Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

14. September 2003

Menschen, Mystik und Moneten

Hallo Allemiteinander!

Gibt es ein Leben vor dem Tod? Kann man Blinde durch Handauflegen wieder gehen lassen? Heilt eine Grippe durch Einnahme von Ginsengwurzel wirklich schon nach einer Woche, statt nach sieben Tagen? Fragen die wahre Mystiker selbstgefällig lächeln lässt. Jene begnadeten Zeitgenossen, die, anders als der Rest der Menschheit, ihre sechs statt fünf Sinne nicht beisammen haben. Je schlechter die Zeiten werden, je mehr Menschen an ihrer Lebenssituation verzweifeln, je dreister kriechen diese raffgierigen Scharlatane unter ihren dunklen Steinen hervor!

Unzählige Menschen rennen Tag für Tag zu diesen selbsternannten Segensbringern, werfen diesen ihr letztes Erspartes in den gierigen Rachen und hoffen auf Hilfe durch Praktiken und Klamauk, die jeden ernsthaften, rational denkenden Menschen die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Durch Presse und Fernsehen bekannte Promispökenkieker legen Karten, starren in Glaskugeln und analysieren die Handfurchen ihrer Opf... ähhhh... Klienten, nicken und brummen vielsagend, während die Hilfesuchenden erwartungsvoll schwitzend an den Lippen des Meisters oder Madame Scharlatan kleben.

Wenn diese wundertätigen Auserwählten in finsteren Zeiten wirklich hell sehen können, frage ich mich ernsthaft, weshalb man sich ihnen vorstellen und ihnen das Problem nennen muss. Müsste es nicht so sein, dass ich mich stumm hinsetze und mich der Hellseher mit "Guten Tag, Herr Stahl! Sie wollen also wissen, ob sie demnächst im Lotto gewinnen?" begrüßt? Eigentlich müsste ich ihn nicht einmal besuchen. Mein Telefon müsste plötzlich klingeln und dieser Hellseher müsste mir unaufgefordert einen Termin geben. Das nenne ich Hellsehen!

 

Treffen sich zwei Hellseher. "Hallo, dir geht es gut und wie geht es mir!?"

Der überwiegende Teil aller mystischen Lebensberater sind nichts weiter als gute Zuhörer und Beobachter mit einem gesunden Menschenverstand. Die Hilfesuchenden sind meist so in ihren Sorgen und Problemen gefangen, dass ihnen der objektive Blick für ihre Situation völlig verloren geht. Das lässt die sachliche Analyse ihrer Probleme natürlich verblüffend, ja mystisch erscheinen. Dieser Umstand erklärt auch, weshalb es so viele studierte Psychologen unter den Sehern und Abgreifern gibt. Wenig Arbeit, hohe Honorare und... alles Privatpatienten!

Operieren die einen mit Sachverstand und psychologischem Wissen, lullen die anderen ihre Opfer mit mehr oder minder seltsamen Techniken ein. Wunderschöne Tarotkarten werden ausgelegt, komplizierte Horoskopzeichnungen werden zu Hilfe genommen oder seltsam geformte Kupferkegelchen an einem dünnen Faden hin und her gependelt. Natürlich haben diese begnadeten Seher und Seherinnen ihre Fähigkeiten schon als Kind durch eine uralte Frau aus dem tiefsten Rumänien oder ihre Oma, die es ebenfalls von ihrer Ururoma gelernt hat, erlangt. Uraltes, geheimes Wissen steht ihnen somit zur Verfügung und...

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich die moderne Wissenschaft nicht träumen lassen würde. So zum Beispiel, das vernunftbegabte Menschen ihr schwer verdientes Geld für haarsträubenden Mystikhokuspokus heraus werfen. Keiner der Hilfesuchenden würde sein Auto durch Handauflegen reparieren lassen oder einer Krebsvorsorgeuntersuchung trauen, die mit einer, in einer Vollmondnacht geschnittenen, Wünschelrute vorgenommen wurde... oder vielleicht doch?

Ich wünsche euch eine entspannte, selbst bestimmte und kritische Woche!

Amen
Marvin

Weitere respektlose Satiren  Kommentar zum Text im Forum abgeben