Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

31. August 2003

 
IFA - Innovationen für Angeber

Hallo Allemiteinander!

In Berlin ist ja wieder mal die Internationale Funkausstellung und trotz leerer Taschen und Kassen, wird geprotzt, das einem die Augen übergehen. Geld scheint keine Rolle zu spielen. Was zählt sind Innovation und Machbarkeit. So sind mikroskopisch kleine Mobiltelefone, mit riesigem Farbdisplay, einer eingebauten Digitalkamera mit optischem 20-fach Zoom, einem Telefonbuch, das 10 Millionen Telefonnummern plus Namen und Bild des Eingetragenen fasst, einem Terminer, 1000 Spielen mit Stereosound und einem auf 1/1000 Millimeter genaues GPS-Navigationssystem in den nächsten Wochen anscheinend DER Renner! Ach ja, auf Wunsch gibt es für diese Telefone natürlich auch ein Zusatzmodul, das die Entgegennahme und das Führen von Telefongesprächen ermöglicht.

Wer weiter sein uraltes 3310 von Nokia benutzen will, muss nicht auf teure Spielereien verzichten. Glaubt man den Ausstellern, ist die gute, alte Bildröhre bald Geschichte. Einige Quadratmeter große Flachbildschirme im DVD-kompatiblen Breitformat sind heute schon für lächerliche 20.000 Euro zu haben. Wem das unverständlicherweise zu teuer ist, kann zum Weihnachtsgeschäft mit satten Preissenkungen von 15 bis 20 Prozent rechnen. Na, wer da nicht zuschlägt... da kauft man doch gleich zwei! Wer nicht ganz soviel ausgeben will, kann sich etwas kaufen, auf das die Welt Jahrzehnte wartete... einen mobilen Flachfernseher den man mit aufs Klo nehmen kann.

Überhaupt scheint diese Messe einzig und allein dafür da zu sein, alte Geräte und Techniken in den Ruhestand zu schicken. Die lieb gewonnene Videokassette ist bald so tot, töter geht's nicht mehr. Neue Videorekorder, die diese Bezeichnung eigentlich nicht mehr verdienen, zeichnen bis zu 200 Stunden in bester DVD-Qualität am Stück auf Festplatten auf. Ist die Platte voll, schließt man den heimischen PC an den Rekorder an, schneidet sich Filme und Beiträge zusammen, löscht Werbepausen und brennt den ganzen Kram dann auf DVDs oder CDs. Die Videothek von morgen kommt ins Haus, denn das heute noch mehrere Räume füllende Angebot an Videokassetten passt dann in einen handlichen Reisekoffer.

Nina Hagens Farbfilm darf man, wie in ihrem Lied besungen, ebenfalls getrost vergessen. Moderne Digitalkameras haben mittlerweile eine Auflösung, die bis in den subatomaren Bereich hineinreichen. Fünf, zehn und eine Million Megapixels bei einer Farbauflösung von mehreren Milliarden Farben lehren jeder antiquierten Lichtkamera von Canon oder Olympus das Fürchten. Dabei sind diese Fotomonster mittlerweile so klein, dass sie bequem in Armbanduhren und Hemdknöpfen untergebracht werden können. James Bond hätte seine helle Freude an diesen Agentenkameras, die - beinahe hätte ich es vergessen - natürlich auch stundenlange Filme im Breitwandformat und mit Stereoton aufnehmen können.

Wenn die Entwicklung so weitergeht, sucht man in einigen Jahren verzweifelt die Digitalkamera und das Handy zwischen dem Kleingeld in der Geldbörse. Ein Gutes hat diese Entwicklung jedoch... in Zukunft wird man von Machoangebern öfters einen Satz hören, der ihnen heute den Schweiß auf die Stirn treibt... "Ätsch, meiner ist kleiner als deiner!"

Ich wünsche euch eine entspannte, multimedial-interaktive Woche!

Amen
Marvin

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