noch den kuzen, aber steilen Anstieg nach Lautrec hinauf.
Der völligen Austrocknung nahe und infolgedessen jeglicher Geisteskraft
beraubt, zahlen wir anstandslos in der einzigen Kneipe des Ortes für einen
Liter Mineralwasser sagenhafte 52FF(=16DM). Der Wirt muß gewußt haben, daß
wir kommen.
Vom Tod durch Verdursten immerhin gerettet, sind wir im 11km entfernten
Vielmur-sur-Agout froh, einen 1A-Zeltplatz zu finden, zumal dieser auf der
Karte und im ADAC-Führer nicht aufgeführt wird. Der freundliche
Campingplatzbesitzer bietet uns zudem netterweise drei Liter Mineralwasser
(für 8FF!) an.
Carcassonne
Am nächsten Morgen - die Wolken des Vortags haben sich verzogen - geht die
Fahrt zunächst über Soual, wo wir uns mit süßen Backwaren den Bauch voll
schlagen, nach Revel. Von der D624 biegen wir schließlich kurz vor
Castelnaudary links ab. Nach diesem Umweg, der uns das 'Schwarze Gebirge'
(Montagne Noire) erspart, schlagen wir jetzt geradewegs die Richtung nach
Carcassonne ein. Bei Villepinte überqueren wir dann erstmals den Canal du
Midi, den der Sonnenkönig Louis XIV. von 1666 bis 1681 erbauen ließ.
Zusammen mit der Garonne verbindet der Kanal, der heute nur noch von
Hausbooten befahren wird, das Mittelmeer mit der Biscaya.
Nach einer gewonnenen Wettfahrt mit zwei Mountainbikern erreichen wir
gutgelaunt Bram, von wo aus wir - süßigkeitengestärkt - auf der D33
weiterfahren. Auf dieser leicht abschüssigen Strecke können wir ein
durchschnittliches Tempo von 30-32km/h halten, so daß wir schon früh in
Carcassonne eintreffen. Im Touristenbüro besorgen wir uns erst einmal einen
Stadtplan, mit dessen Hilfe wir den modernen und gut ausgestatteten
Campingplatz im Süden der Stadt aufsuchen. Da es noch früh ist, nutzen wir
den angebrochenen Nachmittag dazu, unsere Wäsche zu waschen.
Am nächsten Morgen machen wir uns dann auf, die von weitem sichtbare
mittelalterliche Bergfestung 'La Cité' zu erkunden. Großen Spaß macht es
uns dabei, auf der vollständig erhaltenen äußeren Ringmauer zu laufen und
über mittelalterliche Kriegskünste zu sinnieren. Die Verteidiger der Stadt
werden jedenfalls dank der doppelten Ringmauer gegen potentielle Angreifer
ein leichtes Spiel gehabt haben. Heute tummeln sich in den angenehm
schattigen Gassen der Altstadt aber nicht mehr grimmige Gestalten mit
Schwert und Kettenhemd, sondern mit Fotoapparaten 'bewaffnete' Touristen.
Dementsprechend ausgeprägt ist hier der Andenkenhandel, so daß wir bald
wieder Richtung Festungsmauer flüchten. Nach kompletter Umrundung dieses
beeindruckenden Bauwerks kehren wir auf einem schattigen Weg entlang der
Aude zum Zeltplatz zurück und fahren mit den Rädern in die Neustadt, um
dort aus Protest ganz unfranzösisch bei McDonald's einzukehren, denn in den
vergangenen Tagen haben wir mit den Restaurants in Ambialet und Vielmur
bereits genug schlechte Erfahrungen gesammelt.
Der schlimmste Sonnenbrand aller Zeiten...
