(C)Webbstar Hallo zusammen, ich sitze unheimlich gerne in der Fußgängerzone in einem Oben-ohne- Café, oben ohne Dach. Draußen also. Da schlürfe ich meine Terrine Cappuccino, lutsche an einer Zigarette und beobachte die Menschen. Das Tollste dabei ist, dass sich scheinbar alle Leute die meine Optik streifen, völlig unbeobachtet vorkommen müssen und offensichtlich glauben, sie wäre allein auf der Welt. Würden sie sich sonst derart benehmen? Der eine bohrt in seiner Nase, der nächste kratzt sich am Sack und wieder einer reibt sich die Kimme. Widerlich. Keine Kultur. Auch die sonst so despektierlich erscheinende Damenwelt nimmt sich in dieser Disziplin nicht viel weniger raus. Hier wird das Mieder zurecht- gerückt, dort kneift der Renngürtel (BH) und hier zwickt eine Schnalle. Alles scheint zu passen, nur nicht der Person die drin steckt. Tja... Ok, wenn ich alleine bin tue ich das alles auch, bis auf die Kimme. Die wird täglich geduscht. Aber im Freien? Na ich weiß nicht. Der eine po- pelt sich den Rest des Fischbrötchens aus den gelben Zähnen, der Nä- chste schlabbert sich mit der Zunge sein Softeis von der Jacke und wie- der einer wischt sich mit dem Tempo den Senf der Bratwust vom Revers. Das Tempo sieht nicht so aus, als hätte man es noch nie benutzt. Es wurde von Mutti aus der untersten Sole ihrer Handtasche gezaubert, dort wo auch die schon angebrochenen Mayonnaisetübchen und Kon- densmilchdöschen zuhause sind, von den Zuckerstückchen mit dem Sternzeichen ganz zu schweigen. Jetzt verreibt man den Inhalt des voll gerotzten Papiertaschentuchs mit dem Senf an der Jacke. Natürlich wird das Taschentuch vorher noch einmal kräftig angespuckt, sonst bringt?s ja nichts. Wenn der Typ mit der Jacke vorher noch nie einen Orden besaß, jetzt hat er ei- nen. Zu aller letzt fährt man noch ein paar Mal mit dem Handrücken über die Baustelle und alles scheint wieder im Lot. Aus zehn Metern Entfernung jedenfalls. Dann kommt ein junges Ehepaar mit Nachwuchs im Buggy vorbei. Das Kind spuckt den Schnuller aus und der landet direkt auf dem Kopfstein- pflaster der Fußgängerzone. Dort hätte erst vor ein paar Stunden ein Hund hingeschissen oder gepinkelt haben können. Egal. Die junge Mut- ter greift bückend nach dem Stillmacher und schiebt ihn sich selbst erst ein paar Mal kräftig in den Schnassel. Dann - jetzt schließlich sauber ? steckt sie das Teil wieder in die größte Körperöffnung des plärrenden Kindes. Würg. Mahlzeit. Auch diese barocken Erscheinungen bleiben mir nicht unentdeckt. Einhundertundfünfundzwanzig keuchende Kilos zwängen ihre Gehs- äulen in eine Radlerhose die so eng ist, das der Rest der unteren Extremitäten in die Waden gepresst werden und man jeden europä- ischen Fluss von Ost nach West als Krampfader abgezeichnet sieht. Darüber tragen die holden Kampfsaurier flatternde Blusen im Neonlook, die oberen drei Knöpfe bleiben selbstverständlich offen, damit der Blick des Betrachters sich auf den wogenden Balkon konzentriert und vom Rest der Matrone nicht mehr viel wahr nimmt. Aber das ist alles Vererbung, das hat mit Übergewicht nichts zu tun. Schwere Knochen und eine Störung der Drüsen. Sagt ja auch mein Frisör, na und der muss es doch wissen. Von den 4 Pizzen, den 2 Tüten Chips, Flips und Dipps, den 8 Ham- burgern und der kleinen Portion Schlagsahne, kann es doch wirklich nicht kommen. Ja und dann waren da auch noch die Schwangerschaften. Da bleibt immer das eine und andere Kilo hängen. Sieht man doch im Moment auch bei 'Glasschneiderstimme' Verönchen. Ganze a c h t Kilo hat sie (noch) zuviel auf den Rippchen, die Ärmste. Gebissträger nehmen ungeniert ihre Schublade aus dem Hals und spü- len sie nach dem Genuss eines Döners unter einem Wasserstrahl des Brunnens, der in der Mitte der Fußgängerzone sein Dasein fristet, ab. Jetzt erst schmeckt mir mein Capuccino besonders gut und zum Glück hat das alles ja keiner gesehen. Außer mir.
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