Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

27. November 1999

Internet zum Nulltarif!?

Hallo Allemiteinander!

Boah, ey! Internet zum Superhypersonderpreis! Die einzelnen Anbieter, allen voraus einige Telefongesellschaften, überschlagen sich momentan mit Angeboten, die zu toll klingen, um wahr zu sein. So wirbt der Noch-Ortsgesprächsmonopolist Telekom mit 3 Pfennigen pro Minute surfen und das rund um die Uhr... BOAHHHHH! Kaum hatte ich den Werbespot im Fernsehen entdeckt, wischte ich mir den Sabber aus den Mundwinkeln und rief die kostenfreie Hotline an. Nach einigen Versuchen bekam ich dann endlich Anschluss... "Deutsche Telekom AG! Mein Name ist Hilde Schussel, wie kann ich Ihnen helfen?" Verblüfft sah ich den Telefonhörer an.

Noch vor einigen Jahren hätte sie sich mit einem unwirschen "Ja!!??" gemeldet, das bei jedem devoten Masolümmel zum Orgasmus geführt hätte. Ich verkniff mir das devote "Entschuldigt bitte die Störung, Herrin!" und erklärte stattdessen, was mein Begehr ist. Mir wurde bestätigt, dass der Internetzugang wirklich für nur 3 Pfennige pro Minute und das rund um die Uhr ohne sonstige Nebenkosten zu haben sei. Das war zuviel des Glücks, deshalb warnte mich ein kleines, misstrauisches Teufelchen im Hinterkopf "Trau ihr nicht! Sie ist von der Telekom! Die haben doch noch nie etwas verschenkt!".

"Und wo liegt nun der Haken?!" fragte ich deshalb und nach einer kleinen, bedeutsamen Pause kam die Antwort. "Nun ja, um den neuen, günstigen Tarif in Anspruch nehmen zu können, müssen Sie sich für ein Jahr binden!" Peng! Da war es! Ich lehnte höflich eine Fortsetzung des Telefonats ab und warf resigniert den Hörer auf die Gabel. Scheiße! Dieser Scheißmonopolist wusste sehr wohl, dass es im nahenden dritten Jahrtausend zu pauschalisierten Internetzugängen kommen wird und wollte uns arme Netjunkies noch schnell an sich binden. Nicht auszudenken, wenn ich auf dieses Sonderangebot hereingefallen wäre. Pech gehabt... nicht mit mir, ihr Haie!

Drei Pfennige rund um die Uhr habe ich jetzt schon und kann jederzeit zum Monatsende kündigen... zu einer geringeren monatlichen Grundgebühr zusätzlich. Na ja, das Zauberwort aller Vielsurfer im Internet ist die Flatrate... der pauschalisierte Internetzugang, bei dem nur eine geringe (gemessen an den momentanen), monatliche Gebühr zu entrichten ist... gleich wie oft und lange man im Internet herummacht. Die Schlacht um den Telefonkunden geht langsam aber sicher in die zweite Runde! Lachender Dritter werden wir sein, wenn sich die Hyänen um unsere Telefongebühren schlagen...

Neben diesen paradiesischen Aussichten bleibt eigentlich nur eine Frage zu klären... weshalb wollen, sollen und müssen wir ins Internet? Jeder Hansel hat heute eine Email-Adresse... viele jedoch Niemanden, der ihnen einen elektronischen Brief schreibt. Man ist einfach in, wenn man jederzeit per Email erreichbar ist, ein Fax zu Hause herumstehen hat, ein Multiband-Handy mit sich herumträgt und ISDN mit drei Telefonnummern und zwei Amtsleitungen hat. Überladen mit all diesen telekommunikativen Möglichkeiten sitzt man dann angespannt herum und wartet sehnsüchtig, dass endlich mal jemand anruft, faxt oder eine Email schreibt.

Oh, wie glückselig wird unsere Internetzukunft, wenn all unsere Haushaltsgeräte eigene Identifikationsnummern haben und man per Email aus dem spanischen Feriendomizil nachsehen kann, ob wirklich alle Lampen, Kaffeemaschinen und netzbetriebenen Vibratoren ausgeschaltet sind. Unser schwergewichtiger Ex-Bundeskanzler hat die Sachlage damals ganz richtig eingeschätzt... der Bau von Datenautobahnen ist Ländersache! Soll heißen... ich weiß auch nicht, worüber ihr schwätzt, aber macht ihr nur weiter mit eurem Internetkram...

Ich wünsche euch ein kostengünstiges, kommunikatives Wochenende!

Amen
Marvin

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