Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

13. November 1999

10 Jahre Ostkolonien!

Hallo Allemiteinander!

Es ist vollbracht! Die Wiedereinvernahme der deutschen Ostgebiete durch die bundesrepublikanische Kolonialmacht liegt nun ein Jahrzehnt zurück und immer noch stehen Ossis staunend vor den Warenangeboten westlicher Kaufhäuser und Läden. 1989 hatten sie das Geld zum Kauf all der herrlichen Dinge noch nicht und heute haben sie es nicht mehr... ist das etwa die von der Kohl-Regierung immer und immer wieder zitierte Kontinuität? Wurden die Ossis in diesem Jahrzehnt zu hilf- und rechtlosen Ostniggern der raffgierigen West-Buanas? Kaufhof statt Kaufhalle und Minolta statt Mitropa?

Das Schlagwort "Deutschland einig Vaterland!" sollte man besser gegen "Deutschland peinlich Vaterland!" austauschen. Wo sind sie, die blühenden Gärten im Osten, die Big H. den Brüdern und Schwestern in den Ostgebieten versprach? Als Stimmvieh waren sie gut genug und wurden mit arbeitsmarktpolitischen Taschenspielertricks in Form einiger schnell geschaffener ABM-Stellen belohnt. Glasperlen für die Neger!

Direktor :        "Wer schaufelt denn da die Scheiße mit einem Löffel?"
Vorarbeiter:    "Ach der, dass ist unser UDO!"
Direktor :        "Udo?"
Vorarbeiter:    "Ja, Unser Doofer Ossi!"

Irgendwie sind die Ossis ja selbst an ihrer Situation schuld. Bloß um endlich Bananen im Überfluss kaufen und nach Mallorca reisen zu können, haben sie ihre Trumpfkarten verschenkt. Die CDU-/CSU-Regierung, allen voran Big Helmut, war so geil auf die Wiedervereinigung, dass sie den Ossis vieles gegeben hätten, nur damit diese einem schnellen Zusammenschluss zustimmen. Stattdessen haben sie nur viel versprochen... und auch dafür die Zustimmung bekommen. Der frei lebende Ossi scheint mit 100 DM in der Tasche und 5 Kilogramm Bananen im Einkaufsbeutel die sonst so stark ausgeprägte Kritikfähigkeit völlig zu verlieren.

So nimmt es auch nicht wunder, dass man auf der Jahrestagsjubelfeier nach Protesten auch zwei, statt einem, echte Ossis reden ließ. Was Big H. auf dieser Feier zu suchen hatte, ist mir schleierhaft. Er war nicht auf den Montagsdemonstrationen und am 9. November 1989, als die Ostberliner die eigene Grenze durchlässig machten, war er im benachbarten sozialistischen Ausland und fraß dünne Rübensuppe in Warschau. Dieser pralle Blutegel der deutschen Geschichte zwängt seine Massen in jede Gelegenheit, die ihm einen Eintrag in Geschichtsbücher sichert. Dabei war nicht Fatman der strahlende Held... sondern Genschman!

Trotz eines vergangenen Jahrzehnts weiß kaum ein Wessi wo Gera oder Finsterwalde liegt und die Insel Rügen halten sie für ein ehemaliges Umerziehungslager des Ministeriums für Staatssicherheit. Überhaupt ist den meisten Wessis, wenn es sie nicht Geld kostet, scheißegal was in den neuen Bundesländern passiert. "Die haben doch jahrelang Milliarden über Milliarden von 'uns' bekommen. Soll's sie doch damit klarkommen!" Tja, liebe selbstsüchtige Besserwessis... diese Kohle haben Erich und Komplizen benutzt, um sich Pornovideos, modische Kleidung und hochwertige Konsumgüter aus dem Westen zu kaufen. Lieferengpässe gab's damals nur für den niedren Ossi... die Bonzen hatten von allem soviel, dass sie fraßen, bis sie Nutella kotzten!

Wir übernehmen Patenschaften für mittelose Kinder in der dritten Welt, spenden für staupegeplagte Toypudel und werfen der Heilsarmee einige Münze in den Kessel... aber Hilfe für die eigenen Landsleute empfinden wir als haltlose Unverschämtheit und Zumutung... wir sind vielleicht ein Volk!

Ich wünsche euch ein nachdenkliches, brüderliches Wochenende!

Amen
Marvin

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