Auf der Weiterfahrt am folgenden Tag besorgen wir uns zunächst noch einige
Ersatzheringe fürs Zelt, bevor wir auf parallel zum Canal du Midi
verlaufenden Straßen durch endlos scheinende Weinfelder ostwärts radeln. An
diesem sehr heißen Tag, an dem wir auf ruhigen Nebenstrecken zahlreiche
kleine, fast ausgestorben wirkende Orte ansteuern, sind wir vorsichtig und
bevorraten uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einigen Litern
Wasser. So treffen wir über Coursan, Lespignan und Vendres nach 105
Tageskilometern am Abend schließlich in Valras-Plage ein.
Nachdem wir auf einigen Zeltplätzen dieses Badeortes wegen Platzmangel
abgewiesen wurden, finden wir dann doch noch ein schattiges Plätzchen -
etwa 400 Meter vom Strand entfernt. Folgerichtig verordnen wir uns am
nächsten Tag Erholung pur am und im Wasser, zumal das Wetter gut und der
Strand sauber ist. Unter diesen Umständen sind wir gerne bereit, die Mühen
der vergangenen Etappen zu vergessen und beschließen, dem faulen
Strandleben in Valras drei weitere Tage zu frönen. Doch dazu kommt es
nicht, denn schon am zweiten Tag ist der Sonnenbrand auf Bauch und Rücken
so beachtlich, daß wir uns nur noch im Zeitlupentempo bewegen können, und
die meiste Zeit im Zelt zubringen, wo wir uns gegenseitig bedauern.
Am Löwengolf
Schließlich zieht es uns doch wieder auf die Straße, denn wir wollen auch
noch andere Strände ausprobieren - diesmal allerdings wesentlich
vorsichtiger.... So gelangen wir auf Nebenstrecken und nach einer etwas
konfusen Fahrt durch ein unübersichtliches Campingareal über Vias
schließlich nach Agde. Die Besichtigung dieser ursprünglich von den antiken
Griechen gegründeten Stadt überlassen wir anderen, da der kühlende
Fahrtwind unserem Sonnenbrand ganz ausgezeichnet bekommt, und nehmen
stattdessen auf der N112 Kurs auf Sète. Diese Nationalstraße, die
unmittelbar am Mittelmeer entlang führt und auf einem 1,5 Kilometer
schmalen Landkorridor zwischen dem Binnensee Bassin de Thau und dem Meer
liegt, wird jetzt im Sommer von Badegästen zu einem 14km langem Parkplatz
umfunktioniert. Wir genießen diese 14 Kilometer, denn wir haben den Wind im
Rücken, das Meer zur Rechten und den Blick stets gerichtet auf unser
Nahziel, die sehr schön am Mont St.Clair gelegene Hafenstadt Sète.
Aus der Nähe betrachtet enttäuscht uns die Stadt dann aber doch aufs
Äußerste: Der Verkehr, der hier tobt, sowie die häßlichen Hafen- und
Industrieanlagen sorgen erfolgreich dafür, daß wir schnell das Weite und in
Frontignan-Plage einen Campingplatz suchen. Da uns der sandige Platz, auf
dem das Zelt fast keinen Halt hat, sowie der steinge Strand auch nicht so
recht gefallen, satteln wir bald darauf wieder unsere Drahtesel und
umfahren landeinwärts den See Étang de Vic. Nachdem wir eine erneute
Wettfahrt gegen drei offenbar durchtrainierte Niederländer wegen einiger
konditioneller Defizite leider aufgeben müssen, gelangen wir an Palavas
vorbei zur Maguelone-Kirche. Hier erfahren wir, daß diese sehenswerte
Kathedrale, die auf einer Halbinsel im Étang du Prévost liegt, zur Zeit der
letzten Jahrtausendwende eine der wichtigsten Sakralbauten gewesen sein
muß. Obwohl heute nur noch der Hauptbau vollständig erhalten ist, zeugen
die weitläufigen Ruinen von der einstigen Größe und Bedeutung dieser
Kirche. Zurück in Palavas fahren wir an modernen 'Sakral'bauten vorbei, die
aber ausschließlich dem Tourismus geweiht sind und uns eher abstoßen.
