Reisebericht Syrien 1998

Mission Auf Einladung des syrischen Ministeriums für Hochschulwesen fanden Kooperationsgespräche zwischen Vertretern der Universitäten von Lattakia und Damaskus mit Claus Rautenstrauch und Klement J. Fellner von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg statt. Insbesondere Themen zum Aufbau von Internet/Intranet und generelle Möglichkeiten zur Organisation von Austauschprogrammen für Studierende und Wissenschaftler standen dabei im Vordergrund. Die zuerst besuchte Tishreen Universität Lattakia ist mit 30.000 Studenten nach Damaskus und Allepo die drittgrößte von vier Universitäten Syriens. 1971 gegründet, wird die Universität noch immer vergrößert, was sich vor allem an der Anzahl der Baustellen am Universitätsgelände ablesen läßt. Als abgeschlossener Campus aufgebaut, beherbergt die Universität neben den wissenschaftlichen Einrichtungen auch Wohnheime für die Studenten. Als Wirtschaftsinformatiker waren wir naturgemäß vorwiegend an der informationstechnischen Infrastruktur, insbesondere Intra- bzw. Internet, und deren Einsatz in Forschung und Lehre interessiert. Dazu muß angemerkt werden, daß die syrischen Universitäten zur Zeit im Begriff sind, sich untereinander (vergleichbar dem deutschen Wissenschaftsnetz (WIN)) zu vernetzen. Es gibt dort keine Fakultät für Informatik (die einzige Informatik-Fakultät Syriens existiert zur Zeit in Aleppo). Die Ausbildung zur Informationstechnik im weiteren Sinne erfolgt durch das Rechenzentrum und die Fakultät für Elektrotechnik. Im Rahmen unserer Gespräche in Lattakia konnten wird mit den Leiter des Rechenzentrums Dr. Hassan Al Ahmad (er studierte in Illmenau) sowie den Dekanen der Fakultäten für Elektrotechnik (Prof. Dr. Johnny Tahla) und Wirtschaftswissenschaften (Prof. Dr. Monier Ghanem) und weiteren Dozenten ausführliche Gespräche führen. An der Universität Lattakia hat die sehr gute Ausstattung mit modernsten Personal Computern positiv überrascht. Obwohl alle Voraussetzungen gegeben sind (Rechenleistung, Netzwerkkarten, entspr. Betriebssysteme), sind die Arbeitsplätze nicht vernetzt. Dies liegt hauptsächlich an der Knappheit finanzieller Mittel und der teilweise vorherrschenden Unterschätzung der Möglichkeiten einer vernetzten Arbeitsumgebung. Das vor kurzem gegründete Rechenzentrum als einzige Stelle an der Universität, die einen direkten Zugang zum Internet über ein Einwahlverbindung besitzt, kann sich der Anfragen anderer Organisationseinheiten, wie z. B. Elektrotechnik, Maschinenbau, Betriebswirtschaftslehre, kaum erwehren und ist zur Zeit mit der Vernetzung dieser Fachbereiche beschäftigt. Die kompetenten, freundlichen und aufgeschlossenen Ansprechpartner in den einzelnen Fachbereichen erleichterten das Eruieren von möglichen Anknüpfungspunkten zukünftiger Zusammenarbeit sehr. Demnach besteht vor allem Interesse an einem Austausch von wissenschaftlichem Personal sowie Studenten, aber auch an wissenschaftlicher Zusammenarbeit in den Bereichen, die praktische Anwendungen der Netzwerktechnologie (Internet) betreffen (E-Commerce, etc.). Im Rahmen eines Vortrages von Claus Rautenstrauch vor wissenschaftlichem Personal und Studierenden der Betriebswirtschaftslehre und Elektrotechnik konnten wir uns vom regen Interesse an diesen Themen persönlich überzeugen. Dabei stehen Fragen der praktischen Umsetzung von Fragestellungen aus der Anwendungsdomäne und zu Sicherheitskonzepten im Vordergrund. Konkret konnten wir sowohl Interesse bei Studenten als auch Wissenschaftlern für ein zukünftig aufzulegendes Austauschprogramm wecken. Dabei war uns sicherlich die sprachliche Gewandtheit sowohl des Personals als auch der Studenten eine große Hilfe. So gibt es an der Universität Lattakia keinen Wissenschaftler, der nicht im Ausland studiert hat, wobei aufgrund der jüngsten Geschichte Syriens auch ein reger Austausch mit dem ehemaligen Ostblock stattgefunden hat. Nicht verwunderlich war deshalb die große Anzahl von Personen, die an Universitäten der DDR studiert hatten und fließend deutsch sprechen. Dies und die Tatsache, daß Englisch für die meisten auch