Das Usertreffen beim Jugoslawen
Autobiografische Satire (C)1997 by Marvin C. Stahl Gestern war ich, nach vielen Jahren wieder mal, bei einem Usertreffen. Das ist eine mehr oder minder gemütlichen 'Zusammenrottung' von mehr oder minder Computer begeisterten Mit'menschen', die einen nicht unerheblichen Teil ihres Barvermögens dafür verschwenden, Dinge per Pieptöne an einen Computer zu schicken, der ihnen im Gegenzug eben- falls Pieptöne schickt, die deren Computer dann wieder in lesbaren Unsinn zurückverwandelt! Obwohl in der Wegbeschreibung des SysOps (einem Menschen der seinen Computer anderen zur Verfügung stellt, damit Computer Pieptöne miteinander austauschen können) sinngemäß stand '...nahe U-Bahnhof..', gestaltete sich der Weg zum verabredeten Treffpunkt eher mühsam... Mir gingen Film- und Buchtitel wie 'Soweit die Füße tragen...', 'Einer kam durch...', 'Wie der Stahl gehärtet wurde...' oder 'Rambo' Teil 1 bis 3 durch den Kopf, während ich meinen aerodynamisch geformten Körper (Typ: arkonidischer Kugelraumer) durch, mir unbekanntes Gebiet, das zusehends finsterer und bedrohlicher wurde, schleppte. Dann, ich hatte bereits mit meinem Leben abgeschlossen, sah ich ein Licht... nein nicht am Ende des Tunnels, sondern eine sogenannte 'Säufersonne', also die Leuchtreklame einer Gaststätte. Dort war der Treffpunkt... ich hatte es also doch geschafft! Na ja, was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. Ich nahm alle mir noch innewohnende Kraft zusammen, drückte die Klinke der Eingangstür herunter und betrat mit gespielt dynamisch-wippendem Gang das Lokal. Obwohl ich noch nie einen der User (wir erinnern uns... Leute die Pieptöne lieben) gesehen hatte, erkannte ich gleich, an welchem Tisch sie saßen. Ein Typ (sicher der 'Häuptling' des Boxsystems) und zwei total ausgemergelte Jünglinge drängten sich an einem Ende einer über- dimensionalen Tafel und waren in ein intensives Gespräch vertieft, wobei die unsteten, nervösen Blicke des 'Häuptlings' immer wieder zwischen der Tür und seinen Gesprächspartnern hin- und her wanderten. Ich begrüßte sie, setzte mich zu ihnen und bestellt mir erst einmal ein Becherchen 'Negerschweiß' (für Nicht-Berliner... Coca Cola). Der Sysop, ein bulliger, hochaufgeschossener Kerl mit stumpfem Blick und Unterarmen wie Eisenbahnschienen... ähhh... sorry, DAS war ja der Wirt... fühlte ich sichtlich wohl in meiner Gegenwart (Na ja, er ist auch ein Mensch mit überaus gutem Geschmack und schließlich setzte ICH mich ja auch neben IHN...). Wir unterhielten uns über Gott und die Welt (besonders Letzteres, so- weit es Mailboxen, User usw. angeht) und harrten der Dinge die noch kommen würden. Und sie kamen! Die nächsten beiden 'User' sahen eher aus, als wenn sie zum Jahrestreffen der 'SM-Freunde' wollten und auf diesen Zusammenkünften eher den aktiven, wie passiven Part übernehmen. Wie's mein Glück wollte, setzten sie sich natürlich neben mich... Ständig gewahr, gefesselt und geknebelt in einer düsteren Ecke zu verschwinden, konnte ich den Gesprächen nur noch halbherzig folgen. Als von meinem Nebenmann, auf die Frage des Sysops, die Antwort kam, er hätte stets seine Handschellen und eine Würgekette dabei, begann die Zigarette in meiner Hand deutlich zu zittern... Im Laufe der nächsten Stunde füllte sich unser Tisch immer mehr und die Ruhe kehrte langsam wieder zurück. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß sie mich vor so vielen Menschen fesseln und knebeln würden... aber ein Restrisiko besteht ja immer! Bei den Nachzüglern war Das, was bei keinem Usertreffen fehlen darf... die Alibifrau! Sie war klug genug, ihren Mann mitzubringen... wie ich schon schrieb... man weiß ja nie, was passieren kann! Befremdlich war jedoch, das sich zwischen ihr und dem Sysop im Laufe des Abends Dinge abspielten, die locker für eine Fortsetzung des Films '9 1/2 Wochen' dienen könnten. Na ja, vielleicht sind meine Einstellungen da etwas sehr konservativ und ältere Männer sollen sich ja immer zu jungen Frauen hingezogen fühlen... ;-) Als