Wort zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin C. Stahl

26. Oktober 2003

Wort, Wörter, Wörtlich

Hallo Allemiteinander!

Manche Menschen sind schon recht seltsam. In der letzten Zeit komme ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass kaum ein Mensch wirklich das meint, was er sagt. So saß ich am Anfang der Woche in einem Restaurant und bat die Bedienung, mir den Nachtisch nicht gleich nach dem Essen zu servieren, da ich erst noch eine Zigarette rauchen wollte. "OK, sagen Sie bescheid, wenn ich den Nachtisch servieren soll!" antwortete sie freundlich und verschwand. Ich rauchte in aller Ruhe meine Zigarette und begann dann, einer tibetanischen Gebetsmühle gleich, vier bis fünf Mal in der Minute "Bescheid!" zu sagen. Als die Bedienung nach knapp 15 Minuten wieder in die Nähe meines Tisches kam, brach es aus mir heraus und ich schrie verzweifelt BESCHEID!!!... Sie ließ ein voll gepacktes Tablett fallen und sah mich entgeistert, mit schreckgeweiteten Augen an. Als ich den Grund meines Verhaltens kurz erklärte, lächelte sie gequält, brachte mir mein Eis und begann dann, die Sauerei vom Boden aufzuräumen.

Am nächsten Tag sah ich in einer Zeitschrift die Anzeige einer recht freizügigen Dame, die gegen geringe Telefongebühren alles mit mir am Telefon machen würde. Kein Wunsch bliebe offen. Das war die Gelegenheit! Erwartungsfroh wählte ich ihre Nummer mit zitterigen Fingern. Statt besagter Dame hörte ich eine Tonbandansage die mich um etwas Geduld bat. Susi, so hieß die Dame anscheinend, würde gleich für mich da sein. Sie versicherte in der Tonbandansage noch einmal, dass keiner meiner Wünsche unerfüllt bliebe. So saß ich freudig erregt da und hörte mir gut 20 Minuten Susis erregtes Keuchen an. Dann machte es plötzlich Klick und eine Frauenstimme sprach zu mir. "Na, mein Süßer! Was kann ich denn für dich tun?". Ihre Stimme war äußerst angenehm. "Stimmt es, dass Sie alles machen, was ich will?" fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach. "Aber natürlich... egal wie versaut... ich mache alles, mein Schatz!" hauchte sie zurück. Ich nahm allen Mut zusammen. "Gut, dann geben Sie mir Ihren Vor- und Familiennamen, ihre Wohnanschrift und ihre private Telefonnummer!" Einen Moment war Ruhe, dann schrie Susi, gar nicht mehr so lasziv, "Spinner! ins Telefon und legte auf.

Etwas später lief ich dann durch die Stadt und kam an einem Bauzaun vorbei, der von oben bis unten mit Zetteln beklebt war auf denen Zettel ankleben verboten! stand. Ich verstand die Welt nicht mehr und lief weiter, bis ich auf eine Losbude des Berliner Zoos traf. Jedes zweite Los gewinnt! war in riesigen Buchstaben zu lesen. Na, wer sich so eine Chance entgegen lässt... "Zwei Lose bitte!!" Nachdem ich zwei Euro bezahlt hatte, pulte ich die Lose auf und... beides Nieten! Soviel zu jedes zweite Los gewinnt! Beendet wurde der Tag mit dem fruchtlosen Versuch, einen 9000 Euro teuren Plasmafernseher für einen Euro zu kaufen. Was war geschehen? Ein Elektronikmarkt pries an, das diese Woche jeder Artikel zum halben Katalogpreis zu haben sei. Ich betrat den Laden und fand heraus, dass ein Katalog dieser Firma zwei Euro kostet. Überglücklich kramte ich einen Euro hervor und buckelte den riesigen Fernseher zur Kasse. Mir ist immer noch nicht klar, weshalb mich die Sicherheitskräfte recht unsanft des Ladens verwiesen...

Ich wünsche euch eine entspannte und klare Woche!

Amen
Marvin

Weitere respektlose Satiren  Kommentar zum Text im Forum abgeben