kein unüberwindbares Problem darstellt, erleichterte unsere Aufgabe der Kontaktherstellung immens. Nicht nur der Rechenzentrumsleiter der Tishreen Universität hat in der DDR studiert, sondern auch der Rektor, Prof. Dr. Hallaie. Aber nicht nur das Bildungsniveau der Lehrenden hat uns positiv überrascht, sondern auch die hohen Anforderungen an die Studierenden. So wird der Bachelor erst nach acht Semestern vergeben, hängt man zwei weitere Semester dran und schreibt eine Diplomarbeit, dann erhält man den Diploma-Degree. Der Master bekommt man erst nach sechs weiteren Semestern, der dann zur Promotion qualifiziert. Nachdem uns auch Einblick in Diplomarbeiten gewährt wurde und wir sogar an einer Diplom-Verteidigung teilnehmen durften, wurde deutlich, daß die Anforderungen nicht nur quantitativer Natur sind, sondern auch entsprechende qualitative Anforderungen an die Studierenden gerichtet sind. In den nächsten Wochen und Monaten wird es eine wesentliche Aufgabe sein, die Ergebnisse der Gespräche zu operationalisieren. Nach dem Aufenthalt in Lattakia folgte ein Besuch der Universität Damaskus. Hier gelang es uns, einen kurzfristigen Termin mit dem Rektor Prof. Dr. Abdul-Ghani Maa Bared zu vereinbaren. Auch er spricht perfekt Deutsch, da er in Berlin studiert hat. Wie in Lattakia ist die Universität Damaskus an Kooperationen mit ausländischen Universitäten sehr interessiert, wobei die Universität Damaskus bereits einen eigenen Studiengang in Computer Science anbietet. Dieser wird zur Zeit aufgrund fehlender Personalkapazität noch von den Fachbereichen Elektrotechnik und Mathematik in Kooperation angeboten. Hier bietet sich auch ein erster Anknüpfungspunkt für einen etwaigen Wissenschaftleraustausch an. Mit insgesamt 75.000 Studenten und dem Grundsatz, daß jeder Student, egal welcher Studienrichtung, eine Grundausbildung in Informatik erhalten muß, ergibt sich ein fast unerfüllbarer Lehrauftrag, der vom vorhandenen Personal bewältigt werden muß. Besonderes Interesse wurde hier am Import von Gastdozenten geäußert. So existiert eine Vereinbarung mit dem DAAD, nachdem die Universität Damaskus pro Jahr vier Deutsche Dozenten einladen darf. Es wäre kein Zufall, wenn hier in naher Zukunft auch ein Informatiker aus Magdeburg dabei ist... Eine weitere nicht erwartete Tatsache stellte für uns das Vorhandensein einer nationalen Computergesellschaft, die sowohl die Interessen der Universitäten aber auch der Privatwirtschaft und der Ministerien vertritt, dar. Das Treffen mit einem der stellvertretenden Direktoren der Syrischen Computergesellschaft (SCS), Prof. Dr. Hassan B. Risheh, war insbesondere interessant, da die SCS bereits zum zweiten Mal eine internationale Computerkonferenz in Syrien, die Al-Shaam 99, veranstaltet und dafür internationale Unterstützung sucht. Neben den Möglichkeiten der zielgruppenorientierten Verbreitung der Information in den entsprechenden uns zur Verfügung stehenden Medien konnte auch die Mitarbeit von Professor Rautenstrauch im Programmkomitee der 1999 stattfindenden Konferenz fixiert werden. Nebenbei bemerkt zeigt sich der hohe Stellenwert des Ausbaus der IT-Infrastruktur in Syrien auch in der Tatsache, daß der Vorsitzende der SCS Dr. Bashar Al-Assad, Sohn des Präsidenten Hafiz Al-Assad, ist. So wird die Al-Shaam-Konferenz die nächste Gelegenheit sein, die Zusammenarbeit mit den syrischen Freunden und Kollegen zu intensivieren. Syrien - Land und Leute Neben den oben aufgeführten dienstlichen Aktivitäten hatten wir auch Gelegenheit, Land und Leute näher kennenzulernen. Hierbei kamen uns zwei Dinge zugute: Zum einen konnten wir immer dann, wenn kein offizieller Termin anstand, am Kulturprogramm des Deutsch-syrischen Ärztekongresses teilnehmen, zum andere stand uns ein Freund als kompetenter und unermüdlicher Reisebegleiter zur Seite, so daß wir auch Einblicke gewinnen konnten, die Normaltouristen verborgen bleiben. Bereits mit der Anreise nach Damaskus konnten wir die ersten Eindrücke über die syrische Lebenseinstellung gewinnen. Unser syrischer Begleiter machte uns bereits vor dem Abflug, der um 20.00 terminiert