Bridge und Schach werden auf der ganzen Welt nach einheitlichen Regeln gespielt. Im Vergleich zum mehrere Jahrhunderte alten Schach ist das Bridge in seiner heutigen Form verhältnismäßig jung; denn Kontrakt-Bridge gibt es erst seit dem Jahre 1925. Die Wurzeln des Bridge reichen allerdings weit zurück.
Der Vorläufer des Bridge war das Whist, das etwa seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in England gespielt wurde. Man teilte 52 Karten aus und drehte die letzte Karte um, die automatisch die Trumpffarbe bestimmte. Der Spieler zur Linken des Teilers spielte an; einen Dummy gab es nicht. Wie beim heutigen Bridge spielten die sich gegenüber sitzenden Spieler zusammen. Für jeden Stich wurden 50 Punkte gutgeschrieben. Trotz (oder besser wegen?) seiner Einfachheit erfreute sich das Spiel in England großer Beliebtheit. Es gab hunderte von Büchern über Whist. In vornehmen Londoner Clubs, wie dem Crockford's oder dem Graham's, wurde Whist um enorm hohe Einsätze gespielt. Bridge-Whist (Straight-Bridge)
Der genaue Ursprung des Bridge lässt sich nicht zurückverfolgen. Es
ist in sehr vereinfachter Form etwa in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts in Russland, Frankreich, der Türkei und Griechenland
gespielt worden und war eine Mischung aus Whist und dem russischen
Spiel »Vint«. Nach anderen Quellen wurde es unter dem Namen »Khedive«
an der französischen Riviera gespielt. Schon um 1860 soll in
Griechenland und etwas später in Konstantinopel ein bridgeähnliches
Spiel in Mode gewesen sein.
1893 wurde das neue Spiel unter der Bezeichnung »Bridge-Whist« in New
York bekannt. Im Gegensatz zum Whist blieb nach dem Austeilen die
letzte Karte verdeckt. Nach dem Ausspiel legte der Dummy sein Blatt
auf. Die Spielregeln ließen bereits einen Ansatz zur Reizung erkennen:
Der Teiler bestimmte die Trumpf-Farbe oder wünschte, dass Sans-Atout
gespielt wurde, wobei er seine Entscheidung auch dem Partner
übertragen konnte (englisch: he "bridged" the decision to his
partner). Es wurde nicht festgelegt, wie viele Stiche eine Partei
erzielen musste. Die Gegner hatten die Möglichkeit, Kontra zu geben.
Der Spieler, der Atout bzw. Sans-Atout bestimmt hatte, durfte
rekontrieren. Für kontrierte Stiche wurden 100, für rekontrierte 200
Punkte gutgeschrieben. Damals durften Kontra und Rekontra noch ad
infinitum fortgesetzt werden, wodurch ein pokerähnlicher Einschlag in
das Spiel kam - sehr zum Missfallen vieler konservativer
Whist-Anhänger.
Lord Brougham führte das Bridge-Whist im Jahre 1894 mehr durch einen
Zufall in der Hochburg des Whist, dem ehrwürdigen Londoner
Portland-Club, ein. Er kam von einer Reise aus Südfrankreich zurück,
wo er Bridge (Khedive) gespielt hatte. Beim Austeilen unterließ er es
versehentlich, die letzte Karte umzudrehen. Von seinen Whist-Freunden
auf seinen Irrtum aufmerksam gemacht, entschuldigte er sich damit, er
habe geglaubt, Bridge zu spielen. Diese Bemerkung erregte die
Neugierde seiner Mitspieler. Er erklärte die Regeln des neuen Spiels,
und zur Probe wurde eine Partie gespielt. Bald erfreute sich das neue
Spiel wachsender Beliebtheit und begann, eine ernsthafte Konkurrenz
für das althergebrachte Whist zu werden. Eingefleischte Whist-Spieler
ließen sich anfänglich nur zögernd zum neuen Spiel bekehren, da ihnen
Whist deswegen wissenschaftlicher erschien, weil hier alle vier Hände
verdeckt waren. Bald stellte sich jedoch heraus, dass dies ein Irrtum
war; denn das Auflegen des Dummy schuf für ungezählte Konstellationen
Klarheit, wo Whist-Spieler bisher blind raten mussten, und förderte
das Analysieren der im Bridge steckenden mannigfachen Möglichkeiten.
Schon wenige Jahre später waren die meisten Whist-Spieler mit
fliegenden Fahnen zum neuen Bridge-Whist, auch Straight-Bridge
genannt, übergegangen.
