Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

21. Dezember 2002

Muttis Kannibale

Hallo Allemiteinander!

Ich habe es ja schon immer gewusst, die Berliner sind etwas ganz besonderes. Wir sind nicht nur überdurchschnittlich schön, außergewöhnlich intelligent und extrem  bescheiden... wir schmecken auch gut! Es würde mich nicht wundern, wenn Berliner Speiselokale ihre Angebote für Touristen demnächst erweitern würden... Kreuzberger auf Sahnesoße, Tempelhofer Rippchen und Süßsaure Nieren Spandauer Art. Alternativ gäbe es in türkischen Restaurants und Dönerbuden sicher leckeren Glatzen Döner, Scheiße Deutscher vom Spieß und Osmanisches Rassisten Ragout... mhhh... lecker!

Kannibale: "Mutti, ich mag mein kleines Schwesterchen nicht!"
Mutter   : "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!"

Der aktuelle Fall von Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rothenburg, förderte etwas zu Tage, was mich total verwirrt. Wenn man das Opfer nicht töten müsste, was eindeutig strafbar ist, wäre Kannibalismus in Deutschland legal. Es gibt kein Gesetz gegen Kannibalismus. Einen Joint rauchen ist definitiv verboten, einen an Altersschwäche gestorbenen Dealer fressen ist scheinbar erlaubt! Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob man die Entsorgung eines geliebten Verblichenen und den Leichenschmaus nicht in einem Abwasch erledigen könnte. Statt auf dem Friedhof zur Ewigen Ruhe, träfe sich die Trauergemeinde dann im Gasthaus Zum Gegrillten Gerhard oder, falls der Tote ein Atheist war, im Lokal Zum Satansbraten.

Kannibale: "Ach, jetzt einen zarten Jungfrauenschenkel..."
Marvin   : "Nee, lieber ein gegrilltes Meerschweinchen..."
Kannibale: "Pfui Teufel, die armen, kleinen Tiere!"

Sei's drum... Bernd-Jürgen war noch reichlich lebendig, als er beschloss, sich als Sonntagsbraten anzubieten. Ob er jedoch noch ganz rund in der Birne lief, ist eher zu bezweifeln. Man stelle sich nur vor... zuerst gab's Jürgen-Pullerchen nach Bauernart als dürftige Vorspeise und anschließend, auf eigenes Bitten und Flehen hin, verblutete er langsam vor sich hin und bekam abschließend kräftig mit dem Hackebeilchen. Die ganze Sache kommt mir so vor, als wenn eine Herde Schweine zum Schlachthof pilgert, ans Tor klopft und dann mit einem freudigen Quieken auf den Lippen in den Fleischwolf hüpft.

Weshalb wurde der Kannibale nun zum Menschen-Metzger? Das dumme Gerede über die despotische, weltfremde Mutter, die ihr verfressenes Muttersöhnchen nach Strich und Faden drangsalierte, reicht mir nicht als Erklärung. Ich kenne einige Menschen, die ein ähnliches Schicksal hatten und heute trotzdem keine Menschen schlachten. Nicht einmal Norman Bates fraß sein frisch geduschtes Oper... dabei sah dies wirklich sehr, sehr lecker aus. Es kann durchaus sein, das der Gedanke Ich habe dich zum Fressen gern, in seinem Gehirn die falsche Abzweigung genommen hat und statt unter Schwärmerische Gedanken unter Hungerphantasien abgelegt wurde.

Vielleicht wurde er aber auch gezwungenermaßen zum Vegetarier und hatte  nach dem Tod seiner Mutter endlich die Schnauze voll von Spitzwegerichsalat, Sauerampferbrei und dünner Kohlsuppe. Als Vegetarier stand für ihn das Essen von armen, unschuldigen Tieren natürlich außer Frage und so besann er sich auf das einzige leckere Fleisch, das Vegetariern nicht explizit verboten ist... gut abgehangener, warmer Berliner!

Ich wünsche euch ein geruhsames, kulinarisches Wochenende!

Amen
Marvin

P.S. Wenn ihr hört, dass der Herr Pfarrer bei Bekannten von euch zum
      Weihnachtsessen kommt... achtet genau darauf, ob er auch wieder geht!

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