Man schrieb das Jahr 1938 - ein Jahr vor der großen Katastrophe.
Der Direktor des angesehenen Kaiser Wilhelm-Instituts für Chemie
in Berlin, der Chemiker Otto Hahn, experimentierte mit Neutronen
und schweren Elementen. In den Dreißigerjahren war es unter den
Atomphysikern Mode, chemische Elemente mit Neutronen zu bestrahlen.
Man wollte neue schwere Sorten der bestrahlten Elemente, so genannte
"Nuklide" oder "Isotope", gewinnen. Der Aufbau eines Atoms war in
seinen Grundzügen bekannt, nun war man bestrebt, tiefer in das
Innere des Atoms vorzudringen.
Otto Hahn hatte aber ein Problem. Die Ergebnisse eines seiner
Experimente widersprachen allen bisherigen Erkenntnissen im
Bereiche der Chemie so grundlegend, dass er sich scheute, die
Resultate zu veröffentlichen.
Heute noch liest man in den Lehrbüchern für Chemie jenen Satz,
wonach ein chemisches Element ein Stoff ist, der nicht mehr in
andere Substanzen zerlegbar ist. Auch Otto Hahn hatte keinen Grund,
diesen Lehrsatz der Chemie anzuzweifeln. Man stelle sich daher
seine Überraschung vor, als er nach der Bestrahlung von Uran
durch Neutronen plötzlich Barium fand. Die schweren Uran-Atome
hatten sich über Nacht in die viel leichteren Barium-Atome
verwandelt. Hahn und sein kongenialer Partner Strassmann deuteten
das Ergebnis so, dass die Atomkerne des Urans wohl zerplatzt sein
mussten. Hahn hatte die Kernspaltung entdeckt. (Zunächst zweifelte
Hahn an seiner Entdeckung, doch Lise Meitner überzeugte ihn
schlussendlich).
Kurz nach dieser Entdeckung wurde der österreichischen Physikerin
Lise Meitner die Tragweite der Entdeckung klar, und sie veranlasste
die Veröffentlichung. Meitner, die langjährige Mitarbeiterin Hahns,
hatte wegen ihrer jüdischen Abstammung nach Schweden auswandern
müssen. Trotzdem stand Hahn mit ihr laufend in Kontakt, und sie
war es auch, die sofort begriffen hatte, dass durch die Spaltung
von Atomkernen ungeheure Energiemengen freigesetzt würden. Kein
Geringerer als Albert Einstein war es, der schon vor Jahren darauf
hingewiesen hatte, dass in der Materie gewaltige Energiemengen
schlummern nach der Formel E = mc². (Energie ist Masse mal
Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat).
Nun herrschte größte Aufregung unter den eingeweihten Physikern.
Es war allen klar geworden, dass Hitler mit seinen Expansionsplänen
Ernst machen wollte. Und ausgerechnet in Berlin, im Zentrum des
Nationalsozialismus, - in der Höhle des Löwen sozusagen - war
die Atomspaltung entdeckt worden.
In den USA verfassten die Wissenschaftler Leo Szilard und Enrico
Fermi Briefe an die Regierung und deuteten den Bau einer gigantischen
Vernichtungswaffe an. Auch in England alarmierten Wissenschaftler die
Regierung. Der Chef des Ausschusses für wissenschaftliche Planung, Sir
Henry Tizard forderte vehement die Entfernung der in Belgien lagernden
Uranvorräte, man fürchtete, sie könnten nach einem Einmarsch der
Deutschen diesen in die Hände fallen.
In Deutschland wurde Otto Hahn kritisiert, man warf ihm voreilige
Publikation zum Nachteil des Reiches vor, doch einer der Kollegen,
der Physiker Mattauch, rehabilitierte Hahn. Die beiden Hamburger
Physiker Paul Hartek und Wilhelm Groth drängten auf eine Erhöhung
ihres Etats um die Uranforschung voranzutreiben. Sie berichteten,
dass es möglich sei, atomare Sprengstoffe herzustellen, deren
Wirkung um viele Größenordnungen über der konventionellen läge.
Die Kernspaltungsforschung wurde dann zwar in Angriff genommen,
die deutschen Beamten unterschätzten aber - zum Glück - deren
Bedeutung für die Führung eines Krieges. Der später auf der
Schwäbischen Alb in Haigerloch errichtete Klein-Reaktor hätte
niemals ausgereicht, eine Bombe zu bauen, ganz abgesehen davon,
dass es an spaltbarem Material mangelte.