Auction-Bridge
Eine neue Variante des Spiels soll am Anfang des 20. Jahrhunderts in
Indien erfunden worden sein, als drei englischen Kolonialbeamten auf
einem einsamen Verwaltungsposten der vierte Mann zum Bridge-Whist
fehlte. Sie spielten zu dritt, legten das Blatt des Vierten offen und
begannen eine Art Versteigerung des "Strohmannes". Wer das höchste
Gebot abgab, hatte damit die Trumpf-Farbe (oder Sans-Atout) bestimmt
und durfte mit den ersteigerten Karten zusammenspielen. Die Idee des
Dummy und der Reizung war geboren. Oswald Crawford veröffentlichte im
Januar 1903 einen Artikel in der Londoner "Times", in dem er
"Auction-Bridge für drei Spieler" beschrieb. Der Artikel erregte
Aufsehen, und schnell fand man in England und in den Vereinigten
Staaten auf Grund von Versuchsspielen heraus, dass sich diese Art der
Versteigerung (Auction) auch zu viert spielen ließ. Bereits 1904
wandten sich die besten Spieler dem neuartigen Spiel zu. 1907 fand
Auction-Bridge Eingang in den berühmten Portland-Club und eroberte in
der Folgezeit auch die übrigen großen Clubs in England und den
Vereinigten Staaten. Etwa im Jahre 1910 hatte Auction-Bridge das
Bridge-Whist an Beliebtheit übertroffen.
Man spielte Auction-Bridge nach folgenden Regeln: Alle vier Spieler
nahmen an der "Versteigerung" teil. Wer das höchste Gebot abgegeben
hatte, wurde Alleinspieler und spielte auch die Hand des Dummy. Für
jeden Stich über dem "Buch" gab es in Treff 6, in Karo 7, in Coeur 8,
in Pik 9 und in Sans-Atout 10 Punkte. Für ein volles Spiel brauchte
man 30 Punkte. Schon damals waren also 9 Stiche in Sans-Atout, 10
Stiche in den Edelfarben und 11 Stiche in den Unterfarben
Voraussetzung für die Partie. Es bestand jedoch ein wesentlicher
Unterschied zum späteren Kontrakt-Bridge: Die vollen Spiele brauchten
nicht ausgereizt zu werden. Wer also "1 Pik" mit drei Überstichen
gewann, hatte bereits Partie gemacht. Eine Partie konnte auch "auf
Raten" erzielt werden, vorausgesetzt natürlich, dass nicht die Gegner
inzwischen ihrerseits eine Partie erreicht hatten. Zwei Partien
ergaben den Rubber, der mit einer Prämie von 250 Punkten belohnt
wurde. Machte der Spieler 12 oder sogar 13 Stiche, erhielt er die
geringfügige Schlemmprämie von 50 bzw. 100 Punkten - verständlich,
weil es kein Heldenstück ist, z. B. »2 Karo* zu reizen und mit vier
oder gar fünf Überstichen zu erfüllen.
Unterstiche zählten 50 Punkte (kontriert 100, rekontriert 200). Für
einen kontriert erfüllten Kontrakt gab es 50 Punkte extra, die Punkte
für die gereizten Stiche wurden verdoppelt und die kontrierten
Überstiche mit je 50 vergütet. Beim Rekontra wurden die Gutschriften
abermals verdoppelt (auch die Extraprämie von 50!). Für die Honneurs
(Bilder) im Trumpf-Kontrakt bzw. die Asse im Sans-Atout-Kontrakt gab
es verhältnismäßig hohe Prämien:
3 Honneurs (Asse) = 30 Punkte;
4 Honneurs (Asse), verteilt = 40 Punkte;
5 Honneurs, verteilt = 50 Punkte;
4 Honneurs in einer Hand = 80 Punkte;
4 Honneurs in einer Hand, wenn der Partner das fehlende Honneur hält,
= 90 Punkte;
4 Asse in einer Hand = 100 Punkte;
5 Honneurs in einer Hand = 100 Punkte.
Nach einer anderen Zählung wurden 4 Honneurs in einer Hand mit dem
Achtfachen des Wertes der Trumpf-Farbe bewertet; hielt der Partner das
fehlende Honneur, wurde mit 9 multipliziert. Bei 5 Honneurs in einer
Hand wurde das Zehnfache des Wertes der Trumpf-Farbe gutgeschrieben.
Im englischen Auction-Bridge (auch in Deutschland) bestand die dem
heutigen Bridge-Spieler kurios erscheinende Regel, dass Höherbieten
möglich war, wenn die neue Ansage mehr Punkte zählte. So konnten "3
Treff" (18 Punkte) mit "2 Sans-Atout" (20 Punkte) überboten werden. In
den Vereinigten Staaten galt diese Regel nicht; hier entschied - wie
im heutigen Kontrakt-Bridge - die Bietstufe, also die Zahl der
angesagten Stiche, und innerhalb der Bietstufe der Rang von Farbe oder
Sans-Atout.