Letzter kam Darth Vader... dachte ich jedenfalls. Doch als er das Visier seines Helms hochklappte, war darunter ein Mensch (naja, nach- dem man den Film 'Men in Black' gesehen hat, ist man sich ja nie mehr GANZ sicher...) zu sehen. PUHHH! Glück gehabt! Das Treffen schritt voran und der Wirt klatschte jedem von uns wortlos eine Speisekarte auf den Tisch. Die stumme Message war klar 'Freßt oder sterbt!' Wer sich daran erinnert, was in den letzten Jahren in Bosnien abgelaufen ist, weiß in solcher Situation, wie er sich in einem jugoslawischen Restaurant zu verhalten hat... man bestellt und schweigt! Nach einiger Zeit kam meine Grillplatte und ich hütete mich etwas zu sagen, als mir der 2-Meter-Bulle das Essen vorsetzte und ich bemerkte, daß mich die Brandstreifen auf dem gegrillten Rindfleisch irgendwie an die britische Flagge erinnerte. So spachtelte ich tapfer mein tod- bringendes Mahl in mich hinein und betete zu allen Göttern, daß DIESES zähe Rind ausnahmsweise keinen Rinderwahn hatte. Eine weitere Steigerung meines Geisteszustands wäre zuviel für meine Mitmenschen! Das Essen war gut, reichhaltig und die Reishügelchen auf meinem Teller erinnerten mich irgendwie an Dolly Buster. Ketchup war reichlich vorhanden... was fehlte war SENF! Eigentlich fehlte der den ganzen Abend lang... (ein User, der unter den anwesenden Usern das häufige Ziel von verbalen Attacken wurde... bis er die Mailboxgemeinde verlassen mußte) Nach einiger Zeit, die Ledertypen die neben mir gesessen hatten, waren gegangen, um an einem Ritual teilzunehmen, von dem ich lieber nix Näheres wissen will, kam dann die Frage, die schon den ganzen Abend unausge- sprochen im Raum schwebte. Ein dreister, unverfrorener User zeigte mit dem Finger auf mich und fragte, wer ich eigentlich sei. Nun, bescheiden wie ich nun mal bin, hauchte ich schüchtern 'Marvin'. 'Ahhhs' und 'Ohhs' waren zu hören und die versammelte Mannschaft sank auf ihre Knie um 'IHM' zu huldigen... nachdem ich mich von dem spontanen Anflug halluzinatorischen Schwachsinns erholt hatte, wurde mein Blick wieder klarer... natürlich hatte ich das wieder mal geträumt! Es ist scheinbar so, daß ich um so besoffener werde, je mehr meine Nebenleute bechern. Der Sysop fing an die deutsche Nationalhymne, auf einer eilends improvisierten Glasorgel aus mehreren mehr oder minder leeren Biergläsern, zu spielen ("Heil mein Sysop!") und mein neuer Nebenmann säuselte andauernd bierschwanger etwas von Nutten und anderen Dingen, die ECHTE Computerfreaks NUR vom Bildschirm kennen... wahrscheinlich ein Amiga-Besitzer, denn bei denen sind diese entsprech- enden Bilder ja nicht so SCHARF zu erkennen! Kaum hatte ich mich von dem sexbesessenen Biertrinker abgewandt, fing ich vom Sysop einige Wortfetzen auf, aus denen hervorging, das es durchaus schon vorgekommen ist, daß er in Frauenkleidung auf der Straße herumgelaufen ist... Wo war ich saubere Seele DA bloß wieder hineingeraten!? So ab 23 Uhr löste sich das Treffen mehr und mehr auf und nur der harte Kern beschloß, beim Sysop weiterzumachen. Ich drang nicht weiter ein, was dieses 'Weitermachen' (wir erinnern uns an Damenkleidung tragende Sysops) näher bedeuten soll. So verabschiedete ich mich ebenfalls und ging zum Tresen, um mein Essen und meine Getränke zu bezahlen. Da die Bedienung einen Telefonanruf entgegennehmen mußte, beschloß ich, vor dem Gehen noch einmal die Toilette aufzusuchen. Vorsichtig öffnete ich die Tür einen Spalt, jederzeit darauf gefaßt, Zeuge unaussprechlicher Dinge zu werden. Zu meinem Glück lag der Raum leer und verlassen vor mir. Sichtlich erleichtert - in JEDER Hinsicht - bezahlte ich, verabschiedete mich noch einmal vom 'harten Kern' - von WEITEM - und machte mich sichtlich gestärkt auf den Rückweg zur U-Bahnstation, die ja in der 'Nähe' lag. Die Rückfahrt gestaltete sich erheblich schwieriger und abwechslungsreicher, als zu erwarten war. Aber das hat nicht direkt etwas mit dem Usertreffen zu tun und somit endet mein Bericht...

TextArchiv 7 - http://www.ta7.de