Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

05. Oktober 2003

Tag der deutschen Gemeinheit


Hallo Allemiteinander!

Und wieder einmal jährt sich der Moment, an dem Imperator Kohl und seine Legionen die deutschen Ostgebiete zurückeroberten. Mit unbarmherzigen Propagandadauerkanonaden und flächendeckenden 100-Mark-Schein-Abwürfen wurde der Widerstand unverbesserlicher Alt-Stalinisten und SED-Funktionäre gebrochen und Millionen armer, unterdrückter Landsleute heim ins REICHe Mutterland geholt - Deutschland! Blühende Gärten, Milch und Honig wurden unseren geknechteten Brüdern und Schwestern versprochen... und mehr haben sie auch nicht bekommen. Arbeitslos sitzen viele der Befreiten jetzt in ihren blühenden Schrebergärten bei einem Glas Milch und Honigbrötchen, denn für einen saftigen Braten reicht das Geld schon lange nicht mehr!

Über ein Jahrzehnt ist inzwischen vergangen und unsere Jahrzehnte lang unterdrückten Brüder und Schwestern sind immer noch unterdrückt und ringen vergebens um Anerkennung und Gleichberechtigung. Aber solche unwichtigen Details sind vergessen am Tag der deutschen Einheit. Sozialistischen Kornähren gleich wiegt sich die gesamte Nation in gespieltem Einklang und Harmonie, während ein Sonderzug wieder einmal nach Pankow fährt. Zahlt den Menschen in den neuen Bundesländern endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit und mottet den alten Sonderzug nebst seinem Dauerfahrgast endlich ein!

Die Egoismuswessis blicken immer noch verächtlich auf die deutschen Ostgebiete, dem Siedlungsgebiet des gemeinen, dummen Ossis, das ohne Levis, Coca Cola und Mallorcareisen aufgewachsen ist. Wenn man vielen Wessis zuhört könnte man meinen, die neuen Bundesländer wären ein Naturschutzgebiet für lebensunfähige, geistig zurückgebliebene Mitbürger zweiter Klasse. Diese Wessis sollen mal schön die weit aufgerissene Klappe halten. Jahr um Jahr propagierten sie den inständigen Willen zur Wiedervereinigung, erklärten diese zum Hauptziel ihre Seins und Schaffens...

Und dann geschah das Unfassbare... die DDR-Bürger schafften ihr Regime ab, breiteten die Arme aus und riefen mit Tränen des Glücks: "Wir kommen!". Oh Gott! Süße, verlogene Lippenbekenntnisse sind eins, aber jetzt war das Ganze plötzlich Realität! Die zerlumpten, Hunger leidenden Ossis standen vor der weit offenen Tür in den goldenen Westen - Panik! Die so oft versprochene Hilfe und Fürsorge wurde eingefordert... mit all der Mühe, den Opfern und Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. SO war das ja nicht gemeint. Weshalb sollte es uns etwas schlechter gehen, damit es denen besser geht?

 

Heuchler aller alten Bundesländer vereinigt euch!

Doch von all dem will man am Tag der deutschen Einheit natürlich nix wissen - Rotkäppchensekt und Butterstullen für alle! Glaubt man den Politikern, die am 3. Oktober allerorts die Fortschritte und Verbesserung der Lebensbedingungen der gar nicht mehr so neuen Neubürger beschworen, so geht es stetig auswärts und... in wenigen Jahren geht es den Ossis genauso gut wie uns... im Jahre 1965!

Ich wünsche euch eine entspannte und nachdenkliche Woche!

Amen
Marvin

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