Kontrakt-Bridge
Obwohl das Auction-Bridge eine wesentliche Weiterentwicklung des
Bridge-Whist gebracht hatte, ließ es noch viele Wünsche offen: Es
begünstigte die Seite mit guten Karten, die nichts weiter zu tun
brauchte, als auf einer niedrigen Bietstufe den Kontrakt zu
ersteigern, um dann ohne riskantes Hochreizen die Prämie für Stiche,
Honneurs, Schlemm und Rubber zu kassieren.
Etwa um 1915 entstand in Frankreich die Idee des Plafond-Bridge: Um
ein volles Spiel zu erreichen, musste es auch angesagt werden. Die
Karten mussten also bis zu ihrer Obergrenze ausgereizt werden (Plafond
= franz. Zimmerdecke; im übertragenen Sinne: Begrenzung nach oben
hin), wenn die Spieler nach zwei angesagten Partien in den Genuss der
Rubber-Prämie kommen wollten. In den Vereinigten Staaten haben
Mitglieder des New York Whist-Club Card-Committee in den Jahren 1917
und 1920 zweimal vergeblich versucht, die Plafond-Idee in die Regeln
des Auction-Bridge einzubauen. Sie ließen den Gedanken deswegen wieder
fallen, weil sie das Spiel nicht zu sehr komplizieren und damit seiner
Beliebtheit schaden wollten.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich Whist, Bridge-Whist, Auction- und
Plafond-Bridge langsam von Stufe zu Stufe weiterentwickelt, wie es bei
Kartenspielen normalerweise üblich ist. Die einzelnen Erfindungen
Dummy, Reizung, Plafondidee etc.) können keinem bestimmten geistigen
Urheber zugeschrieben werden.
Harold S. Vanderbilt, einem Exponenten der amerikanischen Hochfinanz,
blieb es vorbehalten, mit einem großen Wurf das moderne
Kontrakt-Bridge ins Leben zu rufen. Im Herbst 1925 schuf er, begabt
mit einem untrüglichen Sinn für die Mechanik des Geldes, der Chancen
und Risiken, eine Skala von Gutschriften und Minuspunkten, die so fein
ausbalanciert war, dass sie bis auf einige sehr geringfügige
Änderungen heute noch gültig ist. Vanderbilt vereinigte die
Grundprinzipien von Auction- und Plafond-Bridge, vereinfachte die
bislang übliche Skala durch Umstellung auf glatte Zehnerbeträge
(lediglich die Stiche im Sans-Atout zählten je 35 Punkte; bald wurden
jedoch der erste Stich mit 40 und die folgenden mit je 30 Punkten
bewertet), erhöhte die Belohnungen für die einzelnen Stiche und die
Rubber-Prämie, führte als wesentliche Neuerung hohe Prämien für
ausgereizte Klein- und Großschlemms ein, steigerte die Strafen bei
kontrierten Unterstichen und schuf den Begriff der Gefahrenzone, bei
der die Nichterfüllung eines Kontraktes für die kurz vor dem Rubber
stehende Partei mit erhöhten Risiken verbunden ist. Durch diese Skala
wurden Elemente wie etwa "Verteidigendes Bieten" oder
"Wissenschaftliche Schlemmreizung" neu in das Bridge eingeführt.
Vanderbilt testete seine neue Bewertungsskala mit drei Freunden auf
einer inzwischen historisch gewordenen Seereise von Los Angeles nach
Havanna an Bord des Passagierdampfers "Finland". Die neue Skala
bestand den Test glänzend. Vanderbilts Freunde und er waren fasziniert
von den mannigfachen neuen Varianten, um die das bisherige
Auction-Bridge bereichert worden war. Zurück von der Seereise gab
Vanderbilt einige Kopien seiner Bewertungsskala an Auction-Bridge-
Freunde. Obwohl er sonst nichts tat, um das Kontrakt-Bridge populär zu
machen, verbreitete sich die Neuigkeit seiner Erfindung wie ein Lauffeuer.
Kontrakt-Bridge fand begeisterte Aufnahme und löste Auction-Bridge ebenso
schnell ab wie dieses Bridge-Whist bzw. vorher Bridge-Whist das alte Whist.
Bereits zwei Jahre später wurden die neuen Regeln kodifiziert.
