Tucholsky und Satire
Eine Rede von Rafaela Heifler Meine Damen und Herren, Ich möchte mit einer Frage beginnen: Was ist Satire? Dass etwas kritisiert wird, man darüber lachen kann und es zum Nachdenken anregen soll, das kommt nun sicherlich jeden von Ihnen ins Gedächtnis. Doch gibt es hierzu sehr subjektive Auslegungen, was zur Satire gehört und was schon als Schwachsinn bezeichnet werden kann, wie man am Beispiel Kurt Tucholskys erkennt. Ich möchte, obwohl sicherlich jeder von ihnen weiß, was Satire ist, eine Definition von Satire anfügen. Ich zitiere aus einem Lexikon: "Satire ist eine literarische Form der Kritik an individuellen, gesellschaftlichen oder allgemeinmenschlichen Schwächen, oft in aggressiv-anklägerischer Weise" Kurt Tucholsky schmückt die Definition in seinem Text "Was darf die Satire?" (von 1919) noch etwas aus: "Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist. (...) Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. (...) Was darf die Satire? Alles" Ein Mensch, der so etwas schreibt, muss der Satire sehr zugeneigt sein. Und das war Kurt Tucholsky sicherlich. Obwohl er nur 45 Jahre alt wurde, wurden von ihm viele Gedichte, Chansons, Glossen, Erzählungen, Artikel, Essays, kurze Texte und ein Roman veröffentlicht, annähernd 2500 Titel. Dabei kam ihm sicherlich zu Gute, dass er für diverse Zeitschriften schrieb. Er zog in seinen kritischen Stücken über alles her, über das man nur herziehen kann, sei es über die Philosophie der Löcher oder aber über den Menschen (ausgenommen Sachsen und Amerikaner). Während sein erster Kurzroman "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte" (1912) und seine ersten veröffentlichten Stücke eher liebenswürdig, humorvoll und komisch waren, also zur lachenden Satire gehören, änderte sich die Tonlage in seinen späteren Werken hin zum Ironischen, Zornigen und Züngig-Bissigen. Nach dem ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat im Osten Deutschlands kämpfte, verarbeitet er in seinen Werken seine humanistische, sozialistische und pazifistische Einstellung. Sein Text "Die brennende Lampe" zeigt dieses sehr deutlich: "Wenn ein junger Mann, etwa von 23 Jahren, an einer verlassenen Straßenecke am Boden liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichem Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus den Höhlen getreten, im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte. (...)" Während dieser Nachkriegszeit, oder auch die Weimarer Zeit, verfolgte Tucholsky einen publizistischen Kampf gegen die Reaktion und die rechte Sozialdemokratie, der ihn immer weiter von Deutschland entfernte. Besonders warnte er aber vor den heraufziehenden Faschismus und Nationalismus. Von 1923 an befand sich Tucholsky hauptsächlich im Ausland, nicht nur wegen seines Berufes, sondern auch wegen seiner Abneigung gegenüber dem, was in Deutschland vorging. 1929 erschien die Satire "Deutschland, Deutschland über alles". Zeitgleich emigrierte er nach Schweden, als ob er geahnt hätte, dass dieses Buch auf sehr starken Widerstand gerät. In dem Buch stellte Tucholsky sich auf die Seite der Unterpriviligierten, der Rechtlosen und der Ausgebeuteten. Dabei befasste er sich besonders kritisch mit dem krassen sozialen Gegensätzen, mit dem deutschen Nationalismus und den Mängeln der Weimarer Republik. Gerade in dieser Zeit waren die Stimmen über Tucholsky sehr gespalten. Da gab es die linksintellektuelle Szene, die in Tucholsky ein großes Vorbild und einen treffsicheren Satiriker sahen. Es gab aber auch die der rechten Seite zugewandten, die seine Werke als reinen Schwachsinn bezeichneten. Dieses beruhte nicht zuletzt darauf, dass er sich mit Zeitgenössischen auf satirische Art auseinander setzte und die politische Einstellung der Rechten kritisierte. Und so folgte, was folgen musste, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen: seine Werke fielen, wie so viele andere auch, der Bücherverbrennung 1933 zum Opfer, und er selber wurde ausgebürgert. Zu diesem Zeitpunkt lebte Tucholsky in Schweden. Man erfährt kaum etwas von seinen Arbeiten von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Selbstmord zwei Jahre später. Er zerbrach daran, was aus Deutschland, trotz seiner Warnungen, geworden war. Ein Großteil seiner verfassten Stücke haben heutzutage, obwohl sie den damaligen Nationalismus und den ersten Weltkrieg kritisieren, nicht an politischer Brisanz verloren. Wohl auch deshalb scheiden sich auch heute noch die Geister über Kurt Tucholsky. Klaus-Peter Schulz formulierte sogar die These, dass Tucholsky durch seine destruktive Kritik am Weimarer Staat den Faschisten den Weg geebnet habe. Andere sehen in ihm einen der größten Satiriker und Humoristen aller Zeiten. Dazu gehört auch Ernst Rowohlt, der von Tucholsky sagt, er habe eine "scharfe Feder" und eine "unverwüstliche Kampflust". Dass Tucholsky ein großartiger Satiriker war, daran gibt es keinen Zweifel, wenn man seine Werke objektiv liest und sie mit der vorhin genannten Definition von Satire vergleicht. Er gehört zu den Schriftstellern, die aktuelle Ereignisse kritisch und liebenswürdig, witzig und spritzig behandeln konnte. Mit seinem Namen verbindet man Begriffe wie Menschlichkeit, Völkerverständigung, Gleichberechtigung und freie Entfaltung der Persönlichkeit. Selbst wenn man seine Werke nicht honoriert, sollte man diese Tatsache nicht vergessen. Vielen Dank.
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