Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

15. Januar 2000
 

Nicht mehr alle Latten am Zaun

Hallo Allemiteinander!

Man sollte es nicht glauben... pummelige, unattraktive Jogginganzugträgerinnen aus Sachsen, deren gesamte Sippe seit 14 Generationen mit heimtückischen, hinterlistigen Knallerbsenstrauchbesitzern in Fehde liegen, werden Grundlage eines völlig neuen, fast unaussprechlichen Industriezweiges... des Maschendrahtzaun-Merchandisings! Und wer ist Schuld an diesem unverständlichen Boom? Ein geldgeiler, Jacketkronen tragender Ex-Fleischer der ständig grinst, als wenn er alle Leute in seiner Umgebung beißen will!

Fast jedes Kind und kaum 10% Erwachsene wussten vor Ur-Aufführung dieses Sachsendramas was ein Knallerbsenstrauch ist bzw. wie dieser überhaupt aussieht. Jetzt gibt es Knallerbsenmenüs, Knallerbsenpudding und Knallerbsentorten... nebst Maschendrahtfressalien aller Art. Die Medien, allen voran Pro7 und RTL, wollen uns glauben machen, dass ein neuer Kult ausgebrochen wäre und jedermann rosa Jogginganzüge tragen müsse. Sächsisch-Sprachkurse auf Kassetten sind im Moment der Renner und Walter-Ulbricht-Poster werden demnächst Pflicht in jedem Teenagerzimmer!

Renate Z., die unbeabsichtigt die Grundlage für den Kult um ihre Person und Mundart schuf, ist aber auch nicht ganz gerade im Gemüt. Wie sonst sollte ein Mensch, der noch alle Maschen am Zaun hat, 10 (in Worten: zehn) Jahre mit seinem Nachbarn prozessieren, weil dessen Gesträuch mit dem eigenen Zaun kuschelt? Kann man solche Probleme nicht wie damals zu Zeiten August des Starken regeln und seinen Nachbarn einfach im Affekt mit dem Nudelholz erschlagen? Mit guter Führung wäre das Problem nach 5-6 Jahren für Zaun-Renate von Tisch gewesen.

Die Bevölkerung scheint aber auch nicht mehr ganz dicht. Denn ihnen ist es zu verdanken, dass die erste Million Maschendrahtzaun-CDs verhökert wurde. In allen Musiksendern und Radios ist dieser pornografische Mist zu hören und zu sehen. Zusätzlich stehen die ganze Nacht hindurch unzählige Menschenmassen vor Renates Haus und feiern bierschwanger ausgelassene Maschendrahtzaunfeten. Stefan 'das Raubtiergebiss' Raab sollte sich das nächste Mal genauer überlegen, ob seine Geldgeilheit das Terrorisieren eines ganzen Ortes rechtfertigt. Das er Renate Z. einen Groschen vom Erlös jeder CD abgibt, ist eher einzuordnen unter bunte Glasperlen für die Eingeborenen. Was haben die vielen Nachbarn, die nicht an der CD beteiligt und/oder von privaten Fernsehsendern gesponsert sind von all dem Mist? Schlaflose Nächte und leere Bierflaschen vor der Tür!

Was steht uns in Zukunft noch ins Haus? Welche mundartlichen Entgleisungen die auf kleinlichen Rechtsstreitigkeiten basieren müssen unsere Ohren noch erdulden? Hier einige Vorschläge:

Müllabfuhr-Rap in Ostfriesisch
Grundstücksgrenzen-Ballade in Hessisch
Beleidigungsarie in Plattdeutsch
Kruzifix-Choral in Bayerisch
Arbeitsgerichtslied in Schwäbisch
Ehescheidungsballade in Berlinerisch

Vielleicht sollte man bestimmten Menschen einfach verbieten, sich Gerichtssendungen im Fernsehen anzusehen, damit wir in Zukunft von diesem Dreck verschont bleiben...!? Aber das wird wohl nix helfen, denn Maschendraht-Regina überlegt jetzt schon eine eigene CD auf den Markt zu bringen, um endlich eine eigene Goldene Schallplatte und mehr als 10 Pfennige zu bekommen! Um die Zeit bis dahin zu überbrücken sollte sie ihren Zaun in kleine Teile zerschneiden und für 100 DM das Stück mit selbst unterschriebenen Echtheitszertifikat an die grölenden Idioten vor ihrem Haus verhökern.

Ich wünsche euch ein zaunloses, entspanntes Wochenende!

Amen
Marvin

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