Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

15. Oktober 1999

Der ehrliche Rüdiger

Hallo Allemiteinander!

Es gibt ihn in fast jeder größeren, amerikanischen Ansiedlung... den ortsansässige Gebrauchtwarenhändler, der sich im Widerspruch zu seinen Geschäftspraktiken meistens 'The honest Bob!', der ehrliche Bob, oder ähnlich nennt. Dieser schmierige, ölig-grinsende Rosstäuscher moderner Zeiten, verarscht seine Kunden von vorn bis hinten und von oben bis unten. Sein deutscher Kollege steht ihm in nichts nach, wenn sein ganzes Drumherum auch sehr viel seriöser wirkt. Seine Firma heißt nicht Zum ehrlichen Rüdiger, sondern suggeriert mit Kleinkleckersdorfer Automobilhandel GmbH & Co KG deutsche Sorgfalt und Zuverlässigkeit.

Ganz schrecklich wird es, wenn Rüdiger zusätzlich eine Autoreparaturwerkstätte auf seinem Firmengelände betreibt. Paule, sein mehrfach für Autodiebstahl, Urkundenfälschung und öffentliches Onanieren bestrafter Automechaniker, kennt nur drei Kundensätze: "Eine Reparatur lohnt sich bei diesem Wagen nicht mehr!", "Es wird schwierig für dieses Modell Teile zu bekommen!" und last, but not least... "Sie sollten mal mit dem Chef sprechen!". Und Rüdiger, aufgemotzt wie ein halbseidener Eintänzer aus den 20er Jahren, spricht mit dem Kunden bzw. vorzugsweise mit der Kundin.

Paule streckt, unbemerkt vom Kunden, vier, fünf Finger in die Höhe, was seinem Chef anzeigt, dass der Kundenwagen mit etwas Politur noch gut 4000 bis 5000 DM bringt. Also redet Rüdiger solange auf den Kunden ein, bis dieser endlich einen Gebrauchtwagen kauft und noch glücklich ist, dass seine schrottreife Rostlaube für 500 in Zahlung genommen wird. Tja, für Kunden wie ihn legt der Rüdiger fast noch Geld drauf... ein toller Typ! Leicht gebückt, um seine Profiterektion zu verbergen, folgt Rüdi dann seinem Opfer ins Büro, um den Vertrag fertig zu machen.

Diese Praktiken gibt es jedoch nicht nur in der Gebrauchtwagenbranche. Wenn ich an die Verkäufer in Kaufhäusern denke, wird mir ganz anders. Kaum kommt man als wehrloser Kunde in die Abteilung, stürzen sich, einem Kampfgeschwader aus dem 2. Weltkrieg gleich, mehrere Verkäufer auf den potentiellen Kunden. Völlig verwirrt wird er von allen Seiten mit einem "Kann ich Ihnen behilflich sein!?" bombardiert... dabei wollte sich der Kunde nur mal unverbindlich und ungestört umsehen. Sollte sich das bemitleidenswerte Opfer auf den Dialog mit dem Verkaushai einlassen... ist es um ihn geschehen.

Mit sorgsam antrainierten Verkaufsstrategien umgarnen einen diese Typen wie orientalische Teppichhändler. Das spricht man von flottem Aussehen, wenn eine Sumofrau in einem knallengen Body vor dem Spiegel steht, fette verfressene Kinder noch verfressener Eltern haben einen starke Knochenbau und Rentnerinnen mit so vielen Falten im Gesicht, dass sie sich ihre Hüte aufschrauben müssen, wird jugendliches Aussehen  suggeriert... der Verkäufer will nur eines... seine Unterschrift unter den Verkaufsbeleg setzen, damit er Streicheleinheiten von seinem Abteilungsleiter bekommt!

Sind diese Verkaufsstrategen schon schlimm, so sind zwei Gruppen der Inbegriff der Arglist, der Täuschung und des Betruges... Versicherungsvertreter und Politiker! Ich habe die Versicherungsheinis arg im Verdacht, dass einige Passagen des Kleingedruckten erst sichtbar werden, wenn man den Vertrag unterzeichnet hat. Quasi eine Art umgekehrter Geheimtinte. Bei Versicherungsfällen sollte man sich immer fragen "Kann meine Versicherung jemanden für den entstandenen Schaden haftbar machen?". Muss man diese Frage eindeutig mit Nein beantworten, wird es wohl etwas schwer werden mit der Bezahlung...

Politiker und/oder Diplomaten sind von Amts wegen gezwungen in einem Zustand zu leben, in dem Mimik, Körpersprache und Gesprochenes eine Einheit bilden. Nicht leicht, wenn man >Ihr dummen Ärsche< denkt, aber überzeugend "Wir freuen uns Sie herzlich begrüßen zu dürfen!" sagen muss. Faustregel für Nicht-Politiker sollte sein: was nicht dementiert wird, ist auch nicht geschehen... was mindestens dreimal oder von drei Personen zugleich dementiert wird, ist wahr! Französisch ist nicht ohne Grund die Sprache der Diplomaten. Ist sie doch wie keine andere Sprache dafür geschaffen, Gesprochenes nuanciert zu manipulieren und zu verdrehen!

Ich wünsche euch ein entspanntes, ehrliches Wochenende!

Amen
Marvin

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