Vanderbilts Kontrakt-Bridge?Skala hatte es erforderlich gemacht, die
goldene Mitte zwischen einem unterreizten, zwar sicheren, aber niedrig
prämierten Kontrakt und einem in der trügerischen Hoffnung auf eine
große Prämie hasardierten, zu hohen Kontrakt zu finden. Die primitive
Methode der Versteigerung des Auction-Bridge musste durch einen
wesentlich verfeinerten "Dialog" der Partner ersetzt werden, um den
optimalen Kontrakt zu erreichen.
Bietsysteme schossen wie Pilze aus dem Boden, eine Unzahl neuer
Konventionen wurde geboren, es herrschte auf dem Gebiete der Reizung
eine fast babylonische Sprachverwirrung, die von den Experten noch
dadurch vermehrt wurde, dass sie ihre Bücher mit ihrem System
(natürlich dem besten, erfolgreichsten, logischsten etc.) anpriesen.
Pressestimmen zu Beginn der Dreißigerjahre: "Jeder reizt verschieden;
voneinander abweichende Konventionen haben aus einem netten,
freundlichen Abend eine Hölle der Missverständnisse gemacht."
(Saturday Evening Post) ? "Pariser Modeschöpfer könnten nicht
erfindungsreicher sein als die Meister des Kontrakt-Bridge, die immer
dann durch neue Konventionen das Publikum überraschen, wenn es sich
gerade mit den alten vertraut gemacht hat." (Outlook and lndependent)
Das Wettrennen um die Gunst der Massen gewann Ely Culbertson. 1891 in
Rumänien als Sohn eines amerikanischen Ölingenieurs und einer Russin
geboren, lebte er seit 1921 in New York und verdiente seinen
Lebensunterhalt durch Kartenspiel (Poker, Bridge u. a.). 1923
heiratete er Josephine Dillon geb. Murphy, die erfolgreichste und
höchstbezahlte Bridge-Lehrerin in New York. Als in der zweiten Hälfte
der zwanziger Jahre das neue Kontrakt-Bridge das bisherige
Auction-Bridge zu verdrängen begann, sah er seine Chance, sich gegen
die etablierten Autoritäten des Auction-Bridge durchzusetzen und groß
ins Geschäft zu kommen. Sein auf lange Sicht angelegter Plan war, ein
dogmatisch gut aufgebautes, leicht verständliches und wirksames
Bietsystem zu schaffen, ein Bridge-Magazin zu gründen, ein Bridge-Buch
als die "Bibel" der Bridge-Enthusiasten zu veröffentlichen, eine
Organisation professioneller Bridge-Lehrer ins Leben zu rufen und sich
und seine Frau zu von Legenden umwobenen Stars aufzubauen.
Culbertson hat alle seine Ziele erreicht. Sein Bietsystem, das sog.
Approach Forcing System, war eine vernünftige und übersichtliche
Zusammenstellung verschiedener Grundprinzipien und Konventionen.
Schwerpunkte: Ansage bietfähiger Viererfarben, die Suche nach dem
besten Farb-Fit hatte den Vorrang vor Sans-Atout-Geboten, starke
Sans-Atout-Eröffnung, forcierende Zweier-Eröffnungen, Bewertung nach
Honour-Tricks. Dieses System unterschied sich an Zusammenstellung und
Güte kaum von vielen anderen, die damals am Markte waren. Entscheidend
war für Culbertson, ob er das System durch aufsehenerregende Erfolge
populär machen konnte. Eine erste Gelegenheit bot sich, als er
zusammen mit seiner Frau und den Bridge-Experten Waldemar von Zedtwitz
und Theodore Lightner im September 1930 nach England fuhr, um ein
Herausforderungs-Match gegen Colonel Buller und sein englisches Team
zu spielen. In seiner Schiffskabine beendete Culbertson die letzten
Kapitel seines "Contract Bridge Blue Book", dessen Erfolg oder
Misserfolg weitgehend von dem Kampf gegen das Buller-Team abhing.
Das Match fand unter idealen Bedingungen für Publicity statt.
Englische und amerikanische Tageszeitungen berichteten ausführlich,
Trauben von Kiebitzen umlagerten den Bridge-Tisch. Die Engländer
führten zu Beginn knapp, doch das Blatt wendete sich, als Colonel
Buller in einem völlig überreizten Kontrakt für ?1400 down ging. Die
demoralisierten Engländer konnten sich von diesem Schock nicht mehr
erholen und verloren schließlich mit über -4800 Punkten. Culbertson
feierte den Sieg als großen Erfolg seines Systems. Buller antwortete
verdrossen: "Culbertson, der die allen guten Kartenspielern längst
bekannten Konventionen und Kniffe zusammengestohlen hat, kommt zu uns
und präsentiert das Ganze als sein System."