war, darauf aufmerksam, das wir uns nicht beeilen müssen, da wir sicher nicht vor 22.00 abfliegen werden ? was dann auch eintraf. Zeit spielt in Syrien keine große Rolle, woran man sich als Westeuropäer erst ein wenig gewöhnen muß. Nachdem wir um 2.00 Uhr landeten und die Zollformalitäten in Damaskus (ohne Komplikationen) um ca. 4.00 Uhr morgens hinter uns gebracht hatten, wurden wir darauf aufmerksam gemacht, daß am nächsten Tag bereits um 9.00 eine Besichtigung der Altstadt von Damaskus auf dem Tagesplan stand. Als Gäste des zur selben Zeit stattfindenden Deutsch-Syrischen Ärztekongresses, deren Organisationskomitee freundlicherweise unsere Reise organisierte, waren wir in der glücklichen Lage, am Kulturprogramm, soweit dies unsere Termine ermöglichten, teilzunehmen. Nachdem wir also eine sehr kurze erste Nacht im Hotel verbrachten, konnten wir uns an unserem ersten Tag in Damaskus von der Schönheit und dem Flair einer der ältesten Städte der Welt überwältigen lassen. Im Zentrum von Damaskus, der Altstadt, findet man den Suq (Bazar), der aus unzähligen Gassen und noch mehr Läden besteht, in denen man neben alltäglichen Gebrauchsgegenständen auch Souvenirs, Gold, etc. erwerben kann. Wie überall im Orient ist das Aushandeln des endgültigen Preis unvermeidbarer Bestandteil des Kaufs. Hier hilft eine gewisse Hartnäckigkeit und natürlich ein einheimischer Begleiter oder zumindest arabische Sprachkenntnisse. Sowohl Ausgangs- als auch Treffpunkt einer Suq-Besichtigung ist die Omajjaden-Moschee. Sie ist wegen ihrer imposanten Ausmasse und Ausstattung auf jeden Fall sehenswert. Weitere Sehenswürdigkeiten, die man bei einem Besuch nicht auslassen darf, ist das Grabmal Saladins, des Sultans und Widersachers der Kreuzritter, welches sich nahe der Omajjaden-Moschee befindet, sowie das Nationalmuseum. Überhaupt ist es verwunderlich, daß Damaskus nicht eine der wesentlichen christlichen Pilgerstätten ist. So ist in der Omajjaden-Moschee ein Mausoleum mit dem Leichnam Johannes des Täufers und in der Altstadt die Ananias-Kapelle, eine der ältesten christlichen Kirchen der Welt. Hier wurde aus dem Saulus ein Paulus und auch Claus Rautenstrauch ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, dort zu predigen (ernsthaft!). Zeugen bestätigten, daß er dies durchaus beruflich machen könnte. Wenn die wüßten... Theoretische Informatiker aufgepaßt: Das Nationalmuseum zeigt neben vielen anderen historischen Schätzen auch das nach aktuellem Kenntnisstand bei Ugarit gefundene erste Alphabet der Menschheit - aus dem 14. Jh. vor Christus. Selbst hartgesottene Museumsmuffel können sich den Reizen der dort gezeigten Exponate kaum erwehren! Südlich von Damaskus, nahe der Jordanischen Grenze, befindet sich ein großes (15.000 Sitzplätze) und sehr gut erhaltenes Amphitheater, das mehr als 2000 Jahre alt ist. Überhaupt hat man in Syrien den Eindruck, daß alles, was jünger als 1000 Jahre ist, zu den Neubauten gehört. In Syrien liegt die Wiege unserer Kultur, und sie zeigt sich in atemberaubender Schönheit. Die Reise führte weiter nach Lattakia, der zweiten Stadt, in der ein längerer Aufenthalt geplant war. Dabei machten wir einem "kleinen" Umweg durch die syrische Halbwüste über Palmyra, der nach den Angaben des Reiseleiters größten Ausgrabungsstätte der Welt. Faszinierend ist dabei vor allem der Zustand und die Größe der Stadtanlage mit den Kolonnaden und dem Baaltempel. Lattakia selbst bietet dem kulturhistorisch interessierten Besucher, abgesehen von den nahegelegenen Ruinen von Ugarit und der Saladinsburg, wenig interessantes. Als wichtigste Hafenstadt Syriens bietet Lattakia einen gewisses Flair einer Großstadt. In unserem speziellen Fall hatten wir das Glück, daß unser einheimischer Begleiter aus dem Umkreis von Lattakia stammte und uns zu Plätzen führte, die von Touristen selten, wenn überhaupt, besucht werden. So konnten wir uns auch von den Reizen des Hinterlands Lattakias überzeugen. Die hügelige und fruchtbare, von Apfel-, Orangen- und Olivenbäumen bewachsene Landschaft direkt am Mittelmeer versprüht eine Lebenskraft, die man in diesen