Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

19. Oktober 2003

Träume und Schäume

Hallo Allemiteinander!

Man, man, man... in den letzten Jahren habe ich nie so viele Menschen mit unverhohlener Gier im Blick gesehen, wie an diesem Samstag. Weshalb das Ganze? Mit einigen Euro Spieleinsatz konnte man mehrere Kilogramm nagelneuer 50-Euro-Scheine gewinnen - 14 Millionen Euro steuerfrei! Normalerweise komme ich in den Zeitschriftenladen mit Lottoannahme, gebe meinen Lottoschein ab und kaufe das eine oder andere Computermagazin... nicht so diesen Samstag!

Schon als ich um die Ecke bog war mir klar, dass etwas Besonderes in der Luft lag. Ein gutes Dutzend Polizisten versuchte dem Chaos Herr zu werden, das einige hundert Lottospieler vor dem Lottoladen verursachten. Wettergegerbte Naturburschen traten um sich, während ausgefüllte Lottoscheine aus ihren Rucksäcken quollen, Großfamilien versuchten mit einem Keil, den sie aus prallgefüllten Einkaufswagen, so genannten Rentner-LKW, bildeten, zur Eingangstür des Ladens vorzustoßen und ich stand ratlos mit einem einzelnen Lottoschein in der Hand am Rande und überlegte, ob es sich überhaupt lohnt, diese Woche Lotto abzugeben. Die seltsamsten Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Was, wenn ich Pech habe und die 14 Millionen gewinne? In meinen Schränken ist nicht mehr genug Platz und wenn ich es auf meinem Konto lasse, kann ich mich vor anzüglichen Angeboten der weiblichen Bankangestellten nicht mehr retten! Ich bin 48 und wenn ich, wie in unserer Familie üblich, 80 oder älter werde? 14 Millionen durch 32 Jahre sind 437.500 Euro pro Monat bzw. gut 14.000 Euro am Tag! Lege ich das Geld auch nur zu einem grottenschlechten Zinssatz von 2% an, bringt es mir (wenn wir mal die Steuer vergessen) 280.000 Euro Zinsen im Jahr. Immer noch gut 760 Euro am Tag!

All diese Zahlen gingen mir durch den Kopf und ich wollte schon umdrehen, da schwappte eine neue Welle Lottogeiler in die Straße und drängte mich näher an die Eingangstür. Eine ältere Dame mit einem riesigen Packen Lottoscheinen stand neben mir und schaute erstaunt auf meinen einsamen Lottoschein. Etwas wie ahnungsloser Anfänger schimmerte in ihrem Blick, bevor sie sich spöttisch grinsend abwendete. Wie viel hätte sie wohl im Falle eines Hauptgewinnes pro Tag zur Verfügung?

Als ich nach gut zwei Stunden endlich vor dem Inhaber stand, stockte dessen Hand, als ich ihm einen Schein, statt der erwarteten 5 Kilo Lottoscheine hinstreckte. Sein Grinsen sagte Ja, ja... immer diese Optimisten!... So war ich schnell abgefertigt und verließ den Laden, statt wie gewohnt durch die Vordertür, durch den von mehreren Polizisten gesicherten Hinterausgang. Siegesgewiss machte ich mich auf den Heimweg... zurück ins Heim und harrte der Dinge. Die Zeit, bis sich endlich unermesslicher Reichtum über mich ergießen würde, kroch ätzend langsam dahin... 15 Uhr... 16 Uhr... 17 Uhr... 18 Uhr...

Endlich war es soweit - die Ziehung der Lottozahlen begann im Fernsehen. Gewissenhaft schrieb ich Zahl für Zahl mit zitterigen Fingern nieder... JA, die Superzahl war richtig! 14 millions here I come! Schnell die Zahlen ins Internet-Forum gestellt und dann kam der Moment, auf den ich einen halben Tag gewartet hatte. Zahl für Zahl überprüfte ich meinen Tippschein... sechs Richtige plus Superzahl! Was meinen Siegestaumel bremste war die Tatsache, das sich die sechs richtigen Zahlen auf drei verschiedene Tipps verteilten... Scheiße, weiterhin problemlos und sorgenfrei leben!

Ich wünsche euch eine entspannte und nicht raffgierige Woche!

Amen
Marvin

Weitere respektlose Satiren  Kommentar zum Text im Forum abgeben