Wort
zum Sonntag
Wöchentliche Satire
(C)Marvin C. Stahl
24. August 2003
Die letzte Woche war eigentlich völlig normal... alles war ruhig, entspannt und ich fühlte mich wohl... bis zum 19. August abends um etwa 19 Uhr. Das Telefon klingelte und ich war dumm genug, den Hörer abzuheben.
"Ja, bitte!?"
"Ey Alter, jut das du da bist. Ick brauch' unbedingt deine Hilfe!"
Eine feine Gänsehaut machte sich auf meinen Unterarmen breit. Den Tonfall kannte ich nur zu gut. Jürgen steckte sicher wieder bis über beide Ohren in Schwierigkeiten. Dieser jammernd-drängende Unterton bedeutet bei ihm nie etwas Gutes.
"Und, haste 'ne Bank ausgeraubt oder is' eine deiner Tussis schwanger?"
"Nee, nee, viel schlimmer. Icke mache mia selbstständig!"
Ich war baff. Das hat Berlin, ach was sag ich, die Welt nicht verdient. Wenn sich Menschen wie Jürgen selbstständig machen, steht es wirklich schlimm um unser Land. Alle seine bisherigen Ideen für selbstständige Unternehmungen waren haarsträubender Unsinn, nicht realisierbar oder einfach nur illegal. Was hatte er nur ausgeheckt?
"Bist'e noch dran?"
"Ja, ja. Was soll ich denn für dich tun und was willst du überhaupt machen?"
"Na ja, icke kann 'ne Kneipe übernehmen und du hast doch schon mehrere
Lokale
jehabt und weißt janz jenau, woruff ick da achten muss."
Ich hatte es gewusst. In einer Zeit, wo es den meisten Kneipen Berlins an Gästen mangelt und eine nach der anderen schließt, will er eine übernehmen. Was wusste Jürgen von Kneipen? Er kann saufen wie ein Loch (was eine der schlechtesten Voraussetzungen für einen Kneipenbesitzer ist), in seinen Händen 'verdunstet' das Geld regelrecht (was den Ruin vorprogrammiert) und seine kaufmännischen Kenntnisse gipfeln darin, das er in einem Kaufmannsladen Lebensmittel kaufen kann.
"Willst'e dir das Ganze nich' noch mal überlegen? Hast du überhaupt Geld?"
"Det is ja der Hammer... ich brauche keene müde Mark... ähhh... Euro!"
Spätestens jetzt wusste ich, dass irgendein findiger Bankrotteur ein Opfer
gefunden hatte.
"Und wie willst du Ware kaufen? Woher kommt das Wechselgeld in der
Kasse?
Hast du schon mal ein Bierfass angeschlossen?"
"Ware is' schon in der Kneipe... kann ick alles übernehmen. Etwa 200
Euro hab'
ick als Wechseljeld und det mit die Fässer lasse ick mia von Mehmet zeigen!
Hilfst'e
mir nun?"
"Ja, aber nur, wenn du auf das hörst, was ich dir sage. Ich höre mir
mal an, was der
Typ zu bieten hat. OK?"
"Ja, klar! Danke, ick hole dir morjen früh ab und wir fahr'n zusammen zu Mehmet."
Gesagt, getan! Am nächsten Morgen fuhren wir zu der Kneipe und Mehmet wartete schon vor dem Laden. Das Jürgen mich mitgebracht hatte, schmeckte ihm zwar gar nicht, aber er machte gute Miene zu bösem Spiel. Wir gingen in das kleine Büro im hinteren Teil des Lokals und es war alles schlimmer, als ich befürchtet hatte.
Die Ware im Laden gehörte ihm nicht, da sie noch nicht bezahlt war, jeder Bierdeckel, Stuhl und Tisch im Laden gehörte einer Brauerei, bei der dieser listige Osmane für die nächsten Jahrzehnte verschuldet war und der Automatenaufsteller hatte bereits gedroht, ihm die Finger zu brechen.
Als wir den Laden wieder verlassen hatten und Jürgens Luftschlösser zu warmen Wind geworden waren, war er sichtlich geknickt. Ich lud ihn zum Essen ein und erklärte ihm noch einmal haarklein, weshalb die Idee mit dieser Kneipe der Anfang vom Ende gewesen wäre. Als wir uns Stunden später trennten hatte ich das Gefühl, er hätte es verstanden und sich damit abgefunden. Weit gefehlt!
Jeden Tag rief er mich mehrmals an und jeder seiner Sätze begann mit "Aber, wenn man...". Vielleicht sollte ich ihn das nächste Mal einfach ins offene Messer laufen lassen, denn mein alter Leitspruch könnte auch ihm helfen...
Ich wünsche euch eine entspannte, kritische Woche!
Amen
Marvin
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