Breitengraden nicht vermutet. Insbesondere die noch vom Massentourismus verschonte Mittelmeerlandschaft südlich der Provinz Iskanderun und die Dörfer im angrenzenden Bergland sind von erhabener Schönheit. Im Rahmen unseres Aufenthaltes in Lattakia nutzten wir die Möglichkeit, etwas vom Landesinneren kennenzulernen. Ein kurzer Aufenthalt in Allepo (Halab) mit der Besichtigung der imposanten Zitadelle im Zentrum der Stadt sowie des unumgänglichen Besuchs des Suq, der als der schönste von Syrien bezeichnet wird, war eine willkommene Abwechslung. Der Besuch des Simeonsklosters (Säulenheiliger) rundete den Ausflug ab. Nach dem Aufenthalt in Lattakia ging es über Hama zurück nach Damaskus. Durch unseren einheimischen Begleiter hatten wir das große Glück direkten Kontakt zur syrischen Bevölkerung zu bekommen. Die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit der Syrer können wir nach dieser Reise aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Kein Haus, welches wir besucht haben (besuchen mußten!), in welchem uns nicht von den besten Früchten und hervorragendes Essen aufgewartet wurde. Somit zog sich jeder auch nur kurze Besuch bei Verwandten oder Bekannten unseres Reisebegleiters unbeeinflußbar in die Länge, wodurch unsere Reise- bzw. Zeitplanung ? welche für einen Europäer wohl unabdingbar ist ? einige Male revidiert werden mußte. Von Vorurteilen und Urteilen über Syrien Berichtet man im Freundes- und Kollegenkreis, daß man eine Reise nach Syrien vorhat, so wird dies häufig mit Naserümpfen und "gutgemeinten Sicherheitsratschlägen" kommentiert. Wenn man sich ein einigermaßen objektives Bild von Syrien machen will, dann darf man sich nicht auf die einseitige Berichterstattung in unseren (Massen-)Medien verlassen, die ein politisch gefärbtes Zerrbild Syriens vermitteln. Syrien hat uns sowohl durch die Gastfreundlichkeit der Leute als auch durch die landschaftliche Schönheit beeindruckt. Nicht erwähnen muß man die historische Bedeutung Syriens, dessen heutiges Staatsgebiet fast alle Hochkulturen, von den Sumerern über die Babylonier, die Ägypter, den Griechen und den Römern, um nur einige zu erwähnen, erlebte. Von der Macht, die zu bestimmten Zeiten von Syrien ausging, zeugen heute noch die große Anzahl von erhaltenen Burgen, Tempeln als auch ganzen Städten. In Syrien kann man sich frei und ungezwungen bewegen. Man braucht, anders als in anderen Mittelmeerländern, hier nicht befürchten, daß man beraubt, betrogen oder angeschnorrt wird. Vergessene Rucksäcke und Reisetaschen wurden von Ladenbesitzern (heftig gestikulierend) nachgetragen. Militär und Polizei sind selten zu sehen und begegnen Fremden mit ungeahnter Freundlichkeit. Wohlverhalten gegenüber Fremden ist hier eine Frage der Ehre, Gastfreundschaft eine flächendeckende Selbstverständlichkeit. Weiterhin begegnen einem die Syrer mit Offenheit und Toleranz. So ist es für einen Europäer kein Problem, eine Moschee auch von innen zu besichtigen, und die "Kleiderordnung" weicht nicht von der westlicher Länder ab. Zwar sieht man durchaus verschleierte oder Kopftuch-tragende Frauen, sie sind aber gegenüber den anderen eine klare Minderheit. In Damaskus leben Moslems, Christen und Juden (allerdings sind die meisten nach Erteilung der Ausreisegenehmigung ausgewandert) in friedlicher Koexistenz. Weiterhin sind die Syrer weder arm noch ungebildet. Ein hoher Bildungsstand bedeutet in Syrien auch hohes Sozialprestige - und Bildung kommt hier deutlich vor Reichtum. Ein Prozent der Bevölkerung sind aktive Studierende. Das Studium ist kostenlos und selbst Wohnheimplätze werden gestellt. Ebenfalls bemerkenswert: An der (technisch-naturwissenschaftlichen) Tishreen-Universität Lattakia beträgt der Studentinnen-Anteil über 60%! Fazit Eine Reise nach Syrien lohnt sich sowohl aus wissenschaftlicher wie auch kultureller Sicht. Dankesworte Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Dr. Ali Chaaban für die Organisation der Reise, bei Herrn Hassan Chaaban und Dr. Riad Younes für die hervorragende Reiseleitung und dem syrischen Kultusministerium für die Einladung nach Syrien.