Unbeeindruckt hiervon machte Culbertson in der von ihm im Oktober 1929
gegründeten Monatszeitschrift "Bridge World" für sein System
Propaganda und wies auf die nationale Notwendigkeit hin, dieses System
in einem Buch der amerikanischen Bridge-Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Auf diese Weise glänzend vorbereitet wurde das "Blue Book" ein
Bestseller.
Culbertsons großer Erfolg ließ die führenden amerikanischen Experten
nicht ruhen, die sich ernste Sorgen um die Absatzchancen ihrer Bücher
machten. Sie gründeten 1930 die "Bridge Headquarters" als eine
Anti-Culbertson-Bewegung und vereinigten ihre sehr unterschiedlichen
Systeme zum "0fficial System" in der Hoffnung, ein wirksames
Gegengewicht gegen Culbertsons "Approach Forcing System" geschaffen zu
haben. Führende Mitglieder dieser Gruppe waren Milton C. Work
(Erfinder der 4-3-2-1-Punkte-Skala), Sidney S. Lenz, Wilbur C.
Whitehead und Winfield Liggett jr. Schwerpunkte des Systems:
Punktzählung bei Sans-Atout-Eröffnungen, Zwei-Treff-Eröffnung als
konventionelles einziges Forcing zur Partie und Zwischenschaltung
eines Gebotes auf der Zweierstufe, wenn der Partner des Eröffners
einen Edelfarb-Fit hält, der zu gut für eine einfache Hebung, aber
nicht stark genug für volles Spiel ist.
Culbertson ergriff die Flucht nach vorn: Er forderte den Exponenten
der Gegenbewegung, Sidney S. Lenz, 1931 zu einem Match heraus. Nach
langen Verhandlungen über die Austragungsbedingungen begann der Kampf
im Dezember 1931, als das Interesse der Bridge-Öffentlichkeit auf dem
Höhepunkt war. Der "Bridge-Kampf des Jahrhunderts" wurde in New York
über eine Distanz von 150 Rubbern ausgetragen. Culbertson spielte über
die Hälfte der Rubber mit seiner Frau und die übrigen mit Theodore
Lightner, Waldemar von Zedtwitz, Howard Schenken und Michael Gottlieb.
Lenz? Partner war über zwei Drittel der Distanz Oswald Jacoby, später
Winfield Ligett jr. Culbertson hatte 5000 $, Lenz 1000 $ eingesetzt;
das Geld sollte nicht dem Sieger, sondern einer
Wohltätigkeitsorganisation zufließen.
Das Match fand gewaltigen Widerhall in der gesamten amerikanischen
Presse, die auf den ersten Seiten lange Berichte brachte. Lenz und
Jacoby begannen überzeugend. Nach 27 Rubbern lagen die Culbertsons
über 7000 Punkte zurück, aber sie gaben nicht auf und kämpften
verbissen. Langsam zerbröckelte die Partnerschaft Lenz - Jacoby. Im
103. Rubber kritisierte Lenz seinen Partner in scharfer Weise. Jacoby
stand auf und ging. Lenz spielte mit Ligett weiter. Nach 150 Rubbern
hatte Culbertson seinen Gegner mit 8980 Punkten geschlagen. Bridge war
populär wie nie zuvor und wurde zur Freizeitbeschäftigung der
amerikanischen Massen. "Bridge Headquarters" lösten sich auf, das
"0fficial System" hatte keine Chance mehr auf Erfolg in der
Bridge-Öffentlichkeit; der Weg für Culbertson war frei. Er war "im
Geschäft". Ganze Zeitungsketten brachten die Bridge-Artikel, die er
und Josephine, später auch sein bezahlter Mitarbeiterstab unter seinem
Namen schrieben. Für Rundfunksendungen erhielt er 10.000 $ pro Woche.
Culbertsons enorme Popularität hatte ihren Grund nicht nur in seinen
großen Fähigkeiten als Spieler und Autor, sondern auch darin, dass er
es mit psychologischer Meisterschaft verstand, sich zum Star
aufzubauen. Durch seinen Presseagenten Benjamin Sonnenberg ließ er
überraschende Einzelheiten aus seinem Leben verbreiten, z. B. dass er
im Kaukasus aufgewachsen sei und mit professionellem Kartenspiel eine
Gruppe von Revolutionären finanziert habe; seine Geliebte sei ermordet
worden, wegen eines Mordanschlags auf den Gouverneur habe er im
Gefängnis gesessen, in den Vereinigten Staaten sei er von den
Universitäten Ale und Cornell relegiert worden, er habe in Mexiko bei
einer Revolution mitgekämpft, später in Paris an der Sorbonne
studiert, sich schließlich in den Vereinigten Staaten niedergelassen,
um in Greenwich Village Bridge um hohe Einsätze zu spielen, wobei er
ständig 15 im Kaukasus lebende Verwandte finanziell unterstützte.
