Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

29. Oktober 1999

Des Städters kleine Scholle

Hallo Allemiteinander!

Klein- oder Schrebergartenbesitzer bzw. Laubenpieper werden sie genannt, jene Stadtbewohner mit Agrikulturellen Viren im Blut. Kein Sonntag an dem sie nicht auf ihre Parzelle fahren, um wild wuchernde Grashalme mit Nagelscheren zu Leibe zu rücken oder sorgsam auf den Komposthaufen hinterm Haus zu scheißen, damit die Ernte biologisch wird. Die echten Hardcore-Laubenpieper wohnen während der warmen Monate natürlich auf ihren Ländereien. Jeden Morgen von Mücken zerstochen und von lästigen Fliegen umschwirrt sitzen sie gemeinsam am Frühstückstisch und erfreuen sich am unverfälschten Landleben.

Das die Radieschen die Größe von Kohlköpfen haben und der Spargel nur mit einer kanadischen Holzfälleraxt geerntet werden kann, weil ihr kleines Paradies direkt neben einem Atomkraftwerk liegt, stört den begeisterten Kleingartenfreund nicht die Bohne. Ob neben einer Mauer, an der Menschen erschossen werden, den Schloten des Ruhrpotts, den Start- und Landebahnen eines Großflughafens oder den Kühltürmen von Atomkraftwerken... der Laubenpieper siedelt an jedem freien Platz, auf dem Kürbisse und Tomaten wachsen... und es ist ihm egal, wie viele Finger seine Kinder später einmal haben werden!

Wie in unserem Lande üblich, gibt es massenhaft Verordnungen, Gesetze und Bestimmungen, die das Leben und Drumherum des Laubenpiepers regeln... und wie in unserem Lande ebenfalls üblich, scheren sich die Kleingrundbesitzer einen Scheiß um einige von ihnen. So ist mindestens jede zweite Laube zu groß, zu hoch und mit zu vielen Räumen ausgestattet, denn statt nur Laube, also Unterschlupf bei Wind und Regen zu bieten, zu sein, entfalten diese Gebäude nach einigen Jahren den Glanz prächtiger Einfamilienhäuser! Wenn also die Tomaten des Nachbarn stets größer als die eigenen sind und man diesen lästigen Landwirt loswerden will, dann braucht man bloß...

Den Laubenpieper gibt es eigentlich gar nicht mehr. Jenen stets wachsamen Zeitgenossen, der alles gebrauchen kann und deshalb massenhaft Nägel, Bleche, Schrauben und so weiter in seiner kleinen Werkstatt sammelt, die sich gleich hinter seiner Laube befindet. Die modernen Laubenpieper sind Hightech-Freizeitbauern. Statt ideenreich zu improvisieren und zu basteln, wird der neue Astshredder oder Rasenkantenschneider beim nächsten Bauhaus oder Gartencenter gekauft. Der alte Pioniergeist liegt in den letzten Zügen! Wo sind sie, die Holzbein tragenden Laubenpieper die tage- und wochenlang wutgeifernd ihren Spaten in den gepflegten Rasen rammen, um den weißen Maulwurf zu töten, der den gesamten Garten mit seinen dreisten Häufchen übersät!?

Zwar heißen viele dieser Laubenkolonien Zum geruhsamen Feierabend, Gartenfreunde 1872 e.V. oder Das kleine Gartenparadies, aber unter der Oberfläche tobt in so mancher Siedlung gnadenloser Krieg! Da werden Goldfische in ihrem Teich mit 25 Kg schnell bindendem Zement gefüttert, teure Rosenstöcke werden abgesägt und dann als lustiges Mobile an den Kirschbaum gehängt und last but not least... erfreut man den Nachbarn mit 5000 Litern Gülle auf seinem teueren, importierten Rasen. Das Problem liegt anscheinend immer in der Tatsache begründet, dass diese Gartensiedlungen meistens Vereine sind... mit Posten auf die mehr Leute scharf sind, als Posten zur Verfügung stehen. So versucht man mit vorgenannten lustigen Streichen Amtsinhaber bzw. deren Befürworter für ihren Rücktritt zu motivieren. Was diese neidischen Unholde dabei leider völlig vergessen ist, dass sie anschließend ebenfalls Ziel und Opfer postengeiler Vereinsbrüder sein werden!

Ganz schlimm wird es, wenn man so einen Freizeitbauernhof erbt und 101% nicht auf ackern, jäten, säen und  ernten steht. Mir wäre es z.B. gar nicht recht, wenn meine gesamte Familie einer Katastrophe zum Opfer fiele, denn dann wäre ich mit drei Schrebergärten gesegnet... und ich will nicht einmal einen! Die einzige Alternative bliebe dann, einen japanischen Steingarten anzulegen. Alles mit einem Flammenwerfer wegbrennen, die Asche unter die ausgetrocknete Krume harken und dann wahllos Linien in den Boden schaben und Steinklamotten verteilen... fertig! Dann noch ein asiatisches Windspiel an das Dach der Laube genagelt und fertig wäre Marvins Stätte der Ruhe, Ausgeglichenheit und Meditation! Bei mir geht man dann auch nicht auf den Komposthaufen, sondern hinter den großen Findling kacken, der das Zentrum allen Seins symbolisiert!

Ich wünsche euch ein Unkraut freies, meditatives Wochenende!

Amen
Marvin

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