Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

18. Dezember 1999

Lutsch' mir...

Hallo Allemiteinander!

"... die Hacken!" möchte man manchmal sagen. Wenn es nach dem Willen der Reichen und Mächtigen geht... kaufen wir in wenigen Jahren alles per Internet. Ob Schuhe, Fernseher oder ein Bündel Brennholz... alles per Mausklick. Vor dem Konsumrausch haben die Kommerzgötter jedoch noch die Schaffung von Gesetzen, Bestimmungen und eindeutigen technischen Rahmenbedingungen gestellt. Andauernd liest man von dem Problem, Bestellungen sicher über das Internet zu bringen, damit niemand Geheim- und Kreditkartennummern ausspähen kann. Was soll der Scheiß? Die paar Male die ich Dinge im Internet gekauft habe, wurde die Ware entweder per Nachname geschickt oder von meinem Konto abgebucht. Sollte ein böser, böser Bube ungerechtfertigter Weise Geld von meinem Konto abbuchen... lasse ich es einfach wieder zurückbuchen. Wo ist also das Problem beim Kauf im Internet!?

Das Problem scheint wieder einmal in der Sucht der Deutschen zu liegen, alles zu regeln und mit Gesetzen zuzukleistern. Es kann einfach nicht sein das Dinge geschehen, die man nicht notfalls verbieten, besteuern oder kontrollieren kann! Dabei sind die beiden letzten Dinge, unseres Gesetzgebers liebstes Kind. Man stelle sich nur vor, eine deutsche Firma bietet ein international interessantes Produkt (Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald, echt bayerische Bierkrüge oder Weißwurstpinzetten) an und lässt sich die Ware per Kreditkarte auf ein Konto auf den Cayman Inseln bezahlen. Jedem pflichtbewussten Steuerbeamten bleibt allein bei diesem Gedanken das Herz stehen!

Wo das Bestellen im Internet schon heute eine segensreiche, bequeme Erleichterung ist, sind alteingesessene Firmen, die das Bestellen per Telefon oder Bestellschein auf das Internet ausgeweitet haben. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man den Katalog durchblättern, sehen ob es aktuelle Sonderangebote gibt und dann bestellen. Einige Firmen gehen sogar so weit, dass man per Email benachrichtigt wird, dass die Ware im Versand ist. Mir ist für den deutschen Markt nicht klar, wozu man ein System mit Kreditkarte, elektronischer Unterschrift etc. eigentlich braucht. Betrachtet man den Internethandel als Weiterführung normalen Handelns mit moderneren Mitteln, so muss man online genauso bestellen und bezahlen können, als wenn man für Oma Krause die Bestellkarte in den Briefkasten wirft!

Es gibt eigentlich nur eine Anwendung, die wirklich eine sehr sichere Übertragung persönlicher Daten erfordert... Bankgeschäfte im weitesten Sinne. Wer will sich schon an einem von Hackern geplündertes Giro- oder Sparkonto erfreuen?

Wo der sichere E-Commerz so richtig aufdrehen wird, wird das kostenpflichtige Bereitstellen von Internetseiten bzw. Informationen oder Diensten sein. Wie damals beim guten, alten BTX werden wir mehr und mehr auf Seiten stoßen, die Geld kosten und mittels Geld- oder Kreditkarte bezahlt werden müssen.

"Bitte überweisen Sie 2 Euro, um die Webseite zu verlassen!"

Wer sich zuerst auf diese paradiesischen Möglichkeiten stürzen wird, sind 101% die Anbieter mehr oder minder erotischer Webseiten. Die Pornosessions hechelnder Internet-Surfer werden immer anstrengender werden... mit rechts andauernd 2-5 Cent für gewünschte Seiten freigeben und mit links... Das geht auf die Pumpe und Magengeschwüre plus chronische Sehnenscheidenentzündungen werden die Regel sein. Die zweite Gruppe werden die Anbieter und Programmierer von Shareware sein. Testversion 'runterladen? Bitte 10 Cent überweisen!

"Ihr E-Money-Konto ist leer. Sie können die Internetverbindung
im Moment leider NICHT trennen!"

Ich möchte nicht wissen, welche Form elektronischen Raubrittertums sich da entwickeln wird. Schöne neue Internetwelt!

Ich wünsche euch ein kauffreies, entspanntes Wochenende!

Amen
Marvin

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