Diese Mischung von Fakten und Fiktion verfehlte ihre Wirkung auf das
Publikum nicht. Culbertson erzählte den Reportern, dass er nur
Gefrierfleisch esse, eigens für ihn importierte Zigaretten zu 7 Cent
das Stück rauche und seinen Tee stets mit Kaviar nehme. Er war eine
schillernde Persönlichkeit und pflegte einen verschwenderischen
Lebensstil. An einem Tag, so erzählt man, kaufte er bei Sulka's, einem
der teuersten Geschäfte der Fifth Avenue, seidene Hemden für 5.000 $.
Als er sich 1934 ein Düsenberg-Automobil kaufte, verschenkte er seinen
bis dahin gefahrenen Rolls-Royce. Viele Jahre unterhielt er in
Ridgefield ein Haus mit 45 Zimmern, Gärten mit Teichen,
Orchideentreibhäusern und einem großen Swimmingpool. Culbertson schuf
dieses Image aus Gründen der Publicity. Tatsächlich bewohnte er in dem
Riesenhaus nur einen Raum, der mit einem Tisch und einem Feldbett
spartanisch eingerichtet war. Hier arbeitete er, wobei er die meiste
Zeit schrieb oder ruhelos auf- und abging und intensiv nachdachte. Als
ihn im Jahre 1933 ein Reporter fragte, wie er die anderen
Bridge-Autoritäten überflügelt habe, antwortete er: "lch stand
frühmorgens auf und fing gleich mit der Arbeit an."
In der frühen Mitte der Dreißigerjahre stieg ein neuer Stern am
Bridge-Himmel auf: P. Hal Sims. Er war ein hervorragender Spieler, ein
glänzender Psychologe, schon äußerlich beeindruckend durch seinen
mächtigen Körperbau. Er hatte ein eigenes Bietsystem veröffentlicht
und gewann viele Bridge-Turniere. In sein großes Haus kamen zahlreiche
Bridge-Gäste, mit denen er sehr erfolgreich um hohe Einsätze
Rubber-Bridge spielte. Er war praktisch ein neuer Culbertson im
Großformat. Culbertsons Ruhm drohte zu verblassen. Er handelte
schnell: In seiner "Bridge World" und im Rundfunk verbreitete er, dass
er und Josephine bereit wären, gegen jedermann ein Match zu spielen.
Sims biss an und forderte Culbertson heraus, der mit Vergnügen annahm.
Im März und April 1934 spielten Sims und seine Frau Dorothy ein Match
über 150 Rubber gegen die Culbertsons. Der Kampf fand zwar nicht ganz
das enorme Interesse wie die Culbertson-Lenz-Begegnung, wurde jedoch
weithin beachtet. Presse und Rundfunk berichteten ausführlich;
Culbertson und Sims gaben persönliche Radiokommentare zum Stand des
Matches und zu den interessantesten Händen. Es war zwar nicht der
Kampf des Jahrhunderts, aber die bereits bestehende große
Bridge-Begeisterung in Amerika wurde noch einmal neu entfacht. Die
Culbertsons waren stärker und siegten überlegen mit 16.130 Punkten.
Sims verlangte Revanche, aber Culbertson lehnte ab.
Kurze Zeit später wurde Culbertson von einem Team hervorragender
Spieler, den "Four Aces" (David Bruce, Richard Frey, Oswald Jacoby und
Howard Schenken), in typisch Culbertson'scher Manier herausgefordert:
Sie boten Ely und Josephine 5.000 Punkte Vorgabe über eine Distanz von
300 Rubbern und setzten 10.000 $ ein, die für eine Wohltätigkeits-
einrichtung bestimmt waren; die Culbertsons durften ohne Einsatz
spielen. Die Herausforderer wollten ihr neues Buch "The Four Aces
System of Contract Bridge" durch einen Sieg über die Culbertsons
zum Bestseller machen. Culbertson ließ die "Four Aces" ins Leere
laufen und lehnte - geschickt, wenn auch nicht fair - die
Herausforderung ab. Das Buch wurde kein finanzieller Erfolg. Nur einer
profitierte: Ely Culbertson. Er hatte nämlich mit einem Mitglied der
Four Aces um 1.500 $ gewettet, dass weniger als 10.000 Buchexemplare
verkauft würden.