Der entscheidende Schritt zum Bau der Atombombe geschah in den USA.
Der engagierte junge Physiker Leo Szilard hatte erkannt, dass seine
Autorität nicht ausreichte um die Regierung von der Gefahr einer
deutschen Atombombe zu überzeugen. Also überredete er Albert
Einstein, einen von ihm verfassten und an Präsident Roosevelt
gerichteten Brief zu unterzeichnen. Die Wahl fiel auf Einstein
wegen seiner enormen Popularität. Szilard, der nicht Auto fahren
konnte, ließ sich von Edward Teller, dem späteren Konstrukteur der
Wasserstoffbombe, zu Albert Einstein nach Long Island chauffieren.
Dort unterschrieb Einstein jenen berühmten Brief, der zum Bau der
Atombombe führen sollte.
Das erste und wichtigste Problem, das es zu lösen galt, war der
Nachweis einer Kettenreaktion. Nur wenn die Spaltung der Uran-
Atomkerne lawinenartig anschwoll ("Kettenreaktion"), konnte an
den Bau einer Bombe gedacht werden. Enrico Fermi, ein genialer
italienischer Physiker, der vor Mussolini geflohen war, konstruierte
den ersten funktionierenden Kernreaktor. Dieser stand unter dem
Sportgelände der Universität von Chikago, und am 2. Dezember
1942 fand dort die erste atomare Kettenreaktion der Geschichte
statt. Bis zuletzt war man sich nicht absolut sicher, ob der
Reaktor beim Experiment durchhalten oder explodieren würde,
doch das Unternehmen glückte. Das verschlüsselte Telegramm an
die amerikanische Regierung lautete: "Der italienische Steuermann
ist in die Neue Welt eingefahren." Es ist eine historische Tatsache,
dass die Atombombe ein Kind des Atomreaktors ist. Die so genannte
"friedliche" Nutzung der Atomenergie und die Atombombe waren vom
ersten Augenblick an siamesische Zwillinge.
Der Bau der Bombe lief zuerst unter dem Geheimcode "Manhattan
Engineering District", später wurde es in "Projekt Y" umbenannt.
(Heute noch spricht man vom "Manhattan-Projekt"). Dieses Projekt
stand unter der zivilen Leitung von Robert Oppenheimer, Vannevar
Bush, James Conant und dem militärischen Befehlshaber General
Leslie Groves. Oppenheimer und Groves gelten noch heute als die
Väter der Atombombe.
Eine ungeheure finanzielle Kraftanstrengung der USA bewirkte
schließlich das schier Unmögliche, den Bau dreier Atombomben.
Bis zuletzt gab es Zweifler. Admiral William Leahy sagte kurz vor
der ersten Atomexplosion zu Präsident Truman: "Das ist der größte
Unsinn, den wir jemals unternommen haben. Die Bombe wird niemals
explodieren. Das sage ich als Sprengstoffexperte." Trumans
Hauptproblem war aber anderer Natur. Der ursprünglich für
Deutschland vorgesehene Abwurf kam nicht mehr in Frage, da der
Krieg in Europa zu Ende war, bevor die Bombe fertig gestellt
werden konnte. Die erste Testexplosion fand nämlich erst am
16. Juli 1945 in der Wüste von Neu Mexiko statt, viele Wochen
nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands. Also wendete man sich
Japan zu. Die Ziele mussten sorgfältigst ausgewählt werden,
es gab hungerte Faktoren zu berücksichtigen: Sichtbedingungen beim
Abwurf, Langstreckenleistung der B-29 Bomber, Topografie des Ziels,
Erreichbarkeit von wichtigen Ersatzzielen usw. Außerdem, so gab
General Groves zu bedenken, dürften die Ziele nicht durch
konventionelle Bomben zerstört sein (man wollte ja die Effizienz
möglichst genau testen) , und die Städte müssten eine bestimmte
Mindestgröße haben, damit die Wirkung der Bomben noch innerhalb
des Stadtgebietes auf null absinken und gut vermessen werden konnte.
