Wort
zum Sonntag
Wöchentliche Satire
(C)Marvin C. Stahl
Im Zentrum unserer Milchstraße, ja wahrscheinlich im Zentrum jeder Galaxie, solle es ein riesiges, schwarzes Loch geben. Ich habe noch eine weitere Stelle gefunden, an der von Zeit zu Zeit ein temporäres, schwarzes Loch entsteht... mein Gehirn! Seit Tagen saß ich nun vor einem blanken, weißen Bildschirm und starrte auf den bedrohlich blinkenden Cursor meines Textverarbeitungsprogramms. Es war Freitagabend, Samstag, Sonntag... und mir wollte einfach ums Verrecken nichts für meinen wöchentlichen Text einfallen.
Ich nahm mir ein Beispiel an berühmten und erfolgreichen Kollegen... soff bis zur Bewusstlosigkeit, zog mir einige Doppelzentner Kokain ins Hirn und verbrachte wie weiland Charles Bukowski zwei Nächte in einem heruntergekommenen Puff, in dem selbst die frischeste Hure bereits Rente bezieht... ohne Erfolg. Es wollte sich einfach keine Inspiration einstellen. Es war zum Verzweifeln! In meiner Not spielte ich einige Minuten lang mit dem Gedanken, einfach einen fremden Text zu nehmen, diesen etwas umzubauen und zu erweitern und dann als meinen eigenen auszugeben. Da ich einer der wenigen Schreiberlinge mit einem Rest an Ehrgefühl bin, verwarf ich diesen Gedanken natürlich genauso schnell, wie er mir gekommen war.
Sonntagnacht wankte ich völlig entkräftet, mit blutigen Nasenschleimhäuten und mindestens 46 Promille Blut im Alkohol aus dem Puff, hielt ein Taxi an und ließ mich zu meinem Kumpel Jürgen fahren. Obwohl er zutiefst unerfreut über meinen Besuch war, ließ er mich hinein. Verschwommen erkannte ich den Grund für seinen Unwillen. Zwei Junghühner, die spielend die Enkelinnen der Lady sein könnten, die mich in den letzten Stunden entsaftet hatte, lagen, nur mit einem geilen Augenaufschlag bekleidet, auf Jürgens überdimensionaler Lustwiese und machten einladende Handbewegungen. Ich wurde schlagartig hellwach.
Das Letzte, was ich im Moment brauchen konnte, waren ein oder zwei geile Weiber, die mir an mein geschundenes Gemächt gingen. "Was'n los, Alter?" fragte Jürgen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass er im momentanen Zustand nicht näher als knapp 20 Zentimeter an mich herantreten konnte. "Ich habe keine Idee für mein Wort zum Sonntag!" stieß ich verzweifelt hervor. "Und... deshalb... kommst'e... mitten... in... die... Nacht... zu... mir?" presste er rhythmisch keuchend hervor, denn selbstverständlich setzte er, trotz meiner Anwesenheit, sein durch mich unterbrochenes Treiben hemmungslos fort.
Resigniert drehte ich mich um und machte mich vom Acker. Es war zum Verzweifeln... was immer ich auch anstellte, es fiel mir kein Thema ein. So sitze ich heute mitten in der Nacht, wieder halbwegs nüchtern und bei Kräften, herum und berichte euch über meine fruchtlosen Versuche, ein geeignetes Thema für mein Wort zum Sonntag zu finden. Wenn ich mir das bisher Geschriebene ansehe, ist es äußerst erstaunlich, wie viel ich bisher über mein Unvermögen zusammengeschrieben habe. Ich werde mal langsam Schluss machen und mich wichtigeren Dingen widmen... dem Thema für den nächsten, wöchentlichen Text!
Ich wünsche euch eine geruhsame, einfallsreiches Woche!
Amen
Marvin
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