Ruinen dieser Bauten werden wir in 1000 Jahren jedenfalls nicht
besichtigen.
Daß wir uns bereits ganz in der Nähe der Camargue befinden, macht uns kurz
darauf der Flamingoschwarm bei Carnon-Plage klar, der hier genießerisch den
Étang de Pérols nach Freßbarem durchforstet. Ein ähnliches Bild wie vor
Sète bietet sich uns dann östlich von Carnon. Hier wird die D59 von
Badenden ebenfalls als Parkplatz mißbraucht, denn der schöne Sandstrand
liegt direkt nebenan. Wegen des herrlichen Meerblicks erreichen wir
gutgelaunt La Grande-Motte (dt.: die große Scholle), dessen futuristische
Silhouette schon von Weitem sichtbar ist. Die Betonarchitektur hebt sich
hier aber - nicht zuletzt wegen der großzügigen Grünanlagen - durchaus
positiv von anderen Touristensilos ab und gefällt uns. Camper scheint diese
Stadt aus der Retorte jedoch nicht zu mögen, weshalb wir noch etwas weiter
fahren und bei Port-Camargue auf einen Platz für unser Zelt hoffen. Da wir
die Preislisten der ersten beiden Campingplätze an der 'Route de
L'Espiguette', auf denen eine Nacht umgerechnet 66DM kosten soll, nicht
sehr originell finden, sind wir froh, noch einen Platz für vertretbare 13DM
zu finden. Dort treffen wir auch noch einige andere Radler aus Deutschland,
die anscheinend die selben Preisvorstellungen haben wie wir.
Die zwei folgenden Tage nutzen wir dann noch einmal ausgiebig zur Erholung
und zur Bräunung am weitläufigen Sandstrand, bevor wir zur letzten Etappe
antreten.
Aigues-Mortes und Nîmes
Bereits nach wenigen Kilometern auf der D979 erreichen wir mit
Aigues-Mortes nach Carcassonne ein weiteres Relikt des kriegerischen
Mittelalters, das wir uns nicht entgehen lassen. Mit dem Fahrstuhl geht es
zunächst auf den 'Turm von Constance', der an der Nordwestecke der 1,6
Kilometer langen rechteckigen Verteidigungsmauer die Stadt überragt. Von
hier haben wir eine einmalige Aussicht auf die ausgedehnten Wasserflächen
der Camargue im Süden, auf die Cévennen im Nordwesten und können sogar den
über 100km entfernten Mont Ventoux erkennen. Der Bau der Stadt, die als
Kreuzfahrerhafen geplant war, - so erfahren wir - war eine gigantische
Fehlinvestition, denn schon einige Jahre später verlandete der Hafen
zusehends.
Weiter geht unsere Fahrt an dem 'Carbonnière-Turm' vorbei, der weithin
sichtbar als Vorposten in der Camargue-Ebene früher den Landweg nach
Aigues-Mortes schützte. Nördlich von Aimargues wird die Landschaft dann
spürbar hügelig und abwechslungsreicher; wir haben die Camargue verlassen
und steuern jetzt geradewegs den Zeltplatz in Nîmes an, von dem wir vor
fast drei Wochen gestartet sind.
Nachdem wir unsere Räder am Bahnhof von Nîmes für den Rücktransport
aufgegeben haben, holen wir jetzt die Stadtbesichtigung nach, bei der uns
vor allem das römische Amphitheater fasziniert. Noch heute finden in dem
ovalen Bau Stierkämpfe (anders als in Spanien überlebt der Stier !),
Konzerte und sonstige Kulturveranstaltungen statt. Nach einem kurzen Blick
in den ursprünglich römischen Tempel 'Maison Carrée' vertreiben wir uns die
Zeit im Park 'Esplanade Charles de Gaulle' und an der 'Porte d'Auguste',
einem Überbleibsel der antiken Stadtmauer, bevor wir am späten Abend die
Heimfahrt im Liegewagen antreten.