Man einigte sich zunächst auf die Städte Kokura, Hiroshima,
Niigata und Kyoto. Kriegsminister Stimson legte aber gegen die
geplante Zerstörung der alten und kulturell wertvollen Stadt
Kyoto sein Veto ein, worauf Nagasaki in die Liste aufgenommen wurde.
Am 6. August 1945 vernichtete eine Uran-Kernspaltungsbombe Hiroshima,
drei Tage darauf wurde Nagasaki durch eine Plutonium-Bombe in Schutt
und Asche gelegt.
Kurz nach der Zerstörung von Nagasaki warf ein Flugzeug einen
Behälter ab, der einen Brief der Physiker Alvarez, Morrison und
Serber enthielt, die die Bombe zusammengebaut und scharf gemacht
hatten. Er lautete: "Als Wissenschaftler bedauern wir diese
Verwendung einer so schönen (!) Entdeckung. Aber wir versichern,
dass sich die Schrecken dieses Atombombenregens vervielfachen
werden, wenn sich Japan nicht sofort ergibt."
Japan kapitulierte. Oppenheimer wurde kurz darauf wegen seiner Nähe
zu kommunistischen Kreisen das Vertrauen entzogen, und Edward Teller
baute in wenigen Jahren die Wasserstoffbombe, deren Vernichtungskraft
nicht auf der Spaltung schwerer Atomkerne, sondern der Verschmelzung
(Fusion) leichter Wasserstoff-Atomkerne beruht. Der amerikanischen
Bombe folgte bald die sowjetische. Später entstanden die englische,
die französische, die chinesische und die indische Bombe. Weitere
Länder könnten folgen.
Der obszöne Gedanke, eine "Waffe" zu besitzen, die ganze Länder
und Völker vertilgen kann, behinderte jahrzehntelang alle
Abrüstungsbemühungen. Allein zwischen 1945 und 1971 trafen sich
amerikanische und sowjetische Delegationen etwa sechstausend Mal, die
Genfer Abrüstungskonferenz "feierte" bereits 1971 das fünfhundertste
Treffen, Das Stockholmer International Peace Research Institute
(SIPRI) pflegte die Ergebnisse der Konferenzen zumeist als "kläglich"
zu bezeichnen.
Auch die Bundesrepublik Deutschland konnte sich der Verlockung einer
atomaren Aufrüstung nicht ganz entziehen. Dem 1956 vom Atom- zum
Verteidigungsminister beförderten Franz Josef Strauss wird unterstellt,
er habe mit dem Bau einer Deutschen Bombe zumindest geliebäugelt.
Die in der Gruppe "Kernphysik" organisierten Wissenschaftler forderten
Strauss im Jahre 1957 auf, er möge erklären, dass die Bundesrepublik
Atomwaffen weder herstellen noch lagern werde. Strauss empfing die
Physiker, und mehrere Anwesende bestätigten später, dass Strauss
sehr wütend war und den Anwesenden vorwarf, "seine Bemühungen
zu sabotieren." Der greise Adenauer bezeichnete übrigens die taktischen
Atomwaffen als "technische Verbesserung der Artillerie."
Heute herrscht trotz des Zusammenbruchs des Kommunismus und trotz
mühsamer Abrüstungsbemühungen immer noch ein "Gleichgewicht des
Schreckens", dessen Ausmaße jede Vorstellungskraft übersteigt.
Für jeden einzelnen Erdenbürger, vom Säugling bis zum Greis,
lagert in den Arsenalen der Atommächte eine Sprengkraft von ca. 4
Tonnen Sprengstoff, daran haben auch die Abrüstungsabkommen
(SALT und START) zwischen den USA und Russland wenig geändert.
Um die atomare Bedrohung weiter zu verringern, müsste gesichert
sein, dass Kleinstaaten oder terroristische Kreise keinen Zugang
zu spaltbarem Material erhalten. Gerade das aber ist leider nicht
hundertprozentig auszuschließen, wie die Skandale um NUKEM und
ALKEM in Deutschland vor wenigen Jahren gezeigt haben. Gefahren
gehen dabei auch von Wiederaufbereitungsanlagen und neuerdings
vom zunehmenden Schmuggel radioaktiver Nuklide aus dem Osten aus.
Die "Bombe" wird noch lange Zeit ein Damoklesschwert sein.
Autor: Rudolf Oeller, A-6900 Bregenz
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