Culbertson war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Seine Bücher waren
sämtlich Bestseller. Die wichtigsten: "Contract Bridge Blue Book",
1930; "Culbertson's Self-Teacher", 1933; "Red Book on Play", 1934;
"The Gold Book Contract Bridge Complete", 1936. Seine
Bridgelehrer-Organisation (Culbertson National Studios) hatte bis zu
6.000 Mitgliedern. Zukünftige Bridgelehrer wurden mit Culbertsons
System vertraut gemacht; nach ihrem Abschlussexamen bekamen sie ein
Diplom, das sie dazu berechtigte, sein System zu lehren. Die "Bridge
World Inc." brachte nicht nur das Magazin heraus, sondern stellte auch
alle möglichen Bridge-Artikel einschließlich der recht teuren
"Kem"-Spielkarten aus abwaschbarem Plastikmaterial her. 1937 musste
die Gesellschaft von ihren Gewinnen 220.000 $ an Culbertson abführen.
Um 1938 begann Culbertson das Interesse am großen Bridge zu verlieren.
In Europa stand der Krieg vor der Tür; Culbertson beschäftigte sich
mehr und mehr mit Politik. 1938 (nach anderen Quellen bereits im Jahr
zuvor) wurden die Culbertsons auf Josephines Wunsch geschieden,
blieben jedoch als Geschäftspartner bis an ihr Lebensende verbunden.
Culbertson hatte hohe laufende Einnahmen, u. a. aus den unter seinem
Namen in Zeitungen und Bridge-Magazinen erscheinenden Artikeln, die er
durch seinen Mitarbeiterstab schreiben ließ. 1952 erschien) "Point
Count Bidding"; Culbertson hatte, dem Trend folgend, seine
Honour-Trick-Bewertung auf die leichter fassliche Punktrechnung
umgestellt. Turnierbridge spielte Culbertson schon seit 1937 nicht
mehr; er blieb jedoch zeitlebens dem Rubber-Bridge um hohen Einsatz
treu. In seinen letzten Jahren litt er unter einem Lungenemphysem.
1955 starb er an den Folgen einer gewöhnlichen Erkältung, die ihm
wegen des angegriffenen Zustandes seiner Lungen zum Verhängnis wurde.
Seine frühere Frau überlebte ihn nur um ein knappes Jahr; sie starb an
einem Hirnschlag.
Culbertsons Verdienst um das Bridge ist unbestreitbar: Er war der
Wegbereiter für Vanderbilts geniale Verbesserung des nicht sonderlich
interessanten Auction-Bridge. Ohne ihn wäre Bridge in den
Dreißigerjahren in Amerika und anderen Ländern kaum so populär
geworden. Vanderbilts Erfindung fand in Culbertson ihren Promotor,
ihren Werbefachmann, der seinen sechsten Sinn für Publicity
erfolgreich für seine eigenen finanziellen Interessen einsetzte und
damit gleichzeitig der enormen Verbreitung des Bridge diente.
Culbertson hat einen Nachfolger gefunden, der ihn an finanziellem
Erfolg noch überflügelte: Charles H. Goren, geb. 1901 in Philadelphia.
Ursprünglich wollte er Rechtsanwalt werden und studierte Jura an der
McGill Universität. Seine erste Begegnung mit dem Bridge war reiner
Zufall: Er hatte sich in eine hübsche Studentin verliebt und ihr, um
eine Nachmittagseinladung zum Bridge annehmen zu können,
vorgeschwindelt, er spiele Bridge. Es wurde ein Desaster; denn Goren
blamierte sich vor seiner Angebeteten bis auf die Knochen. Er schwor
sich, ihr erst dann wieder unter die Augen zu treten, wenn er das
Spiel beherrschen würde. In den Semesterferien kaufte er sich ein
Bridge-Buch und lernte es praktisch auswendig. Bei Beginn des neuen
Semesters brannte er darauf, sich zu rehabilitieren, aber "Sie" wollte
ihn nicht einmal wiedersehen. Diese Episode wurde bestimmend für
Gorens Leben: Er blieb Junggeselle und verschrieb sich dem Bridge.
Zwar bestand er seine Examina und übte für eine Reihe von Jahren den
Anwaltsberuf aus, wechselte 1936 aber ganz zum professionellen Bridge
über.
