Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

28. Dezember 2002

Leiden eines Weihnachtsmannes

Hallo Allemiteinander!

Beschaulich war's, friedvoll und geruhsam... das Weihnachtsfest 2002. So sollte man meinen, aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Mamas revolutionierten die Kochkunst, indem sie ihren Kindern aus Geldknappheit Hähnchen als Japanische Bonsai-Enten servierten, Heerscharen Erwachsener logen "Ach, wir schenken uns schon seit Jahren nix mehr!" und unzählige, zerschmetterte Kinderleichen pflasterten die Strassen, weil mittellose Eltern ihren Kindern vorlogen, der Weihnachtsmann wäre überfallen worden, woraufhin sich die verzweifelten Kleinen weinend von Häuserdächern stürzten. Oh, du selige...

Mein Kumpel Jürgen wollte sich dieses Jahr, statt mit Schneeschippen, etwas Geld als Weihnachtsmann verdienen, weil dieser Job so easy und cool ist. Oh, wie sehr er sich irrte! Nachdem er die Schulung für Weihnachtsmänner hinter sich gebracht und die Termine fürs Fest zusammengestellt hatte, wartete er entspannt auf den 24. Dezember. Wenn die Kunden gewusst hätten, was für Schweinereien er in seinem Weihnachtsmannkostüm bis zum Fest veranstaltet hatte, hätten sie sicher lieber einen Satanisten gebucht. Doch so nahm das Grauen ungehindert seinen Lauf...

Die erste Familie, die er mit seinem Besuch beglückte, war katholisch bis in die Socken und wird sicher noch lange an dieses Weihnachtsfest denken. Ebenso wie die verwirrte Domina, die statt der Lederklamotten, Peitschen und Dildos für ihre Angestellten, einen Berg christlicher Bilderbücher, Gesangsbücher und Heiligenbildchen erhielt. Es war sicher auch keine Absicht, sondern eher Jürgens Schusseligkeit zuzuschreiben, dass bei seinem nächsten Besuch militante Tierschützer Bücher über die Schwarzwildjagd erhielten und kurz darauf ein erboster Jagdfreund mehrere Ladungen Schrot in seine Richtung abschoss, weil er die Poster Jagen ist Mord und Jäger sind Killer ganz und gar nicht lustig fand.

Mit einigen Schrotkugeln im Hintern humpelte Jürgen dann zu seinem letzten Termin. Es dauerte fast 15 Minuten bis er sich mit zitternden Fingern traute, den Klingelknopf niederzudrücken. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, als eine harmlos aussehende, ältere Frau mit gütigem Lächeln öffnete und ihn hinein bat. Was kurz danach geschah, überstieg selbst Jürgens wildeste Phantasien. Erst spät am Abend, nach endlos scheinenden Stunden, schleppte er sich halb im Koma aus ihrer Wohnung. Das Weihnachtsmannkostüm völlig zerfetzt, darunter splitterfasernackt und fertig wie nach einem Marathonlauf, torkelte er in Richtung Bushaltestelle. Die gesamte Fahrt über klangen ihm ihre lüsternen Abschiedsworte in den Ohren "Bis zum nächsten Jahr, mein großer, strammer Weihnachtsmann!" und er schwor sich, ab nächstem Jahr nur noch Schnee zu schippen... notfalls mit einem Teelöffel!

Ich wünsche euch ein glückliches und zufriedenes Jahr 2003!

Amen
Marvin

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