Goren und Culbertson waren grundverschieden. Culbertson war eine
schillernde Persönlichkeit; er wusste seine Leistung und sein Können
glänzend zu verkaufen und brachte einen Hauch des Starkultes von
Hollywood und der Atmosphäre großer Boxkämpfe in das Bridge. Goren
setzte auf Solidität, auf erstklassige Leistung, die sich ohne viel
Reklame über kurz oder lang durchsetzen musste. Beide hatten ihre
Erfolge zu ihrer Zeit. Culbertson faszinierte die Massen, die noch
unter dem Eindruck der Hektik der "Roaring Twenties" und des Schwarzen
Freitags an der Wallstreet standen; Goren überzeugte seine immer
größer werdende Anhängerschaft in der ernsten Kriegs- und
Nachkriegszeit durch die Qualität des Gebotenen. Goren beeindruckte
vor allem auf zwei Gebieten: Einmal war er ein sehr erfolgreicher
Turnierspieler. 1936 arbeitete die American Contract Bridge League ein
Master-Punkt-System aus und setzte die zwölf führenden
Bridge-Autoritäten der damaligen Zeit zu Life-Mastern ein. Goren war
in Bridge-Turnieren so erfolgreich, dass er bald auf die erforderliche
Punktzahl von 300 kam und 13. amerikanischer Life-Master wurde. Wenig
später lernte er eine der stärksten Spielerinnen der Welt kennen,
nämlich Helen Sobel. Zusammen mit ihr und anderen Partnern gewann er
ungezählte Turniere. 18 Jahre lang, nämlich von 1944 bis 1962, führte
er ununterbrochen die amerikanische Master-Punkt-Liste an, eine in den
Vereinigten Staaten wohl kaum zu wiederholende Leistung.
Zum anderen waren sein System und seine Bücher mindestens ebenso
erfolgreich wie die Culbertsons. Goren war der geborene Pädagoge und
verstand es meisterhaft - besser noch als Culbertson - eine so
schwierige Materie wie Bridge den breiten Massen in leicht
verständlicher Form beizubringen. Er stellte das Culbertson-System,
das mit ganzen und halben Honour-Tricks rechnete, auf Milton Works
Punkte-Skala 4-3-2-1 um und führte zur Blattbewertung bei
Farbkontrakten mit Unterstützung des Mathematikers William M. Anderson
Korrekturen für Chicanes, Singletons, Doubletons, blanke Figuren,
4-3-3-3 Verteilungen, Hände mit allen vier Assen etc. ein. Er hatte
erkannt, dass das breite Publikum sich feste Regeln nach der
Punkte-Skala leicht einprägen kann, hingegen eine Abneigung gegen die
Bruchrechnung hat. Sein Stil war lebendig, leicht fasslich und
humorvoll; er sprach den Leser an. Das Bridge gewann dank Goren in den
Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg viele neue Anhänger; es sprach sich
herum, dass absolute Anfänger schon kurze Zeit nach dem Durchlesen
eines Goren-Buches durchaus passabel Bridge spielen konnten. Sein
System wurde deshalb von Millionen in Amerika und anderen Ländern
begeistert aufgenommen. Immer mehr bedeutende Zeitungen brachten seine
Bridge-Artikel. Die Zahl der bis heute von ihm verkauften Bücher
schätzt man auf über acht Millionen. Goren gilt in den Staaten als
"Mister Bridge"; er hat die Popularität des Spiels noch einmal
erheblich gesteigert, nachdem einige Jahre nach Culbertsons großen
Erfolgen das Interesse etwas nachgelassen hatte.
Vanderbilt, Culbertson und Goren sind die Wegbereiter des
Kontrakt-Bridge, das inzwischen in der ganzen Welt eine begeisterte
Anhängerschaft gefunden hat, die auf ungefähr 60 Millionen
Bridge-Spieler geschätzt wird. In fast allen zivilisierten Ländern
sind nationale Bridge-Ligen gegründet worden. Im Bridge gibt es
Weltmeisterschaften und Olympiaden, auf Erdteile begrenzte
Meisterschaften wie etwa die Europameisterschaften und natürlich
zahlreiche Meisterschaftsturniere in den einzelnen Ländern. Im Jahre
1958 wurde die "World Bridge Federation" gegründet, die
Dachorganisation sämtlicher Bridge-Spieler der Welt.
Nachdem in Deutschland das Bridge in den Kriegs- und ersten
Nachkriegsjahren fast zum Erliegen gekommen war, hat der Deutsche
Bridge-Verband unter der Leitung seines Präsidenten Herrn Dr. von
Rotteck und seiner Nachfolger dann dafür gesorgt, dass sich Bridge in
unserem Lande immer größerer Beliebtheit erfreut. Der Deutsche
Bridge-Verband zählt inzwischen über 27.000 Mitglieder in mehr als 430
Clubs, wo man sich zu regelmäßigen Spielabenden zum Teil mehrmals in
der Woche trifft und an vielen Wochenenden große Turniere spielen
kann.
(aus Ulrich Auhagen: Das große Buch vom Bridge,TextArchiv 7 - http://www.ta7.de